*Geschichte Darmstadts
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Geschichte Darmstadts


Teil 2: Gründung Hessen-Darmstadts und 30-jähriger Krieg


Schwieriges Erbe

Der Tod von Landgraf Philipp 1567 markiert einen der wichtigsten Wendepunkte in der Darmstädter Geschichte. Philipp war Vater von fast zwanzig Kindern aus zwei Ehen, von denen bei seinem Tod immerhin noch 16 lebten. Erbstreitigkeiten schienen da kaum vermeidbar zu sein. Philipp versuchte daher, das Erbrecht zu modernisieren und - entgegen der Tradition - die Primogenitur einzuführen, also das Prinzip, dass der erstgeborene Sohn alles erbt und der Rest dumm aus der Wäsche kuckt.

Doch von Anfang an muss er Bedenken gehabt haben, dass dies nach seinem Tod zu einem Bürgerkrieg unter den Söhnen führen könnte. So hatte er in seinem Testament von 1536 seinem ältesten Sohn Wilhelm ausdrücklich die Befugnis erteilt, sein Erbe zu teilen und Gebiete an seine Brüder abzutreten, falls er dies für notwendig hielt.

Schon drei Jahre später schien Philipp diese Regelung zu vage zu sein, um einen Erbkrieg zu verhindern, und so wies er seinem zweiten Sohn Ludwig IV. die beiden Grafschaften Katzenelnbogen als Erbe zu. Dann jedoch heiratete Philipp ein zweites Mal (ohne jedoch von seiner ersten Frau geschieden worden zu sein) und bekam - zeitweise parallel - weiter erbberechtigte Kinder mit beiden seiner Frauen.

Am Ende regelte Philipp es 1562 endgültig so, dass die vier Söhne, die er mit seiner ersten Frau hatte, die Landgrafschaft in einer Art Tetrachie regieren sollten, während die immerhin sieben Söhne aus seiner zweiten Ehe mit nur einzelnen kleinen Ämtern ohne große Bedeutung abgespeist wurden. Im Gegensatz zu den vier Söhnen aus erster Ehe erbten sie auch den Landgrafen-Titel nicht, sondern lediglich den nahezu bedeutungslosen Titel "Graf von Diez". Der Grund für diese deutliche Ungleichbehandlung lag zum Teil an der Illegitimität seiner zweiten Ehe, hauptsächlich aber wohl daran, dass Philipps ältester Sohn Wilhelm mehrfach deutlich machte, dass es für ihn in keiner Weise akzeptabel war, mit seinen Halbbrüdern zu teilen. Abfällig nannte er sie nur "Ismaeliten", nach der biblischen Figur des Ismael, ein Sohn Abrahams, den dieser nicht mit seiner Frau, sondern mit einer Sklavin gezeugt hatte.

Zunächst schien Philipp damit die Spaltung seines Landes verhindern zu können. Trotzdem Wilhelm zunächst wohl mit dem Gedanken spielte, sich das gesamte Land anzueignen, einigte er sich doch schnell mit seinen drei Brüdern und ersparte dem Land damit einen sinnlosen Bürgerkrieg. Über mehrere Jahrzehnte hinweg unterhielten die vier Teilreiche zusammen übergeordnete Institutionen und trafen sich zu gemeinsamen Landtagen, um die politische Richtung aufeinander abzustimmen. In vielerlei Hinsicht war es zunächst tatsächlich eine Tetrachie. Aber schon mit den Nachfolgern der Brüder war die ruhige Zeit vorbei und am Ende fiel man in Scharmützeln und blutigen Kriegen übereinander her.

Darmstadt wird Residenzstadt

Georg I. war gerade 20 Jahre alt, als ihm 1567 die Obergrafschaft Katzenelnbogen übertragen wurde. Obwohl er sich selbst, wie auch seine drei Brüder, noch als "Landgraf zu Hessen" sah, wertet man ihn heute als den ersten Landgrafen und damit den Dynastiegründer der Seitenlinie Hessen-Darmstadt, da er Darmstadt zu seiner Residenz wählte.

Mit Georg begann eine völlig neue Zeit in der Stadt. Allein sein Hofstaat erhöhte die Einwohnerzahl enorm, was die Machtverhältnisse zu Ungunsten der Stadt verschob. Das Schloss war trotz aller Aufbaubemühungen der letzten Jahre in einem katastrophalen Zustand. Einer Anekdote zufolge musste sich der junge Fürst sogar Geschirr und Möbel (darunter Tische, Betten und Bänke) von seinen Untertanen borgen, als er einzog.

Unter diesen Voraussetzungen hat Georg Enormes geleistet. Der Renaissance-Abschnitt, der heute noch den Innenhof des Schlosses prägt, entstand genauso unter seiner Leitung wie eine Gartenanlage, aus der sich später der Herrngarten entwickeln sollte, und die später sogenannte alte Vorstadt, mit der die Stadt erstmals die Grenzen der mittelalterlichen Mauer durchbrach. Auch der Marktplatz erhielt unter Georg seine noch heute vorhandene Form, wenn auch das von Georg geplante Rathaus (der heutige Ratskeller) erst durch sein Sohn Ludwig V. realisiert werden konnte. Der Woog wurde ebenfalls unter Georg angelegt, außerdem ließ er das ebenfalls heute noch existierende Jagdschloss Kranichstein errichten.

Er gab der Wirtschaft neue Impulse, modernisierte das Rechtssystem und die Verwaltung, begann mit der Wandlung zu einem Territorialstaat, sanierte die Finanzen, reformierte das Militär und vemehrte die Besitztümer des Landes in kleinen, aber sehr effektiven Schritten. Außerdem legte er die Grundlage für ein modernes Schulsystems mit einer nahezu flächendeckenden Versorgung.

Das Leben unter Georg I.

Neben diesen positiven Entwicklungen entpuppte sich Georg auf der anderen Seite aber auch als echte Spaßbremse. Nicht umsonst gab man ihm den Beinamen "der Fromme". Getreu seinem Motto "Lasset es alles züchtiglich und ordentlich zugehen" verbot der für seinen Jähzorn berüchtigte Herrscher seinen Untertanen unter Strafe alles, was irgendwie nach Spaß aussah: volkstümliche Feierlichkeiten zu Fastnacht, Walpurgis und Pfingsten, zum Beispiel. Oder Sonntagstänze, vor allem bei Nacht, warum auch immer. Zu Hochzeiten dagegen durfte getanzt werden, allerdings nur "ziemlich" und natürlich auch nicht bei Nacht. Außerdem war ausdrücklich verboten, sich beim Tanzen "abzustoßen" oder gar den Partner/die Partnerin "herumzuwerfen", kein Rock'n'Roll also. Um die Einhaltung dieser Verhaltensregeln zu gewährleisten, schickte der Landgraf seine Beamte auf Hochzeiten, damit diese überprüften, dass niemand unzüchtig tanzte und beim Anbruch der Dunkelheit Schluss war. Prinzip Stasi.

Noch schwerer hatten es Georgs Höflinge. Die Tischordnung zu Hofe als Pedanterie zu bezeichnen, wäre noch untertrieben, Zwanghaftigkeit trifft es eher. Bis ins kleinste Detail war festgelegt, wie man sich zu Tisch zu verhalten hatte: genau acht Personen mussten immer an einem Tisch sitzen. Wenn neun Leute etwas essen wollten, hatte einer Pech gehabt und musste gehen. Wenn nur sieben Leute etwas essen wollten, hatten sie alle Pech gehabt. Wer zu spät kam, hatte Pech gehabt. Fehlte er damit an einem Tisch, hatten seine sieben Tischgenossen ebenfalls Pech gehabt. Wie das in der Praxis funktioniert haben soll, ist nicht nachvollziehbar. Schon allein, dass die Anzahl der zur Essenszeit anwesenden Höflingen immer ein Vielfaches von 8 war, dürfte eher unwahrscheinlich sein. Ein Wunder, dass niemand an den Folgen dieser Hofordnung verhungert ist.

Fairerweise muss man aber erwähnen, dass es auch unter Georg I. nicht immer so trist zuging. Turniere, Maskeraden, Würfelspiele und Theateraufführungen sind in seiner Regierungszeit vielfach nachweisbar. Bei einer dieser Theateraufführungen spielte sogar sein neunjähriger Sohn, der spätere Landgraf Ludwig V., mit.

Auf der positiven Seite ist weiterhin zu werten, dass es Georg gelang, während seiner gesamten Regierungszeit die Stadt von kriegerischen Konflikten fernzuhalten. Zwar entstanden immer wieder Schäden durch Truppendurchmärsche, was aber kaum ins Gewicht fiel. Auf der anderen Seite wird durch diese Truppendurchmärsche die strategische Bedeutung von Hessen-Darmstadt deutlich. An Kampfhandlungen war Georg niemals beteiligt, was dem wirtschaftlichen Aufschwung seines kleinen Reiches sehr zugute kam.

Der Stadtrat entwickelt sich

Spätestens in den 1580ern setzte sich dann, wohl als Gegenpol zum machtpolitischen Ungleichgewicht seit dem Amtsantritt Georgs, der Stadtrat endgültig als Verwaltungsorgan gegenüber dem Schöffengericht durch. Einer politische Revolution kam das aber nicht gleich. Im Gegenteil: die Entwicklung des bürgerlichen Stadtrats als Emanzipierung vom gräflichen Schöffengericht entbehrt nicht einer gewissen Ironie, waren doch beide Gremien mit exakt denselben Leuten besetzt. Nur den Vorsitz führte jeweils ein anderer (der Schultheiß im Schöffengericht, der Bürgermeister im Stadtrat). Jedes dieser beiden Gremien nutzte zudem ein eigenes Gebäude, das Schöffengericht den Schultheißbau im Oberdorf, der Stadtrat das Rathaus am Marktplatz.

Man stelle sich nur einmal die Szene vor, wenn beide Gremien am selben Tag eine Sitzung hatten, wie diese vierzehn Großkopferten ihr Palaver im Rathaus unterbrachen, unter großem Tammtamm quer durch die Stadt zogen, durch enge Gassen, in denen sie nur hintereinander laufen konnten und mit ihren wichtigen Hüten auf dem Kopf ausgesehen haben mussten wie die sieben Zwerge (und das im Doppelpack!), bis sie schließlich beim Schultheißbau ankamen, um dort dann weiterzupalavern...

Zugegeben, wahrscheinlich hat so eine Szene nie stattgefunden, aus dem einfachen Grund, dass Sitzungen des Stadtrats und des Schöffengerichts vermutlich nie am selben Tag angesetzt worden waren. Aber dieses kleine Gedankenspiel macht deutlich, wie sehr die formale Macht in der Stadt auf dem Rücken weniger Personen ruhte.

Hexenverfolgung

Ebenfalls in diese Zeit fallen auch die einzigen in Darmstadt nachweisbaren Hexenverfolgungen. Schon 1575 hatte sich Georg über die sich vor allem unter Frauen immer weiter ausbreitende Zauberei beklagt und seine Beamten angewiesen, jedem Gerücht diesbezüglich genau nachzugehen. 1582 eskalierte die Situation dann. Mindestens 18 Opfer, darunter zwei Minderjährige gab es 1582, mindestens 19 weitere Opfer sind bis 1590 zu beklagen. Gut möglich ist zudem, dass die Dokumente hierzu nicht vollständig erhalten sind.

Die Hysterie in der Bevölkerung muss groß gewesen sein, allerdings spricht vieles dafür, dass es ohne Georgs rigide Moralvorstellungen und ohne seine übersteigerte Frömmigkeit keine Hexenverfolgung in Hessen-Darmstadt gegeben hätte. Seine Angst, nicht zu wissen, was bei nächtlichen Tänzen so alles geschah, wird durch einen Briefwechsel mit seinem Bruder Wilhelm IV. von Hessen-Kassel deutlich. Trotzdem Wilhelm versuchte, seinen Bruder zu mäßigen, ließ dieser keinen Zweifel daran, dass er Hexerei für real hielt und er keine andere Wahl hatte, als diese auf das Schärfste zu bekämpfen. Er glaubte wirklich, es gäbe eine Hexensekte, die sich heimlich zusammenrottete und mit ihrem gotteslästerlichen Tun die Endzeit heranbrechen ließ.

Kaum ebbten die Hexenprozesse ab, suchte die Pest Darmstadt heim. Nachdem bereits vorher immer wieder Seuchen, teilweise wohl auch aufgrund der schlechten hygienischen Zuständen in der Stadt, ausgebrochen waren, starben während dem Höhepunkt der Seuche 1596/97 mehr als 200 Einwohner. Bereits vorher war Georg am 7. Februar 1596 an einem Schlaganfall gestorben.

Ludwig V.

Unter seinem Sohn und Nachfolger Ludwig V. änderte sich zunächst nicht viel. Die begonnenen Bauprojekte und den Ausbau der Stadt führte Ludwig im Sinne seines Vaters fort und stärkte Darmstadt als Wirtschaftsmittelpunkt des Landes. Die Tatsache, dass er sich Ludwig V. nannte, also die gesamthessische Zählung fortsetzte, macht deutlich, dass er an der Vorstellung eines einheitlichen Hessens festhielt. Hätte er Hessen-Darmstadt als von den übrigen hessischen Gebieten getrenntes Territorium angesehen, hätte er sich wohl Ludwig I. genannt.

Hexen wurden zwar (soweit wir wissen) keine mehr verbrannt, die aus der Zeit der Hexenverfolgung bekannten unverhältnismäßig harten Strafen für Frauen blieben jedoch erhalten. So ist ein Fall bekannt, in dem eine junge Frau wegen "Blutschande" und "Ehebruch" hingerichtet wurde, nachdem sie sich einmal quer durch die Nachbarschaft geschlafen haben soll, unter ihren Liebhabern auch nahe Verwandte. Die beteiligten Männer jedoch, nicht weniger verheiratet und nahe verwandt mit der jungen Frau wie diese mit ihnen, kamen ohne nennenswerte Strafen davon.

Auch der Scheiterhaufen war noch längst nicht abgeschafft. Der Goldschmied Georg Sauermilch, der ohnehin in der Stadt alles andere als beliebt gewesen zu sein scheint, wurde 1603 wegen Falschmünzerei verbrannt. Nicht immer lief alles glatt bei solchen Hinrichtungen: „Der Scharfrichter tat drei Hiebe“, heißt es anlässlich einer Enthauptung aus dem Jahr 1654. Die ersten beiden hatte der Delinquent offenbar überlebt.

Auch ansonsten war Ludwigs Führungsstil dem seines Vaters sehr ähnlich. Er ließ bis ins Detail den Ablauf von Hochzeitsfeierlichkeiten regeln, einschließlich der Anzahl der Gästen, Mahlzeiten und Geschenke. Kinder waren verboten. Damit sich daran gehalten wurde, wurde von der Obrigkeit „redliche Personen“ zu den Feierlichkeiten geschickt, die verköstigt werden mussten und jegliche Verstöße meldeten.

Ein Wendepunkt trat am 9. Oktober 1604 ein. An diesem Tag starb Ludwig IV. von Hessen-Marburg. In seinem Testament bestimmte er, dass sein Territorium zu gleichen Teilen an seine beiden Neffen Ludwig V. von Hessen-Darmstadt und Moritz von Hessen- Kassel gehen sollte. Anders als das bereits 1583 aus gleichen Gründen aufgeteilte vierte Teilreich Hessens (Hessen-Rheinfels) akzeptierten die beiden Erben die testamentarischen Bedingungen nicht. Ludwig V. verlangte 3/4 des Erbes und Moritz ersetzte 1605 entgegen einer ausdrücklichen testamentarischen Verfügung in seinem Teil des ehemaligen Hessen-Marburg die lutherische Konfession durch die calvinistische. Damit gab er dem Darmstädter Landgraf einen Vorwand das gesamte Erbe seines Vetters anzufechten.

Dreißigjähriger Krieg

Als 1618 der Dreißigjährige Krieg ausbrach, versuchte Ludwig sich durch Neutralität aus der ganzen Sache herauszuhalten, was ihm für einige Jahre sogar gelang.

Bald schon zeigte sich aber, dass der Konflikt zu gewaltig war, um dauerhaft neutral zu bleiben. Teils um sein Territorium zu schützen, teils um einen mächtigen Verbündeten gegen seinen Vetter zu haben, schlug sich Ludwig auf die Seite des Kaisers. Dass sich der eigentlich protestantische Landgraf mit dem katholischen Kaiser verbündete, ist weniger verwunderlich, als es im ersten Moment erscheint. Zum einen war die Landgrafschaft vom mächtigen katholischen Kurmainz regelrecht umzingelt und hatte wenig Interesse, einen so mächtigen Feind direkt vor der Haustür zu haben, zum anderen ist es ein grundlegendes Missverständnis, die Ursachen des Dreißigjährigen Krieg auf die unterschiedlichen Konfessionen der Kriegsparteien zu reduzieren. Der Krieg war ein Machtkampf zwischen den Feudalstaaten, die sich auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen befanden. Dass auf einer Seite hauptsächlich Protestanten und auf der anderen hauptsächlich Katholiken standen, war keine Ursache, sondern Folge des Konflikts.

Für Ludwig V. dürfte der Erbstreit mit Hessen-Kassel der Hauptgrund gewesen sein, sich für die Seite des Kaisers zu entscheiden.

Ernst von Mansfeld greift Darmstadt an

Die ersten Folgen des Krieges war 1622 der Einfall des Grafen Ernst von Mansfeld, der in Dienste des Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz stand, einem der Hauptgegner des Kaisers, dessen Annahme der böhmischen Königswürde einer der Gründe für den Ausbruch des Krieges war.

Sein Heerführer Mansfeld verwüstete und plünderte die Landgrafschaft, die ihm militärisch wenig entgegenzusetzen hatte. Der Landgraf geriet sogar für mehrere Wochen in Gefangenschaft, bis ihn Graf von Tilly, der Heerführer der Katholischen Liga, befreien konnte. Nicht nur deshalb zahlte sich Ludwigs Unterstützung des Kaisers (weshalb er später den Beinamen "der Getreue" bekommen sollte) jetzt aus: im Streit um das Marburger Erbe entschied der Reichshofrat nun (alles andere als unparteiisch) zugunsten des Darmstädter Landgrafen, dem das gesamte Erbe zugesprochen wurde. Gleichzeitig beruhigte sich die politische Lage bzw. die Kriegsgeschehen verlagerten sich in andere Regionen und man konnte beinahe von Friedenszeiten in Darmstadt sprechen. Lediglich der relativ frühe Tod des Landgrafen am 27. Juli 1626 stellte einen Einschnitt dar.

Vor allem die wirtschaftlichen Folgen des Krieges lasteten aber weiterhin schwer auf der Stadt und so war eine der ersten Amtshandlungen des neuen Landgrafen Georg II., die von den Bürgern als lästige Konkurrenz empfundenen Juden des Landes zu verweisen.

Doch die Juden wehrten sich, klagten vor dem Reichskammergericht auf Erhaltung ihres Rechtsstandes und bekamen Recht. Da Georg II. auf den Schutz des Kaisers angewiesen war, vor allem auch in Hinsicht auf seine Ansprüche auf das Marburger Erbe, musste er sich diesem Urteilsspruch beugen, was für nicht unerhebliche Empörung in der Darmstädter Bürgerschaft sorgte.

Dass es in diesen Jahren der Stadt aber insgesamt relativ gut ging (in Anbetracht des tobenden Krieges), zeigt sich auch an einer regen Bautätigkeit, dessen bedeutendes Ergebnis der neue Kirchturm der Stadtkirche war, der bis zur Zerstörung der Stadt im zweiten Weltkrieg Bestand haben sollte.

Die Schweden kommen...

Ab 1630 nahm der Krieg wieder an Fahrt auf. Vor allem der Kriegseintritt des schwedischen Königs Gustav Adolf bedeutete eine unmittelbar gesteigerte Bedrohung auch für Darmstadt. Georg II. hatte aus der Gefangenschaft seines Vaters gelernt und verließ das faktisch nicht verteidigungsfähige Darmstadt, um sich im weit besser geschützten Gießen zu verschanzen. Ende 1631 musste der Landgraf den Schweden die Festung Rüsselsheim öffnen. Von diesem Zeitpunkt an war das Gebiet um Darmstadt faktisch von den Schweden besetzt, Plünderungen inbegriffen. Im Winter 1632/33 brach zu allem Überfluss auch noch die Pest aus.

...und die Franzosen

Der Krieg ging derweil in eine neue Phase über. Die protestantischen Reichsstände schlossen Frieden mit dem Kaiser und isolierten die Schweden dadurch. Diese wiederum reagierten auf die neue Situation mit einem Bündnis mit den Franzosen. Die kaiserlichen Truppen marschierten in Hessen-Darmstadt ein und wollten die Schweden vertreiben, doch dem Einmarsch der Franzosen, die Darmstadt im Januar 1635 besetzten, konnten die Kaiserlichen nichts entgegensetzen. Die Truppenführer der Franzosen zogen in die landgräflichen Gemächer des Schlosses ein. Die umgebenden Dörfer wurden teilweise niedergebrannt. Eine Versorgung der vielen Menschen war praktisch nicht möglich. Um nicht zu erfrieren, verheizten die Schweden und Franzosen alles, was irgendwie aus Holz war, einschließlich Weinpfähle und Fensterläden. Aus Büttelborn drangen Gerüchte über Kannibalismus unter den Schweden nach Darmstadt und sorgten für Misstrauen und Panik. Wahrscheinlich war an den Gerüchten nichts dran, aber dennoch hatten die Befehlshaber längst die Kontrolle über ihre Truppen verloren. Brandschatzungen, Raub, Plünderungen, Vergewaltigungen, Misshandlungen, Mord, die ganze Palette menschlicher Abscheulichkeiten musste die Bevölkerung erdulden.

Am 13. Februar 1635 zogen die Franzosen und Schweden ab. Welch Verwüstungen sie zurückließen, lässt sich vielleicht daran versinnbildlichen, dass nach ihrem Abzug etwa 500 Tierkadaver vor den Stadttoren verrotteten. An Stelle der Schweden und Franzosen traten kaiserliche Truppen. Wer nun aber glaubte, dass nun ja keine Besatzer, sondern Verbündete in ihrem Land waren, hatte zwar formal recht, im praktischen Alltag bedeutete es jedoch keinen Unterschied. Die Truppen mussten versorgt werden und schikanierten zum Dank die Bevölkerung.

Pest

Schließlich kam auch noch die Pest zurück. Schon im Februar 1635 wird von etwa 600 Toten berichtet, die seit Jahresbeginn in der Stadt an der Seuche gestorben waren. Danach stieg die Sterberate noch an. Im März waren über hundert Häuser verwaist. Ende dieses Monats starb der letzte Arzt, der noch in der Stadt war. Frankfurt und Mainz verweigerten Hilfe. Darmstadt war der Seuche mit all ihren Folgen ausgeliefert. Für die fromme Bevölkerung musste es das sichere Anzeichen für das Ende der Welt sein.

Am Ende starben 2.200 Menschen. Durch die vielen anwesenden Soldaten und Menschen, die aus den umliegenden Dörfern in die Stadt gekommen waren, weil sie glaubten, dort sicherer zu sein, ist nicht klar, welcher Prozentsatz der Bevölkerung diese Opferzahl entsprach, weil sich viel mehr Menschen innerhalb der Stadtmauern befand, als sie eigentlich bewohnten. Die Einwohnerzahl dürfte sich aber innerhalb eines dreiviertel Jahres halbiert haben.

In den nächsten Jahren entspannte sich die Lage langsam wieder. Viele Schäden waren zwar nur notdürftig zu beseitigen und Truppendurchzüge sorgten für neue Schäden, aber alles in allem begann sich das Leben einigermaßen zu normalisieren. Neid und Missgunst waren jedoch nach wie vor an der Tagesordnung. So war eine der Haupttätigkeit der Bürgerschaft, Wege zu finden, um die aus dem Umland in die Stadt geflohenen Bewohner wieder loszuwerden, sprich zu vertreiben.

Ende des Krieges

Der Krieg neigte sich langsam dem Ende zu, als die Kasseler Landgräfin Amalie Elisabeth, die mit den Schweden und den Franzosen verbündet war, die geschwächte Landgrafschaft Hessen-Darmstadt angriff, um sich des Marburger Erbes zu bemächtigen. Im Januar 1646 nahm Hessen-Kassel Marburg ein und hatte damit die Auseinandersetzung für sich entschieden, auch wenn es erst im April 1648 zu einem Frieden zwischen den beiden hessischen Staaten kam. Landgraf Georg II. musste endgültig auf die Hälfte der einstigen Landgrafschaft Hessen-Marburg verzichten. Darmstadt selbst hatte nach wie vor an unzähligen Truppendurchmärschen, Einquartierungen und Brandschatzungen zu leiden. Dabei war die Stadt längst zahlungsunfähig.

Der Krieg dagegen war nun endgültig zu Ende und schon im Spätsommer, noch vor dem endgültigen Friedensschluss kehrte Georg II. mit seinem Hofstaat aus Gießen nach Darmstadt zurück.

Die Nachkriegszeit war durch Wiederaufbau und Konsolidierungen bestimmt. Kleinkarierte Streitigkeiten, Neid und Missgunst entluden sich wieder an Juden und den nach wie vor zahlreich in der Stadt vorhandenen "Nicht-Bürgern", also Dorfbewohnern aus dem Umland, die im Laufe des Krieges innerhalb der Stadtmauern Schutz gesucht hatten und wohl mittlerweile das Stadtleben dem Dorf vorzogen. Doch nicht nur mit diesen, in der Hierarchie unter ihnen Stehenden legten sich die streitbaren Bürger und der noch streitbarere Stadtrat an. Immer wieder war gerade der Landgraf und sein Hofstaat im Kreuzfeuer der Kritik, nicht immer zu Unrecht.

Über viele Jahre hinweg stritt man sich - ganz so, als hätte man sonst keine Probleme - um ein Waldstück, das einst der Stadt gehörte und das nun der Landgraf (oder wohl eher seine Ehefrau) für sich beanspruchte. Damit verstieß er wohl gegen geltendes Recht, doch seine Herrschaft begann sich in kleinen, aber stetigen Schritten in Richtung Absolutismus zu entwickeln. Der kleinliche Streit um das Stück Wald im Nordosten Darmstadts überdauerte die Regierungszeit Georgs II. und kam mit einigen Unterbrechungen regelmäßig wieder hoch. An dieses umstrittene Waldstück erinnert heute noch die Heinheimer Straße, deren Name nicht etwa - wie früher einmal angenommen wurde - auf ein verschwundenes Dorf namens Heinheim zurückgeht, sondern der sich aus dem Wort Hainum, Hainumb oder auch Hainheim entwickelt hat, wie jenes Waldstück genannt wurde (wohl vom mittelalterlichen Wort Hain für ein von menschlicher Hand geflegtes Waldstück oder von den dort zahlreich vorhandenen Hainbuchen abgeleitet).

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