Darimund, der mythische Gründer Darmstadtsund andere Erklärungsversuche zu den Ursprüngen Darmstadts überarbeitete Fassung vom 24. Juli 2010 Teil 3: neuere Ansätze
Sabais HypotheseDer damalige Darmstädter Oberbürgermeisters Heinz Winfried Sabais stellte Anfang der 1970er eine neue Hypothese auf. Demnach könnte sich Darmundestat aus den Einzelteilen dar, munde und stat zusammensetzen. Dar könnte sich vom indogermanischen tar ableiten, das einen Durchgang bezeichnet. Munde von munt, das ein Schutzverhältnis zum Ausdruck bringt, bis heute erhalten im Wort Vormund, und Stat ist zweifelsfrei die Stätte.
Dann wäre Darmundestat die „Stätte am befestigten Durchgang“. Nimmt man Darmstadt als fränkische Gründung an, so erscheint es vernünftig, Darmstadt als Vorposten von Frankfurt anzusehen. Da die Bergstraße damals noch direkt durch Darmstadt hindurch verlief und die Grenze zum alamannischen Gebiet nur unwesentlich weiter südlich lag, beschreibt der Name Darmstadt dann also die Funktion der Stätte: eine befestigte Siedlung an der Durchgangsstraße nach Frankfurt.
Vollständig überzeugen konnte diese Hypothese aber offenbar nicht, sonst hätte sich kaum in den letzten Jahrzehnten bei Historikern wie Dr. Engels wieder die Darimund-These durchgesetzt. Gibt es also noch eine andere Methode sich der möglichen Bedeutung des Stadtnamens zu nähern?
Am Eichenberg?
Der evangelische Pfarrer Heinrich Tischner, der sich sehr intensiv mit der Bedeutung südhessischer Siedlungsnamen auseinandergesetzt hat, sieht eine Verbindung der Silbe dar mit dem altcymrischen dâr (Eiche), munt mit dem vorgermanischen mont bzw. römischen monte, altenglischen munt oder cymrischen mynydd (alles mit der Bedeutung Berg) sowie stat mit dem althochdeutschen stat (Stätte).
Darauf aufbauend könnte man annehmen, dass "Darmund" eine Flurbezeichnung war, also nicht die Siedlung des Darimund, sondern die Siedlung beim oder auf dem "Darmund". Die ursprüngliche Siedlung Darmundestat lag auf einer kleinen Anhöhe östlich des heutigen Schlosses. Es wäre denkbar, dass dies ursprünglich eine bewaldete Anhöhe gewesen ist, die vielleicht schon von den Kelten mit Darmund = Berg oder Hügel der Eichen bezeichnet wurde. Dass die Kelten in dieser Gegend siedelten, ist durch den Fund des Grabes eines Keltenkriegers nahe der Roßdörfer Straße belegt.
Auch das ist selbstverständlich vollkommen spekulativ. Irgendeinen konkreten Hinweis, außer eine vielleicht zufällige Silbenfolge, gibt es dafür nicht. Aber auch die unter Ortsnamenforscher gängige und meistens nicht mehr hinterfragte Ableitung von dem Personennamen Darmund ist, wie erörtert, nicht besser belegt.
Die -stat-Verteidigungslinie
Wie bereits erwähnt gibt es kein einheitliches System in der Konstruktion der Stadtnamen des Wildbanns Dreieich, was die These vom Wildhübner als Namenspatron unwahrscheinlich macht, da sonst zu erwarten wäre, dass die meisten Namen der Orte, die dem Wildbann angehörten mit dem Namen des Wildhübners und der Endung -stat gebildet wurden. Im Wildbann Dreieich ist dies aber nicht der Fall.
Allerdings finden sich im südhessischen Raum tatsächlich auffällige Strukturen bei Orten, die auf die Silbe -stat enden. Markiert man all diese Orte auf einer Karte (die auch heute eingemeindete Orte wie Nieder-Ramstadt oder Crumstadt sowie verschwundene Orte wie Otterestat oder Moxstat umfasst), fällt eine außergewöhnliche Häufung dieser Orte südlich von Darmstadt und östlich von Dieburg auf. Noch auffälliger ist das Fehlen jeglicher -stat-Orte zwischen dem Main und einer gedachten Linie von Königsstädten bis Stockstadt am Main.
Viele dieser Orte scheinen in kleinen Grüppchen rund um einen in fränkischer Zeit bedeutenden Ort verteilt zu sein: Königstädten, Wallerstädten, Weiterstadt und Otterestat rund um Groß-Gerau. Groß-Umstadt, Kleestadt und Langstadt vor Dieburg. Bobstadt, Bürstadt und ein (in seiner Existenz allerdings umstrittenes) Hochstätten vor Worms. Die Ausrichtung dieser Orte scheint dabei immer in Richtung von ehemals alamannischen Gebiet zu sein, während in Richtung des fränkischen Kerngebietes keine -stat-Orte auftauchen.
Noch deutlicher als diese drei Beispiele ist eine Kette von Orten südlich von Darmstadt. Da hätten wir Stockstadt am Rhein, Crumstadt, Pfungstadt, Eberstadt, Nieder-Ramstadt, das heute untergegangene Staderstat bei Ober-Ramstadt und ein Engelstat bei Stockstadt, dessen genauer Standort durch die Rheinbegradigungen nicht mehr zu ermitteln ist. Auf einer Linie, die durch Moorlandschaften führte und für Siedlungen nur bedingt geeignet war, die zwar wichtige Straßen mehrfach schneidet, aber dennoch auffällig nicht entlang dieser Straßen ausgerichtet ist, reihen sich Orte mit demselben Suffix wie an einer Perlenschnur, die genau in einem Gebiet, das die Franken von den Alamannen eroberten, den einzigen Zugang zwischen Rhein und Odenwald regelrecht abriegelt. Der strategische Hintergrund dieser Siedlungen ist heute noch deutlich.
Zur Verdeutlichung hier eine Skizze: 
Was Darmstadt sowie Moxstat und eventuell das historisch ungewisse Hochstädten betrifft, so lagen diese an der Bergstraße, also dem einfachsten Weg von Süden ins hessische Gebiet. Es wäre nachvollziehbar, diesen Weg noch zusätzlich zu schützen, was dann auch den Ursprung Darmstadts erklären könnte.
Die häufig vorgebrachte Erklärung einer sogenannten "Nestbildung", also der Beeinflussung eines Ortsnamens durch den Nachbarort, sprich, wenn ein Ort auf -stat endet, erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass ein Nachbarort ebenfalls auf -stat endet, ist hier kaum heranziehbar, zu deutlich ist die Aufreihung dieser Ort entlang einer Linie. Bei einer Nestbildung müssten sie in kleinen Haufen auftauchen.
Stat-Orte im übrigen DeutschlandIn einem anderen ehemaligen Grenzgebiet der Franken, heute hauptsächlich Thüringen und Sachsen-Anhalt sowie einige Teile Bayerns, findet sich eine ähnlich auffällige Struktur.

Auch hier verdichten sich die Stat-Orte an einigen Stellen deutlich: vor allem in einem Gebiet rund um Erfurt und Weimar sowie um eine gedachte Linie Weimar-Magdeburg, eine Linie, die sich auffällig westlich der Saale entlang zieht. In fränkischer Zeit verlief etwa in dieser Gegend die Grenze zu den Sorben. Auch einige Stat-Orte südlich von Saalfeld befinden sich auffälligerweise entlang derselben Uferseite der Saale. Was die markante Häufung rund um Erfurt anbelangt, so befand sich zur Zeit Karls des Großen genau dort ein wichtiger Grenzhandelsplatz. Es ist ausgeschlossen, dass dieser nicht militärisch geschützt war. Die Stat-Orte im Süden ziehen sich dagegen entlang der historischen Grenze zu den Bayern.
Auch im Osten des fränkischen Reiches scheint also ein militärisch-strategischer Hintergrund der Stat-Orte denkbar. Und im Norden? Südlich einer Linie Emden-Hannover findet sich quasi gar kein Stat-Ort, nördlich davon aber reiht sich einer an den anderen. Und in Schleswig-Holstein sind sie ziemlich regelmäßig verteilt. Es ist das ehemalige Siedlungsgebiet der Sachsen, die von Karl dem Großen unterworfen wurden.
Da sich im fränkischen Kerngebiet nur sehr wenige Stat-Orte befinden, könnte man auf die Idee kommen, dass die Franken diesen Suffix gar nicht verwendeten und die Stat-Orte alamannische, thüringische und sächsische Gründungen sind, im sächsischen und alamannischen Gebiet (Baden-Württemberg) finden sich die Stat-Orte größtenteils im gesamten Gebiet.
Allerdings konzentrieren sie sich sowohl bei den Sachsen als auch bei den Alamannen in Grenzgebieten zu den Franken, während sie in Thüringen sich im Grenzgebiet der Franken zu den Sorben (die keine Stat-Orte gründeten) konzentrieren, so dass es plausibler ist, dass es die Franken waren, die den Suffix Stat hauptsächlich in Grenzgebieten verwendeten, nicht aber im Kernland. Dass das mit militärischen Operationen zusammenhängen mag, ist naheliegend. Auf der anderen Seite dürften aber auch die Sachsen und die Alamannen den Suffix Stat unabhängig von den Franken verwendet haben, wodurch sich natürlich die Möglichkeit ergibt, dass Darmstadt auch von Alamannen gegründet worden ist. Den explizit militärischen Kontext der Stat-Orte scheint es aber weder bei den Sachsen noch bei den Alamannen gegeben haben. TiernamenWenn die Stat-Orte militärischen Hintergrund haben, dann waren sie nicht im Besitz irgendwelcher kleiner Adliger, die sie nach sich selbst benannten. Es stellt sich dann aber die Frage, nach welchem System diese Standorte benannt wurden. In Südhessen fallen zwei Systeme auf: zum einen eine Benennung nach einer Zustandsbeschreibung: Langstadt, Wallerstädten, Crumstadt (die Stätte an der Krümmung), Stockstadt (evtl. Stätte bei einem Grenzpfahl), zum anderen eine Benennung nach Tieren: Eberstadt, Weiterstadt (Widerestat), Otterestat, Moxstat (Mock = Dialektwort für ein trächtiges Schwein), evtl. auch Ramstadt von altdeutsch hram = Rabe.
In der Ortsnamenforschung werden diese eindeutigen Tiernamen gerne mal zu Personennamen umgedeutet, da wird aus dem Widder ein Wido und aus dem Eber ein Ebar, Ebur oder gar ein Eberhard. Das ist eine reichlich obskure Umdeutung, zumal es in der Wetterau eine ganze Reihe nah beieinander befindliche Stat-Orte gibt, deren Namen an Tiere erinnern, darunter mit einem Eberstadt und einem Mockstadt auch zwei Namensvettern zu südhessischen Orten.
Es lässt sich nicht sagen, weshalb man ausgerechnet Tiernamen verwendete, um Orte zu benennen. Vielleicht kamen diese Tiere an diesen Orten besonders häufig vor. Auf der anderen Seite dürften gerade Wildschweine so ziemlich überall vorgekommen sein. Wenn die Orte militärischen Ursprungs sind, wäre auch denkbar, dass sie nach dem Feldzeichen der stationierten Einheit benannt wurden. Solche Feldzeichen zeigten oft Tiere.
Ein Tier namens Darmund gibt es allerdings nicht. Neben den bereits erwähnten Erklärungsmöglichkeiten, dass der Ort (dann aber später) einem Darmund übertragen wurde, der ihn nach sich benannte, oder einer Benennung nach einem heute unverständlichen Flurnamen, könnte man auch eine Ableitung vom althochdeutschen damo (Dammhirsch) wagen. Auch wenn das, vor allem wegen der engen Verwandtschaft zum schon früh erwähnten Autmundisstat, unwahrscheinlich sein dürfte.
Wenn sich Ortsnamen im Laufe der Zeit verändern, neigen sie dazu für die örtliche Bevölkerung immer noch irgendwie "Sinn" zu ergeben. Escherode beispielsweise entwickelte sich aus dem Personennamen Asig. Die Esche aber ist ein Baum. In Kombination mit der Endung -rode machte das für die Bevölkerung wohl sehr viel Sinn. Seltsamerweise kommt man aber nie auf die Idee, dass das auch umgekehrt stattgefunden haben könnte, dass man also einen unverständlich gewordenen Ortsnamen einen Personennamen im Laufe der Zeit angepasst hat. Die Logik "was wie ein Personenname aussieht, muss ein Personenname sein, was wie ein Tiername aussieht, muss aber auch ein Personenname sein" ist reichlich schräg, wird aber z.B. bei Eberstadt gemacht.
FazitDas Fazit der ganzen Geschichte ist, dass alles nicht so einfach ist, wie gerne getan wird. Natürlich ist es möglich, dass der Name Darmstadt von dem Personennamen Darmund abgeleitet ist. Wir reden aber von einer Zeit, aus der nur wenige Dokumente vorhanden sind und archäologische Erkenntnisse meistens aus Zufallsfunden entstehen, die dann oft aus Geldmangel nur oberflächig untersucht werden. Die stetige Überbauung macht es zudem schwierig, systematische Grabungen durchzuführen, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen, ganz zu schweigen davon, dass für solche Grabungen nur selten Geld vorhanden ist.
In einem Anfall von "ist mir doch scheißegal, ich will die Frage jetzt ein für allemal beantwortet haben" hat man sich aber schon vor langer Zeit entschlossen, sich einfach auf die Ableitung von einem Personennamen festzulegen. Dabei wurde der Urzustand wissenschaftlicher Arbeit abgeschafft: nämlich sich stetig auf der Grenze von Wissen und Nichtwissen zu bewegen. Heimatforschung bedeutet heute nur selten wirkliche Forschung, sondern meistens bloß Verwalten von Wissen... auch von denen Dingen, die man nur glaubt zu wissen.
Jörg Heléne
Quellen und Links:
Homepage von Heinrich Tischner
Schannat, Johann Friedrich, "Sammlung alter historischer Schrifften und Documenten", Teil 1, Fulda, 1725
Zedler, Johann Heinrich (Hrsg.): "Grosse vollständige Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste", 1731-1754
Grimm, Albert Ludwig: "Die malerischen und romantischen Stellen der Bergstrasse, des Odenwaldes und der Neckar-Gegenden, in ihrer Vorzeit und Gegenwart geschildert", Darmstadt, ca. 1840.
Battenberg, Friedrich in: Darmstadts Geschichte - Fürstenresidenz und Bürgerstadt im Wandel der Jahrhunderte, S. 17
Walther, Philipp A.F., "Der Darmstädter Antiquarius", Darmstadt 1857.
Friedemann, Friedr. Traug. (Hrsg.): "Zeitschrift für die Archive Deutschland's", Zweiten Bandes, Erstes, Zweites und Drittes Heft, Gotha 1853, S. 148ff. (das zweite Heft erschien erstmalig 1851)
Walther, Philipp A.F., "Darmstadt - wie es war und wie es geworden ist", Darmstadt 1865, S.6.
Bartsch, Karl (Hrsg.): "Germania, Vierteljahresschrift für Deutsche Altertumskunde", 29. Jahrgang, 1884
"Gewerbeblatt für das Großherzogtum Hessen", 53. Jahrgang, 1890
"Ein Dorf mit Stadtmauer, Darmstadt um 900", Darmstädter Echo vom 13.06.2005
"Schuften für Grafen und Mönche", Darmstädter Echo vom 14.06.2005
Harbrecht, Jörg: "Die Geschichte der Darmstädter Altstadt", Frankfurt 1998
Sabais, Heinz Winfried, "Über den Ortsnamen Darmstadt" in Deppert, Fritz (Hrsg.): "Darmstädter Geschichte(n)", Darmstadt 1980, S. 18ff
"Gereimtes und Ungereimtes aus der Eberstädter Geschichte" von Peter Engels
Förstemann, Ernst: "Altdeutsche Namenbuch", zweite, völlig umgearbeitete Auflage, 3 Bände, 1900-1916.
Wagner, Georg Wilhelm Justin: "Die Wüstungen im Großherzogtum Hessen", 1862.
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