*Geschichte Darmstadts
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*Darimund, der mythische Gründer von Darmstadt
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*Hexenwahn in Darmstadt
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*Burg Frankenstein, Shelley und die Konstruktion eines Mythos

*Das Frankensteiner Eselslehen und das Böse Hundert von Darmstadt

*Die Darmstädter Kolonie am Llano River

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Geschichte Darmstadts

Teil 1: von der spekulativen Frühzeit bis zur Reformation


Die Ursprünge der Stadt Darmstadt liegen im Dunkeln. Auch wenn gerne ein anderer Eindruck erweckt wird, aber damit steht Darmstadt keineswegs alleine da. Von Orten römischen Ursprungs einmal abgesehen, weiß man meistens nur sehr wenig bis gar nichts über die ersten Jahrhunderten der Existenz eines Ortes. Archäologische Grabungen fanden kaum statt, meistens stammen Erkenntnisse nur aus Zufallsfunden, die ein großes Bauprojekt ans Tageslicht brachte. Und selbst wenn etwas gefunden wird, heißt das noch gar nichts: 1979 wurde bei Grabungen in Griesheim ein fränkischer Reihengräberfriedhof mit spektakulären Funden entdeckt. Bis heute liegen große Teile davon ungesichtet in den Archiven.

Das Wissen aus der Frühzeit Darmstadts beruht auf einer Handvoll archäologischer Funde des 19./frühen 20. Jahrhunderts und vereinzelten Erwähnungen in Dokumenten, die Jahrhunderte nach der Gründung des Ortes entstanden sind. Es wäre daher anmaßend, für diese Frühzeit von einer gesicherten „Geschichte“ zu sprechen. Mehr als Spekulation ist bei der heutigen Informationslage nicht möglich.

Die plausibelste Spekulation ist, dass Darmstadt im Zuge der fränkischen Landnahme (5. bis 8. Jahrhundert n.Chr.) enstanden ist. Dass der Name der Stadt auf einen fränkischen Adligen zurückgeht, wie oft behauptet wird, ist dagegen weniger überzeugend. Durch die Lage am nördlichen Rand der Bergstraße dürfte das frühe Darmstadt vor allem strategische Bedeutung gehabt haben. Vielleicht lehnte sich die Siedlung an eine Zollstation an, die dort stand, wo die (verlängerte) Bergstraße den Darmbach überschritt.

Denkbar, wenn auch unwahrscheinlicher, wäre ebenso eine frühere Gründung (beim Weißen Turm wurde ein Gräberfeld der Sueben entdeckt, nahe der Rosenhöhe das Grab eines keltischen Kriegers), die die Franken übernahmen. In diesem Fall wäre es nicht auszuschließen, dass das erste Glied des ursprünglichen Namens des Ortes (Darmundestat) kein Personenname, sondern ein Geländename keltischen Ursprungs ist, der die Anhöhe östlich des Schlosses bezeichnete, wo die ersten Häuser der Siedlung gestanden haben dürften. In diesem Fall hätten die Franken einen traditionellen Ortsnamen übernommen und durch ihr Suffix -stat ergänzt, nicht die Stätte des Darmund also, sondern die Stätte beim Darmund, das dann eine traditionelle Bezeichnung des erhöhten Geländes östlich des heutigen Schlosses gewesen sein könnte.

Heinrich Tischner vermutete die Bedeutung "Eichenberg", konstruiert aus dem altcymrischen dâr (Eiche) und dem altenglischen munt (Berg). Plausibler dürfte aber - so es sich denn nicht doch einfach um einen Personennamen handelt - die Ableitung vom bis ins Mittelalter gebräuchlichen Wort "munt" sein, das ein Schutzverhältnis bezeichnete, was in das Bild von Darmstadt als Zollstation oder Schutz des Verkehrsweges passen würde.

Faktisch fehlen aber sowohl archäologische, als auch urkundliche Belege für irgendeine dieser Spekulationen.

Franken gegen Alamannen

Um sich Darmstadt in dieser frühen Phase seiner Existenz zu nähern, ist also nur die allgemeine Geschichte der Region nützlich. Im Jahre 496 n.Chr. hatten die Franken unter Chlodwig I. den Alamannen, die bis dahin unter anderem das Darmstädter Gebiet kontrolliert haben dürften, bei der Schlacht von Zülpich eine verheerende Niederlage beigebracht, die einige Jahre später zur endgültigen Unterwerfung der Alamannen führte.

Trotz der prinzipiellen Oberherrschaft der Franken kam es im Laufe der nächsten Jahrhunderte immer wieder zu massiven Aufständen der Alamannen. Darmstadt diente vermutlich der Sicherung der neu erworbenen Gebiete in Südhessen, die nicht weit von der alamannischen Grenze entfernt lagen.

Erst 746 endete der Widerstand der Alamannen nach dem durch den fränkischen Hausmeier Karlmann, dem Onkel Karls des Großen, durchgeführten Blutgericht zu Cannstatt.

Ob das Ganze unter damals gültigen Rechtsvorstellungen als Hinrichtung des Hochverrats Angeklagter legitim war oder doch eher ein Massaker, ist umstritten. Tatsächlich lesen sich die Berichte von dem Ereignis ein wenig so, als hätte Karlmann den gesamten alamannischen Hochadel unter einem Vorwand nach Cannstatt gelockt, umzingeln lassen, "Überraschung" gerufen und in einem guten alten, germanischen Blutrausch Tausende niedergemetzelt. Neuere Forschungsansätze sehen Karlmanns Handeln nicht ganz so düster. Sicher wird er nicht einfach nach Lust und Laune Menschen erschlagen haben können. Wahrscheinlich war sein Vorgehen, so barbarisch es uns heute auch erscheint, für die damalige Zeit zwar hart, aber durchaus legitim.

Auf der anderen Seite kann aber auch nicht ignoriert werden, dass nach einer Quelle das Blutgericht der Grund dafür war, dass sich Karlmann 747 aus schlechtem Gewissen aus der Politik zurückzog und ins Kloster ging. Das dürfte zwar kaum den Tatsachen entsprechen, Karlmanns Klostergang war wohl eher die Folge eines verlorenen Machtkampfes, dass diese Meinung aber schon früh weit verbreitet war, zeigt dennoch, dass das Blutgericht keineswegs als völlig normaler Vorgang aufgefasst wurde, sondern mindestens umstritten war.

Wie immer man es sieht, unstreitbar ist, dass der alamannische Widerstand endgültig gebrochen war.

Wildhube und Ersterwähnung

Für Darmstadt bedeutete dies, dass die zu vermutende Schutzfunktion für die Frankenkönige an Bedeutung verlor und das Dörfchen schon bald zur Wildhube umfunktioniert wurde, also Bestandteil königlichen Jagdgebiets wurde. Dort verbrachte der König seine Freizeit oder ging gemeinsam mit anderen Adligen auf die Jagd, um diplomatische Beziehungen zu pflegen.

Der erste handfeste Beleg für die Existenz Darmstadts ist seine Ersterwähnung als Darmundestat in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts. Darmstadt war damals Teil der Grafschaft Bessungen, im Gegensatz zu diesem aber wahrscheinlich schon befestigt. Diese Befestigung mag ein Dorfetter (eine Art hölzerner Verhau) um die sich ursprünglich nur östlich des heutigen Schlosses erstreckende Siedlung oder ein befestigter Adelshof jenes Grafen Sigeboto, dem wir die Erstwähnung verdanken, gewesen sein, auch das ist heute nicht mehr zu ermitteln.

Katzenelnbogener Wasserburg

Die eigentliche Geschichte Darmstadt beginnt daher erst Mitte des 13. Jahrhunderts, als die Grafen von Katzenelnbogen an der Stelle des heutigen Schlosses eine Wasserburg errichteten, die spätestens 1232 in ihrer frühsten Bauphase fertiggestellt gewesen sein muss. Einiges spricht dafür, dass sich bis dato die Siedlung ausschließlich östlich dieses Platzes befand, sich natürlich (sprich ungeplant) entwickelt hatte und nun zum Schutz der Burg südlich von ihr geplant Adelshöfe für die Burgmannen entlang einer Durchgangsstraße angelegt wurden.

Die beiden Siedlungsteile waren vermutlich strikt voneinander getrennt. Im neuangelegten Unterdorf lebten in erster Linie Adlige, während im Oberdorf alteingesessene Bauern und Handwerkern gelebt haben dürften. Spätere Indizien deuten auch auf eine Teilung in der politischen Verwaltung, d.h. dass beide Siedlungen eine eigene Verwaltung, sprich ein eigenes Schöffengericht (im Unterdorf möglicherweise ein Burggericht) hatten. Faktisch handelte es sich in jener Zeit dann also um zwei Ortschaften, einen Burgflecken im Süden und ein Dorf im Osten. Diese soziale Trennung bleibt zu einem gewissen Grad bis ins 19. Jahrhundert erhalten, als im Unterdorf nach wie vor wohlhabende Bürger und Kaufleute und im Oberdorf Arbeiter und Handwerker lebten. Erst mit dem massiven Ausbau der Stadt in großherzöglicher Zeit (1806-1918) zogen auch aus dem Unterdorf die wohlhabenden Bürger fort, woraufhin die Altstadt innerhalb weniger Jahrzehnte hoffnungslos verarmte.

Ein Kuriosum stellt der Bauplatz der heutigen Stadtkirche dar. Aufgrund des Marienpatroziniums nimmt man an, dass die Kirche auf eine Kapelle aus der Merowinger-Zeit (5. bis 8. Jahrhundert) zurückgeht, also etwa gleichzeitig wie die ursprüngliche Siedlung entstanden ist. Dann hätte diese Kapelle aber weit außerhalb der Siedlung gelegen. Üblich war aber entweder ein zentraler Bauplatz mitten in der Siedlung oder ein erhöhter Bauplatz, der die Siedlung "überblickt". Beides trifft bei dem Bauplatz der Stadtkirche jedoch nicht oder (im Falle des erhöhten Bauplatzes) nur bedingt zu.

Da dieses frühe Baujahr allein aus dem Marienpatrozinium geschlossen wird, nicht jedoch aus archäologischen oder urkundlichen Belegen (letzteres belegt die Existenz einer Kapelle am heutigen Standort der Kirche erst für das Jahr 1369), wäre es auch denkbar, dass die Kirche später entstanden ist, nämlich zur Zeit des Baus der Wasserburg und der planvollen Anlage des Unterdorfs. Der Bauplatz wäre dann als symbolisches Gegenüber von weltlicher (Wasserburg) und kirchlicher Macht deutbar oder als erhöhter Bauplatz über das adlige Unterdorf, was ein weiteres Indiz für die formale Trennung der beiden Siedlungskerne wäre.

Stadtrechte

Der Bau der Wasserburg wertete Darmstadt enorm auf, urkundliche Belege häufen sich von nun an. Dennoch lässt sich auch für die nächsten hundert Jahre kaum mehr sagen, als dass Darmstadt zum zentralen Ort der Region aufstieg und die Bedeutung Bessungens marginalisierte. Wirkliche Bedeutung erlangte Darmstadt aber erst mit der Verleihung der Stadtrechte am 23. Juli 1330 und dem Ausbau der Wasserburg zum Schloss, dessen erste bedeutende Bauphase nicht vor 1360 vollendet war. Irgendwann in dieser Zeit wurde auch mit dem Bau der Stadtmauer begonnen, der sich etwa hundert Jahre hinzog und bei Fertigstellung militärisch schon längst wieder veraltet war.

Obwohl zu dieser Zeit die beiden Siedlungskerne immer noch deutlich voneinander getrennt waren, hatte sich die Verwaltung der Stadt vereinheitlicht und das Unterdorf von der Burg gelöst. Die ursprünglichen Verhältnisse trugen aber bei der Zusammensetzung des für die Verwaltung der Stadt zuständigen Schöffengerichts noch deutlich Rechnung, da dieses mit der ungewöhnlichen Zahl von 14 Personen besetzt war. Auch wenn es diesbezüglich keine konkreten Belege gibt, ist zu vermuten, dass das Ober- und Unterdorf ursprünglich mit der sonst (neben 12) in der Region üblichen Zahl von je 7 Personen besetzt war und diese beiden "Räte" nun bei Stadtgründung zusammengelegt wurden.

Eine denkbare Variante wäre, dass das Unterdorf ursprünglich allein vom Burggrafen verwaltet wurde und nun mit der Erhebung Darmstadts zur Stadt von der Burg getrennt wurde. Dass die mächtigen Adligen des Unterdorfs nun Mitsprache in der Verwaltung der Stadt verlangten, ist nachvollziehbar. Und weil kaum ein Ratsmitglied seinen Posten freiwillig geräumt haben dürfte, stockte man die Mitglieder um noch mal dieselbe Zahl auf. Auch die Existenz zweier öffentlicher Gebäude, dem Schultheißbau im Ober- und dem sogenannten "Spilhus" im Unterdorf sprechen für eine solche Zusammenlegung ursprünglich getrennt verwalteter Siedlungsteile.

Die Schöffen dieses Gremiums übten ihr Amt auf Lebzeiten aus und entstammten größtenteils einem kleinen Kreis weniger, offensichtlich begüterter Familien. Der Schultheiß war zudem ein gräflicher Beamter und entschied im Zweifelsfall für den Grafen und nicht für die Stadt.

Aufstieg zur Nebenresidenz

Diese einseitige Machtverteilung sorgte regelmäßig für Konflikte, deren Lösungsversuche nur sehr bedingt erfolgreich waren. So war der (offensichtlich unter starkem Druck der Darmstädter Bürgerschaft entstandene) Versuch des Grafen Philipp des Älteren von Katzenelnbogen, im Jahre 1457 ein weiteres, aus der Gemeinde gewähltes Gremium von vierzehn Personen einzuführen, das die Stadt zusammen mit dem Schöffengericht paritätisch verwalten sollte, nicht von Erfolg gekrönt.

Es ist nicht sicher, ob ein solches Gremium wirklich existierte oder nur ein "Papiertiger" war. Falls es existierte, so wurde es wohl mit dem Tod Philipp des Älteren 1479 wieder abgeschafft. Statt dessen stieg die Bedeutung des "Vierer". Ursprünglich wohl nur eine kleines Amt für polizeiliche Ordnungsaufgaben entwickelte sich dieses aus vier Personen bestehende Gremium nach dem Scheitern der Einführung eines zweiten Rates zu einer abgeschwächten Form von diesem. Auch gab es spätestens ab dem 16. Jahrhundert einen "jüngeren Bürgermeister", der aus der Gemeinde gewählt wurde und im Prinzip dieselben Rechte und Pflichte hatte wie der Ratsbürgermeister, dessen Existenz ab Mitte des 15. Jahrhunderts belegt ist und der bald den Schultheiß als obersten Amtsträger der Stadt ablöste. Auch dieses Amt des "jüngeren Bürgermeisters" diente als Kontrolle des Schöffengerichts bzw. Stadtrats. Allerdings war es praktisch so, dass dieses Amt Einstieg in eine Art cursus honorum war und für die meisten Amtsträger als Sprungbrett in den Rat genutzt wurde. Die angedachte Kontrollfunktion hielt sich daher auch hier eher in Grenzen.

Um sich die Bedeutung der Stadt Darmstadt im 14. und 15. Jahrhundert klar zu machen, muss man sich die Grafschaft Katzenelnbogen vor Augen führen. Die Grafschaft war in zwei große, für damalige Verhältnisse weit voneinander entfernte Teile getrennt. Da war zum einen die Untergrafschaft nördlich des Mains im Westen Hessens und Osten von Rheinland-Pfalz, beiderseits des Rheins gelegen, und die Obergrafschaft südlich des Mains rund um Darmstadt. Dieses vom Kerngebiet der Katzelnbogener weit entfernte Gebiet wurde durch den Bau der Wasserburg und vor allem der Stadtrechtsverleihung von Darmstadt dominiert. Damit war Darmstadt im Prinzip Provinzhauptstadt, offiziell Nebenresidenz.

Am 24. Februar 1422 war Darmstadt dann sogar der gesellschaftliche Mittelpunkt des ganzen Reiches, als Graf Philipp der Ältere Gräfin Anna von Württemberg in einer der aufwändigsten Hochzeiten der ganzen Epoche ehelichte. Wie bedeutend diese Hochzeit war, mag man an der Mitgift der Braut festmachen: diese war achtmal so hoch wie zu dieser Zeit für solch eine Hochzeit üblich. 1456 ließ sich Philipp wieder scheiden, just in dem Jahr, in dem auch sein zweiter Sohn starb, was Philipp ohne Erbe dastehen ließ, woran auch eine im hohen Alter von 72 Jahren noch eiligst nur zum Zwecke der "Produktion" eines Erben geschlossene Ehe nichts mehr änderte. Mit seinem Tod 1479 starben die Katzenelnbogener Grafen aus und ihr Erbe, einschließlich Darmstadt fiel an die Landgrafen von Hessen.

Darmstadt wird hessisch

Für Darmstadt war dieser Machtwechsel eine Katastrophe. Der stetige Aufstieg seit der Machtübernahme der Katzenelnbogener wurde damit auf einmal gestoppt. Das hessische Machtzentrum lag bei Kassel. Darmstadt fand sich an die äußerste Peripherie der Herrschaft verbannt, politisch und kulturell abgeschnitten.

In der Folge stagnierte Darmstadt, konnte sich aber gleichzeitig gegen die konkurrierenden Städte in der unmittelbaren Umgebung behaupten, da diese ebenso vom hessischen Machtzentrum abgeschnitten waren wie Darmstadt und damit dieselben Probleme hatten. Man war am Arsch der Welt gelandet, aber dort immerhin der Chef. Zudem bestätigte Landgraf Wilhelm III. am 14. August 1489 sämtliche Privilegien der Stadt Darmstadt. Dies mag wie eine Selbstverständlichkeit klingen, war aber von enormer Bedeutung, denn ausweislich der Stadtrechtsurkunde von 1330 waren die Privilegien direkt an den herrschenden Grafen gebunden. Mit der Bestätigung der Privilegien gegenüber dem Rat der Stadt gewann Darmstadt ein enormes Maß an Unabhängigkeit. Die Bedeutung Darmstadts als wirtschaftliches Zentrum der Region war der Stadt damit nicht mehr zu nehmen.

Im Gegenzug quetschten die neuen Kasseler Herrscher die Stadt aber auch aus wie eine Zitrone. Politisch und strategisch bedeungslos nutzte man die Ressourcen der Stadt als Sicherheit gegenüber Schuldnern. Wenn die Landgrafschaft dann in finanzielle Not geriet, war Darmstadt eine der ersten Städte, die von höheren Abgaben betroffen war. Gleichzeitig wurden auf dem Stadtgebiet gelegene Güter genutzt, um landgräfliche Diener und Räte zu belohnen. Diese zahlten keine Steuern an die Stadt, was die finanzielle Lage weiter verschlechterte.

Der Aufstand der Ritter

Mit Regierungsantritt von Landgraf Philipp dem Großmütigen im Jahr 1518 stieg die Bedeutung Darmstadts wieder, was aber ironischerweise die Lage der Stadt zunächst nur noch weiter verschlimmerte. Noch im selben Jahr belagerte Franz von Sickingen im Zuge einer Fehde die Stadt. Von Sickingen war Reichsritter, was bedeutet, dass er einer Gruppe Adliger angehörte, deren Tage gezählt waren (weshalb er von manchen auch "der letzte Ritter" genannt wurde).

Die Macht der Ritter leitete sich direkt aus ihrer militärischen Bedeutung ab. Doch mit der Weiterwicklung von Waffen und Taktik sank diese Bedeutung der immer schwerfälliger werdenden Reiterheere. Und als ihre militärische Unverzichtbarkeit nicht mehr gegeben war, sank auch ihr politischer Einfluss. Die Städte gewannen an Macht und die Landesherren begannen ihre Gebiete zu einheitlichen Territorialstaaten zusammenzuziehen, was die hauptsätzlich aus kleinen Flickenteppichen bestehenden Herrschaften der Ritter bedrohte.

Franz von Sickingens Aufstand war ein letztes Aufbäumen dieses entmachteten Überbleibsel einer vergangenen Zeit. Seine Unternehmungen beriefen sich dabei auf das mittelalterliche Fehderecht, das allerdings seit der Einführung des Ewigen Landfriedens 1495 durch König, ab 1508 Kaiser Maximilian I. illegal war. Von Sickingens Fehden unterlagen keinem geltenden Recht und waren damit streng genommen eine Revolte, die trotz zeitweiser Ächtung durch den Kaiser aus politischen Gründen geduldet wurde.

Darmstadt hatte von Sickingen nicht viel entgegenzusetzen. Die Mauer war wehrtechnisch schon bei Fertigstellung überholt gewesen und die militärischen Einheiten der Verteidiger bestanden zum Teil selbst nach wie vor aus Rittern, die Sympathien für von Sickingens Fehde hegten. Die Brandschatzung und Entschädigungszahlungen, die Hessen daraufhin an von Sickingen zahlen musste, musste zu nicht unerheblichen Teilen von Darmstadt aufgebracht werden, was die ohnehin nicht gerade finanzstarke Stadt weiter belastete. Der Wiederaufbau des bei der Belagerung teilweise zerstörten Schlosses verschlang weitere Summen.

Für den Triumphator Franz von Sickingen ging die Geschichte aber auch keineswegs glücklich aus. Im Laufe der nächsten Jahre lag er so ziemlich mit jedem in Fehde, der nicht bei drei auf den Bäumen war. Damit machte er sich mehr und mehr mächtige Feinde, die ihn im April/Mai 1523 auf seiner Burg Nanstein stellten. Nach nur zwei Tagen Belagerung kapitulierte von Sickingen und erlag wenige Tage später einer während der Belagerung zugezogenen Verletzung. Sein Aufbegehren gegen die mächtigen Landesfürsten wurde später als das eines Art Robin Hood verklärt, der die entrechteten Ritter zu ihrem althergebrachten Recht verhelfen wollte. Tatsächlich war es aber nur der gewaltsame Aufstand gegen die anbrechende Neuzeit. Denn streng genommen gingen die Ritter nur als militärische Macht zugrunde. Ihre politische Macht, die Franz von Sickingen zu verteidigen behauptete, erhielten jene Ritter, die sich an die neue Zeit anpassten, noch bis zum Reichsdeputationshauptschluss 1803.

Reformation

Viel Zeit blieb Darmstadt nicht, um sich zu erholen. Zwar gingen die Bauernkriege 1525 relativ spurlos an der Stadt vorbei, doch die politische Lage hatte sich zugespitzt. Die Reformation hatte begonnen und Landgraf Philipp der Großmütige war einer der bedeutensten Landesherren, der sich für die protestantische Lehre entschieden hatte. Darmstadt war aber durch seine Lage vom hessischen Zentrum nahezu abgeschnitten und regelrecht umringt von katholischen Gebieten. Direkt vor der Stadt konnte sich mit den Rittern von Frankenstein noch über Jahre hinweg eine katholische Herrschaft halten. Noch heute kann man an der zur Ruine verfallenen Burg eine Inschrift aus dem Jahre 1528 erkennen: "Zu got stet min tru" (Zu Gott steht meine Treue), eine in Stein gemeiselte Kampfansage gegen die Reformation. Bis 1542 konnten die Ritter in Eberstadt, direkt vor der Nase von Darmstadt, die katholische Lehre behaupten. 16 Jahre länger als es in Darmstadt der Fall war.

Die neuen Zeiten brachten Darmstadt aber auch Vorteile, denn Philipp erkannte, dass gerade die exponierte Lage der Stadt ihm auch zu Nutze sein konnte. Vor allem angesichts der mächtigen Fürstentümer im Süden und Südwesten bot sich Darmstadt als Brückenkopf an, so dass in den 1530ern und 1540ern regelmäßig diplomatische Verhandlungen in Darmstadt stattfanden. Parallel dazu hatte Philipp die Infrastruktur erheblich verbessert, die Marktrechte von Darmstadt gefestigt und sogar noch erweitert und auch sonst nachhaltige Reformen durchgeführt. Doch als die Talsohle, die durch das Aussterben der Katzenelnbogener Grafen entstanden war, gerade überwunden schien, brach mit Ausbruch des Schmalkaldischen Krieges 1546 die nächste Katastrophe über Darmstadt herein.

Schmalkaldischer Krieg

Der Schmalkaldische Krieg wurde nach dem Schmalkaldischen Bund benannt. Dieser hatte sich 1531 als protestantisches Bündnis gegen den katholischen Kaiser Karl V. gebildet, der die Einführung der Reformation als illegal und als direkten Angriff auf seine kaiserliche Macht ansah. Die Eskalation des Konflikts war auf Dauer unvermeidlich, lediglich andere militärische Konflikte, vor allem mit Frankreich, hielten den Kaiser zunächst von einem Vorgehen gegen die Schmalkalder ab. Als der Kaiser mehr und mehr protestantische Fürsten überzeugen konnte, sich neutral zu verhalten, entschloss sich der Schmalkaldische Bund im Juli 1546 den sich ankündigenden Krieg selbst zu beginnen. Das nahm der Kaiser zum Anlass, die beiden mächtigsten Fürsten auf Seiten der Schmalkalder, Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen und Philipp von Hessen, zu ächten, was einer Kriminalisierung der beiden gleichkam und Druck auf bislang neutrale oder auf Seiten der Schmalkalder stehende Fürsten ausüben sollte, sich auf die Seite des Kaisers zu schlagen.

Unmittelbar danach marschierte der kaiserliche General Graf Maximilian von Büren in Hessen ein, wobei er sich zunächst auf die von Kassel aus kaum effektiv schützbare Obergrafschaft Katzenelnbogen mit Darmstadt konzentrierte. Landgraf Philipp gab die Anweisung, dass sich die Truppen der Obergrafschaft im Notfall nach Darmstadt zurückziehen sollten, doch der Oberamtmann Alexander von der Tann war von der Verteidigungsfähigkeit Darmstadts offenbar nicht überzeugt, nahm die Beine in die Hand und verschanzte sich auf der Festung Rüsselsheim. Darmstadt war seinem Schicksal überlassen und hatte den kaiserlichen Truppen nichts entgegen zu setzen.

Am 22. Dezember 1546 nahm von Büren die Stadt ein, ließ das Schloss niederbrennen und belegte die Stadt mit einer Brandschatzung, deren Summe die Wirtschaftskraft der Stadt bei weitem übertraf. Hinzu kamen weitere Zerstörungen und nicht zuletzt auch nicht wenige Todesopfer, so dass das leichte Wachstum der Stadt, das sich seit dem Regierungsantritt Philipps abgezeichnet hatte, schlagartig unterbrochen wurde.

Kriegsfolgen

Der Krieg verlief nicht gut für die Protestanten. Gegen Ende des Jahres 1546 ging dem Bund langsam das Geld aus. Außerdem stritten sich Landgraf Philipp und Kurfürst Johann Friedrich über das weitere Vorgehen, was zu einer uneinheitlichen Strategie führte, die die Schlagkraft der Schmalkalder weiter schwächte. Der Krieg zog sich noch einige Monate hin, doch eine echte Chance zur Wende bot sich zu keiner Zeit. Landgraf Philipp ergab sich dem Kaiser und wurde von diesem am 19. Juni 1547 gefangen genommen. Darmstadt fiel vorübergehend an Nassau-Dillenburg und hatte in dieser Zeit in erster Linie mit den Kriegsfolgen zu kämpfen.

Der Kaiser aber überschätzte seinen Erfolg, versuchte, den Protestantismus gänzlich abzuschaffen und seine Machtbefugnisse deutlich auszubauen. Dies sorgte für erneute Aufstände, an deren Ende nicht nur der Augsburger Religionsfrieden, der den Protestantismus endgültig legalisierte, sondern auch der totale Machtverlust des Kaisers stand, der 1556 abdanken musste. Bereits 1552 musste der Kaiser auf Druck seiner Gegner Landgraf Philipp aus der Gefangenschaft entlassen, wodurch auch Darmstadt zurück an Hessen fiel. Wie schwierig diese Jahre für Darmstadt waren, lässt sich auch daren sehen, dass erst jetzt, nach der Befreiung Philipps, mit dem Wiederaufbau des niedergebrannten Schlosses begonnen werden konnte. Der Rest der Stadt dürfte in diesen knapp sechs Jahren in nur geringfügig besseren Zustand gewesen sein. Von nun an erholte sich Darmstadt aber wieder. Nachdem der Landgrafensohn Ludwig IV. ab 1563 seinen Sitz in Darmstadt hatte, übertraf man bald sogar den Zustand, der vor dem Schmalkaldischen Krieg herrschte.

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