Geschichte Darmstadts Teil 3: Absolutismus, Barock und drei verschwenderische Landgrafen
Erste Regierungsjahre Ludwigs VI.
Landgraf Georg II. war am 11. Juni 1661 auf dem Weg zur Rennbahn gestorben. Wie schon
sein Großvater war er einem Schlaganfall erlegen. Sein Sohn und Nachfolger Ludwig VI.
kaufte bereits 1662 die Herrschaft Frankenstein und schaffte sich damit eine mächtige,
einflussreiche Familie vom Hals, mit der es seit Einführung der Reformation in Hessen
nahezu ununterbrochen zu Streitigkeiten, vor allem um das Dorf Eberstadt gekommen war,
die nicht selten vor dem Reichskammergericht landeten.
Die Frankensteiner hatten
sich lange gegen diese Übernahme ihrer Besitzungen durch den Landgrafen gewehrt, doch
als sie auch mit ihren Vettern, den Grafen von Schönburg, denen Teile von Eberstadt
gehörten, in Streit gerieten, verkauften die Schönburger ihren Anteil von Eberstadt an
den Darmstädter Landgrafen. Nicht nur, aber auch um den Frankensteinern eins
auszuwischen. In der Folge waren die Frankensteiner Machtansprüche nicht mehr zu halten
und sie waren zum Verkauf regelrecht gezwungen. Wie schwer ihnen das gefallen sein muss,
lässt sich daran sehen, dass sie bis zuletzt versuchten, ihre Herrschaft an Kurmainz zu
verkaufen, das jedoch dankend ablehnte. Die Frankensteiner hätten von solch einem
Verkauf faktisch nicht mehr gehabt, wahrscheinlich wäre finanziell sogar weit weniger
dabei herausgekommen, doch die Abneigung gegen den Landgrafen war so groß, dass man ihm
ihre nun verlorene Herrschaft nach fast 150 Jahren des Streits einfach nicht gönnte.
Unter Ludwig VI. entstanden zum letzten Mal in der Geschichte der Stadt Darmstadt Pläne,
diesem auch militärische Bedeutung zu geben. Hintergrund war die Gründung des (ersten)
Rheinbunds, dem Hessen-Darmstadt noch unter Georg II. 1659 beigetreten war. Das Bündnis,
dem neben einigen der mächtigsten Fürstentümer des Reiches auch Frankreich angehörte,
war als Gegengewicht zum Habsburger Kaiser und seinen Verbündeten gedacht und bedeutete
akute Kriegsgefahr. Darmstadt sollte zu einer gewaltigen, modernen Sternschanzenfestung
umgebaut werden, doch der chronische Geldmangel der Stadt ließ die Festungsanlage
niemals über den Planungsstatus hinauskommen.
Entmachtung des Stadtrats
Der neue Landgraf begann den bereits von seinem Vater begonnenen Weg, seine Herrschaft
im Sinne des Absolutismus zu reformieren, weiterzugehen. War sein Vater noch daran
gescheitert, einen größeren Einfluss in die Wahl der Mitglieder des Stadtrats zu
gewinnen, machte Ludwig VI. die Wahl ab 1664 zu einer regelrechten Farce. Stand die
Neubesetzung eines Ratsitzes an, bestimmte der Rat bisher selbst, wer aus der Bürgerschaft den
Posten bekam. Der Landgraf musste diese Wahl zwar bestätigen, einen direkten Einfluss
auf die Wahl hatte er aber nicht.
Jetzt musste er sich nicht mehr an einen Mehrheitsentscheid des Rates halten, sondern
durfte jeden Kandidaten bestätigen, der vom Rat vorgeschlagen wurde, d.h. auch wenn sich
13 Ratsmitglieder auf einen Kandidat einigten, konnte der Landgraf den Kandidat
bestätigen, für den sich allein der 14. Ratsherr entschieden hatte. Und da
dies dem Landgraf immer noch zu viel Autonomie für den Stadtrat war, führte er auch noch
einen Vorschlagsrecht für sich ein, was faktisch bedeutete, dass der Landgraf völlig
frei über die Ratsbesetzung bestimmen konnte. Es war zwar keinesfalls so, dass die
Landgrafen von dieser Möglichkeit in der Folgezeit allzu oft Gebrauch machten, dennoch
bedeutete es einen massiven Machtverlust für den Stadtrat.
Die Protokolle dieser Ratswahlen geben auch einen Eindruck, welche Zustände und
Umgangsformen in diesem Gremium herrschten. Da wurden Bürger vorgeschlagen mit dem
ausdrücklichen Hinweis, dass sie weder lesen noch schreiben könnten und deshalb für das
Amt des Bürgermeister, dass sie, da es turnusmäßig jährlich wechselte, als Ratsmitglied
zwangsläufig früher oder später innehaben würden, kaum fähig wären. Ein anderer Kandidat
(der auch bestätigt wurde) verbrachte angeblich große Teile des Tages damit, den Frauen
hinterher zu schauen und über den ebenfalls bestätigten Georg Philipp Schlechter spottete
das (wohlgemerkt hochoffizielle) Protokoll, dass er sich selbst für so klug und witzig
hielt, dass er sich über seinen eigenen Verstand wunderte.
Eine Frau übernimmt die Macht
Dramatische Ereignisse des Jahres 1678 sorgten dafür, dass Darmstadt (wie die gesamte
Landgrafschaft) für einige Zeit von einer Frau regiert wurde. Zuerst starb am 24. April
1678 Landgraf Ludwig VI. im Alter von 48 Jahren. Sein Sohn Ludwig VII. folgte ihm im
gleichen Jahr erst auf den Thron und dann ins Jenseits. Er starb gerade einmal 20-jährig
am 31. August 1678 an den Folgen einer Ruhr-Infektion. Der nächste in der Erbfolge war
sein Halbbruder Ernst Ludwig. Da dieser erst 10 Jahre alt war, übernahm seine Mutter
Elisabeth Dorothea von Sachsen-Gotha-Altenburg in Vormundschaft die Regierung. Anders als
ihr verschwenderischer Sohn und dessen beide, kaum weniger verhaltensauffällige
Nachfolger erwies sich die zehnjährige Regentschaft der Landgräfin als wahrer Segen für
die Stadt wie für das Land.
Sorgsam kümmerte sie sich um den weiteren Ausbau der Stadt, erweiterte den Herrngarten,
vergrößerte die Stadtkirche und konsolidierte die Staatsfinanzen. Die Bevölkerung wuchs
stetig.
Der Arheilger Krawall
Eine kuriose Anekdote bringt uns die Bevölkerung dieser Zeit auf der menschlichen Ebene etwas
näher. Als 1683 die nach einem Brand wiederaufgebaute Arheilger Kirche eingeweiht wurde,
wollte Pfarrer David Stannarius - angeblich nach dem Vorbild König Davids - einen
Ehrentanz aufführen. Bevor er aber anfing, sein Tanzbein zu schwingen, ließ er die
Gemeinde entfernen. Eine öffentliche Tanzperformance wäre wohl als Blasphemie zu werten
gewesen.
Ob die Gemeinde es nun trotzdem als Gotteslästerung empfand oder ob sie nur sauer waren,
dass man sie rausgeworfen hatte, wird aus dem erhaltenen Bericht von dem Ereignis nicht
ganz klar, aber auf jeden Fall war die Gemeinde stinksauer und begann lauthals zu
protestieren.
Als nun Bürgermeister Schauber die aufgebrachte Menge beruhigen wollte, fiel ein Johann
Michael Schuch über den Bürgermeister her, würgte ihn, schlug ihn zu Boden und stürzte
sich auf ihn, während der Mob ihn anfeuerte mit den Worten: "Druff, druff, itzt habt ihr
den rechten" (sinngemäß: Hau weiter zu, jetzt hast du den Richtigen erwischt). Der
Zentgraf Salomon Knauff versuchte dem Bürgermeister zu helfen, drohte mit der Verhängung
von Geldstrafen, was wenig überraschend keinen Eindruck machte, und prügelte den Angreifer
Schuch mit einem Stock, bis dieser vom Bürgermeister abließ.
Der Mob dagegen fiel nun über den Zentgrafen her. Sie schlugen und traten ihn, rissen ihm
die Perücke vom Kopf und den Stock aus der Hand, mit dem sie nun auch auf den
Pfarrer losgingen, ihn an den Haaren zogen und kräftig vermöbelten, bevor schließlich
einige andere Bürger zu Hilfe kommen und die Schlägerei stoppen konnte.
So zumindest geht es aus der Anklage der drei Geschädigten (also Bürgermeister, Zentgraf
und Pfarrer) hervor. Die anschließende Untersuchung ergab dann zwar die Richtigkeit
der Darstellung, doch kam dabei auch heraus, dass die drei Ankläger wohl nicht minder um
sich geschlagen und getreten haben. Zustände wie im kleinen, wohlbekannten, gallischen
Dorf.
Neuer Landgraf, neuer Krieg
Im Frühjahr 1688 übernahm der junge Landgraf Ernst Ludwig schließlich selbst die
Regierungsgeschäfte und schickte seine so behutsam agierende Mutter in Rente. Gleich zu
Beginn machte er sich den mächtigen französischen König Ludwig XIV. zum Feind, als er
französische Religionsflüchtlinge, Waldenser aus dem Pragelatal in den Alpen, in seinem
Land aufnahm. Der Pfälzische Erbfolgekrieg war ausgebrochen und das an die Pfalz
grenzende, militärisch schwache Hessen-Darmstadt wurde mit in den Konflikt hineingezogen
und zum Spielball der Mächtigen. Am 24. Oktober diesen Jahres nahmen die Franzosen die
Festung Rüsselsheim ein und marschierten kurz darauf vor Darmstadt auf. Der Landgraf
war, wie schon sein Großvater während des Dreißigjährigen Krieg, nach Gießen geflohen.
Im Februar 1689 spitzte die Lage sich zu, als sich Truppen aus Hessen-Kassel und
Kursachsen näherten. Die Franzosen fürchteten, dass sich die Truppen in Darmstadt
festsetzen könnten und wollten deshalb die gesamten Befestigungen der Stadt zerstören.
Der Stadtrat entschied zwei Abgesandte zu den Franzosen zu schicken, um dies zu
verhindern. Die Auswahl dieser beiden Gesandten verlief dabei nach dem Prinzip:
"Freiwillige ein Schritt vor", woraufhin der gesamte Stadtrat einen Schritt zurück
machte und die beiden armen Teufel, die nicht schnell genug reagiert hatten, sich somit
völlig freiwillig zu dieser heiklen Mission gemeldet hatten, namentlich
Bürgermeister Johann Eberhard Coburger und Stadtschreiber Johann Helweig Rhumbel.
Die beiden kamen nur bis Rüsselsheim, wo Bürgermeister Coburger von den Franzosen
gefangen genommen und der Stadtschreiber mit einer Lösegeldforderung zurückgeschickt
wurde. Als dieses Lösegeld aufgebracht und den Franzosen übergeben worden war, riefen
die "Reingelegt!" und zogen sich zusammen mit ihrem Gefangenen aus Angst vor aus
nahezu allen Himmelsrichtungen herannahenden Truppen nach Mainz zurück.
Die Franzosen brannten bei ihrem Rückzug Gernsheim und Dornberg nieder. Die Festung
Rüsselsheim sprengten sie kurzerhand in die Luft. Die Obergrafschaft Katzenelnbogen war
damit faktisch jeder etwas größeren Armeen schutzlos ausgeliefert. Darmstadt dagegen
entkam durch das rechtzeitige Eintreffen der sächsischen Truppen diesem Schicksal.
Nicht folgenlos blieb die Sache freilich nicht nur für den Bürgermeister, der 32 Wochen in
Gefangenschaft verbringen musste, sondern auch für Darmstadt selbst. Denn nicht nur in
Hessen-Darmstadt zogen sich die Franzosen nach dem Prinzip der verbrannten Erde zurück,
sondern auch in der Pfalz. Bedeutetende Orte wie Oppenheim, Worms, Speyer, Heidelberg
und Mannheim wurden dabei verwüstet. Nicht wenige flohen von dort aus nach Darmstadt.
Vor allem Kaufleute und Handwerker wurden dabei für die Alteingesessenen zur unliebsamen
Konkurrenz.
Der Krieg war damit aber noch längst nicht vorbei, noch bis 1697 zog sich der Konflikt,
von dem auch Darmstadt weiterhin betroffen war. Vor allem eine französische Offensive im
Sommer 1693 hinterließ deutliche Spuren. Brandschatzung in Höhe von 1.200 Talern wurde
fällig, Häuser wurden zerstört und im Westen wurde ein Teil der Stadtmauer
niedergerissen.
Ausbau der Stadt und Reformen
Ausgerechnet diesen Durchbruch der Mauer nutzte der Landgraf ab 1695, also noch während
des Krieges, um dort den Bau der neuen Vorstadt zu beginnen. Er war extra aus Gießen
angereist, um - ganz im modernen Sinn - den Grundstein für den Bau zu legen. Endgültig zurück kehrte er aber erst 1698, als der Krieg beendet war. Mit
der Anlage dieser neuen Vorstadt bestimmte der Landgraf die zukünftige Entwicklung der
Stadt nachhaltig.
Innenpolitisch zeichnete der junge Landgraf sich vor allem durch mehr religiöse Toleranz
aus. So gestattete er den Juden die Abhaltung von Gottesdiensten, was vom Stadtrat
ausdrücklich missbilligt wurde. Die in Folge dieser neuen Toleranz ansteigende Zahl
jüdischer Bewohner in der Stadt wollte man von Seiten des Rates verringern. Man sprach
davon, dass es nicht akzeptabel sei, dass die Juden den christlichen Bürgern und
Kaufleuten die Nahrung wegessen würden.
Aber auch von Seiten des Landgrafen beruhte diese neue, schwer gegen den Stadtrat
durchzusetzende Toleranz keineswegs allein auf christlicher Nächstenliebe. Er brauchte
die zahlungskräftigen jüdischen Geschäftsleute als finanzielle Unterstützung
seiner bald aus den Rudern laufenden Bauvorhaben.
Auf der anderen Seite zeugen Versuche, im örtlichen Waisenhaus auch Kinder jüdischen und katholischen Glaubens aufzunehmen, ebenso wie die zeitweise genehmigten katholischen Gottesdienste, von einem wirklichen Interesse des Landgrafen an mehr religiöser Toleranz, was vielleicht auch daran lag, dass seine jüngeren Brüder 1697 allesamt zum katholischen Glauben übergetreten waren. Beide Versuche, die Einrichtung eines überkonfessionellen Waisenhauses, genauso wie die Erlaubnis, katholische Gottesdienste abhalten zu dürfen, scheiterten aber bald an dem Starrsinn der mächtigen protestantischen Geistlichkeit.
Von Bedeutung für Darmstadt war auch der in diese Zeit fallende Spanische Erbfolgekrieg
(1701-1714), da sich an diesem Darmstadt mit Truppen beteiligte. Die jüngeren
Brüder des Landgrafen kämpften als Offiziere der Habsburger in diesem Krieg. Der im
Range eines Feldmarschalls stehende Prinz Georg von Hessen-Darmstadt (der zwei Jahre
jüngere Bruder des regierenden Landgrafen) war bereits 1698 zum Vizekönig von Katalonien
aufgestiegen. Als dann der Erbfolgekrieg ausbrach, gelang ihm 1703 die Eroberung von
Gibraltar, deren Folge es unter anderem war, dass das mit den Habsburgern verbündete
England die Insel bis heute zu ihren Überseegebieten zählt. Lange konnte Prinz Georg
seinen großen Sieg jedoch nicht feiern: er starb am 13. September 1705 bei der
Belagerung von Barcelona.
Nach Ende des Krieges 1714 konnte man sich in Darmstadt wieder auf die Bauvorhaben
konzentrieren. Doch bald schon geriet die Bauleidenschaft des Landgrafen völlig außer
Kontrolle. Die Liste der unter seiner Regentschaft entstandenen Prunkbauten und
Parkanlagen ist kaum überschaubar. Dabei verlor der Landgraf die Realität vollkommen aus
den Blickfeld.
Das neue Schloss
Am ehesten kann man das an dem von dem Architekten Louis Rémy de la Fosse geplanten
Neubau des Schlosses festmachen: das riesige Barockschloss war für das kleine Residenzstädtchen und Sitz des Fürsten eines so kleinen Landes dermaßen überdimensioniert geplant, dass sich der Landgraf nicht ganz zu Unrecht den Vorwurf des Größenwahns einhandelte. Die Umsetzung des Bauplans scheiterte dann auch auf geradezu katastrophale Weise. Die finanziellen Möglichkeiten von Land und Stadt bei Weitem überschreitend, konnte bis 1726 nur der Rohbau zweier Flügel fertiggestellt werden, die aber nicht mal ansatzweise bewohnbar waren. Nur einige Archivräume und die Wachstube dort, wo heute noch das 1. Polizeirevier untergebracht ist, konnten damals genutzt worden, die oberen Stockwerke waren dagegen mit Brettern verschlagen. Dass der Landtag
bei der Bewilligung der für den Bau nötigen Gelder den Landgrafen dazu nötigte, den
Altbau des Schlosses entgegen der eigentlichen Planung vorerst stehenzulassen, erwies
sich nun als geradezu weise Entscheidung, denn an dem Barockschloss wurde nie weiter
gebaut.
Auch andere in Ernst Ludwigs Zeit entstandene Bauten sind nur ein billiger Abklatsch der
eigentlichen Planung, das Orangerie-Schloss in Bessungen beispielsweise ist nur ein
kleiner Teilbau des eigentlichen Bauvorhabens.
Jagdgesellschaften
Für Darmstadt noch fataler als die ausufernde Bautätigkeit des Landgrafen war seine
Jagdleidenschaft, die die Wirtschaftskraft der Stadt massiv schwächte. Der Fürst
beanspruchte große Teile des eigentlich für Landwirtschaft benötigten Grund als
königliche Jagdgebiete. Das Wild selbst sorgte für erhebliche Flurschäden in den
übrigen, noch landwirtschaftlich genutzten Feldern. Für die Jagd wurden Arbeitskräfte
gebraucht, die in der Stadt fehlten, und - als wäre das alles noch nicht genug -
verwüsteten der Landgraf mit seinen Jagdgesellschaften durch die aufwendigen Treibjagden
selbst die Felder, da das gejagte Wild sich verständlicherweise eher selten an der
Frage, ob ein Feld nun der Jagd oder der Landwirtschaft diente, aufhielt. Zäune, die
dieses Probleme zumindest hätten eindämmen können, empfand der Landgraf als Behinderung
der Jagd, die er nicht dulden könne. Nicht selten sah man Bauern, die ihre Felder gegen
Wild verteidigen mussten und damit den Zorn des Fürsten auf sich zogen.
Zum einen blutete der Landgraf also Land und Stadt durch seine Prunkbauten finanziell
aus, zum anderen schadete seine Jagdleidenschaft der Wirtschaftskraft der Stadt, was die
prekäre Lage noch weiter verschlimmerte. Andererseits sorgten die vielen baulichen
Großprojekte auch für einen Boom innerhalb der Stadtmauern. Doch auch dabei war der
Bogen bald überspannt, da die Projekte so viele Leute in die Stadt lockten, dass der
Konkurrenzkampf für viele Handwerker existenzbedrohend wurde, als die Bauprojekte aus
finanziellen Gründen ins Stocken gerieten.
Bald war man quasi zahlungsunfähig und der Landgraf beauftragte verschiedene Alchemisten, unter ihnen der berühmte Johann Konrad Dippel, aus Blei Gold zu machen, was zu des Landgrafen
Überraschung seine finanziellen Probleme aber auch nicht löste.
Noch mehr Reformen
Der Stadtrat wurde unter Landgraf Ernst Ludwig weiter entmachtet. Allerdings nicht nur
zugunsten des Landesherren, sondern auch zugunsten der Darmstädter Bürgerschaft, die
zukünftig ein fünfköpfiges Kontrollgremium besetzte, das aus dem Unterbürgermeister und vier
Stadtvorstehern (offenbar ein Rückgriff auf das scheinbar abgeschaffte Amt des Vierers)
bestand. Der Erfolg dieses neuen Gremiums war, vorsichtig ausgedrückt, eher
mäßig. Erst wurden sie vom Stadtrat bei jeder nur erdenklichen Möglichkeit schikaniert
und von Entscheidungen ferngehalten (zu Beginn verwies man sie gar des Ratssaals), dann
häuften sich Beschwerden von Seiten der Bürgerschaft, die - wohl zurecht - massive
Korruption und Vetternwirtschaft innerhalb des neuen Gremiums anprangerten. So
kandidierten bei der Unterbürgermeisterwahl 1726 neben dem Stadtvorsteher Johann Jakob
Schuster der Bierbrauer Heinrich Christoph Ludwig. Obwohl der Bierbrauer von Seiten der
Zünfte fast dreimal so viel Stimmen erhielt, wurde von Seiten der Vorsteher ihr
Kollege dem Rat zur Bestätigung eingereicht. Die dreiste Anmaßung scheiterte zwar, der Geheime
Rat der Regierung stärkte die Position der Zünfte und ihr Recht die Mitglieder des neuen
Gremiums zu bestimmen, der Versuch mit dem Gremium eine Vertretung der Bürgerschaft
einzuführen, war damit aber eindeutig gescheitert.
Ein halbes Jahrhundert absoluter Fürst
Die Regierungszeit Ernst Ludwigs war die mit Abstand längste aller Darmstädter
Herrscher. Selbst wenn man die zehn Jahre seiner Herrschaft abzieht, in der für den
minderjährigen Regenten faktisch seine Mutter regierte, herrschte er über
fünfzig Jahre. Baulich vollzog er den Übergang zum Barock und setzte städtebauliche
Akzente, die die weitere Entwicklung der Stadt bestimmten. Seine Ansätze zu größerer
religiöser Toleranz waren eine erste Andeutung von Aufklärung mitten im Absolutismus.
Auf der anderen Seite war seine Regierungszeit aber auch von adliger Weltferne geprägt.
Prunkbauten, Parforcejagden und Theater- und Opernaufführungen, sprich persönliche
Leidenschaften, Vergnügen und Repräsentation seiner Herrschaft waren für ihn bei weitem
wichtiger als die Sorgen seiner Untertanen. Damit gelang ihm etwas, was selbst der
Dreißigjährige Krieg nicht geschafft hatte: er führte die Landgrafschaft in den
finanziellen Ruin.
Jagdlandgraf und Pleitier
Man hätte nun meinen können, sein Sohn Ludwig VIII. wäre bei Regierungsantritt 1739
darauf bedacht gewesen, die maroden Staatsfinanzen zu sanieren und sich in Sparsamkeit
zu üben. Doch er tat das genaue Gegenteil. Zwar hielt er sich was Prunkbauten betrifft
auffällig zurück, doch der als Jagdlandgraf in die Darmstädter Geschichte eingegangene
Fürst übertraf seinen Vater bei der verschwenderischen Parforcejagd sogar noch. Mehrfach
stand das Land kurz vor dem Staatsbankrott. Die Bauern im Umland versuchten darauf damit
zu reagieren, dass sie vermehrt Gerste anpflanzten, da dieses von den Hirschen, den
"Heiligen Kühen" des jagdbegeisterten Fürsten, kaum angerührt wurde. Die Folge war
eine Monokultur, die erst zu Ertragsausfällen und dann zu Versorgungsengpässen führte. Bald schon hatten die Bauern nicht mehr die Mittel, im Frühjahr die Saat auszubringen und mussten ihren Besitz verkaufen. Dies bedeutete eine Verarmung ganzer Bevölkerungsschichten zu Gunsten einiger weniger reicher Familien.
Dem Landgraf und seinem Gefolge war das herzlich egal. Überliefert ist die Aussage
eines Adligen, der auf die Beschwerde der Bauern über die ausufernde Jagd erwiderte:
"Pflastert eure Wiesen und setzet euer Gepflänz mit der Wurzel in die Höhe, so kann
ihnen das Wild nicht schaden" - für die Sorgen des kleinen Mannes hatten die Mächtigen
nur Spott übrig.
Die zunehmende Gängelung der "Unterprivilegierten" zeigt sich besonders gut an der
Kaffee-Verordnung von 1766. Der Landbevölkerung wurde der Kaffeegenuss komplett
verboten. In der Stadt dagegen durfte Kaffee getrunken werden, allerdings ausdrücklich
nur von "vermögenden und angesehenen" Bürgern. An diesem seltsamen Beispiel besonderer
Bevormundung lässt sich eine allgemeine Entwicklung dieser Zeit erkennen: die
wohlhabenden, reichen Bürger und der Adel näherten sich in ihren Lebenswelten aneinander
an, während diese beiden Gruppen sich gleichzeitig von dem Rest der Bevölkerung
entfernten.
Trotz allgemein unruhiger Zeiten im Reich blieb Darmstadt vor Kriegen einigermaßen
verschont. Zwar belasteten wiederholte Truppendurchzüge während des Österreichischen
Erbfolgekriegs (1740-1748) die Stadt, dafür lief der Siebenjährige Krieg (1756-1763) an
Darmstadt nahezu spurlos vorbei.
Kasernen, Soldaten und Märsche
Ludwig IX., der 1768 die Regierung übernahm, schien zunächst mit dem verschwenderischen
Unsinn seines Vaters und Großvaters Schluss machen zu wollen, ließ große Teile des
Jagdapparates abbauen und führte auch sonst wichtige Sparmaßnahmen durch. Allerdings
ging es ihm nicht wirklich darum, die Staatsfinanzen zu sanieren. Der neue Landgraf
hatte bloß andere Interessen. Und so flossen große Teile der frei werdenden Mittel ins
Militär. Nicht etwa, weil ein Krieg drohte, der Landgraf wollte bloß wie ein kleiner Junge ständig mit seinen Soldaten spielen.
Ludwig VIII. hatte wegen seiner Jagdleidenschaft meistens nicht im Darmstädter Schloss, sondern im Jagdschloss Kranichstein residiert. Ludwig IX. verhielt sich ähnlich und residierte daher meistens in Pirmasens, einem weit vom Kernland gelegenen, durch Erbschaft an den Landgrafen gefallenes kleines Dörfchen, das der Landgraf schon als Erbprinz zur Garnison ausbauen ließ.
Kasernen wurden gebaut und die zweitgrößte Exerzierhalle Europas errichtet. Das größte Hobby des Landgrafen war das Komponieren von Militärmärschen. Als nach dem Tode seines Vaters der Ruf kam, doch nach Darmstadt zurückzukehren, um sein Erbe anzutreten, pfiff der neue Landgraf seinen Untertanen was und machte Pirmasens zur Residenz. Bedenkt man die Lage der Stadt war das in etwa so, als würde sich heute ein amerikanischer Präsident auf eine Militärbasis irgendwo im pazifischen Ozean zurückziehen und dort ständig Manöver abhalten.
Fast könnte man es pathologisch vererbt nennen: sein Großvater war versessen auf Prunkbauten, sein Vater auf die Jagd und Ludwig IX. auf Soldaten. Ein sinnvolles Regierungskonzept konnte so keiner von ihnen aufbauen.
Wie fern ihm Darmstadt und seine Probleme waren, zeigte sich bei der Wahl des Oberbürgermeister 1789, als der offensichtlich nicht sehr beliebte Ratsherr Johann Wilhelm Becker, der nach dem jährlich wechselnden Turnus eigentlich "an der Reihe" gewesen wäre, Oberbürgermeister zu werden, vom Rat nicht gewählt wurde. Auf die darauf folgende Beschwerde beim Landgrafen ließ dieser anordnen, dass er doch mit dem Gegenkandidaten um das Amt würfeln solle. Becker weigerte sich, weil er angeblich ein Gelübde abgelegt hatte, nicht zu spielen, woraufhin der Landgraf ihn, ohne Begründung, zum Oberbürgermeister ernannte, ganz offensichtlich um die Sache vom Tisch zu haben.
Die Große Landgräfin
Die Abwesenheit des wenig umsichtig agierenden Landgrafen erwies sich für Darmstadt überraschenderweise aber als regelrechter Segen. Zum zweiten Mal übernahm mit seiner Ehefrau Landgräfin Henriette Karoline, die Goethe später die "Große Landgräfin" nennen wüde, faktisch eine Frau die Regentschaft in Darmstadt.
Nachhaltige Spuren hinterließ die Landgräfin in Darmstadt vor allem im Herrngarten, den sie im englischen Stil umgestalten ließ und ihm damit seine größtenteils heute noch vorhandene Erscheinungsform gab. Die kulturelle Blüte Darmstadts in dieser Zeit lässt sich auch an dem durch die Landgräfin gegründeten „Kreis der Empfindsamen“ erkennen, dessen berühmtestes Mitglied der junge Goethe war.
So sehr der krasse Unterschied zwischen dem Militärfanatiker, Uniform und starre, ritualisierte Ordnungen liebenden Landgrafen und seiner sich feinsinnig, modern und aufklärerisch gebenden Ehefrau auch gewesen sein mag, an der Darmstädter Bevölkerung ging beides größtenteils spurlos vorbei. Den Landgrafen bekamen sie kaum zu Gesicht und von der feingeistigen Freizeitgestaltung der Landgräfin hatte sie nichts. Zudem war der junge Goethe und seine literarischen Freunde sicher nicht das, was sich eine ältere Generation unter vorbildlichen jungen Leuten vorstellte. Es war ein bisschen so, als hätten die Beatles in Darmstadt gewohnt.
Trotz der etwas verhaltensauffälligen Miltärleidenschaft des Landgrafen näherte er sich aber auch der Aufklärung an. So schaffte er zum Beispiel das Instrument der Folter in der Strafermittlung ab. Vor allem aber die Berufung von Friedrich Karl von Moser zum Kanzler, dessen weitreichende Reformen in nahezu allen Bereichen Land und Stadt umfassend modernisierten, erwies sich als echter Glücksgriff. Mit ihm wurde der erste Schritt zu einem modernen Staatswesen getan und ermöglichte Ludwig X. (dem späteren Großherzog Ludwig I.) bei Regierungsantritt 1790 den Umbau des Staates zunächst im Sinne eines aufgeklärten Absolutismus, später – wenn auch wohl nicht vollkommen freiwillig – sogar zur konstitutionellen Monarchie, eine Selbstentmachtung nach Jahrhunderte langer Zunahme der fürstlichen Macht.
Diese positiven Seiten Ludwigs IX. wogen seine negativen aber kaum auf. Das Urteil des Volksmunds bei seinem Tod war eindeutig:
Der Bauern Gott Des Adels Spott, Der Bürger Not, Ist endlich tot.
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