Geschichte Darmstadts Teil 2: Gründung Hessen-Darmstadts und 30-jähriger Krieg
Schwieriges Erbe
Der Tod von Landgraf Philipp 1567 markiert einen der wichtigsten Wendepunkte in der
Darmstädter Geschichte. Philipp war Vater von fast zwanzig Kindern aus zwei Ehen, von denen bei
seinem Tod immerhin noch 16 lebten. Erbstreitigkeiten schienen da kaum vermeidbar zu
sein. Philipp versuchte daher, das Erbrecht zu modernisieren und - entgegen der
Tradition - die Primogenitur einzuführen, also das Prinzip, dass der erstgeborene Sohn
alles erbt und der Rest dumm aus der Wäsche kuckt.
Doch von Anfang an muss er Bedenken gehabt haben, dass dies nach seinem Tod zu einem
Bürgerkrieg unter den Söhnen führen könnte. So hatte er in seinem Testament von 1536
seinem ältesten Sohn Wilhelm ausdrücklich die Befugnis erteilt, sein Erbe zu teilen und
Gebiete an seine Brüder abzutreten, falls er dies für notwendig hielt.
Schon drei Jahre später schien Philipp diese Regelung zu vage zu sein, um einen Erbkrieg
zu verhindern, und so wies er seinem zweiten Sohn Ludwig IV. die beiden Grafschaften
Katzenelnbogen als Erbe zu. Dann jedoch heiratete Philipp ein zweites Mal (ohne jedoch
von seiner ersten Frau geschieden worden zu sein) und bekam - zeitweise parallel -
weiter erbberechtigte Kinder mit beiden seiner Frauen.
Am Ende regelte Philipp es 1562 endgültig so, dass die vier Söhne, die er mit seiner
ersten Frau hatte, die Landgrafschaft in einer Art Tetrachie regieren sollten, während
die immerhin sieben Söhne aus seiner zweiten Ehe mit nur einzelnen kleinen Ämtern ohne
große Bedeutung abgespeist wurden. Im Gegensatz zu den vier Söhnen aus erster Ehe erbten
sie auch den Landgrafen-Titel nicht, sondern lediglich den nahezu bedeutungslosen Titel
"Graf von Diez". Der Grund für diese deutliche Ungleichbehandlung lag zum Teil an der
Illegitimität seiner zweiten Ehe, hauptsächlich aber wohl daran, dass Philipps ältester
Sohn Wilhelm mehrfach deutlich machte, dass es für ihn in keiner Weise akzeptabel war,
mit seinen Halbbrüdern zu teilen. Abfällig nannte er sie nur "Ismaeliten", nach der
biblischen Figur des Ismael, ein Sohn Abrahams, den dieser nicht mit seiner Frau,
sondern mit einer Sklavin gezeugt hatte.
Zunächst schien Philipp damit die Spaltung seines Landes verhindern zu können. Trotzdem
Wilhelm zunächst wohl mit dem Gedanken spielte, sich das gesamte Land anzueignen,
einigte er sich doch schnell mit seinen drei Brüdern und ersparte dem Land damit einen
sinnlosen Bürgerkrieg. Über mehrere Jahrzehnte hinweg unterhielten die vier Teilreiche
zusammen übergeordnete Institutionen und trafen sich zu gemeinsamen Landtagen, um die
politische Richtung aufeinander abzustimmen. In vielerlei Hinsicht war es zunächst
tatsächlich eine Tetrachie. Aber schon mit den Nachfolgern der Brüder war die ruhige
Zeit vorbei und am Ende fiel man in Scharmützeln und blutigen Kriegen übereinander her.
Darmstadt wird Residenzstadt
Georg I. war gerade 20 Jahre alt, als ihm 1567 die Obergrafschaft Katzenelnbogen
übertragen wurde. Obwohl er sich selbst, wie auch seine drei Brüder, noch als "Landgraf
zu Hessen" sah, wertet man ihn heute als den ersten Landgrafen und damit den
Dynastiegründer der Seitenlinie Hessen-Darmstadt, da er Darmstadt zu seiner Residenz
wählte.
Mit Georg begann eine völlig neue Zeit in der Stadt. Allein sein Hofstaat erhöhte die
Einwohnerzahl enorm, was die Machtverhältnisse zu Ungunsten der Stadt verschob. Das
Schloss war trotz aller Aufbaubemühungen der letzten Jahre in einem katastrophalen
Zustand. Einer Anekdote zufolge musste sich der junge Fürst sogar Geschirr und Möbel
(darunter Tische, Betten und Bänke) von seinen Untertanen borgen, als er einzog.
Unter diesen Voraussetzungen hat Georg Enormes geleistet. Der Renaissance-Abschnitt, der
heute noch den Innenhof des Schlosses prägt, entstand genauso unter seiner Leitung wie
eine Gartenanlage, aus der sich später der Herrngarten entwickeln sollte, und die später
sogenannte alte Vorstadt, mit der die Stadt erstmals die Grenzen der mittelalterlichen
Mauer durchbrach. Auch der Marktplatz erhielt unter Georg seine noch heute vorhandene
Form, wenn auch das von Georg geplante Rathaus (der heutige Ratskeller) erst durch sein
Sohn Ludwig V. realisiert werden konnte. Der Woog wurde ebenfalls unter Georg angelegt, außerdem ließ er das ebenfalls heute noch existierende Jagdschloss Kranichstein errichten.
Er gab der Wirtschaft neue Impulse, modernisierte das Rechtssystem und die Verwaltung,
begann mit der Wandlung zu einem Territorialstaat, sanierte die Finanzen, reformierte
das Militär und vemehrte die Besitztümer des Landes in kleinen, aber sehr effektiven
Schritten. Außerdem legte er die Grundlage für ein modernes Schulsystems mit einer
nahezu flächendeckenden Versorgung.
Das Leben unter Georg I.
Neben diesen positiven Entwicklungen entpuppte sich Georg auf der anderen Seite aber
auch als echte Spaßbremse. Nicht umsonst gab man ihm den Beinamen "der Fromme".
Getreu seinem Motto "Lasset es alles züchtiglich und ordentlich zugehen" verbot der für seinen Jähzorn berüchtigte Herrscher
seinen Untertanen unter Strafe alles, was irgendwie nach Spaß aussah: volkstümliche
Feierlichkeiten zu Fastnacht, Walpurgis und Pfingsten, zum Beispiel. Oder Sonntagstänze,
vor allem bei Nacht, warum auch immer. Zu Hochzeiten dagegen durfte getanzt werden,
allerdings nur "ziemlich" und natürlich auch nicht bei Nacht. Außerdem war ausdrücklich
verboten, sich beim Tanzen "abzustoßen" oder gar den Partner/die Partnerin
"herumzuwerfen", kein Rock'n'Roll also. Um die Einhaltung dieser
Verhaltensregeln zu gewährleisten, schickte der Landgraf seine Beamte auf Hochzeiten,
damit diese überprüften, dass niemand unzüchtig tanzte und beim Anbruch der Dunkelheit
Schluss war. Prinzip Stasi.
Noch schwerer hatten es Georgs Höflinge. Die Tischordnung zu Hofe als Pedanterie zu
bezeichnen, wäre noch untertrieben, Zwanghaftigkeit trifft es eher. Bis ins kleinste
Detail war festgelegt, wie man sich zu Tisch zu verhalten hatte: genau acht Personen
mussten immer an einem Tisch sitzen. Wenn neun Leute etwas essen wollten, hatte einer
Pech gehabt und musste gehen. Wenn nur sieben Leute etwas essen wollten, hatten sie alle
Pech gehabt. Wer zu spät kam, hatte Pech gehabt. Fehlte er damit an einem Tisch, hatten
seine sieben Tischgenossen ebenfalls Pech gehabt. Wie das in der Praxis funktioniert
haben soll, ist nicht nachvollziehbar. Schon allein, dass die Anzahl der zur Essenszeit
anwesenden Höflingen immer ein Vielfaches von 8 war, dürfte eher unwahrscheinlich sein.
Ein Wunder, dass niemand an den Folgen dieser Hofordnung verhungert ist.
Fairerweise muss man aber erwähnen, dass es auch unter Georg I. nicht immer so trist
zuging. Turniere, Maskeraden, Würfelspiele und Theateraufführungen sind in seiner
Regierungszeit vielfach nachweisbar. Bei einer dieser Theateraufführungen spielte sogar
sein neunjähriger Sohn, der spätere Landgraf Ludwig V., mit.
Auf der positiven Seite ist weiterhin zu werten, dass es Georg gelang, während seiner
gesamten Regierungszeit die Stadt von kriegerischen Konflikten fernzuhalten. Zwar
entstanden immer wieder Schäden durch Truppendurchmärsche, was aber kaum ins Gewicht
fiel. Auf der anderen Seite wird durch diese Truppendurchmärsche die strategische
Bedeutung von Hessen-Darmstadt deutlich. An Kampfhandlungen war Georg niemals beteiligt,
was dem wirtschaftlichen Aufschwung seines kleinen Reiches sehr zugute kam.
Der Stadtrat entwickelt sich
Spätestens in den 1580ern setzte sich dann, wohl als Gegenpol zum machtpolitischen
Ungleichgewicht seit dem Amtsantritt Georgs, der Stadtrat endgültig als Verwaltungsorgan
gegenüber dem Schöffengericht durch. Einer politische Revolution kam das aber nicht
gleich. Im Gegenteil: die Entwicklung des bürgerlichen Stadtrats als Emanzipierung vom
gräflichen Schöffengericht entbehrt nicht einer gewissen Ironie, waren doch beide
Gremien mit exakt denselben Leuten besetzt. Nur den Vorsitz führte jeweils ein anderer
(der Schultheiß im Schöffengericht, der Bürgermeister im Stadtrat). Jedes dieser beiden
Gremien nutzte zudem ein eigenes Gebäude, das Schöffengericht den Schultheißbau im
Oberdorf, der Stadtrat das Rathaus am Marktplatz.
Man stelle sich nur einmal die Szene
vor, wenn beide Gremien am selben Tag eine Sitzung hatten, wie diese vierzehn
Großkopferten ihr Palaver im Rathaus unterbrachen, unter großem Tammtamm quer durch die
Stadt zogen, durch enge Gassen, in denen sie nur hintereinander laufen konnten und mit
ihren wichtigen Hüten auf dem Kopf ausgesehen haben mussten wie die sieben Zwerge (und
das im Doppelpack!), bis sie schließlich beim Schultheißbau ankamen, um dort dann
weiterzupalavern...
Zugegeben, wahrscheinlich hat so eine Szene nie stattgefunden, aus dem einfachen Grund,
dass Sitzungen des Stadtrats und des Schöffengerichts vermutlich nie am selben Tag
angesetzt worden waren. Aber dieses kleine Gedankenspiel macht deutlich, wie sehr die
formale Macht in der Stadt auf dem Rücken weniger Personen ruhte.
Hexenverfolgung
Ebenfalls in diese Zeit fallen auch die einzigen in Darmstadt nachweisbaren
Hexenverfolgungen. Schon 1575 hatte sich Georg über die sich vor allem unter Frauen
immer weiter ausbreitende Zauberei beklagt und seine Beamten angewiesen, jedem Gerücht
diesbezüglich genau nachzugehen. 1582 eskalierte die Situation dann. Mindestens 18 Opfer,
darunter zwei Minderjährige gab es 1582, mindestens 19 weitere Opfer sind bis 1590 zu
beklagen. Gut möglich ist zudem, dass die Dokumente hierzu nicht vollständig erhalten
sind.
Die Hysterie in der Bevölkerung muss groß gewesen sein, allerdings spricht vieles
dafür, dass es ohne Georgs rigide Moralvorstellungen und ohne seine übersteigerte
Frömmigkeit keine Hexenverfolgung in Hessen-Darmstadt gegeben hätte. Seine Angst,
nicht zu wissen, was bei nächtlichen Tänzen so alles geschah, wird durch einen
Briefwechsel mit seinem Bruder Wilhelm IV. von Hessen-Kassel deutlich. Trotzdem Wilhelm
versuchte, seinen Bruder zu mäßigen, ließ dieser keinen Zweifel daran, dass er Hexerei
für real hielt und er keine andere Wahl hatte, als diese auf das Schärfste zu bekämpfen.
Er glaubte wirklich, es gäbe eine Hexensekte, die sich heimlich zusammenrottete und mit
ihrem gotteslästerlichen Tun die Endzeit heranbrechen ließ.
Kaum ebbten die Hexenprozesse ab, suchte die Pest Darmstadt heim. Nachdem bereits vorher
immer wieder Seuchen, teilweise wohl auch aufgrund der schlechten hygienischen Zuständen in
der Stadt, ausgebrochen waren, starben während dem Höhepunkt der Seuche 1596/97 mehr als
200 Einwohner. Bereits vorher war Georg am 7. Februar 1596 an einem
Schlaganfall gestorben.
Ludwig V.
Unter seinem Sohn und Nachfolger Ludwig V. änderte sich zunächst nicht viel. Die
begonnenen Bauprojekte und den Ausbau der Stadt führte Ludwig im Sinne seines Vaters
fort und stärkte Darmstadt als Wirtschaftsmittelpunkt des Landes.
Die Tatsache, dass er sich Ludwig V. nannte, also die
gesamthessische Zählung fortsetzte, macht deutlich, dass er an der Vorstellung eines
einheitlichen Hessens festhielt. Hätte er Hessen-Darmstadt als von den übrigen
hessischen Gebieten getrenntes Territorium angesehen, hätte er sich wohl Ludwig I.
genannt.
Hexen wurden zwar (soweit wir wissen) keine mehr verbrannt, die aus der Zeit der
Hexenverfolgung bekannten unverhältnismäßig harten Strafen für Frauen blieben jedoch erhalten.
So ist ein Fall bekannt, in dem eine junge Frau wegen "Blutschande" und "Ehebruch"
hingerichtet wurde, nachdem sie sich einmal quer durch die Nachbarschaft geschlafen
haben soll, unter ihren Liebhabern auch nahe Verwandte. Die beteiligten Männer jedoch, nicht weniger verheiratet und nahe verwandt mit der jungen Frau wie diese mit ihnen, kamen ohne
nennenswerte Strafen davon.
Auch der Scheiterhaufen war noch längst nicht abgeschafft. Der Goldschmied Georg
Sauermilch, der ohnehin in der Stadt alles andere als beliebt gewesen zu sein scheint,
wurde 1603 wegen Falschmünzerei verbrannt. Nicht immer lief alles glatt bei solchen Hinrichtungen: „Der Scharfrichter tat drei Hiebe“, heißt es anlässlich einer Enthauptung aus dem Jahr 1654. Die ersten beiden hatte der Delinquent offenbar überlebt.
Auch ansonsten war Ludwigs Führungsstil dem seines Vaters sehr ähnlich. Er ließ bis ins Detail den Ablauf von Hochzeitsfeierlichkeiten regeln, einschließlich der Anzahl der Gästen, Mahlzeiten und Geschenke. Kinder waren verboten. Damit sich daran gehalten wurde, wurde von der Obrigkeit „redliche Personen“ zu den Feierlichkeiten geschickt, die verköstigt werden mussten und jegliche Verstöße meldeten.
Ein Wendepunkt trat am 9. Oktober 1604 ein. An diesem Tag starb Ludwig IV. von
Hessen-Marburg. In seinem Testament bestimmte er, dass sein Territorium zu gleichen
Teilen an seine beiden Neffen Ludwig V. von Hessen-Darmstadt und Moritz von Hessen-
Kassel gehen sollte. Anders als das bereits 1583 aus gleichen Gründen aufgeteilte vierte
Teilreich Hessens (Hessen-Rheinfels) akzeptierten die beiden Erben die testamentarischen
Bedingungen nicht. Ludwig V. verlangte 3/4 des Erbes und Moritz ersetzte 1605 entgegen
einer ausdrücklichen testamentarischen Verfügung in seinem Teil des ehemaligen Hessen-Marburg die lutherische Konfession durch die calvinistische. Damit gab er dem
Darmstädter Landgraf einen Vorwand das gesamte Erbe seines Vetters anzufechten.
Dreißigjähriger Krieg
Als 1618 der Dreißigjährige Krieg ausbrach, versuchte Ludwig sich durch Neutralität aus
der ganzen Sache herauszuhalten, was ihm für einige Jahre sogar gelang.
Bald schon zeigte sich aber, dass der Konflikt zu gewaltig war, um dauerhaft neutral zu
bleiben. Teils um sein Territorium zu schützen, teils um einen mächtigen Verbündeten
gegen seinen Vetter zu haben, schlug sich Ludwig auf die Seite des Kaisers. Dass sich der
eigentlich protestantische Landgraf mit dem katholischen Kaiser verbündete, ist weniger
verwunderlich, als es im ersten Moment erscheint. Zum einen war die Landgrafschaft vom
mächtigen katholischen Kurmainz regelrecht umzingelt und hatte wenig Interesse, einen so
mächtigen Feind direkt vor der Haustür zu haben, zum anderen ist es ein grundlegendes
Missverständnis, die Ursachen des Dreißigjährigen Krieg auf die unterschiedlichen
Konfessionen der Kriegsparteien zu reduzieren. Der Krieg war ein Machtkampf zwischen den
Feudalstaaten, die sich auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen befanden. Dass auf
einer Seite hauptsächlich Protestanten und auf der anderen hauptsächlich Katholiken
standen, war keine Ursache, sondern Folge des Konflikts.
Für Ludwig V. dürfte der Erbstreit mit Hessen-Kassel der Hauptgrund gewesen sein, sich
für die Seite des Kaisers zu entscheiden.
Ernst von Mansfeld greift Darmstadt an
Die ersten Folgen des Krieges war 1622 der Einfall des Grafen Ernst von Mansfeld, der in
Dienste des Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz stand, einem der Hauptgegner des
Kaisers, dessen Annahme der böhmischen Königswürde einer der Gründe für den Ausbruch des
Krieges war.
Sein Heerführer Mansfeld verwüstete und plünderte die Landgrafschaft, die ihm
militärisch wenig entgegenzusetzen hatte. Der Landgraf geriet sogar für mehrere Wochen
in Gefangenschaft, bis ihn Graf von Tilly, der Heerführer der Katholischen Liga,
befreien konnte. Nicht nur deshalb zahlte sich Ludwigs Unterstützung des Kaisers
(weshalb er später den Beinamen "der Getreue" bekommen sollte) jetzt aus: im Streit um
das Marburger Erbe entschied der Reichshofrat nun (alles andere als unparteiisch)
zugunsten des Darmstädter Landgrafen, dem das gesamte Erbe zugesprochen wurde.
Gleichzeitig beruhigte sich die politische Lage bzw. die Kriegsgeschehen
verlagerten sich in andere Regionen und man konnte beinahe von Friedenszeiten in
Darmstadt sprechen. Lediglich der relativ frühe Tod des Landgrafen am 27. Juli 1626
stellte einen Einschnitt dar.
Vor allem die wirtschaftlichen Folgen des Krieges lasteten aber weiterhin schwer auf der
Stadt und so war eine der ersten Amtshandlungen des neuen Landgrafen Georg II., die von
den Bürgern als lästige Konkurrenz empfundenen Juden des Landes zu verweisen.
Doch die
Juden wehrten sich, klagten vor dem Reichskammergericht auf Erhaltung ihres
Rechtsstandes und bekamen Recht. Da Georg II. auf den Schutz des Kaisers angewiesen war,
vor allem auch in Hinsicht auf seine Ansprüche auf das Marburger Erbe, musste er sich
diesem Urteilsspruch beugen, was für nicht unerhebliche Empörung in der Darmstädter
Bürgerschaft sorgte.
Dass es in diesen Jahren der Stadt aber insgesamt relativ gut ging (in Anbetracht des
tobenden Krieges), zeigt sich auch an einer regen Bautätigkeit, dessen bedeutendes
Ergebnis der neue Kirchturm der Stadtkirche war, der bis zur Zerstörung der Stadt im
zweiten Weltkrieg Bestand haben sollte.
Die Schweden kommen...
Ab 1630 nahm der Krieg wieder an Fahrt auf. Vor allem der Kriegseintritt des
schwedischen Königs Gustav Adolf bedeutete eine unmittelbar gesteigerte Bedrohung auch
für Darmstadt. Georg II. hatte aus der Gefangenschaft seines Vaters gelernt und verließ
das faktisch nicht verteidigungsfähige Darmstadt, um sich im weit besser geschützten
Gießen zu verschanzen. Ende 1631 musste der Landgraf den Schweden die Festung
Rüsselsheim öffnen. Von diesem Zeitpunkt an war das Gebiet um Darmstadt faktisch von den
Schweden besetzt, Plünderungen inbegriffen. Im Winter 1632/33 brach zu allem Überfluss
auch noch die Pest aus.
...und die Franzosen
Der Krieg ging derweil in eine neue Phase über. Die protestantischen Reichsstände
schlossen Frieden mit dem Kaiser und isolierten die Schweden dadurch. Diese wiederum
reagierten auf die neue Situation mit einem Bündnis mit den Franzosen. Die kaiserlichen
Truppen marschierten in Hessen-Darmstadt ein und wollten die Schweden vertreiben, doch
dem Einmarsch der Franzosen, die Darmstadt im Januar 1635 besetzten, konnten die
Kaiserlichen nichts entgegensetzen. Die Truppenführer der Franzosen zogen in die
landgräflichen Gemächer des Schlosses ein. Die umgebenden Dörfer wurden teilweise
niedergebrannt. Eine Versorgung der vielen Menschen war praktisch nicht möglich. Um
nicht zu erfrieren, verheizten die Schweden und Franzosen alles, was irgendwie
aus Holz war, einschließlich Weinpfähle und Fensterläden. Aus Büttelborn drangen
Gerüchte über Kannibalismus unter den Schweden nach Darmstadt und sorgten für Misstrauen
und Panik. Wahrscheinlich war an den Gerüchten nichts dran, aber dennoch hatten die
Befehlshaber längst die Kontrolle über ihre Truppen verloren. Brandschatzungen, Raub,
Plünderungen, Vergewaltigungen, Misshandlungen, Mord, die ganze Palette menschlicher
Abscheulichkeiten musste die Bevölkerung erdulden.
Am 13. Februar 1635 zogen die Franzosen und Schweden ab. Welch Verwüstungen sie
zurückließen, lässt sich vielleicht daran versinnbildlichen, dass nach ihrem Abzug etwa
500 Tierkadaver vor den Stadttoren verrotteten. An Stelle der Schweden und Franzosen
traten kaiserliche Truppen. Wer nun aber glaubte, dass nun ja keine Besatzer, sondern
Verbündete in ihrem Land waren, hatte zwar formal recht, im praktischen Alltag bedeutete
es jedoch keinen Unterschied. Die Truppen mussten versorgt werden und schikanierten zum
Dank die Bevölkerung.
Pest
Schließlich kam auch noch die Pest zurück. Schon im Februar 1635 wird von etwa 600
Toten berichtet, die seit Jahresbeginn in der Stadt an der Seuche gestorben waren.
Danach stieg die Sterberate noch an. Im März waren über hundert Häuser verwaist. Ende
dieses Monats starb der letzte Arzt, der noch in der Stadt war. Frankfurt und Mainz
verweigerten Hilfe. Darmstadt war der Seuche mit all ihren Folgen ausgeliefert. Für die
fromme Bevölkerung musste es das sichere Anzeichen für das Ende der Welt sein.
Am Ende starben 2.200 Menschen. Durch die vielen anwesenden Soldaten und Menschen, die
aus den umliegenden Dörfern in die Stadt gekommen waren, weil sie glaubten, dort
sicherer zu sein, ist nicht klar, welcher Prozentsatz der Bevölkerung diese Opferzahl
entsprach, weil sich viel mehr Menschen innerhalb der Stadtmauern befand, als sie
eigentlich bewohnten. Die Einwohnerzahl dürfte sich aber innerhalb eines dreiviertel
Jahres halbiert haben.
In den nächsten Jahren entspannte sich die Lage langsam wieder. Viele Schäden waren zwar
nur notdürftig zu beseitigen und Truppendurchzüge sorgten für neue Schäden, aber alles
in allem begann sich das Leben einigermaßen zu normalisieren. Neid und Missgunst waren
jedoch nach wie vor an der Tagesordnung. So war eine der Haupttätigkeit der Bürgerschaft,
Wege zu finden, um die aus dem Umland in die Stadt geflohenen Bewohner wieder
loszuwerden, sprich zu vertreiben.
Ende des Krieges
Der Krieg neigte sich langsam dem Ende zu, als die Kasseler Landgräfin Amalie Elisabeth,
die mit den Schweden und den Franzosen verbündet war, die geschwächte Landgrafschaft
Hessen-Darmstadt angriff, um sich des Marburger Erbes zu bemächtigen. Im Januar 1646
nahm Hessen-Kassel Marburg ein und hatte damit die Auseinandersetzung für sich entschieden, auch wenn es erst im April 1648 zu einem Frieden zwischen den
beiden hessischen Staaten kam. Landgraf Georg II. musste endgültig auf die Hälfte der
einstigen Landgrafschaft Hessen-Marburg verzichten. Darmstadt selbst hatte nach wie vor
an unzähligen Truppendurchmärschen, Einquartierungen und Brandschatzungen zu leiden.
Dabei war die Stadt längst zahlungsunfähig.
Der Krieg dagegen war nun endgültig zu Ende und schon im Spätsommer, noch vor dem
endgültigen Friedensschluss kehrte Georg II. mit seinem Hofstaat aus Gießen nach
Darmstadt zurück.
Die Nachkriegszeit war durch Wiederaufbau und Konsolidierungen bestimmt. Kleinkarierte
Streitigkeiten, Neid und Missgunst entluden sich wieder an Juden und den nach wie vor
zahlreich in der Stadt vorhandenen "Nicht-Bürgern", also Dorfbewohnern aus dem Umland,
die im Laufe des Krieges innerhalb der Stadtmauern Schutz gesucht hatten und wohl
mittlerweile das Stadtleben dem Dorf vorzogen. Doch nicht nur mit diesen, in der
Hierarchie unter ihnen Stehenden legten sich die streitbaren Bürger und der noch
streitbarere Stadtrat an. Immer wieder war gerade der Landgraf und sein Hofstaat im
Kreuzfeuer der Kritik, nicht immer zu Unrecht.
Über viele Jahre hinweg stritt man sich - ganz so, als hätte man sonst keine Probleme -
um ein Waldstück, das einst der Stadt gehörte und das nun der Landgraf (oder wohl eher
seine Ehefrau) für sich beanspruchte. Damit verstieß er wohl gegen geltendes Recht, doch
seine Herrschaft begann sich in kleinen, aber stetigen Schritten in Richtung
Absolutismus zu entwickeln. Der kleinliche Streit um das Stück Wald im Nordosten
Darmstadts überdauerte die Regierungszeit Georgs II. und kam mit einigen Unterbrechungen
regelmäßig wieder hoch. An dieses umstrittene Waldstück erinnert heute noch die
Heinheimer Straße, deren Name nicht etwa - wie früher einmal angenommen wurde - auf ein
verschwundenes Dorf namens Heinheim zurückgeht, sondern der sich aus dem Wort Hainum,
Hainumb oder auch Hainheim entwickelt hat, wie jenes Waldstück genannt wurde (wohl vom
mittelalterlichen Wort Hain für ein von menschlicher Hand geflegtes Waldstück oder von
den dort zahlreich vorhandenen Hainbuchen abgeleitet).
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