Darimund, der mythische Gründer Darmstadtsund andere Erklärungsversuche zur Bedeutung des Namens Darmstadt überarbeitete Fassung vom 18. Mai 2009 Teil 2: Schwierigkeiten der Darimund-These
UngereimtheitenEinges fällt auf an dieser Hypothese: wenn es damals üblich gewesen wäre, dass Wildhübner des Wildbanns Dreieich der Siedlung, der sie vorstanden, ihren Namen verleihen durften, so wäre eine gewisse Einheitlichkeit in der Namensgebung zu erwarten. Wären diese Orte alle nach dem dort ansässigen Wildhübner benannt worden, wie das die Darimund-These annimmt, so wäre zu erwarten, dass die meisten Orte des Wildbanns ursprünglich den Namen ihres Wildhübners mit dem Zusatz -stat trugen. Doch wie sehen die Ortsnamen des Wildbanns wirklich aus? Wir finden dort Arheilgen, Groß-Bieberau, Mörfelden, Offenbach, Riederwald, Traisa, Trebur, Ueberau, Vilbel, ein paar Orte, die auf -heim enden, und auch ein paar, die auf -stadt enden.
Ausnahmen wären zwar ebenfalls zu erwarten, aber diese vollkommene Willkürlichkeit der formalen Konstruktion dieser Ortsnamen deutet darauf hin, dass sie nicht alle zur selben Zeit und zum selben Zweck gegründet wurden, wie das die These vom Dreieicher Wildhübner Darimund voraussetzen muss. Die einzige Erklärung für das Fehlen irgendeiner formalen Gemeinsamkeit in der Konstruktion der Ortsnamen des Wildbanns Dreieich ist, dass zumindest die meisten Orte bereits vor dem Wildbann bestanden und bei Einbeziehung in diesen auch nicht umbenannt wurden. Für den Wildhübner als Namenspatron ist dann aber kein Platz mehr.
Fragwürdige Verknüpfungen und ZirkelschlüsseAnders dagegen die Auffassung des Darmstädter Stadtarchivars Dr. Engels. Im zweiten Teil der oben erwähnten Serie verknüpft er die vollkommen unfundierte These vom Wildhübner Darimund mit der archäologisch eindeutig nachgewiesenen Wasserburg der Grafen von Katzenelnbogen: „In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts errichten die Grafen von Katzenelnbogen zur Sicherung ihres Herrschaftsgebietes dort, wo einst der Forstbeamte Darimund seinen befestigten Wohnsitz hatte, eine Wasserburg“.
Folgt man Dr. Engels und einigen anderen Namensforschern, so stecken auch in den Ortsnamen Eberstadt, Pfungstadt, Weiterstadt und Bessungen Personennamen, was dann zu der Behauptung führt, dass es durchaus üblich war, Siedlungen in unserer Gegend, insbesondere Siedlungen mit der -stat Endung nach Personen zu benennen. Da aber weder Ebar, der mutmaßliche Gründer Eberstadts, noch Pungo, der mutmaßliche Gründer Pfungstadts, noch Wido, der mutmaßliche Gründer Weiterstadts, noch Bezzo, der mutmaßliche Gründer Bessungens auf irgendeine Weise belegbar sind, erzeugt man hier einen Zirkelschluss.
Wie dünn die Argumentation, dass all diese Namen auf Eigennamen bzw. "flektierte" Eigennamen zurückgehen, ist, kann man deutlich machen, wenn man sich einmal einige Dinge klarmacht: zum einen wie germanische Namen zusammengesetzt waren. Häufig waren diese zweigliedrig, bestanden also aus zwei Grundwörtern, die eine spezielle Bedeutung hatten und nahezu beliebig zusammengesetzt werden konnten. Der Name Thorismund zum Beispiel, überliefert als Name eines westgotischen Königs und möglicherweise ein etymologischer "Verwandter" von Darimund, bestand aus den Teilen Thor und -mund, Thor ist der bekannte heidnische Gott und -mund bedeutet so viel wie Schutz, der Name bedeutete daher wohl Thors Schutz, ein vorchristliches Gotthilf sozusagen.
Wenn nun der Name eines Ortes Thorismundestat heißen würde, wäre es dann die Stätte eines Thorismund oder eine unter Thors Schutz gestellte Stätte? Nur mit weiteren Informationen wäre diese Frage zu beantworten. So wäre es z.B. unwahrscheinlich, dass im Frankenreich nach Chlodwig ein Ort einem heidnischen Gott geweiht worden wäre. Allerdings handelt es sich bei Darmstadt nicht um Thorismundestat, sondern um Darmundestat.
Ebenfalls möglich wäre es zu argumentieren, dass die Bedeutungen der einzelnen Namensglieder bei Gründung des Ortes schon nicht mehr geläufig waren. Wenn also zur Zeit der Gründung Darmstadts, die Glieder "dar" und "mund" den damaligen Menschen schon unverständlich waren, kann eigentlich nur ein Eigenname Darmund dem Ortsnamen zugrunde liegen. Doch zumindest die Silbe "mund" war noch Jahrhunderte später durchaus geläufig, ein letzter Rest davon ist sogar bis in unsere Zeit erhalten geblieben, nämlich im Begriff des "Vormund", in dem die ursprüngliche Schutzfunktion durchaus noch zum Ausdruck kommt.
Die simple Ähnlichkeit eines Ortsnamen mit einem Eigennamen ist also bei weitem nicht ausreichend, um den Ortsnamen eindeutig auf einen Eigennamen zu beziehen.
Eine Tradition, Orte nach Eigennamen zu benennen?
Eines der gewichtigsten Argumente für die Eigennamehypothese ist, dass es scheinbar häufig vorkam, dass Orte nach Angehörigen des niedrigen Adels benannt wurden. Doch diese Behauptung geht nicht ohne Tricksereien von der Hand, denn nicht einer dieser Adligen (wohlgemerkt: nicht ein einziger!) ist historisch nachweisbar, nur wenn Orte zu Ehren von "großen Persönlichkeiten", Königen, Kaisern, Bischöfen, Heiligen, benannt wurden, ist der Namenspatron historisch gesichert. Wenn es bei all den Hunderten von angeblich patrimonisch benannten Ortsnamen wenigstens einen einzigen historisch nachweisbaren Gründer geben würde, aber da ist nichts. Und wenn schon das nicht, dann doch zumindest eine hochmittelalterliche Anekdote, wenigstens ein Halbsatz in einem mittelalterliche Dokument, aus dem hervorgeht, dass die Menschen damals noch wussten, dass die Namen dieser Orte, auch Königsgüter, auf Eigennamen beruhen, aber da ist nichts. Absolut nichts! Man schlussfolgert es schlicht aus einer vielleicht zufällig ähnlichen Anordnung von Buchstaben und Silben.
Nun könnte man natürlich argumentieren, dass allein die Häufigkeit, in der Ortsnamen fast identisch mit nachgewiesenen Eigennamen jener Zeit plus eines wiederkehrenden Suffix wie -stat, -heim, -dorf, -bach, -hausen, etc. erscheinen, diese Hypothese zumindest sehr wahrscheinlich macht. Schlägt man aber einmal das Altdeutsche Namensbuch von Ernst Förstemann, auf dem viele der Namensableitungen basieren, auf, muss man sich - wenn man ehrlich ist - eingestehen, dass es so viele frei kombinierbare Namensglieder gegeben hat, dass man auf diese Weise nahezu jedes unverständliche Wort mit einem Eigennamen in Verbindung bringen könnte, selbst wenn es ursprünglich nicht mal im Entferntesten etwas mit dem Namen zu tun gehabt hatte. Dank des Arguments der Flexion müssen die Namen noch nicht einmal identisch sein, bei manchen Ableitung stimmt gerademal eine Silbe grob überein.
Die Willkürlichkeit dabei ist bemerkenswert. So wies Dr. Engels die Möglichkeit, dass der Name Eberstadt auf das Tier zurückgeht mit den Worten zurück: "Wenn aber diese Ersterwähnung als 'Eberstat' im Lorscher Codex als Argument für den überall verbreiteten Eber genügen sollte, dann wäre das ebenfalls in seiner heutigen Namensform bei der Ersterwähnung im Lorscher Codex, auftauchende Pfungstadt in Analogie nach dem beliebten Waldtier, dem 'Pfung' benannt, und der ist mir bisher noch nicht begegnet". Abgesehen davon, dass diese Bemerkung wohl augenzwinkernd gemeint war, ist es ein unzulässiges Argument, denn dann müsste ein Adliger namens Crumo Crumstadt gegründet haben, obgleich Crumstadt einer der wenigen Orte ist, dessen Name absolut zweifelsfrei deutbar ist. Die Stadt hat heute noch einen "krummen", d.h. gebogenen Grundriss.
Da Orte damals in Zeiten vor Straßenbeschilderung auch als Landmarken dienten, macht solch eine Bezeichnung auch mehr Sinn als eine Benennung nach irgendwelchen unbekannten Adligen, die ein Reisender damals gar nicht gekannt hätte. Wer oder was war eigentlich dieser Darimund?Also fangen wir mal ganz vorne an: wenn die Eigennamehypothese stimmen sollte, was für Leute waren das, nach denen dann damals die Orte benannt wurden? Kleine, unbedeutende Leute aus dem niedrigen Adel. Zu bedenken ist dabei, dass ein Graf damals noch kein Territorialherrscher wie im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit war, sondern ein königlicher Beamter. Der Titel war noch nicht vererbbar. Wenn ein Graf einem König nicht mehr genehm war, konnte er einen anderen einsetzen. Und so Leute sollen dann den königlichen Besitzungen ihren Namen verliehen haben?
Gleichzeitig war es aber scheinbar so, dass solche "Kleinstadligen" Grundbesitz hatten, Höfe vermutlich. Dass jene Höfe patrimonisch benannt wurden, erscheint plausibler als bei Königsgütern. Auch kann man hier eine Tradition bis in die Neuzeit nachweisen, in der Höfe nach ihren Besitzern genannt werden. Im Darmstädter Raum zum Beispiel der Dippelshof. Für Königsgüter ist so eine Tradition jedoch nicht nachweisbar. Sollten wir es hier also mit einer Tradition zu tun haben, die ausgerechnet in der quellenarmen Zeit entstand und, als die Quellenlage besser wird, wieder verschwunden ist? Das wäre eine außergewöhnliche Koinzidenz.
Dass all die Orte, die angeblich auf Eigennamen zurückgehen, solch patrimonisch benannte Adelshöfe gewesen sein könnten, ist jedoch unwahrscheinlich. Wo waren dann die königlichen Besitzungen, die die Nachfahren dieser Adligen noch bis ins 14. Jahrhundert für den König verwalteten? Soll dort alles Privatbesitz gewesen sein? Ein marktliberaler Traum im 8. Jahrhundert? Nur Adelshöfe und so gut wie keine militärischen Einheiten in einer Zeit und einem Gebiet heftiger militärischer Auseinandersetzungen zwischen Franken und Alamannen? In den politisch bereits ruhigeren Zeiten des 13. Jahrhunderts errichteten die Grafen von Katzenelnbogen eine Kette von Burgen, die sehr dicht aneinandergereiht waren. So stand in Darmstadt eine Burg und im Nachbarort Arheilgen bereits die nächste. Die Römer sicherten sich militärisch ähnlich kleinparzellig ab. Und das soll dann ausgerechnet im 8. Jahrhundert nicht der Fall gewesen sein? Dann hätten die Franken damals ein völlig anderes Defensivkonzept gehabt als ihre Vorgänger und Nachfolger, ein Konzept, für das es nicht das geringste archäologische Indiz gibt. Das ist eine völlig absurde Vorstellung. Ein nicht unwesentlicher Teil der Orte, deren Namen heute auf Eigennamen zurückgeführt wird, muss Königsgut bzw. militärische Anlage gewesen sein und keine Adelshöfe im Besitz von Kleinstadligen. Darmundestat, Hofgut oder militärische Befestigung?
Ohne diese Grundsatzdebatte unnötig in die Länge zu ziehen, müssen wir uns doch fragen, ob Darmundestat ein Adelshof gewesen sein kann und daher nach seinem Besitzer Darimund benannt wurde.
Das ist unwahrscheinlich. Im 11. Jahrhundert war Darmstadt vermutlich Königsgut, kein Adelshof. Der Ort Autmundisstat (Groß-Umstadt) ist im 8. Jahrhundert nachweislich Königsgut. Im Jahre 766 schenkt König Pippin nämlich dieses Autmundisstat dem Kloster Fulda. Da Autmundisstat und Darmundestat sehr ähnlich gebildete Namen zweier sich in unmittelbarer Nachbarschaft befindlicher Ortschaften sind, ist die Vermutung naheliegend, dass auch ihr Status vergleichbar war, Darmundestat also ebenfalls Königsgut.
Dafür spricht auch zum einen, dass der bezeichnete Graf der Ersterwähnung Darmstadts offenbar in Darmstadt seinen Sitz hatte, obwohl dieses eigentlich zur Grafschaft Bessungen gehörte. Das ist ein Indiz darauf, dass Darmstadt im Gegensatz zu Bessungen schon damals befestigt gewesen sein könnte. Zum anderen kommt hinzu, dass der alte Bergfried, der 1699 abgebrochen wurde, in Richtung der alten Bergstraße ausgerichtet war, also offenbar ursprünglich vor militärischen Überfällen aus dem Süden schützen sollte. Folglich hatte Darmundestat militärische Bedeutung und war kein Hofgut.
Ein weiteres Indiz hierfür führte Heinz Winfried Sabais an. Er wieß darauf hin, "dass im Operationsgebiet Karls des Großen gegen die Sachsen zwischen Elbe- und Wesermündung (795-798) in großer Zahl stedt-Orte zu finden sind [...]". Da "stedt" etymologisch wohl eng mit "stat" verwandt ist, ist dies ein weiteres Indiz für den militärischen Charakter der -stat-Orte.
Wenn Darmstadt aber kein Hofgut war, sondern Königsgut und die frühen Grafen keine Territorialherrscher wie im Hochmittelalter waren, sondern bloße Verwaltungsbeamte, kann man ausschließen, dass so ein Verwaltungsbeamter Namenspatron des Ortes war. Nur für Hofgüter ist dies in dieser Zeit realistisch. Entstehung der Hypothese
Dass all diese Ortsnamen patrimonisch entstanden wären, ist eine im 19. Jahrhundert aufgekommene Hypothese, die allein auf der Ähnlichkeit des Ortsnamen mit einem Eigennamen beruht. Ich habe ein wenig den Eindruck, Historiker hätten sich damals einen kleinen Wettbewerb geliefert, bei dem es darum ging, möglichst viele Ortsnamen zu erklären. Wenn man dann keine rechte Lösung fand, schlug man ein Buch mit germanischen oder althochdeutschen Namen auf und suchte einen Eigennamen, der so ähnlich klang wie die frühste Erwähnung des Ortsnamen, so auch Darmund zu Darmundestat. Man findet in Texten aus dem 19. Jahrhundert immer wieder lange Listen von Ortsnamen, in denen der Autor einfach den ähnlichen Wortlaut als Beleg anführt, ohne irgendeine andere Möglichkeit auch nur in Erwägung zu ziehen. Bei vielen Ortsnamen hat bis heute keine nähere Untersuchung stattgefunden.
Eine der frühesten Erwähnungen von Darmund stammt von Dr. Julius Friedrich Karl Dilthey, der vielleicht auch der Erste war, der Darmundestat auf Darmund zurückführte. In einem Beitrag für die Zeitschrift für die Archive Deutschland's aus dem Jahre 1851 führte er nicht nur Darmundestat auf einen mystischen Gründer namens Darmund zurück, sondern sah auch einen Aschmund als Erbauer von Astheim und einen Otmund als Erbauer von Groß-Umstadt. Doch nicht allein das, Dilthey hielt es ernsthaft für möglich, dass diese drei nirgendwo nachgewiesenen Erbauer dreier vielleicht gar nicht zur selben Zeit entstandenen Städte Brüder gewesen sein könnten. Argument: der selbe Suffix im Namen, "mund". Der Witz dabei ist, dass es solch wilde, realitätsferne Spekulationen waren, die eine lange Tradition begannen, Ortsnamen bis zum Beweis des Gegenteils auf Eigennamen zurückzuführen.
Dabei ist es überhaupt nicht klar, ob es den Namen Darmund damals in unserer Gegend überhaupt gegeben hat. Heinrich Tischner sagt, dass Darmund im Gegensatz zu Autmund kein gängiger Name gewesen ist. Sabais sagt ebenfalls, dass der Name Dar(i)mund unter den Franken nicht gerade üblich war. Förstemann hält zwar einen Eigennamen Darmund als Basis von Darmundestat für wahrscheinlich, einen direkten Nachweis des Namens kann aber auch er in seinem Mammutwerk nicht bringen. Tatsächlich scheint man auf den Namen durch "Darmund und Allwina" gestoßen zu sein, ein Theaterstück von Ludwig Gotthard Theobul Kosegarten aus dem Jahr 1779. Dass Kosegarten den Namen nicht erfunden hatte, schien dann ausreichend zu sein, um ihn seit mehr als tausend Jahren in ganz Europa verbreitet anzunehmen.
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