*Geschichte Darmstadts
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*Darimund, der mythische Gründer von Darmstadt
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*Hexenwahn in Darmstadt
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*Burg Frankenstein, Shelley und die Konstruktion eines Mythos

*Das Frankensteiner Eselslehen und das Böse Hundert von Darmstadt

*Die Darmstädter Kolonie am Llano River

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Geschichte Darmstadts


Teil 3: Absolutismus, Barock und drei verschwenderische Landgrafen


Erste Regierungsjahre Ludwigs VI.

Landgraf Georg II. war am 11. Juni 1661 auf dem Weg zur Rennbahn gestorben. Wie schon sein Großvater war er einem Schlaganfall erlegen. Sein Sohn und Nachfolger Ludwig VI. kaufte bereits 1662 die Herrschaft Frankenstein und schaffte sich damit eine mächtige, einflussreiche Familie vom Hals, mit der es seit Einführung der Reformation in Hessen nahezu ununterbrochen zu Streitigkeiten, vor allem um das Dorf Eberstadt gekommen war, die nicht selten vor dem Reichskammergericht landeten.

Die Frankensteiner hatten sich lange gegen diese Übernahme ihrer Besitzungen durch den Landgrafen gewehrt, doch als sie auch mit ihren Vettern, den Grafen von Schönburg, denen Teile von Eberstadt gehörten, in Streit gerieten, verkauften die Schönburger ihren Anteil von Eberstadt an den Darmstädter Landgrafen. Nicht nur, aber auch um den Frankensteinern eins auszuwischen. In der Folge waren die Frankensteiner Machtansprüche nicht mehr zu halten und sie waren zum Verkauf regelrecht gezwungen. Wie schwer ihnen das gefallen sein muss, lässt sich daran sehen, dass sie bis zuletzt versuchten, ihre Herrschaft an Kurmainz zu verkaufen, das jedoch dankend ablehnte. Die Frankensteiner hätten von solch einem Verkauf faktisch nicht mehr gehabt, wahrscheinlich wäre finanziell sogar weit weniger dabei herausgekommen, doch die Abneigung gegen den Landgrafen war so groß, dass man ihm ihre nun verlorene Herrschaft nach fast 150 Jahren des Streits einfach nicht gönnte.

Unter Ludwig VI. entstanden zum letzten Mal in der Geschichte der Stadt Darmstadt Pläne, diesem auch militärische Bedeutung zu geben. Hintergrund war die Gründung des (ersten) Rheinbunds, dem Hessen-Darmstadt noch unter Georg II. 1659 beigetreten war. Das Bündnis, dem neben einigen der mächtigsten Fürstentümer des Reiches auch Frankreich angehörte, war als Gegengewicht zum Habsburger Kaiser und seinen Verbündeten gedacht und bedeutete akute Kriegsgefahr. Darmstadt sollte zu einer gewaltigen, modernen Sternschanzenfestung umgebaut werden, doch der chronische Geldmangel der Stadt ließ die Festungsanlage niemals über den Planungsstatus hinauskommen.

Entmachtung des Stadtrats

Der neue Landgraf begann den bereits von seinem Vater begonnenen Weg, seine Herrschaft im Sinne des Absolutismus zu reformieren, weiterzugehen. War sein Vater noch daran gescheitert, einen größeren Einfluss in die Wahl der Mitglieder des Stadtrats zu gewinnen, machte Ludwig VI. die Wahl ab 1664 zu einer regelrechten Farce. Stand die Neubesetzung eines Ratsitzes an, bestimmte der Rat bisher selbst, wer aus der Bürgerschaft den Posten bekam. Der Landgraf musste diese Wahl zwar bestätigen, einen direkten Einfluss auf die Wahl hatte er aber nicht.

Jetzt musste er sich nicht mehr an einen Mehrheitsentscheid des Rates halten, sondern durfte jeden Kandidaten bestätigen, der vom Rat vorgeschlagen wurde, d.h. auch wenn sich 13 Ratsmitglieder auf einen Kandidat einigten, konnte der Landgraf den Kandidat bestätigen, für den sich allein der 14. Ratsherr entschieden hatte. Und da dies dem Landgraf immer noch zu viel Autonomie für den Stadtrat war, führte er auch noch einen Vorschlagsrecht für sich ein, was faktisch bedeutete, dass der Landgraf völlig frei über die Ratsbesetzung bestimmen konnte. Es war zwar keinesfalls so, dass die Landgrafen von dieser Möglichkeit in der Folgezeit allzu oft Gebrauch machten, dennoch bedeutete es einen massiven Machtverlust für den Stadtrat.

Die Protokolle dieser Ratswahlen geben auch einen Eindruck, welche Zustände und Umgangsformen in diesem Gremium herrschten. Da wurden Bürger vorgeschlagen mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass sie weder lesen noch schreiben könnten und deshalb für das Amt des Bürgermeister, dass sie, da es turnusmäßig jährlich wechselte, als Ratsmitglied zwangsläufig früher oder später innehaben würden, kaum fähig wären. Ein anderer Kandidat (der auch bestätigt wurde) verbrachte angeblich große Teile des Tages damit, den Frauen hinterher zu schauen und über den ebenfalls bestätigten Georg Philipp Schlechter spottete das (wohlgemerkt hochoffizielle) Protokoll, dass er sich selbst für so klug und witzig hielt, dass er sich über seinen eigenen Verstand wunderte.

Eine Frau übernimmt die Macht

Dramatische Ereignisse des Jahres 1678 sorgten dafür, dass Darmstadt (wie die gesamte Landgrafschaft) für einige Zeit von einer Frau regiert wurde. Zuerst starb am 24. April 1678 Landgraf Ludwig VI. im Alter von 48 Jahren. Sein Sohn Ludwig VII. folgte ihm im gleichen Jahr erst auf den Thron und dann ins Jenseits. Er starb gerade einmal 20-jährig am 31. August 1678 an den Folgen einer Ruhr-Infektion. Der nächste in der Erbfolge war sein Halbbruder Ernst Ludwig. Da dieser erst 10 Jahre alt war, übernahm seine Mutter Elisabeth Dorothea von Sachsen-Gotha-Altenburg in Vormundschaft die Regierung. Anders als ihr verschwenderischer Sohn und dessen beide, kaum weniger verhaltensauffällige Nachfolger erwies sich die zehnjährige Regentschaft der Landgräfin als wahrer Segen für die Stadt wie für das Land.

Sorgsam kümmerte sie sich um den weiteren Ausbau der Stadt, erweiterte den Herrngarten, vergrößerte die Stadtkirche und konsolidierte die Staatsfinanzen. Die Bevölkerung wuchs stetig.

Der Arheilger Krawall

Eine kuriose Anekdote bringt uns die Bevölkerung dieser Zeit auf der menschlichen Ebene etwas näher. Als 1683 die nach einem Brand wiederaufgebaute Arheilger Kirche eingeweiht wurde, wollte Pfarrer David Stannarius - angeblich nach dem Vorbild König Davids - einen Ehrentanz aufführen. Bevor er aber anfing, sein Tanzbein zu schwingen, ließ er die Gemeinde entfernen. Eine öffentliche Tanzperformance wäre wohl als Blasphemie zu werten gewesen.

Ob die Gemeinde es nun trotzdem als Gotteslästerung empfand oder ob sie nur sauer waren, dass man sie rausgeworfen hatte, wird aus dem erhaltenen Bericht von dem Ereignis nicht ganz klar, aber auf jeden Fall war die Gemeinde stinksauer und begann lauthals zu protestieren.

Als nun Bürgermeister Schauber die aufgebrachte Menge beruhigen wollte, fiel ein Johann Michael Schuch über den Bürgermeister her, würgte ihn, schlug ihn zu Boden und stürzte sich auf ihn, während der Mob ihn anfeuerte mit den Worten: "Druff, druff, itzt habt ihr den rechten" (sinngemäß: Hau weiter zu, jetzt hast du den Richtigen erwischt). Der Zentgraf Salomon Knauff versuchte dem Bürgermeister zu helfen, drohte mit der Verhängung von Geldstrafen, was wenig überraschend keinen Eindruck machte, und prügelte den Angreifer Schuch mit einem Stock, bis dieser vom Bürgermeister abließ.

Der Mob dagegen fiel nun über den Zentgrafen her. Sie schlugen und traten ihn, rissen ihm die Perücke vom Kopf und den Stock aus der Hand, mit dem sie nun auch auf den Pfarrer losgingen, ihn an den Haaren zogen und kräftig vermöbelten, bevor schließlich einige andere Bürger zu Hilfe kommen und die Schlägerei stoppen konnte.

So zumindest geht es aus der Anklage der drei Geschädigten (also Bürgermeister, Zentgraf und Pfarrer) hervor. Die anschließende Untersuchung ergab dann zwar die Richtigkeit der Darstellung, doch kam dabei auch heraus, dass die drei Ankläger wohl nicht minder um sich geschlagen und getreten haben. Zustände wie im kleinen, wohlbekannten, gallischen Dorf.

Neuer Landgraf, neuer Krieg

Im Frühjahr 1688 übernahm der junge Landgraf Ernst Ludwig schließlich selbst die Regierungsgeschäfte und schickte seine so behutsam agierende Mutter in Rente. Gleich zu Beginn machte er sich den mächtigen französischen König Ludwig XIV. zum Feind, als er französische Religionsflüchtlinge, Waldenser aus dem Pragelatal in den Alpen, in seinem Land aufnahm. Der Pfälzische Erbfolgekrieg war ausgebrochen und das an die Pfalz grenzende, militärisch schwache Hessen-Darmstadt wurde mit in den Konflikt hineingezogen und zum Spielball der Mächtigen. Am 24. Oktober diesen Jahres nahmen die Franzosen die Festung Rüsselsheim ein und marschierten kurz darauf vor Darmstadt auf. Der Landgraf war, wie schon sein Großvater während des Dreißigjährigen Krieg, nach Gießen geflohen.

Im Februar 1689 spitzte die Lage sich zu, als sich Truppen aus Hessen-Kassel und Kursachsen näherten. Die Franzosen fürchteten, dass sich die Truppen in Darmstadt festsetzen könnten und wollten deshalb die gesamten Befestigungen der Stadt zerstören.

Der Stadtrat entschied zwei Abgesandte zu den Franzosen zu schicken, um dies zu verhindern. Die Auswahl dieser beiden Gesandten verlief dabei nach dem Prinzip: "Freiwillige ein Schritt vor", woraufhin der gesamte Stadtrat einen Schritt zurück machte und die beiden armen Teufel, die nicht schnell genug reagiert hatten, sich somit völlig freiwillig zu dieser heiklen Mission gemeldet hatten, namentlich Bürgermeister Johann Eberhard Coburger und Stadtschreiber Johann Helweig Rhumbel.

Die beiden kamen nur bis Rüsselsheim, wo Bürgermeister Coburger von den Franzosen gefangen genommen und der Stadtschreiber mit einer Lösegeldforderung zurückgeschickt wurde. Als dieses Lösegeld aufgebracht und den Franzosen übergeben worden war, riefen die "Reingelegt!" und zogen sich zusammen mit ihrem Gefangenen aus Angst vor aus nahezu allen Himmelsrichtungen herannahenden Truppen nach Mainz zurück.

Die Franzosen brannten bei ihrem Rückzug Gernsheim und Dornberg nieder. Die Festung Rüsselsheim sprengten sie kurzerhand in die Luft. Die Obergrafschaft Katzenelnbogen war damit faktisch jeder etwas größeren Armeen schutzlos ausgeliefert. Darmstadt dagegen entkam durch das rechtzeitige Eintreffen der sächsischen Truppen diesem Schicksal.

Nicht folgenlos blieb die Sache freilich nicht nur für den Bürgermeister, der 32 Wochen in Gefangenschaft verbringen musste, sondern auch für Darmstadt selbst. Denn nicht nur in Hessen-Darmstadt zogen sich die Franzosen nach dem Prinzip der verbrannten Erde zurück, sondern auch in der Pfalz. Bedeutetende Orte wie Oppenheim, Worms, Speyer, Heidelberg und Mannheim wurden dabei verwüstet. Nicht wenige flohen von dort aus nach Darmstadt. Vor allem Kaufleute und Handwerker wurden dabei für die Alteingesessenen zur unliebsamen Konkurrenz.

Der Krieg war damit aber noch längst nicht vorbei, noch bis 1697 zog sich der Konflikt, von dem auch Darmstadt weiterhin betroffen war. Vor allem eine französische Offensive im Sommer 1693 hinterließ deutliche Spuren. Brandschatzung in Höhe von 1.200 Talern wurde fällig, Häuser wurden zerstört und im Westen wurde ein Teil der Stadtmauer niedergerissen.

Ausbau der Stadt und Reformen

Ausgerechnet diesen Durchbruch der Mauer nutzte der Landgraf ab 1695, also noch während des Krieges, um dort den Bau der neuen Vorstadt zu beginnen. Er war extra aus Gießen angereist, um - ganz im modernen Sinn - den Grundstein für den Bau zu legen. Endgültig zurück kehrte er aber erst 1698, als der Krieg beendet war. Mit der Anlage dieser neuen Vorstadt bestimmte der Landgraf die zukünftige Entwicklung der Stadt nachhaltig.

Innenpolitisch zeichnete der junge Landgraf sich vor allem durch mehr religiöse Toleranz aus. So gestattete er den Juden die Abhaltung von Gottesdiensten, was vom Stadtrat ausdrücklich missbilligt wurde. Die in Folge dieser neuen Toleranz ansteigende Zahl jüdischer Bewohner in der Stadt wollte man von Seiten des Rates verringern. Man sprach davon, dass es nicht akzeptabel sei, dass die Juden den christlichen Bürgern und Kaufleuten die Nahrung wegessen würden.

Aber auch von Seiten des Landgrafen beruhte diese neue, schwer gegen den Stadtrat durchzusetzende Toleranz keineswegs allein auf christlicher Nächstenliebe. Er brauchte die zahlungskräftigen jüdischen Geschäftsleute als finanzielle Unterstützung seiner bald aus den Rudern laufenden Bauvorhaben.

Auf der anderen Seite zeugen Versuche, im örtlichen Waisenhaus auch Kinder jüdischen und katholischen Glaubens aufzunehmen, ebenso wie die zeitweise genehmigten katholischen Gottesdienste, von einem wirklichen Interesse des Landgrafen an mehr religiöser Toleranz, was vielleicht auch daran lag, dass seine jüngeren Brüder 1697 allesamt zum katholischen Glauben übergetreten waren. Beide Versuche, die Einrichtung eines überkonfessionellen Waisenhauses, genauso wie die Erlaubnis, katholische Gottesdienste abhalten zu dürfen, scheiterten aber bald an dem Starrsinn der mächtigen protestantischen Geistlichkeit.

Von Bedeutung für Darmstadt war auch der in diese Zeit fallende Spanische Erbfolgekrieg (1701-1714), da sich an diesem Darmstadt mit Truppen beteiligte. Die jüngeren Brüder des Landgrafen kämpften als Offiziere der Habsburger in diesem Krieg. Der im Range eines Feldmarschalls stehende Prinz Georg von Hessen-Darmstadt (der zwei Jahre jüngere Bruder des regierenden Landgrafen) war bereits 1698 zum Vizekönig von Katalonien aufgestiegen. Als dann der Erbfolgekrieg ausbrach, gelang ihm 1703 die Eroberung von Gibraltar, deren Folge es unter anderem war, dass das mit den Habsburgern verbündete England die Insel bis heute zu ihren Überseegebieten zählt. Lange konnte Prinz Georg seinen großen Sieg jedoch nicht feiern: er starb am 13. September 1705 bei der Belagerung von Barcelona.

Nach Ende des Krieges 1714 konnte man sich in Darmstadt wieder auf die Bauvorhaben konzentrieren. Doch bald schon geriet die Bauleidenschaft des Landgrafen völlig außer Kontrolle. Die Liste der unter seiner Regentschaft entstandenen Prunkbauten und Parkanlagen ist kaum überschaubar. Dabei verlor der Landgraf die Realität vollkommen aus den Blickfeld.

Das neue Schloss

Am ehesten kann man das an dem von dem Architekten Louis Rémy de la Fosse geplanten Neubau des Schlosses festmachen: das riesige Barockschloss war für das kleine Residenzstädtchen und Sitz des Fürsten eines so kleinen Landes dermaßen überdimensioniert geplant, dass sich der Landgraf nicht ganz zu Unrecht den Vorwurf des Größenwahns einhandelte. Die Umsetzung des Bauplans scheiterte dann auch auf geradezu katastrophale Weise. Die finanziellen Möglichkeiten von Land und Stadt bei Weitem überschreitend, konnte bis 1726 nur der Rohbau zweier Flügel fertiggestellt werden, die aber nicht mal ansatzweise bewohnbar waren. Nur einige Archivräume und die Wachstube dort, wo heute noch das 1. Polizeirevier untergebracht ist, konnten damals genutzt worden, die oberen Stockwerke waren dagegen mit Brettern verschlagen. Dass der Landtag bei der Bewilligung der für den Bau nötigen Gelder den Landgrafen dazu nötigte, den Altbau des Schlosses entgegen der eigentlichen Planung vorerst stehenzulassen, erwies sich nun als geradezu weise Entscheidung, denn an dem Barockschloss wurde nie weiter gebaut.

Auch andere in Ernst Ludwigs Zeit entstandene Bauten sind nur ein billiger Abklatsch der eigentlichen Planung, das Orangerie-Schloss in Bessungen beispielsweise ist nur ein kleiner Teilbau des eigentlichen Bauvorhabens.

Jagdgesellschaften

Für Darmstadt noch fataler als die ausufernde Bautätigkeit des Landgrafen war seine Jagdleidenschaft, die die Wirtschaftskraft der Stadt massiv schwächte. Der Fürst beanspruchte große Teile des eigentlich für Landwirtschaft benötigten Grund als königliche Jagdgebiete. Das Wild selbst sorgte für erhebliche Flurschäden in den übrigen, noch landwirtschaftlich genutzten Feldern. Für die Jagd wurden Arbeitskräfte gebraucht, die in der Stadt fehlten, und - als wäre das alles noch nicht genug - verwüsteten der Landgraf mit seinen Jagdgesellschaften durch die aufwendigen Treibjagden selbst die Felder, da das gejagte Wild sich verständlicherweise eher selten an der Frage, ob ein Feld nun der Jagd oder der Landwirtschaft diente, aufhielt. Zäune, die dieses Probleme zumindest hätten eindämmen können, empfand der Landgraf als Behinderung der Jagd, die er nicht dulden könne. Nicht selten sah man Bauern, die ihre Felder gegen Wild verteidigen mussten und damit den Zorn des Fürsten auf sich zogen.

Zum einen blutete der Landgraf also Land und Stadt durch seine Prunkbauten finanziell aus, zum anderen schadete seine Jagdleidenschaft der Wirtschaftskraft der Stadt, was die prekäre Lage noch weiter verschlimmerte. Andererseits sorgten die vielen baulichen Großprojekte auch für einen Boom innerhalb der Stadtmauern. Doch auch dabei war der Bogen bald überspannt, da die Projekte so viele Leute in die Stadt lockten, dass der Konkurrenzkampf für viele Handwerker existenzbedrohend wurde, als die Bauprojekte aus finanziellen Gründen ins Stocken gerieten.

Bald war man quasi zahlungsunfähig und der Landgraf beauftragte verschiedene Alchemisten, unter ihnen der berühmte Johann Konrad Dippel, aus Blei Gold zu machen, was zu des Landgrafen Überraschung seine finanziellen Probleme aber auch nicht löste.

Noch mehr Reformen

Der Stadtrat wurde unter Landgraf Ernst Ludwig weiter entmachtet. Allerdings nicht nur zugunsten des Landesherren, sondern auch zugunsten der Darmstädter Bürgerschaft, die zukünftig ein fünfköpfiges Kontrollgremium besetzte, das aus dem Unterbürgermeister und vier Stadtvorstehern (offenbar ein Rückgriff auf das scheinbar abgeschaffte Amt des Vierers) bestand. Der Erfolg dieses neuen Gremiums war, vorsichtig ausgedrückt, eher mäßig. Erst wurden sie vom Stadtrat bei jeder nur erdenklichen Möglichkeit schikaniert und von Entscheidungen ferngehalten (zu Beginn verwies man sie gar des Ratssaals), dann häuften sich Beschwerden von Seiten der Bürgerschaft, die - wohl zurecht - massive Korruption und Vetternwirtschaft innerhalb des neuen Gremiums anprangerten. So kandidierten bei der Unterbürgermeisterwahl 1726 neben dem Stadtvorsteher Johann Jakob Schuster der Bierbrauer Heinrich Christoph Ludwig. Obwohl der Bierbrauer von Seiten der Zünfte fast dreimal so viel Stimmen erhielt, wurde von Seiten der Vorsteher ihr Kollege dem Rat zur Bestätigung eingereicht. Die dreiste Anmaßung scheiterte zwar, der Geheime Rat der Regierung stärkte die Position der Zünfte und ihr Recht die Mitglieder des neuen Gremiums zu bestimmen, der Versuch mit dem Gremium eine Vertretung der Bürgerschaft einzuführen, war damit aber eindeutig gescheitert.

Ein halbes Jahrhundert absoluter Fürst

Die Regierungszeit Ernst Ludwigs war die mit Abstand längste aller Darmstädter Herrscher. Selbst wenn man die zehn Jahre seiner Herrschaft abzieht, in der für den minderjährigen Regenten faktisch seine Mutter regierte, herrschte er über fünfzig Jahre. Baulich vollzog er den Übergang zum Barock und setzte städtebauliche Akzente, die die weitere Entwicklung der Stadt bestimmten. Seine Ansätze zu größerer religiöser Toleranz waren eine erste Andeutung von Aufklärung mitten im Absolutismus.

Auf der anderen Seite war seine Regierungszeit aber auch von adliger Weltferne geprägt. Prunkbauten, Parforcejagden und Theater- und Opernaufführungen, sprich persönliche Leidenschaften, Vergnügen und Repräsentation seiner Herrschaft waren für ihn bei weitem wichtiger als die Sorgen seiner Untertanen. Damit gelang ihm etwas, was selbst der Dreißigjährige Krieg nicht geschafft hatte: er führte die Landgrafschaft in den finanziellen Ruin.

Jagdlandgraf und Pleitier

Man hätte nun meinen können, sein Sohn Ludwig VIII. wäre bei Regierungsantritt 1739 darauf bedacht gewesen, die maroden Staatsfinanzen zu sanieren und sich in Sparsamkeit zu üben. Doch er tat das genaue Gegenteil. Zwar hielt er sich was Prunkbauten betrifft auffällig zurück, doch der als Jagdlandgraf in die Darmstädter Geschichte eingegangene Fürst übertraf seinen Vater bei der verschwenderischen Parforcejagd sogar noch. Mehrfach stand das Land kurz vor dem Staatsbankrott. Die Bauern im Umland versuchten darauf damit zu reagieren, dass sie vermehrt Gerste anpflanzten, da dieses von den Hirschen, den "Heiligen Kühen" des jagdbegeisterten Fürsten, kaum angerührt wurde. Die Folge war eine Monokultur, die erst zu Ertragsausfällen und dann zu Versorgungsengpässen führte. Bald schon hatten die Bauern nicht mehr die Mittel, im Frühjahr die Saat auszubringen und mussten ihren Besitz verkaufen. Dies bedeutete eine Verarmung ganzer Bevölkerungsschichten zu Gunsten einiger weniger reicher Familien.

Dem Landgraf und seinem Gefolge war das herzlich egal. Überliefert ist die Aussage eines Adligen, der auf die Beschwerde der Bauern über die ausufernde Jagd erwiderte: "Pflastert eure Wiesen und setzet euer Gepflänz mit der Wurzel in die Höhe, so kann ihnen das Wild nicht schaden" - für die Sorgen des kleinen Mannes hatten die Mächtigen nur Spott übrig.

Die zunehmende Gängelung der "Unterprivilegierten" zeigt sich besonders gut an der Kaffee-Verordnung von 1766. Der Landbevölkerung wurde der Kaffeegenuss komplett verboten. In der Stadt dagegen durfte Kaffee getrunken werden, allerdings ausdrücklich nur von "vermögenden und angesehenen" Bürgern. An diesem seltsamen Beispiel besonderer Bevormundung lässt sich eine allgemeine Entwicklung dieser Zeit erkennen: die wohlhabenden, reichen Bürger und der Adel näherten sich in ihren Lebenswelten aneinander an, während diese beiden Gruppen sich gleichzeitig von dem Rest der Bevölkerung entfernten.

Trotz allgemein unruhiger Zeiten im Reich blieb Darmstadt vor Kriegen einigermaßen verschont. Zwar belasteten wiederholte Truppendurchzüge während des Österreichischen Erbfolgekriegs (1740-1748) die Stadt, dafür lief der Siebenjährige Krieg (1756-1763) an Darmstadt nahezu spurlos vorbei.

Kasernen, Soldaten und Märsche

Ludwig IX., der 1768 die Regierung übernahm, schien zunächst mit dem verschwenderischen Unsinn seines Vaters und Großvaters Schluss machen zu wollen, ließ große Teile des Jagdapparates abbauen und führte auch sonst wichtige Sparmaßnahmen durch. Allerdings ging es ihm nicht wirklich darum, die Staatsfinanzen zu sanieren. Der neue Landgraf hatte bloß andere Interessen. Und so flossen große Teile der frei werdenden Mittel ins Militär. Nicht etwa, weil ein Krieg drohte, der Landgraf wollte bloß wie ein kleiner Junge ständig mit seinen Soldaten spielen.

Ludwig VIII. hatte wegen seiner Jagdleidenschaft meistens nicht im Darmstädter Schloss, sondern im Jagdschloss Kranichstein residiert. Ludwig IX. verhielt sich ähnlich und residierte daher meistens in Pirmasens, einem weit vom Kernland gelegenen, durch Erbschaft an den Landgrafen gefallenes kleines Dörfchen, das der Landgraf schon als Erbprinz zur Garnison ausbauen ließ.

Kasernen wurden gebaut und die zweitgrößte Exerzierhalle Europas errichtet. Das größte Hobby des Landgrafen war das Komponieren von Militärmärschen. Als nach dem Tode seines Vaters der Ruf kam, doch nach Darmstadt zurückzukehren, um sein Erbe anzutreten, pfiff der neue Landgraf seinen Untertanen was und machte Pirmasens zur Residenz. Bedenkt man die Lage der Stadt war das in etwa so, als würde sich heute ein amerikanischer Präsident auf eine Militärbasis irgendwo im pazifischen Ozean zurückziehen und dort ständig Manöver abhalten.

Fast könnte man es pathologisch vererbt nennen: sein Großvater war versessen auf Prunkbauten, sein Vater auf die Jagd und Ludwig IX. auf Soldaten. Ein sinnvolles Regierungskonzept konnte so keiner von ihnen aufbauen.

Wie fern ihm Darmstadt und seine Probleme waren, zeigte sich bei der Wahl des Oberbürgermeister 1789, als der offensichtlich nicht sehr beliebte Ratsherr Johann Wilhelm Becker, der nach dem jährlich wechselnden Turnus eigentlich "an der Reihe" gewesen wäre, Oberbürgermeister zu werden, vom Rat nicht gewählt wurde. Auf die darauf folgende Beschwerde beim Landgrafen ließ dieser anordnen, dass er doch mit dem Gegenkandidaten um das Amt würfeln solle. Becker weigerte sich, weil er angeblich ein Gelübde abgelegt hatte, nicht zu spielen, woraufhin der Landgraf ihn, ohne Begründung, zum Oberbürgermeister ernannte, ganz offensichtlich um die Sache vom Tisch zu haben.

Die Große Landgräfin

Die Abwesenheit des wenig umsichtig agierenden Landgrafen erwies sich für Darmstadt überraschenderweise aber als regelrechter Segen. Zum zweiten Mal übernahm mit seiner Ehefrau Landgräfin Henriette Karoline, die Goethe später die "Große Landgräfin" nennen wüde, faktisch eine Frau die Regentschaft in Darmstadt.

Nachhaltige Spuren hinterließ die Landgräfin in Darmstadt vor allem im Herrngarten, den sie im englischen Stil umgestalten ließ und ihm damit seine größtenteils heute noch vorhandene Erscheinungsform gab. Die kulturelle Blüte Darmstadts in dieser Zeit lässt sich auch an dem durch die Landgräfin gegründeten „Kreis der Empfindsamen“ erkennen, dessen berühmtestes Mitglied der junge Goethe war.

So sehr der krasse Unterschied zwischen dem Militärfanatiker, Uniform und starre, ritualisierte Ordnungen liebenden Landgrafen und seiner sich feinsinnig, modern und aufklärerisch gebenden Ehefrau auch gewesen sein mag, an der Darmstädter Bevölkerung ging beides größtenteils spurlos vorbei. Den Landgrafen bekamen sie kaum zu Gesicht und von der feingeistigen Freizeitgestaltung der Landgräfin hatte sie nichts. Zudem war der junge Goethe und seine literarischen Freunde sicher nicht das, was sich eine ältere Generation unter vorbildlichen jungen Leuten vorstellte. Es war ein bisschen so, als hätten die Beatles in Darmstadt gewohnt.

Trotz der etwas verhaltensauffälligen Miltärleidenschaft des Landgrafen näherte er sich aber auch der Aufklärung an. So schaffte er zum Beispiel das Instrument der Folter in der Strafermittlung ab. Vor allem aber die Berufung von Friedrich Karl von Moser zum Kanzler, dessen weitreichende Reformen in nahezu allen Bereichen Land und Stadt umfassend modernisierten, erwies sich als echter Glücksgriff. Mit ihm wurde der erste Schritt zu einem modernen Staatswesen getan und ermöglichte Ludwig X. (dem späteren Großherzog Ludwig I.) bei Regierungsantritt 1790 den Umbau des Staates zunächst im Sinne eines aufgeklärten Absolutismus, später – wenn auch wohl nicht vollkommen freiwillig – sogar zur konstitutionellen Monarchie, eine Selbstentmachtung nach Jahrhunderte langer Zunahme der fürstlichen Macht.

Diese positiven Seiten Ludwigs IX. wogen seine negativen aber kaum auf. Das Urteil des Volksmunds bei seinem Tod war eindeutig:

Der Bauern Gott
Des Adels Spott,
Der Bürger Not,
Ist endlich tot.



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