*Geschichte Darmstadts
1
2 3 4 5 N

*Darimund, der mythische Gründer von Darmstadt
1
2 3

*Hexenwahn in Darmstadt
1 2 3

*Burg Frankenstein, Shelley und die Konstruktion eines Mythos

*Das Frankensteiner Eselslehen und das Böse Hundert von Darmstadt

*Die Darmstädter Kolonie am Llano River

------

Darmstadt Blog

------

Email

Impressum/Disclaimer

Hexenwahn in Darmstadt

Der Fall Wolf Weber und Anne Dreieicher

Seite 2


Verschärfung sozialer Unterschiede trotz wirtschaftlichem Aufschwungs

Seit einiger Zeit wird in der Forschung immer wieder die kleine Eiszeit als eine der möglichen Ursachen der Hexenhysterie genannt, eine geringfügige Veränderung des Klimas mit langen Wintern und verregneten Sommern. In einer Zeit, da es faktisch kein Sozialsystem gab, traf so etwas bei einer hauptsächlich auf Ackerbau angewiesenen Gesellschaft natürlich den armen Teil der Bevölkerung besonders stark. Gleichzeitig erlebte Darmstadt aber auch einen wirtschaftlichen Aufschwung, bedingt durch Landgraf Georg I., der die Stadt zu seiner Residenz gewählt hatte. Allein durch seinen Hofstaat wuchs die Einwohnerzahl enorm an. Hinzu kam eine aufwendige Bautätigkeit des Fürsten. Das sorgte für Arbeit, vor allem unter Handwerkern, und selbst die durch schlechte Ernten verursachten Teuerungen der Nahrung hatten eine geringere Auswirkung als anderswo, da mit dem Hofstaat und den fürstlichen Beamten ja jede Menge Einwohner in die Stadt zogen, die sich all das immer noch leisten konnten.

Ein Problem war das nur für die, die es sich eben nicht mehr leisten konnten. Und so klaffte die Spalte zwischen den Begüterten und den Ärmsten in Darmstadt besonders weit auseinander. Es ist sogar so, dass man von zwei völlig parallelen Welten sprechen kann, die damals direkt nebeneinander existierten.

Tatsächlich scheint die Hexenhysterie zumindest zum Teil auf die Distanz der Bürgerschaft zu dieser bildungsfernen Unterschicht zurückzuführen zu sein. Bettelnde Kinder wie Wolf Weber waren den Bessergestellten suspekt. Die Annahme, solche Menschen könnten sich zu einer Hexensekte zusammenrotten, lag vielen sicher nahe und kulminierte die psychologisch verständliche Angst vor dem Verlust des eigenen Besitzes und der Verarmung in eine konkrete Sache, etwas, gegen das man sich wehren konnte.

Ein Doppelmord

So ist es auch wenig überraschend, dass der Auslöser der 1582er Hexenprozessen keineswegs irgendein übernatürlicher Vorwurf war, sondern ein ganz konkreter (und allem Anschein nach auch tatsächlich stattgefundener) Giftmord, bzw. eigentlich sogar ein Doppelmord.

Die alte Weberin, die 1582 als Hexe verbrannt wurde, erscheint als äußerst zwielichtige Gestalt. Da wir von ihr aber nur aus dem Briefwechsel durch Georg I. und den beiden Geständnissen von Wolf und Anne wissen, müssen wir mit einer Einschätzung vorsichtig bleiben.

So behauptet Georg, die alte Weberin hätte ihre beiden Töchter Sara und Dorothea einem aus Bessungen stammenden Mann namens Konrad Ballas prostituiert. Ob dies wirklich so war, ist jedoch ungewiss. Das Geständnis von Wolf, der Sara und Konrad Ballas im Bett erwischte, enthält keine Anzeichen auf andere Liebhaber, wie dies bei einer Prostituierten zu erwarten wäre.

Das Knifflige an der Geschichte war, dass beide, Sara wie auch Konrad Ballas, bereits verheiratet waren. Um dieses „Problem“ zu lösen, sollen – so der Vorwurf des Landgrafen – die alte Weberin samt ihrer Töchter erst den Ehemann von Sara und dann die Ehefrau von Konrad Ballas vergiftet haben.

Dorotheas Ehemann dagegen erfreut sich zum Zeitpunkt, da Georg seinem Bruder von diesem Fall berichtet, bester Gesundheit und ist zusammen mit Dorothea auf der Flucht. Daran sieht man, dass die Beziehung zwischen Dorothea und Konrad Ballas nicht dieselbe gewesen sein kann und somit die alte Weberin ihre beiden Töchter nicht prostituiert hatte, sondern Konrad Ballas lediglich eine außereheliche Beziehung zu Sara unterhielt, von der sie schließlich schwanger wurde.

Georgs Vorurteile werfen daher auch die Frage auf, ob die Mord-Vorwürfe Georgs tatsächlich zutreffend sind.

Giftmord als Klischee

Giftmord galt als hinterhältig und verschlagen. Daher ordnete man diese Tötungsart in der frühneuzeitlichen Frauenfeindlichkeit üblicherweise Frauen zu, während Männer auf „ehrlichere Art“ töteten. Giftmord galt geradezu als das typische Verbrechen einer Frau. Daher geht Georg auch davon aus, dass die Initiative von der alten Weberin, der Hexe, ausging, die Konrad Ballas bei der Vergiftung seiner Ehefrau „helfen musste“. Dabei spricht Wolf in seinem Geständnis davon, dass Konrad Ballas einen „Schüler-Jung“ aus Dieburg hatte kommen lassen, der ihn offensichtlich darin unterrichtete, wie man jemanden vergiftet.

Darüber hinaus bildet der Giftmord ein Bindeglied zwischen dem tatsächlich Gegebenen und den magischen Zaubereien. Giftmörderinnen und Hexen wurden häufig gleichgesetzt. So lässt zum Beispiel Georgs älterer Bruder, der eher aufgeklärte, gebildete und nüchterne Landgraf Wilhelm IV. von Hessen-Kassel 1580 eine angebliche Hexe hinrichten, allerdings, wie Wilhelm betont, aufgrund eines nachgewiesenen Giftmordes. Für das einfache Volk jedoch dürfte es eine Hexenhinrichtung gewesen sein. Die Übergänge in der Wahrnehmung (und auch in der Rechtssprechung) waren hierbei fließend.

So muss man also vorsichtig sein, wenn man in Quellen den Vorwurf eines doppelten Giftmordes durch eine der Hexerei beschuldigten Frau und ihrer beiden Töchter liest. Die Sterblichkeitsrate, gerade in der Unterschicht war sehr hoch, Vergiftung und Krankheit oft schwer zu unterscheiden, und so wie so mancher Giftmörder ungeschoren davon kam, weil man glaubte, sein Opfer sei einer Krankheit erlegen, so wurden im Zeitalter der Hexenhysterie umgekehrt wohl auch viele Frauen des Giftmordes beschuldigt, deren Ehemann schlicht an einer Krankheit verstorben war.

Und tatsächlich lesen wir bei Georg auch, dass Konrad Ballas Ehefrau schon einige Zeit bettlägrig gewesen wäre, bevor sie vergiftet wurde. Auch Wolf spricht davon.

Auffallend ist, dass Saras Ehemann Matthes Bader relativ schnell gestorben zu sein scheint, während Konrad Ballas' Ehefrau einige Zeit erkrankt war (leider wissen wir nicht, wie lange genau). Matthes Bader zumindest stirbt etwa vierzehn Tage vor Konrad Ballas' Ehefrau. Vielleicht war sie wirklich krank. Zumindest scheint bei ihr die Vergiftung deutlich anders verlaufen zu sein als bei Matthes Bader. Denkbar wäre daher auch, dass das Gift bei ihr etwas unterdosiert war und während Matthes Bader nach wenigen Stunden starb, quälte sich Konrad Ballas' Ehefrau noch zwei Wochen dahin.

Es bleibt spekulativ. Trotzdem scheint es am wahrscheinlichsten zu sein, dass die alte Weberin zusammen mit ihren Töchtern und Konrad Ballas die Ermordung der jeweiligen Ehepartner von Sara bzw. Konrad Ballas geplant und durchgeführt haben. Vor allem, wenn man Wolfs Aussage von dem „Schüler-Jung“ Glauben schenkt, hätten wir hier ein lange im Voraus geplantes Verbrechen. Konrad Ballas hierbei eine deutlich unbedeutendere Rolle zuzuweisen, wie Georg es tut13, ist auf jeden Fall ungerechtfertigt. Entweder man glaubt Wolfs Aussagen diesbezüglich, dann war es ein gemeinschaftlicher Mord bzw. Doppelmord, um Konrad Ballas und Sara „ledigzumachen“ (wie Georg es so schön ausdrückt), oder man glaubt ihm eben nicht. Dann sind in einer Zeit hoher Sterblichkeit die beiden Ehegatten eines Liebespaares innerhalb von zwei Wochen unabhängig voneinander an einer Krankheit gestorben. Wahrscheinlicher dürfte aber wohl die Mordtheorie sein.

Die alte Weberin sowie sieben weitere Frauen (darunter auch Annes Großmutter) werden dann zwischen April und Juli 1582 verbrannt. Dorothea ist auf der Flucht und Saras Hinrichtung wird wegen ihres ungeborenen Kindes verschoben. Erst nach der Geburt würde sie hingerichtet werden.

Saras Flucht

Ihr Bruder Wolf versucht diesen Umstand zu nutzen und schmuggelt ihr eine Feile in die Räumlichkeiten des Neuen Tores, einem Stadtor direkt westlich des Schlosses, wo sie offenbar lediglich angekettet, aber nicht sonderlich gut bewacht ist. Mit Hilfe dieser Feile befreit sie sich am 10. Juli 1582, wird jedoch am nächsten Tag bereits wieder in Bessungen festgenommen14.

Als man Saras Flucht bemerkt, fällt der Verdacht sofort auf Wolf. Da dieser zudem gerade dabei ist, seine Sachen zusammenzupacken und die Stadt zu verlassen, nimmt man ihn fest und verhört ihn. Dabei fällt auf, dass die Umstände des Doppelmordes nur eine Nebenrolle zu spielen scheinen, das Interesse des Schultheißes und des Kellers, die das Verhör in Anwesenheit der übrigen Schöffen führen, scheint hauptsächlich im Magisch-Mystischen zu liegen, also in der Frage, wer wen warum dem Teufel zugeführt und auf Hexentreffen getanzt hat. Es ist die absurde Situation der Hexenverfolgungen, die dazu führt, dass eine simple Wahnvorstellung bedeutender ist und strenger verfolgt, ermittelt und erforscht wird als ein Doppelmord.

Zunächst befragt man Wolf nach der Flucht seiner Schwester. Wolf versucht sich herauszureden, gibt aber doch schnell zu, dass er die Feile Sara gebracht hatte und diese sich nach Langen absetzen wollte. Offenbar hatte Sara ihn unter Druck gesetzt, ihr entweder bei der Flucht zu helfen oder ihr Gift zu bringen, damit sie sich noch vor der Hinrichtung selbst umbringen könnte, da Sara für sich nur noch diese beiden Möglichkeiten sieht.

Dies ist eine sehr nüchterne und realistische Betrachtungsweise, wobei ihr auch die damals weit verbreitete Meinung, der Feuertod würde ihre Seele reinigen, ein Selbstmord dagegen den Weg in die Hölle bedeuten, ziemlich egal gewesen sein muss. Obwohl auch sie die Hexerei gestanden hatte, scheint sie zu keiner Zeit selbst daran geglaubt zu haben, wie manche Interpretationen von Hexenprozessen nahelegen15.

Man muss sich in die Situation von Sara versetzen: sie selbst weiß, dass der ganze Hokuspokus um die Hexerei Humbug ist, aber sowohl die Bürger als auch die Obrigkeit, die gebildeten Leute also, scheinen sich nur für die Hexerei zu interessieren und sind offenbar so schaurig fasziniert davon, dass sie auch noch den größten Unfug für bare Münze nehmen. Es muss ein Gefühl gewesen sein, als hätten die Irren die Anstalt übernommen. Und der einzige Funken Hoffnung liegt in den Händen eines Zehnjährigen.

Wolfs Verhör

Saras Flucht und der Doppelmord treten beim Verhör von Wolf schnell in den Hintergrund. Entscheidendes Element ist vielmehr die Aussage einiger Mädchen der Stadt, die Wolf vorwerfen, er hätte behauptet gesehen zu haben, dass der Dreieicherin Enkelin Anne mit dem Teufel Hochzeit gehalten hätte und dass die Braut dabei einen goldenen Schuh verloren hätte (ein Erzählmotiv, das uns nicht zufällig bekannt vorkommt).

Wolf wollte mit dieser Horrorgeschichte vom Teufelstanz den Mädchen wohl einfach ein wenig Angst einjagen, um sich etwas von dem Kraut zu ergaunern, das die Mädchen gerade ernteten (Wolf ist ein Betteljunge, wie wir später erfahren). Das gibt er so auch zu. Die Geschichte vom Teufelstanz selbst sei jedoch nicht wahr.

Der Wunsch der Obrigkeit, der Zauberei Einhalt zu gebieten, ist aber offenbar so groß, dass man die einfache Erklärung gar nicht in Erwägung zieht, sondern den Junge im wahrsten Sinne zum Hexereigeständnis prügelt. Nach einer Verhörpause und einem Ortswechsel vom Rathaus zum Neuen Tor befragt man Wolf erneut und als er sich weiterhin weigert, irgendwelchen magischen Schnickschnack zuzugeben, bekommt er drei Stockhiebe verpasst.

Wolfs Reaktion darauf ist interessant. Noch im direkten Einfluss der Schmerzen ruft er "Hilf, liebes Engelchen, hilf" und erklärt auf Nachfragen, wen er denn da um Hilfe gerufen habe: "unsern Herrn Gott". Erst danach erklärt er, er habe "seinen Teufel Fedderwisch" gemeint. Bezeichnend ist, dass nur dieser zweiten Aussage Glauben geschenkt wird. Obwohl nach der Logik der Folter ja die Aussage größeren Wahrheitsgehalt haben müsste, die unter direktem Einfluss der Folter getätigt wird, glaubt man lieber der späteren Aussage, die die eigenen Vorurteile bestätigt. Diese selektive Auswahl kann man, auch ganz ohne Folter, als das Forcieren eines Tateingeständnisses ansehen, ganz gleich, was denn nun die Wahrheit ist.

"Fedderwisch"

Der Name „Fedderwisch“ wirkt auf uns heute ungewöhnlich, war damals jedoch weit verbreitet. Nach Jacob Grimms „Deutsche Mythologie“ wurde dem Teufel häufig Federschmuck zugeschrieben. Zudem wäre kein Name unter Hexen häufiger für den Teufel genannt worden als „Flederwisch“. Auch Kobolde hätten diesen Namen häufig getragen. Der Trinkspruch „Allen Flederwischen“ soll weit verbreitet gewesen sein und die offenbare Variation dieses Namens „Fedderwisch“ (bzw. Federwisch) war bereits Anfang des 15. Jahrhunderts einer von mehreren Teufelsnamen bei Osterspielen16. Der Name entsprang also nicht etwa der kindlichen Phantasie Wolfs, sondern war schlicht völkisches Allgemeingut, ein weit verbreitetes Synonym für den Teufel.

Es ist schwer, nachzuvollziehen, was in diesem Moment in Wolf vorgeht, aber es ist der Moment, da er es aufgibt, sich in irgendeiner nachvollziehbaren Weise zu verteidigen und statt dessen hinabsinkt in die düstere Welt der Volksmythologie, ergänzt mit aus seiner Armut begründeten Wohlstandsphantasien. Sein Geständnis wirkt in diesem Abschnitt weniger wie der Bericht eines Kindes über irgendwelche tatsächlich geschehene Ereignisse, sondern vielmehr wie wohl ausbalancierte Erzählmotive, wie man sie sich damals in finsteren Nächten am Kaminfeuer erzählte.

Erstaunlich ist die Detailverliebtheit, die später auch Anne in ihrem Geständnis an den Tag legen wird. Darauf verzichtet Wolf, wann immer er die Welt der Volksmagie verlässt. Wenn er über den Mord an Matthes Bader und Konrad Ballas' Ehefrau berichtet, Saras Flucht oder der Beziehung zwischen Sara und Konrad Ballas fehlen solche Details, dann berichtet er ganz nüchtern und ohne Ausschmückungen in einer Weise, dass einem direkt unzählige Nachfragen durch den Kopf schießen, die aber weder Schultheiß noch Keller stellen, weil sie offenbar nur an den magischen Begebenheiten interessiert sind.

Wolfs Bericht von den Teufelstänzen jedoch sind überfüllt von Details, ganz so wie ein Geschichtenerzähler seine Handlung ausschmücken würde.

Wolf beim Teufelstanz

Die Tänze, so sagt Wolf aus, fanden am „Griesheimer Brunnen“ statt (wo der sich genau befand, ist unklar). Seine Mutter (die alte Weberin) hat ihn dorthin geschickt, nachdem diese mit einer "Kutsche ohne Pferde" vorausgefahren ist. Interessant ist, dass sich Wolf nicht erinnern kann, ob er hinterher gefahren oder gelaufen ist. Als er aber in Griesheim ankommt, wird er von einem "schwarzen Bub" namens "Fedderwisch" begrüßt, der ihn sofort zu seiner Mutter schickt.

Es scheint möglich, hier an einen Gegenentwurf zu denken. Fedderwisch ist hier zunächst kein Teufel, nicht mal ein erwachsener Mann, sondern ein „schwarzer Bub“. Die schwarze Farbe, die auch danach eine zentrale Rolle spielt17, stellt den Gegensatz zu allem Hellen und dem Licht an sich dar, das für Jesus steht. Wolfs „Schwarzer Bub“ könnte man also als Schattenarchetyp sehen18, sozusagen Wolfs „dunkle“ Seite, die Rechtfertigung für seine unmoralische Handlungen oder bloß unchristliche Gedanken.

Nachdem er eine Weile hinter einem Baum (um nichts zu sehen) warten muss, bringt ihn seine Mutter gegen seinen Willen "zum Teufel", dem er die linke Hand geben muss, wobei er feststellt, dass die Hand des "Teufels" eine kalte Klaue ohne Fleisch ist. Daraufhin stellt er sich nochmals vor ("so sich wie zuvor Fedderwisch genannt") und erklärt, dass Wolf sein Knecht sein würde, sobald er 30 Jahre alt ist. Auf dem darauf folgenden Tanz gibt Wolfs Mutter ihm auch ein Stück Brot und Käse zu essen, das jedoch beides schwarz und bitter gewesen sei. Ein weiteres geläufiges Motiv aus solchen Teufelserzählungen, auch Anne wird es in ihrem Geständnis an völlig anderer Stelle aufgreifen.

Auf dem Tanz befinden sich laut Wolf neben einigen zum Zeitpunkt seines Geständnisses bereits hingerichteter Personen große schwarze und kleine weiße Tiere mit Hörnern. Darüber hinaus schwarze Männer in schwarzen Mänteln mit Händen wie Hühnerfüßen, während die Füße aufgrund der Mäntel nicht zu sehen sind. Sie spielen auf Sackpfeifen, die jedoch leiser als üblich sind.

Nach dem Tanz fährt seine Mutter wieder mit der Kutsche fort, Wolf muss allein zurückbleiben und kann nicht zurück in die Stadt, sagt jedoch seltsamerweise aus, dass er die Nacht bei einem „Marx Bader“ (ein Verwandter von Matthes Bader?) in Bessungen verbracht habe. Wie ist er von Griesheim dorthin gelangt? Und vor allem: wieso ist er nach Bessungen und nicht nach Darmstadt, das von Griesheim aus näher liegt? Eine interessante Frage, die vom Schultheiß und Keller leider wieder nicht gestellt wird.

Annes Hochzeit aus der Sicht von Wolf

Zu einem anderen Zeitpunkt sei Wolf von seiner Mutter zu einem Platz geschickt worden, den sie "die Hölle" nennt. Trotzdem Wolf der einzige ist, der zu diesem Platz laufen muss (während alle anderen fahren), weiß er nicht, wo sich dieser Platz befindet oder wie er dorthin gelangt ist. Bei diesem sich wiederholenden Motiv dürfte es sich wohl weniger um den Versuch handeln, den genauen Ort der Begebenheit zu verschleiern, sondern eher um ein tiefenpsychologisches Symbol, das den Übergang von der realen Welt in eine jenseitige darstellt, eine Art Geisterwelt – vielleicht ein verzerrtes Überbleibsel der heidnischen Anderswelt. Genauso gut hätte er sich wohl auch wie Dante in einem Wald verirren und durch ein Tor gehen können.

Auf diesem Platz habe er 6 Teufel und 10 Personen um ein Feuer gesehen19, außerdem einen langen schwarzen Pfaffen in einem schwarzen Mantel, der Anne mit einem Teufel vermählt. Getanzt wird nicht, das tut man erst später bei Nacht im Haus der Dreieicherin (Annes Großmutter), während dessen Anne ihren rechten Samtschuh verliert – ein Erzähltopos, der ja bis zu den Gebrüdern Grimm erhalten bleibt. Hier allerdings in einer gegensätzlichen Variation, nämlich als Zeichen baldigen Unglücks20.

Annes Bräutigam beschreibt Wolf als langen schwarzen Mann in einem "langen schwarzen härichten Kleidt", der vier Füße gehabt hätte und trotzdem aufrecht gegangen sei. Dann gibt ihm seine Mutter einen Kranz, den er wegwirft, weil Läuse aus ihm gekrochen kommen. Außerdem erinnert er sich nun, dass schon früher einmal schwarze Katzen, so groß wie Schafe und mit schrecklichen, seltsamen Geschrei, zu seiner Mutter bei Nacht gekommen seien, sie diese dann aber fortgejagt habe21.

Fedderwisch schließlich verabschiedet sich von Wolf, jedoch nicht ohne ihm zu drohen, dass er nicht beten und nicht zur Schule gehen darf. Dafür würde er in 30 Jahren zurückkehren, ihn zu seinem Knecht machen und "viel hüpscher Spiele lehren".

Doppelung von Motiven

Anschließend berichtet Wolf noch vom Mord an Matthes Bader, wie bereits erwähnt sehr knapp und in nüchternen Worten. Auffällig ist, dass bei der anschließenden Schilderung vom Mord an Konrad Ballas' Frau eben jener Konrad Ballass ihm (Wolf) befohlen habe, zu schweigen und ihm dafür Geschenke versprochen habe.

Hier zeigt sich doch eine deutliche Parallele zu Fedderwisch, der ihm für das "Nicht-Beten" ebenfalls eine Belohnung verspricht. Fast scheint es wie ein gedoppeltes Motiv: sein „Teufel“ verbietet ihm zu beten, also flapsig ausgedrückt, er verbietet ihm, vor Gott das Geschehene auszuplaudern. Konrad Ballas dagegen verbietet ihm, den Mord auszuplaudern, damit die Obrigkeit ihm nicht auf die Schliche kommt; die Obrigkeit, der ein frommer christlicher Herrscher vorsteht. Suchen sich da vielleicht mit volksmythologischen Motiven versymbolisiert die tatsächlichen Ereignisse einen psychologischen Weg an die Oberfläche – etwa so wie in einem Traum? Steckt in diesen ganzen mythologisch verbrämten Geschichten von Wolf und Anne vielleicht doch ein wahrer Kern, irgendwo hinter dem Schleier des ganzen alptraumhaften Gruselschnickschnacks?

Annes Verhör

Aufgrund von Wolfs Aussagen wird nun auch Anne am 12. Juli 1582 verhört. In Verdacht steht sie als Enkelin einer als Zauberin hingerichteten Frau ohnehin schon und dass Wolf ausgerechnet sie vor den auf dem Feld arbeitenden Mädchen bezichtigt, liegt vielleicht daran, dass diese Mädchen ohnehin schon von den Gerüchten um Anne wissen und Angst vor ihr haben.

Erhärtet wird der Verdacht bei Anne durch die Aussage der ebenfalls der Zauberei beschuldigten "Lenhardin", die wiederum Anne beschuldigt, am Griesheimer Brunnen auf dem Teufelstanz gewesen zu sein. Dort habe sie (die Lenhardin) selbst gesehen, wie junge Teufel über einem Haufen gelegen und gezappelt hätten, und als sie fragte, was denn dort liegen würde, hätte die "Stroh-Ursel"22 geantwortet, es wäre die Braut, nämlich die junge Dreieicherin (also Anne). Im Gegensatz zu Wolf werden die Vorwürfe von der Lenhardin um eine sexuelle Komponente erweitert und zwar in einem Maße, die einem frommen Christen der damaligen Zeit regelrecht entsetzt haben muss.

Überhaupt spielt die Lenhardin, über die wir nur wenig wissen, eine seltsame Rolle. Es sind weniger Wolfs als ihre Vorwürfe, die Anne zum Geständnis bewegen. Tatsächlich sieht Anne wohl die Lenhardin als diejenige an, der sie das Verhör (und somit in letzter Konsequenz die Hinrichtung) zu „verdanken“ hat. Auch ist es die Lenhardin, die die Vorwürfe um das sexuelle Element erweitert, das in Annes Geständnis die zentrale Rolle spielen wird.

Auf die Vorwürfe schweigt Anne zunächst. Auf wiederholtes Nachfragen erwidert sie jedoch schwermütig: "O Lenhardin, das nempt uf euer Pfand". Statt sich gegen diesen merkwürdigen Vorwurf zu wehren und die Wahrheit über die Begebenheiten am Griesheimer Brunnen zu enthüllen, zieht Anne – wie zuvor auch Wolf und scheinbar alle der Hexerei Verdächtigen - es in ihrem darauf folgenden Geständnis vor, die stereotypen Klischees und Vorurteile zu bestätigen.

Die Vermutung von Thomas Lange und Jürgen Rainer Wolf, sie hätte dies getan, um einen Liebhaber zu schützen, ist insoweit nicht ganz zufriedenstellend, weil (wie Lange und Wolf selbst anmerken) die Strafe für außer- oder unehelichen Geschlechtsverkehr weitaus niedriger war als die für Teufelsbuhlschaft. Auch macht Anne zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass ihre (wohl zweifelsfrei reale) sexuelle Beziehung zu wem auch immer in einer Art und Weise verlief, die Anne dazu bewogen hätte, sich selbst aus Liebe zu opfern, um ihren Liebhaber zu schützen.

< Zurück
Weiter >
Fußnoten:

13Immerhin stirbt Konrad Ballas nicht auf dem Scheiterhaufen wie die Weberin und ihre Tochter.
14Möglicherweise hielt sie sich in Konrad Ballas' Haus auf, der in Bessungen lebte.
15Stichwort: Halluzinationen durch Drogen, verarbeitet in der Hexensalbe.
16Grimm, Jacob, „Deutsche Mythologie“, 2. Ausgabe, 2. Band, Göttingen 1844, S.1016f.
17Die meisten sind schwarz gekleidet, Brot und Käse sind schwarz und viele schwarze Tiere sind ebenfalls anwesend, meistens Böcke, sicher nicht zufällig das heilige Tier des Heidnischen Gottes Donar.
18vgl. C.G. Jung, Archetypen. Jung nimmt an, dass sich dieser „Schatten“ bereits in den ersten Lebensjahren entwickelt und wie ein Spiegelbild die Teile der eigenen Persönlichkeit, die nicht den gesellschaftlich akzeptierten Normen entsprechen, ins Unterbewusste verdrängt.
196 ist eine „teuflische Zahl“, vgl. Offenbarung des Johannes, wo das Symbol des Tieres bekanntlich 666 ist, zehn wirkt dagegen sehr „glatt“, so als hätte er die Zahl aufs geradewohl hinaus genannt.
20Die manchmal vorgebrachte Interpretation des verlorenen Schuhs als sexuelles Symbol (vgl. hierzu z.B. Enzyklopädie des Märchens, Band 3, 1981, S. 42) – der Schuh als Vagina – können wir bei Wolf wohl ausschließen. Er dürfte sich schlicht dem kollektiven Erzähltopos bedient haben.
21Schwer zu sagen, wie hier der Zusammenhang mit dem Rest der Erzählung hergestellt werden kann. Sicher jedoch soll es die „Zauberfähigkeiten“ der alten Weberin und ihre Macht unterstreichen.
22Die Stroh-Ursel wurde zusammen mit der alten Weberin verbrannt.

Index