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Hexenwahn in Darmstadt

Der Fall Wolf Weber und Anne Dreieicher

Seite 3


Rotbärtige Männer

Zwei Jahre zuvor, so bekennt Anne, wären zwei wie Edelleute gekleidete Männer bei ihrer Großmutter zu Besuch gewesen. Sie trugen samtene Hüte mit Federbüschen und hatten rote Bärte23. Diese hätten gegessen und aus silbernen Bechern getrunken. Jedoch schien kein Brot vorhanden gewesen zu sein, sondern bloß Fleisch, von dem Annes Großmutter ihr ein Stück reicht, das jedoch so bitter schmeckt, dass Annes es wegwirft und aus dem Raum verschwindet. Nachdem Annes Großmutter sie kurze Zeit später zum ersten Mal auf einem Tanz in der Nähe von Weiterstadt (Gehaborn) mitnimmt (bei dem Anne niemanden kennt und auch nicht mittanzt), geschieht bis zum nächsten Weihnachtsfest nichts mehr.

An jenem Weihnachtsfest dann kommt Annes Großmutter in der Nacht zu ihr und fordert sie auf, mit ihr zu kommen. Sie sagt, sie wolle Anne „der Menner einen, so es, wie obsteht, in der Stueben gesehen, geben“. Sie bringt Anne zum Platz beim Griesheimer Brunnen, wo eine Hochzeitsgemeinschaft sie bereits erwartet. Dort vermählt ein langer schwarzer Mann in langer schwarzer Kleidung Anne im Namen des Teufels mit einem kurzen Kerl in schwarzer Kleidung und mit schwarzem Bart, der sich Beltzebock24 nennt. Nach dem Hochzeitstanz kommt es zu einer Handlung, die man durchaus Vergewaltigung nennen kann.

Auffällig ist, dass Anne explizit sagt, sie solle einem der beiden Männer, die ihre Großmutter einige Zeit zuvor besucht haben, „gegeben“ (also mit ihm verheiratet) werden. Erst am Tanzplatz dann wird plötzlich und ohne Erklärung aus den menschlichen, rotbärtigen Edelleuten kleine schwarzbärtige Teufel. Wieder findet das weder der Schultheiß, noch der Keller auffällig genug, um eine kritische Nachfrage zu stellen.

Nach Annes Vermählung mit dem Teufel

Danach kommt es zu häufigen Tänzen, bei denen Anne immer nur mit ihrem "Beltzebock" tanzt, trinkt, isst und schläft. Außerdem sucht der "Beltzebock" Anne auch außerhalb der Tänze heim, zumindest je einmal bei einer Mühle, im Schachtgraben und im Weingarten des Bruders ihrer Großmutter. Dabei droht der "Beltzebock" ihr jedes Mal mit dem Leben, sollte sie sich ihm verweigern, denn sie „wäre sein, wie es [Anne] ginge und stünde“.

Anne macht allein ihre Großmutter dafür verantwortlich und nicht den eigentlich handelnden "Beltzebock", wobei der allgemeine Eindruck, den sie bei den Verhören hinterlässt („schwermütig, demütig und bedächtig im Reden, hat sich geschämt“), durchaus vergleichbar ist mit Missbrauchsopfern, die auch in unserer heutigen, deutlich aufgeklärteren Zeit häufig allein aus Scham keine Anzeige nach einer Vergewaltigung erstatten.

Tatsächlich wissen wir nur eines mit wirklich handfester Gewissheit, so zynisch diese Erkenntnis auch sein mag: Anne hatte für ihr Alter ein deutlich überdurchschnittliches Sexualleben. Dies wissen wir, weil Landgraf Georg dem Rat seines Bruders und dessen Beratern folgte und das Mädchen von Hebammen untersuchen ließ, die einen regen Sexualverkehr bei ihr feststellten. Als komplette Phantasie können wir das Geständnis also auch nicht abtun.

Die einmal aufgestellte Hypothese, Annes Großmutter hätte ihre Enkelin als eine Art Callgirl verkauft25, geht dabei aber sicher zu weit, wie das Thomas Lange und Jürgen Rainer Wolf sehr richtig bemerken26.

Ein wahrer Kern?

Bemerkenswert ist, dass Anne und Wolf beide bei ihren Geständnissen auf mythologisches Allgemeingut zurückgreifen (wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten), sie aber trotz dieser rezitierten Phantasiewelt auf Unterschiede im Detail bestehen.

Nehmen wir ein reales Ereignis als Unterschicht unter der magischen Maske von Teufeln und Hexen an, so könnte man einige der nüchternen Elemente, die auf den ersten Blick in Annes Geständnis untergehen, in den Vordergrund rücken.

Dabei sei vor allem noch einmal daran erinnert, dass Annes späterer Bräutigam zunächst nicht als Teufel, sondern als Mensch dargestellt wird, dass Annes Großmutter zunächst sagt, sie solle eben diesen Mann heiraten (sie spricht von „der Mennern einen“, nicht „Teufeln“). Außerdem will sich Anne zunächst weigern, woraufhin ihre Großmutter sagt, sie solle sich nicht weigern, weil sie nun für immer „gnug haben“ würde. Anne ist ein Waisenkind, ihre Großmutter hat zwar Grundbesitz, dürfte aber als Witwe kaum fähig gewesen sein, Anne ein sonderlich gutes Leben zu bieten. Wohlstand war sicher ein Fremdwort.

Außerdem wissen wir, dass die alte Weberin mindestens ihre Tochter Sara mit Konrad Ballas verkuppelte. Anne dürfte als Waise dagegen unter der Vormundschaft ihrer Großmutter gestanden haben. Das Verhältnis zwischen Anne und ihrer Großmutter dürfte also vergleichbar gewesen sein mit dem zwischen Sara und ihrer Mutter.

Zudem entstammt die Familie der Weberin der sozialen Unterschicht. Das wissen wir, weil Wolf berichtet, er habe am Abend, nachdem seine Mutter verbrannt wurde, bereits wieder in der Stadt um Brot gebettelt. Es wäre zumindest denkbar, dass die alte Weberin gezielt versuchte, für ihre Töchter einen Mann zu finden, der sie ernähren konnte.

Wenn wir dies auch für Anne und ihre Großmutter annehmen, so ergibt sich ein recht klares Bild dessen, was wirklich geschehen sein könnte.

Ungereimtheiten und eine Hypothese

Es ist riskant, überhaupt zu versuchen, die Wahrheit von den Volksmythen zu trennen, weil man dabei zwangsläufig zwar nicht willkürlich, aber doch tendenziös entscheidet, welches Element der Geständnisse man als „auf ein im Kern wahres Ereignis“ bezieht und welches reines Erzählmotiv der Teufelstänze ist.

Dennoch fallen einige Ungereimtheiten auf, die die eigentlich geschlossene magische Welt der Erzählung durchbrechen und der inneren Logik widersprechen. Eines davon ist die bereits erwähnte unerklärte Wandlung des Bräutigams von Anne vom rotbärtigen Menschen in teuren Kleidern zum schwarzbärtigen kleinen Kerl, dessen Wesen manchmal noch menschlich zu sein scheint, dann wieder die typischen Elemente einer Teufelsgestalt aufweist („schwarz mit einem kalten Membrum“). Auch stellt sich die Frage, wieso Anne ihre Erzählung überhaupt bei den beiden rotbärtigen Edelleuten beginnt, die später nicht mehr auftauchen und rein gar nichts mit der eigentlichen Teufelshochzeit zu tun zu haben scheinen. Diese Vorgeschichte steht ohne direkten Zusammenhang zum Rest, für Anne ist es aber offenbar der Beginn der Ereignisse, die letztendlich in diese Situation (den Vorwurf der Teufelsbuhlschaft) gipfeln.

Nimmt man jedoch für einen Moment die Hypothese einer arrangierten Zwangsehe an, so ergibt sich ein recht schlüssiges Bild: einer der beiden Fremden, die ja eindeutig Menschen sind, ist der zukünftige Bräutigam Annes. Dieses erste Zusammentreffen verlief für Anne verständlicherweise traumatisch. Sie wirft das Fleisch, das ihr die Großmutter anbietet und das bitter schmeckt, weg und verlässt den Raum27. Worin der eigentliche Konflikt lag, der dazu führte, dass Anne offenbar erboßt den Raum verließ, wird gar nicht klar. Man kann (folgt man der aufgestellten Hypothese) jedoch annehmen, dass bei diesem Treffen die Hochzeit arrangiert wurde und Anne verständlicherweise nicht glücklich darüber war, dass sie einen Mann heiraten sollte, den sie noch nicht einmal kannte.

Auch ein anderes Detail könnte man dann erklären: Wolf und Anne sind sich einig, dass sie bei der Hochzeit ein „rotes Kleid mit grünen Leisten“ trug, aber Anne wehrt sich vehement gegen Wolfs Behauptung, sie hätte einen Kranz am linken Ohr gehabt und den rechten Schuh verloren. Es ist erstaunlich, dass Anne ausgerechnet diesem Punkt widerspricht, denn beides, Kranz wie verlorener Schuh sind lediglich Erzählmotive, allerdings Motive, die Anne als Auserwählte bzw. Braut ausweisen. Wehrt sich hier Anne also vielleicht gegen die Vorstellung, sie sei die Braut, weil sie die arrangierte Hochzeit nicht anerkennen will?

Weiterhin fällt auf, dass Annes Bräutigam sich unmittelbar nach dem Tanz auf sie wirft und zum Geschlechtsverkehr zwingt, scheinbar noch in Anwesenheit der übrigen Gästen28. Was nun auf uns wie eine Perversion wirkt, war im Mittelalter nicht ungewöhnlich. Bei der sogenannten Muntehe (was im Kern nichts anderes als eine arrangierte Ehe aus meist politischen, aber auch wirtschaftlichen Gründen war) kam es durchaus vor, dass die Ehe unter Zeugen „vollzogen“ werden musste, um überhaupt „rechtskräftig“ zu werden29.

Letztendlich gibt Anne auch allein ihrer Großmutter die Schuld an der ganzen Sache, weil sie den „Handel“ eingefädelt hatte.

Die Familie Dreieicher

Zwei knifflige Fragen bleiben aber, wenn man dieser Theorie Glauben schenkt:

1. Waren Anne und ihr Mann nicht im eigentlichen Sinn verheiratet. Allerdings befinden wir uns in einer Zeit des Umbruchs. Georg hatte in seiner Agenda von 1574 "heimliche Verlöbnisse" (also Eheversprechen und Eheschließungen ohne Wissen/Zustimmung der Eltern) genauso unter Strafe gestellt wie von den Eltern gegen den Willen der Kinder arrangierte Zwangsehen30. Es dürfte wenig verwunderlich sein, dass sich gerade in der Unterschicht alte Verhaltensmuster hartnäckig hielten und neue Gesetze eher ignoriert wurden.

2. Stellt sich dasselbe Problem, wie bei der These von Lange und Wolf, die einen geheimen Liebhaber annehmen, den Anne schützen will, hier sogar noch stärker: wieso verrät sie ihren „Ehemann“ nicht, der ihr ja so viel Leid gebracht hat?

Da wir längst tief in den wildesten Spekulation versunken sind, die sich nicht belegen lassen, möchte ich noch ein Stück weiterspinnen, nicht ohne den Hinweis natürlich, dass dies höchstens als gedankliche Anregung dienen kann, statt einer historischen Fundiertheit, die es wegen der schwachen Quellenlage wohl leider nie geben wird.

Anne und ihre Großmutter waren offenbar sehr arm und Außenseiter. Schon 1617 aber findet sich in Darmstadt ein Bürgermeister namens Hartmut Dreieicher und mehrere Ratsmitglieder mit diesem Namen sind in den nächsten Jahrzehnten nachweisbar. Das könnte Zufall sein. Aber die Tatsache ist auffällig, dass schon unmittelbar nach Annes Tod (Hartmut Dreieicher wird 1585 geboren) eine Familie Dreieicher plötzlich sehr einflussreich in Darmstadt wird, etwas, das Anne und ihre Großmutter sicher nicht waren.

Wenn es sich hier um dieselbe Familie handeln sollte, fordert es den Gedanken geradezu heraus, dass Annes Bräutigam eine einflussreiche Persönlichkeit gewesen ist und dieser Einfluss dafür sorgte, dass Verwandte von Anne später in Darmstadt ebenfalls an Einfluss gewannen. Vielleicht ließe sich so dann Annes beharrliches Schweigen, was die Identität ihres „Bräutigams“ betrifft, erklären, nicht weil sie ihn schützen wollte, sondern ihre Familie.

Sinn einer arrangierten Ehe ist es ja unter anderem, die Verhältnisse zwischen zwei Familien zu verbessern. Vielleicht sicherte Anne mit ihrem Schweigen die weitere Unterstützung ihrer Familie durch ihren Bräutigam (was den gestiegenen Einfluss der Dreieicher-Familie – falls es sich dabei um dieselbe Familie handelt - im 17. Jahrhundert erklären würde). Wenn dem wirklich so gewesen sein sollte, so zeugt das von einem erstaunlichen Charakter bei Anne.

Georg lässt Wolf und Anne hinrichten

Es ist aber -natürlich- nichts weiter als ein wildes Spekulieren. Nicht spekulativ ist dagegen, wohin das Ganze führte: am Ende ließ Landgraf Georg I. Wolf und Anne hinrichten.

Sein Bruder Wilhelm, der Kasseler Landgraf, versuchte völlig vergeblich, mäßigend auf ihn einzuwirken. Wilhelms Berater sahen sogar noch jede Menge weiteren Ermittlungsbedarf (das geht mir nicht anders), aber auch darauf geht Georg mit keiner Silbe ein31. Doch Wilhelm und Georg reden schlicht grandios aneinander vorbei. Es ist geradezu ein Paradebeispiel einer gescheiterten Kommunikation.

Die Frage, um die es Georg geht, ist nicht die Frage nach der Existenz oder Nichtexistenz von Hexen und der Teufelsbuhlschaft, sondern lediglich um die formaljuristische Frage, ob Minderjährige, die sich dieses „Verbrechens“ schuldig gemacht haben, im gleichen Maße bestraft werden müssen wie Erwachsene. Seine Entscheidung ist eindeutig. Er will ein Exempel statuieren.

Mysteriös ist die Begründung für sein Todesurteil: "Wir seind aber durch wunderbarliche Occasiones und Mittel zu dieser Rechtfertigung, gleich als wider Unsern Willen, gezogen worden, das wir nit furüber können". Bedenkt man, dass Georg offenbar Forschungen mit Alchemie und weißer Magie betrieb32, so schießen einem bei diesen Worten Assoziationen durch den Kopf, die einen erschaudern lassen.

Jörg Heléne, Februar 2008

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Fußnoten:

23Möglicherweise hatten diese Besucher wirklich rote Bärte, dass allerdings alle beide rote Bärte hatten, scheint unwahrscheinlich. Grimm weißt darauf hin, dass der rote Bart ebenfalls ein Teufelsmerkmal ist und erwähnt ein Sprichwort „Roter Bart – Teufelsart“. Grimm führt dies auf Donar zurück, der ebenfalls rotbärtig gedacht wurde (Grimm, „Deutsche Mythologie, S. 965). Bedenkt man nun, dass auch die bocksartigen Tiere, von denen nur Wolf spricht, Anne nicht, ebenso auf Donar hindeuten wie auch die von Wolf mehrfach erwähnten Kutschen, so lässt sich dies möglicherweise als Überbleibsel eines im Darmstädter Raum verbreiteten Donar-Kultes deuten.
24Eine Mischung aus Beelzebub und dem Bock als teuflisches Tier, ebenfalls ein damals weit verbreitetes Synonym für den Teufel.
25Schneider, Ernst, Das Halsgericht zu Groß-Gerau, in: Heimatspiegel, Blätter zur Pflege der Heimatkunde und Heimatliebe im Gerauer Land, Folge XII, 1968.
26Lange/Wolf, S. 159.
27Wobei das bitter schmeckende Fleisch auch als Erzähltopos für eine gescheiterte Kommunikation aufgefasst werden kann.
28Vielleicht zielt auch die Aussage der Lenhardin darauf ab, die behauptet beim Teufelstanz hätten junge Teufel über einem Haufen auf Anne gelegen und sie offenbar vergewaltigt. Anne erwähnt das nicht in ihrem Geständnis, erwidert aber der Lenhardin auf diese Behauptung, dass sie dies „uf euer Pfand“ nehme solle, ganz so, als würde sie diese kranke Phantasie der Lenhardin an etwas tatsächlich Geschehenes erinnern.
29http://www.kleio.org/de/geschichte/alltag/kap_V11.html.
30Agenda (Marburg 1574), Neudruck Darmstadt 1662; STAD J 487/18, auch: http://www.digada.de/reformation/uebersichtreformation.htm
<"_note-30">31Genauer: er schmettert es regelrecht ab, als er über die Teufelstänze schreibt: „den modum, wie solches zugangen, wollen wir nicht disputirn, geben auch nicht viel darauf“. Damit gesteht er letztendlich ein, dass ihm gar nicht daran gelegen ist, die genauen Hintergründe zu erfahren.
32Lange/Wolf, S. 145f.

Quellen:
Lange, Thomas/Wolf, Jürgen Rainer: Hexenverfolgungen in Hessen-Darmstadt zur Zeit Georgs I., in: Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde, Neue Folge 52. Band 1994, S. 139-198, darin ebenfalls enthalten eine vollständige Transkription des Briefwechsels zwischen Landgraf Georg I. von Hessen-Darmstadt und Landgraf Wilhelm IV. von Hessen-Kassel, dem die beiden Geständnisse von Anne Dreieicher und Wolf Weber beigefügt sind.
Battenberg, Friedrich, Von den Anfängen bis zum Ausbau der frühneuzeitlichen Residenz - Unter Landgraf Georg I. in: Darmstadts Geschichte, Fürstenresidenz und Bürgerstadt im Wandel der Jahrhunderte, Darmstadt 1980.
Behringer, Wolfgang, Hexen und Hexenprozesse in Deutschland, 5. Auflage 2001.
Grimm, Jacob, „Deutsche Mythologie“, 2. Ausgabe, 2. Band, Göttingen 1844.

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