*Geschichte Darmstadts
1
2 3 4 5 N

*Darimund, der mythische Gründer von Darmstadt
1 2 3

*Hexenwahn in Darmstadt
1
2 3

*Burg Frankenstein, Shelley und die Konstruktion eines Mythos

*Das Frankensteiner Eselslehen und das Böse Hundert von Darmstadt

*Die Darmstädter Kolonie am Llano River

------

Darmstadt Blog

------

Email

Impressum/Disclaimer

Darimund, der mythische Gründer Darmstadts

und andere Erklärungsversuche zu den Ursprüngen Darmstadts

überarbeitete Fassung vom 24. Juli 2010


Teil 2: Schwierigkeiten der Darimund-These


Ungereimtheiten

Einiges fällt auf an dieser Hypothese: wenn es damals üblich gewesen wäre, dass Wildhübner des Wildbanns Dreieich der Siedlung, der sie vorstanden, ihren Namen verleihen durften, so wäre eine gewisse Einheitlichkeit in der Namensgebung zu erwarten. Wären diese Orte alle nach dem dort ansässigen Wildhübner benannt worden, wie das die Darimund-These annimmt, so wäre zu erwarten, dass die meisten Orte des Wildbanns ursprünglich den Namen ihres Wildhübners mit dem Zusatz -stat trugen. Doch wie sehen die Ortsnamen des Wildbanns wirklich aus? Wir finden dort Arheilgen, Groß-Bieberau, Mörfelden, Offenbach, Riederwald, Traisa, Trebur, Ueberau, Vilbel, ein paar Orte, die auf -heim enden, und auch ein paar, die auf -stadt enden.

Ausnahmen wären zwar ebenfalls zu erwarten, aber diese vollkommene Willkürlichkeit der formalen Konstruktion dieser Ortsnamen deutet darauf hin, dass sie nicht alle zur selben Zeit und zum selben Zweck gegründet wurden, wie das die These vom Dreieicher Wildhübner Darimund voraussetzen muss. Die einzige Erklärung für das Fehlen irgendeiner formalen Gemeinsamkeit in der Konstruktion der Ortsnamen des Wildbanns Dreieich ist, dass zumindest die meisten Orte bereits vor dem Wildbann bestanden und bei Einbeziehung in diesen auch nicht umbenannt wurden. Für den Wildhübner als Namenspatron ist dann aber kein Platz mehr.

Fragwürdige Verknüpfungen und Zirkelschlüsse

Anders dagegen die Auffassung des Darmstädter Stadtarchivars Dr. Engels. Im zweiten Teil der oben erwähnten Serie verknüpft er die vollkommen unfundierte These vom Wildhübner Darimund mit der archäologisch eindeutig nachgewiesenen Wasserburg der Grafen von Katzenelnbogen: „In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts errichten die Grafen von Katzenelnbogen zur Sicherung ihres Herrschaftsgebietes dort, wo einst der Forstbeamte Darimund seinen befestigten Wohnsitz hatte, eine Wasserburg“.

Schon hier fällt auf, dass man da alles nicht mehr so genau nimmt: War Darmstadt nun eine Wildhube des Königs oder der private Wohnsitz von "Graf" Darimund? Nur die Diffusität der Darstellung verschleiert die Widersprüche.

Für den Wildhübner als Namensgeber ist definitiv kein Platz. Wenn man die These vom Personennamen Darimund überhaupt irgendwie retten will, muss man davon ausgehen, dass Darmstadt ursprünglich eine andere Funktion hatte als die einer Wildhube, ein namensgebender Besitzer also eben gerade kein Wildhübner gewesen sein kann, der Ort dann später aber, als dieser ehemalige Besitzer längst tot war, in den Besitz des Königs kam, der erst dann daraus eine Wildhube machte.

Darmundestat, Hofgut oder militärische Befestigung?

Wenn es diesen Darimund wirklich gegeben haben sollte, so müsste Darmundestat sein vom König übertragener Besitz gewesen sein. Wäre Darmundestat Königsgut gewesen, wäre eine Benennung nach irgendeinem dahergelaufenen Verwalter eher unwahrscheinlich. Weil Groß-Umstadt bei seiner Ersterwähnung 766 Königsgut ist und Darmstadt wegen der auffällig ähnlichen Namensbildung wohl dieselben Entstehungshintergründe hat, dürfte es wahrscheinlicher sein, dass Darmstadt ursprünglich ebenfalls Königsgut war, zumal es sonst auffällig wenig Königsgüter in unserer Gegend gegeben hätte. Wenn wir auch die auf -stadt endenden Orte zu Höfen von Adligen machen, wäre der Süden Hessens damals zu absurd hohem Anteil in Privatbesitz gewesen. Der Name Bessungen beispielsweise dürfte tatsächlich auf einen Personenname zurückgehen (die Häufigkeit vergleichbarer Namen in fränkischem Siedlungsgebiet deutet sogar auf eine wohl sehr mächtige Adelssippe hin), womit wir auch schon gleich einen Ort identifiziert hätten, den die kleinen Adligen, die für den König Südhessen verwalteten, zu ihrem Privatbesitz hatten. Dass die Grafschaft im Mittelalter nach Bessungen genannt wurde, ist da nur ein weiteres Indiz.

Rettung des Darimund?

Wie könnte man aufgrund all dessen die These vom Stadtgründer Darimund noch retten?

Nun, zunächst einmal gibt es zwar einige alternative Ideen wie der Name Darmundestat zu deuten sein könnte (siehe nächste Seite), die Ersterwähnung Darmundestat deckt sich jedoch auffällig mit dem Personennamen Darmund. Der ist zwar in Südhessen eher ungewöhnlich, möglicherweise stammt er aber aus dem sächsischen bzw. angelsächsischen Siedlungsraum.

In der Zeit nach dem Sieg Karls des Großen über die Sachsen wurden sächsische Siedler nach Hessen gebracht, wo sie Siedlungen gründeten oder ältere Besitztümer übernahmen. Es wäre also denkbar, dass ein Dar(i)mund in dieser Zeit nach Südhessen kam und Darmundestat, das in diesem Fall bis dahin einen anderen Namen getragen haben müsste, nach sich umbenannte. Solche Umbenennungen sind sogar noch für Söhne solcher Siedler nachgewiesen, z.B. beim nordhessischen Benterode. Dass Darimund dabei das sicher ältere Suffix -stat beibehielt, ist durchaus denkbar.

Es ist aber völlig spekulativ. Es gibt keinen Hinweis auf einen älteren Namen des Siedlungsplatzes Darmundestat. Eine Festlegung auf diese eine Erklärung, wie sie bei den meisten ortskundlichen Veröffentlichungen heute stattfindet, ist nicht nur willkürlich und unwissenschaftlich, sie hat vor allem auch zu weiteren Schlussfolgerungen geführt, die wie im oben angegebenen Beispiel aus dem Darmstädter Echo als Fakt präsentiert werden, aber schlicht unmöglich sind, wie die These vom Wildhübner als Ortsgründer.

< Zurück
Weiter >

Index