*Geschichte Darmstadts
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*Darimund, der mythische Gründer von Darmstadt
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*Hexenwahn in Darmstadt
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*Burg Frankenstein, Shelley und die Konstruktion eines Mythos

*Das Frankensteiner Eselslehen und das Böse Hundert von Darmstadt

*Die Darmstädter Kolonie am Llano River

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Darimund, der mythische Gründer Darmstadts

und andere Erklärungsversuche zur Bedeutung des Namens Darmstadt

überarbeitete Fassung vom 18. Mai 2009

(für einen ersten kurzen Überblick über das Thema gibt es auch eine kurze Zusammenfassung in meinem Darmstadt Blog sowie eine Ergänzung zu den Überlegungen der -stat-Orte im Allgemeinen und weitere Zweifel an der Erklärung als Personennamen)


Teil 1: frühere Versuche


In einer alten Handschrift des Klosters Lorsch, die heute im Stadtarchiv Mainz aufbewahrt wird, befindet sich ein unscheinbarer, aber bedeutender Eintrag: „Sigeboto comes V sol. Darmundestat“. Ein bescheidenes Geldgeschenk für das Kloster durch einen Grafen Sigeboto ist damit vermerkt. 5 Solidos, eine alte Münzeinheit, hat er dem Kloster geschenkt.

Das selbst ist relativ bedeutungslos. Doch die Bemerkung, dass jener Graf Sigeboto offenbar in einem Ort namens "Darmundestat" seinen Sitz hatte, ist die erste urkundliche Erwähnung der Stadt Darmstadt. Sie stammt vermutlich aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts.

Danach verschwindet die Stadt, die damals nur ein kleines Dörfchen gewesen sein kann, vorerst wieder im Dunkel der Geschichte. Erst ab Mitte des 13. Jahrhundert, als die Grafen von Katzenelnbogen an der Stelle des heutigen Schlosses eine Wasserburg errichteten, kann man der Stadt Darmstadt (die da immer noch keine Stadt war) eine historisch fundierte Geschichte zugestehen. Was davor war, ist ungewiss.

Dass der Ort in dieser Zeit des Baus der Wasserburg bereits "Darmestat" hieß, wirft zudem die Frage auf, ob es sich bei jenem Darmundestat knapp 200 Jahre früher wirklich um denselben Ort handelt. Das ist in der Tat nur eine Schlussfolgerung, die sich schlicht daraus ergibt, dass es keinen anderen Ort in der Gegend gibt, der dieses Darmundestat hätte gewesen sein können.

Spätestens 1725 war jedenfalls die Schreibweise Darmundestat auch den Gelehrten bekannt und seither tobt ein Streit um die Bedeutung. Von nicht ganz ernst gemeinten Erklärungen aus dem Volk (wie z.B. die berühmte Geschichte von Armstadt und Dummstadt) einmal abgesehen, gab es drei Hauptthesen:

Trajansstadt

Es ist schwer nachzuvollziehen, ob diese Erklärung im 17. oder 18. Jahrhundert zuerst auftauchte. Fest steht, dass bereits Zedlers Enzyklopädie (1731-1754) diese Namensdeutung anführt. Als Landgraf Georg I. von Hessen-Darmstadt im Sommer 1567 die Regierung in Darmstadt antrat, ließ er die Trümmer des alten, kurz vor Weihnachten 1546 im Schmalkaldischen Krieg durch den kaiserlichen General Graf Maximilian von Büren teilweise niedergebrannten Schlosses entfernen, um Platz für einen Neubau zu schaffen. Dabei soll man unter den Trümmern eines Turmes eine Münze aus der Zeit Kaiser Trajans (53-117 n.Chr.) gefunden haben, woraus man schloss, dass die Stadt bereits seit jener Zeit existiert.

Es ist durchaus möglich, dass dieser Fund der Stadt in Zeiten des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation nur einen römischen Ursprung geben sollte, so wie es in jener Zeit bei Adelsdynastien durchaus nicht unüblich war, Phantasie-Ahnen zu erfinden, um ihre Machtansprüche in graue Vorzeit zu verlegen.

Aber selbst wenn wir den tatsächlichen Fund einer römischen Münze auf dem Schlossgelände unterstellen, so ist dieser nicht ungewöhnlich und beweist keineswegs den Ursprung der Siedlung im Römischen Reich. Nicht allein, dass solche Münzen natürlich auch außerhalb des Römischen Reiches zu finden waren, es fehlen vor allem Spuren irgendwelcher römischer Bauten im Bereich der alten Kernstadt. Diese Münze, so es sie denn gegeben hat, dürfte also eher jemand verloren haben, als er die durch das Darmstädter Gebiet verlaufenden Römerstraßen benutzte.

Für die Frage nach der Bedeutung des Namens der Stadt ist es zudem auch unerheblich, seit wann das Gebiet besiedelt wurde. Tatsächlich gehen archäologische Funde bis in die Zeit der Bandkeramiker (6. und 5. Jahrtausend v.Chr.) zurück, wobei unklar ist, ob sie schon in Darmstadt siedelten oder wie auch die Römer später die Gegend als ein Durchgangsgebiet nutzten. Wenn wir uns nur auf den Bereich der Kernstadt bzw. der ehemaligen Altstadt beschränken (und das sollten wir, denn die Existenz des Dörfchen Darmundestat kann nicht durch archäologische Funde belegt werden, die sich zwar heute auf Darmstädter Gebiet befinden, damals aber weit außerhalb lagen), so ist die früheste Siedlung für das 1. Jahrhundert vor Christus belegt. Vermutlich waren es Sueben. Eine frühere Besiedlung der Kernstadt ist zwar möglich, aber nicht nachgewiesen.

Da stellt sich nun also die Frage, wann die Siedlung den Namen Darmundestat erhielt. Dieser Name ist definitiv nicht römisch bzw. lateinisch, was die Heimatforscher des 18. und 19. Jahrhunderts aber nicht daran hinderte, ihn irgendwie aus dem Lateinischen abzuleiten. Entscheidend dabei war eine bis heute nicht lokalisierte römische Befestigung namens Munimentum Traiani, die von dem römischen Geschichtsschreiber Ammianus Marcellinus (ca. 330 - ca. 395 n.Chr.) erwähnt wird. Da man Trajan ja ohnehin schon zum Stadtgründer ernannt hatte, leitete man daraus nun auch den Namen der Stadt ab: Trajani munimentum - Tramunimentum - Tramundestat - Darmundestat - Darmstadt. Das Ganze wirkt aus heutiger Sicht sehr krampfhaft, fast wie eine Satire. Dahinter steckte wohl weniger eine schlüssige Überlegung, als vielmehr der unbedingte Wunsch Darmstadt auf Kaiser Trajan zurückzuführen. Daher wurde dieser konstruiert wirkende Mischname aus lateinischen (Trajani munimentum) und germanischen Elementen (stat) bereits im Laufe des 19. Jahrhunderts von den meisten Gelehrten abgelehnt.

Diese Auffassung müssen wir auch heute noch vertreten, nicht zuletzt auch, da eine römische Siedlung im Gebiet der Kernstadt unwahrscheinlich ist.

Darmbach

Eine eigentlich nur im 19. Jahrhundert vertretene Meinung erschließt aus dem Namen Darmundestat sehr naiv die Bedeutung: Da, wo der Darm(bach) mündet. Aber abgesehen davon, dass der Darmbach in Darmstadt gar nicht mündet, sondern lediglich hindurch fließt, hatte er vor dem 18. Jahrhundert keinen eigenen Namen. 1720 wird er als „Darmstat Fluss“ und noch 1794 als „Darmstädterbach“ überliefert. Erst danach wurde er zu der noch heute üblichen Form Darmbach verkürzt, vielleicht sogar um ihn besser in den Namen Darmundestat einfügen zu können.

Diese These wurde kaum ernst genommen. Es scheint sogar so, dass hauptsächlich Autoren mit anderer Auffassung zur Namensherkunft diese These erwähnen als Beispiel dafür, dass dies nicht sein könnte, ein gern verwendetes Stilmittel, um die eigene Meinung fundierter erscheinen zu lassen.

Wir können diese These auch heute guten Gewissens ablehnen.

Die Stätte des Darimund

Diese beiden Thesen wurden von den Gelehrten im 19. Jahrhundert schon ziemlich früh verworfen, wenngleich beides wohl als Außenseitermeinung bis zum Ende des 19. Jahrhunderts erhalten blieb. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts tauchte dagegen eine These auf, die den Namen Darmundestat als „Stätte des Darmund“ identifizierte. Schon ca. 1840 fand diese Meinung Niederschlag in dem Ansichtswerk "Die malerischen und romantischen Stellen der Bergstrasse, des Odenwaldes und der Neckar-Gegenden, in ihrer Vorzeit und Gegenwart geschildert" von Albert Ludwig Grimm, war also bereits vorher offenbar unter den Gelehrten diskutiert worden. Grimm gibt den Namen jedoch als Daremund wieder.

Weitere bedeutende Erwähnungen der These fanden dann 1851 in der Zeitschrift für die Archive Deutschland's und 1865 in Philipp A.F. Walthers "Darmstadt - wie es war und wie es geworden ist" statt, hier als Darmund geschrieben, so wie es die meisten im Laufe des 19. Jahrhunderts taten. Im Laufe der Zeit tauchten jedoch noch andere Schreibweisen auf, so zum Beispiel Taramund 1884 und Darimunt 1890. Im 20. Jahrhundert setzte sich dann die Schreibweise Darimund durch.

Der Förster Darimund

Um zu erkären, wer dieser Darimund war, und wohl auch um dieser allein aus der Namensähnlichkeit herrührenden Vermutung mehr Nachdruck zu verleihen, kombinierte man es mit der ebenfalls belegten Funktion Darmstadts als Wildhube innerhalb des Wildbanns Dreieich. Darimund wäre also Siedlungsgründer und Wildhübner gewesen, ein fränkischer Beamter, der im königlichen Auftrag über Wald, Wiesen und Bevölkerung wachte. Dies blieb auch bis ins 21. Jahrhundert die Hauptthese zur Namensherkunft. Noch zum Stadtjubiläum 2005 schrieb Dr. Peter Engels, Leiter des Darmstädter Stadtarchivs: „Die Gründung Darmstadts in fränkischer Zeit, im 8., vielleicht auch im 9. Jahrhundert, wird auf eine befestigte Wohnstätte eines Wildhübners namens Darimund zurückgeführt, eines königlichen Forstbeamten im Bannforst Dreieich [...]. Von der Wohnstätte (stat) des Darimund leitet sich der Ortsname ab“.

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