*Geschichte Darmstadts
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*Darimund, der mythische Gründer von Darmstadt
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*Hexenwahn in Darmstadt
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*Burg Frankenstein, Shelley und die Konstruktion eines Mythos

*Das Frankensteiner Eselslehen und das Böse Hundert von Darmstadt

*Die Darmstädter Kolonie am Llano River

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Geschichte Darmstadts


Teil 4: Großherzogtum Hessen und bei Rhein


Ein neuer Wind von Westen

Gleich im ersten Regierungsjahr Ludwigs X. konnte man den neuen Wind, der von nun an wehte, spüren, als den Katholiken die freie Ausübung ihrer Religion und den Juden der Erwerb von Grundbesitz gestattet wurde. 1796 erhielt der erste Jude das Bürgerrecht.

Europa hatte sich verändert. In Frankreich hatte die Revolution gesiegt und die Republik ausgerufen. Französische Truppen hatten Mainz und Frankfurt eingenommen. Der Landgraf verließ aus Sicherheitsgründen Darmstadt. Darmstädter Regimenter kämpften an der Seite von Österreich und Preußen beim Versuch, Mainz zurückzuerobern. Als Preußen und Frankreich jedoch Frieden schlossen, war letzteren das linksrheinische Ufer nicht mehr zu nehmen.

Kurz darauf erschienen französische Truppen in Darmstadt, nahmen mehrere einflussreiche Personen als Geiseln und forderten gewaltige Lösegelder. Für ein halbes Jahr wurden die Gefangenen verschleppt und konnten nur durch massive Bestechungen befreit werden. Die Sympathie, die die Darmstädter Bevölkerung für die republikanische Idee hatte, wurde dadurch gewaltig getrübt. Es war offensichtlich, dass die revolutionären Ideale mit der Realität nur wenig zu tun hatten.

Doch die Veränderungen, die die Revolution mit sich brachte, waren nicht mehr aufzuhalten. Mit dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 endete das Zeitalter geistlicher Fürstentümer, deren Besitz unter den weltlichen Herrschern aufgeteilt wurde. Auch Hessen-Darmstadt profitierte nicht unerheblich davon.

Das Großherzogtum entsteht

In Frankreich hatte sich Napoléon Bonaparte mittlerweile zum Kaiser erhoben und die Republik wieder abgeschafft. Napoléon wollte den Darmstädter Landgrafen zu einem Bündnis nötigen, um seine Armeen auf dem Weg nach Österreich um mehrere tausend Soldaten der Landgrafschaft aufstocken zu können, doch der Landgraf weigerte sich. Napoléon gewann die Auseinandersetzung mit Österreich und Russland in der sogenannten Dreikaiserschlacht bei Austerlitz aber auch ohne die hessen-darmstädterischen Truppen und nun wurde dem Landgraf seine Neutralität zum Verhängnis.

Napoléon ließ seine Truppen in der Landgrafschaft aufmarschieren und diese, einschließlich Darmstadt besetzen. Napoléon zwang den Landgrafen damit zum Beitritt in den von Frankreich initiierten (zweiten) Rheinbund. Unmittelbare Folge war der Austritt aus dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation am 01. August 1806, nur fünf Tage später hörte mit der Abdankung Franz II. das Reich auf zu existieren. Napoléon verlieh dem Landgrafen zum Dank den Großherzogtitel. Angesichts dessen war der später so stolz getragene Titel zunächst eher der Titel eines französischen Lakaien. Es war erst die erfolgreiche Politik, die Ludwig X., der sich mit Verleihung des Großherzogtitels Ludewig I. nannte, danach bewerkstelligte, die diesem einstigen Retortentitel einen gewissen Klang und Erhabenheit verlieh.

Nun gezwungenermaßen Verbündeter Frankreichs folgte der Großherzog mit seinen Truppen Napoléon in jedes militärische Abenteuer. Darmstädter Soldaten kämpften 1806 gegen Preußen, 1808 gegen Spanien, 1809 gegen Österreich und 1812 schließlich beim fatalen Feldzug gegen Russland, bei dem Napoléon vernichtend geschlagen wurde. Nur etwa jeder Zehnte kehrte aus diesem Krieg zurück.

Es war der Anfang vom Ende Napoléons. Ein Jahr später verlor er die sogenannte Völkerschlacht bei Leipzig. Großherzog Ludewig nutzte dies, um seinen Austritt aus dem ungeliebten Rheinbund zu erklären und wechselte die Seiten. Sich immer an die Sieger zu halten, sollte sich als Erfolgsrezept des für die Geschichte Darmstadts so bedeutenden Großherzogs erweisen.

Mollerstadt

Für die Stadt selbst waren diese Kriege aber weit weg und so konnte der Großherzog die lang geplante Neustadt im Westen, die nachmalige Mollerstadt in Angriff nehmen. Jener Georg Moller, Hofbaudirektor des Großherzogs, prägt mit seiner klassizistischen Architektur das Stadtbild bis heute – trotz der massiven Zerstörungen im 2. Weltkrieg. Besonders zu bemerken sind hierbei das alte Theater (heute Staatsarchiv) und die St.-Ludwigs-Kirche, die erste katholische Kirche in Darmstadt seit Einführung der Reformation.

Da aber, anders als unter Landgraf Ernst Ludwig, keineswegs in erster Linie nur Prunkbauten errichtet wurden, sondern bewusst auch massiv neue Wohnflächen geschaffen wurden, stieg auch die Bevölkerungszahl immens an.

Nicht alle Ideen Mollers konnten jedoch umgesetzt werden. So wollte er den seit Landgraf Ernst Ludwig unfertig geblieben Schlossneubau endlich vollenden, wenn auch deutlich kleiner, als das in Zeiten des Barockfürsten angedacht war. Wie schon damals sollten die Renaissancebauten des Altschlosses eingerissen werden. Fast als sei es Bestimmung, scheiterten diese Pläne erneut. Aber immerhin wurden die beiden Barockflügel jetzt so hergerichtet, dass sie auch größtenteils nutzbar wurden. In diese Zeit fällt auch die Anlage des noch heute erhaltenen Gartens im Schlossgraben, der bereits 1804 trockengelegt worden war.

Neue Machtverhältnisse nach der Niederlage Napoléons

Mit dem Wiener Kongress, der die Nachkriegsordnung in den deutschen Ländern nach dem Sieg über Napoléon festlegte, gab es weitere bedeutende Veränderung für die Land und Stadt. Die Neuordnung brachte Hessen-Darmstadt, das dem Deutschen Bund beitrat, eine neue Provinz: Rheinhessen. Vorteilhaft war dabei nicht nur der Gewinn von solch bedeutenden Städte wie Mainz und Worms, sondern auch, dass die neue Provinz direkt an die Provinz Starkenburg (mit Darmstadt im Zentrum) grenzte. Was heute selbstverständlich erscheint, war damals ein echtes Problem: unzählige Gebiete, ganze Provinzen wie Oberhessen konnte man von der Hauptstadt aus nur erreichen, wenn man durch fremdes Hoheitsgebiete reiste. Vor allem für den Handel war dies ein immenses Problem, da so ja bei jeder, auch innerstaatlicher Transaktion Zoll anfiel.

Wie bedeutend dieser Zugewinn war, wird auch dadurch deutlich, dass der Großherzog seinen Titel erweiterte, von nun an nannte er sich: Ludewig I., Großherzog von Hessen und bei Rhein.

Bald aber zeigte sich, dass der Großherzog sich mit der neuen Provinz übernommen hatte. Seine Position als absoluter Monarch war nicht mehr zu halten. Die entmachteten Landstände und die unter dem direkten Einfluss Frankreichs staatsrechtlich bereits deutlich modernere, neue Provinz, unterstützt von ersten demokratisch-freiheitlichen Bewegungen aus dem Volk machten ein Festhalten an der absoluten Monarchie undenkbar. Der Großherzog entschloss sich für die Flucht nach vorn und führte von sich aus eine landständische Verfassung ein, deren Inhalt nun aber von ihm bestimmt war.

Er schränkte damit zwar seine Macht ein, aber zu einem geringeren Maße, als er es hätte tun müssen, hätte er einfach abgewartet, bis die mächtigen Adligen ihm eine Verfassung aufgezwungen oder sie sich gar mit dem Volk verbündet und den Monarchen gleich ganz gestürzt hätten. So heißt es in Artikel 4, Absatz 2 über den Großherzog: "Seine Person ist heilig und unverletzlich". Da schwingt immer noch der Absolutismus durch.

Hessen bekommt eine Verfassung

Die Verfassung sah ein Zweikammersystem vor, war allerdings noch weit von modernen demokratischen Vorstellungen entfernt. Die erste Kammer bestand nur aus Adligen und Günstlingen des Großherzogs, die zweite Kammer wurde zwar im Prinzip vom Volk gewählt, doch zur Wahl zugelassen waren nur Bürger, die mindestens 20 Gulden im Jahr an Steuern zahlten, in Darmstadt waren das gerade einmal ein Sechstel der Einwohner. Diese wählten dann aber nicht den Abgeordneten, sondern bloß einen Bevollmächtigten, der wiederum einen Wahlmann bestimmte. Wahlmann durften nur die „Top 60“ eines Wahlkreise werden, also die 60 Leute, die die meisten Steuern zahlten. Um Abgeordneter werden zu können, musste man jährlich mindestens 100 Gulden an Steuern zahlen. In Darmstadt gab es nicht mehr als 20 Bürger, die so ein hohes Steueraufkommen hatten. Die Reichen wählten also die Reichsten zum Abgeordneten. Nicht selten wurden reiche Stadtbürger auch als Abgeordnete für die umliegende Dörfer gewählt. Manche gewannen ihren Wahlkreis gar in anderen Provinzen.

Wenig verwunderlich, dass bei solch einem schiefen Verfassungssystem Proteste aufkamen. Eher überraschend dagegen, dass solche Proteste von einigen der Abgeordneten getragen wurden. Die beiden Darmstädter Andreas Zöppritz und Ernst Höpfner waren die Anführer einer Gruppe liberaler Abgeordneter, die den Eid auf die neue (noch provisorische) Verfassung verweigerten, weil sie ohne Zustimmung des Volkes aufgezwungen wurde. „Darmstädtische Prostitution“ nannten sie es.

Folge dieses Eklats waren Nachwahlen und die Bildung des neuen Landtags stockte bis zum Oktober. Der Verfassungsentwurf wurde noch einmal gründlichst überarbeitet und erweitert, so dass die endgültige Verfassung schließlich im Dezember in Kraft treten konnte.

Veränderungen in der Stadt

Auch in der Stadtverwaltung Darmstadts fanden vergleichbar große Änderungen statt, die schon überraschend demokratisch waren. Der Stadtrat wurde nun von den Bürgern direkt gewählt und auf zunächst 18, später 30 Mitglieder erweitert. Die Räte waren nun nicht mehr auf Lebzeit gewählt, sondern für 9 Jahre. Ebenfalls direkt gewählt wurden die drei Bürgermeisterkandidaten und zwei Beigeordnete. Der Großherzog bestand beim obersten Amt der Stadt aber nach wie vor auf sein althergebrachtes Auswahlrechte, auch wenn er es formal an sein Staatsministerium abgab. Dieses Staatsministerium bestimmte aus den drei von den Bürgern gewählten Kandidaten völlig frei denjenigen, dessen Nase ihm am besten gefiel.

Als der erste Großherzog am 06. April 1830, genau 40 Jahre, nachdem er die Regierung angetreten hatte, starb, war die Stadt gewaltig angewachsen, politisch modernisiert und Zentrum für Kultur und Bildung der ganzen Region. Der beim Volk äußerst beliebte Fürst hatte die Stadt in einer Weise vorangebracht, wie es keinem seiner Vorgänger oder Nachfolger gelingen sollte. Bei Regierungsantritt herrschte politisch der Absolutismus, der Staat war ein kleines, unbedeutendes Ländchen, umgeben von übermächtigen Nachbarländern, die Stadt steckte strukturell größtenteils noch im 17. Jahrhundert fest und der Druck Napoléons degradierte den Landesherren bald zur bloßen Marionette. Am Ende seiner Regierung war die Stadt modern ausgebaut, das kulturelle Leben erlebte eine Blüte, das Bildungssystem war up-to-date, der Staat eine Mittelmacht im Deutschen Bund und die Stadtverwaltung hatte erste Züge einer Demokratie erhalten.

Nicht alles, was Ludewig I. tat, ist des großen Lobes wert. Vor allem seine Verfassung, an der später (und teilweise bis heute) seine große Bedeutung festgemacht wurde, war eine eher zwiespältige Angelegenheit und barg in sich den Sprengstoff für die kommenden Konflikten. Auch nach seiner Herrschaft lebte in seinem Staat immer noch ein mit den kläglichen Überresten des Feudalismus belastetes Volk, in dem der Adel und die Allerreichsten bestimmten, was getan wurde und was nicht. Dennoch hat sich die Stadt zweifelsfrei unter keinem Herrscher so positiv weiterentwickelt wie unter Ludewig I.

Der Schattengroßherzog und das System du Thil

Dass es angesichts dessen sein Sohn Ludwig II. schwer haben würde, aus dem Schatten seines Vaters zu treten, war abzusehen. Gleich zu Beginn seiner Regierung scheiterte er katastrophal bei dem dreisten Versuch, seine in seiner Zeit als Erbprinz angehäuften Privatschulden in Millionenhöhe auf den Landeshaushalt zu übertragen. Die zweite Kammer des Landtags lehnte diesen Antrag mit überwältigender Mehrheit ab.

Nach diesem Fehlstart erwieß sich der neue Regent als politisch blasse Erscheinung, die kaum zu großen Entscheidungen fähig war. Für die konkrete Politik und ihre Umsetzung zeigte sich mehr sein oberster Beamter, Karl du Thil, verantwortlich. Er war die eigentliche politische Triebkraft in dieser Zeit, fast wie ein Hausmeier in der späten Merowingerzeit.

Die erfolgreiche Durchsetzung der zweiten Kammer bei der Schuldenfrage gab den liberal-demokratisch gesinnten Abgeordneten den Mut, weitere Reformen einzufordern. Noch 1830 konnten sie eine Lockerung staatlicher Zensur durchsetzen, die erstmals auch kritische politische Zeitungen im Land erlaubte. Doch die Reaktion auf das Hambacher Fest 1832 stoppte die liberalen und demokratischen Entwicklungen und drehten sie zurück. So wurde erst die liberale Presse wieder verboten und der Landtag so oft aufgelöst, bis endlich die Wahlen nach du Thils Vorstellungen ausgingen. Zwar saßen dann nach wie vor liberale Abgeordnete in der zweiten Kammer, doch Anzahl und Einfluss war stark gesunken.

Du Thil bestimmt die Bürgermeisterwahl

Dass das Hambacher Fest aber zum Teil auch nur ein Vorwand für reaktionere Politik war, zeigt die Besetzung des höchsten städtischen Amtes. So verweigerte die Regierung nämlich schon 1831 die Bestätigung des mit deutlicher Mehrheit gewählten Ernst Emil Hoffmann, da dieser der Wortführer der Abgeordneten war, die erst die Schuldenübernahme ablehnten und dann die vorübergehende Liberalisierung der Presse durchsetzten. Statt dessen wurde der bei der Wahl deutlich abgeschlagene bisherige Bürgermeister Michael Hofmann bestätigt, weil er Regierung deutlich näher stand.

Vollends zur Farce wurde diese Vorgehensweise bei den Bürgermeisterwahlen 1836, als Ernst Emil Hoffmann erneut die Wahl gewann, die Regierung aber nicht nur ihm die Bestätigung verweigerte, sondern auch dem Zweitplatzierten Andreas Darmstädter, obwohl dieser niemals durch liberale Ideen „negativ“ aufgefallen war. Seit einiger Zeit hatte er aber angeblich engeren Kontakt mit dem liberalen Hoffmann gepflegt und das war für die Regierung ausreichend, ihn nicht zum Bürgermeister zu berufen. Schon Gerüchte konnten eine politische Karriere beenden.

Da die Regierung aber verpflichtet war, einen von drei von den Bürgern bestimmten Kandidaten zu bestätigen, war man nun gezwungen, den Drittplatzierten, Georg Brust, zum Bürgermeister zu ernennen, obwohl die fachliche Eignung Brusts zu diesem Amt von der Regierung selbst bezweifelt wurde.

Der Hessische Landbote

Auch durch diese Willkür der Regierung stieg die revolutionäre Stimmung in der Bevölkerung an. An die Stelle der verbotenen Zeitungen traten illegale Flugblätter und Druckblätter. Die bedeutenste Veröffentlichung dieser Art war zweifelslos der von Georg Büchner und Friedrich Ludwig Weidig verfasste „Hessische Landbote“ mit dem berühmten Aufruf: „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“

Die radikalen Positionen unter der liberalen-demokratischen Bewegung bekamen mehr und mehr Anhänger. Büchners früher Tod im Exil und der nur wenige Tage spätere Tod Weidigs im Gefängnis sowie die wenig fairen Hochverrats-Prozesse gegenüber ihren Unterstützern waren der notwendige Katalysator für die Bewegung, der den Konflikt weiter anheizte, bis er zwangsläufig eskalierte.

Ludwigsmonument

Die Errichtung des Ludwigsmonument (im Volksmund: Langer Lui) von 1841 bis 1844 war vermutlich auch ein Versuch, die gespannte Lage mit einem monumentalen Großprojekt zu Ehren des nach wie vor beliebten Ludewig I. etwas zu beruhigen. Sicher nicht zufällig wurde bei dem Denkmal vor allem die von ihm erlassene Verfassung hervorgehoben, die die Statue des Großherzogs in der rechten Hand hält. Man wollte den Kritikern der Regierung damit wohl zeigen, wer es war, der der Bevölkerung mehr Mitspracherechte gegeben hatte. Auch die Sockelinschrift „sein dankbares Volk“ war eine Aufforderung an die Kritiker der Regierung, etwas mehr Dankbarkeit zu zeigen für das, was man ihnen gegeben hatte.

Allerdings war die Bevölkerung keineswegs nur regierungskritisch. Die erste Initiative zum Monumentbau kam nicht etwa von der Regierung, sondern von einem von Beamten gegründeten Verein. Finanziert wurde das Monument zu großen Teilen von Spenden aus der Bevölkerung. In jener Zeit herrschte eine seltsame Mischung aus anti-aristokratischer Kritik und schwärmerischem Patriotismus. An einer kleinen Anekdote lässt sich dies am besten deutlich machen: am Rande der Planungen für das Ludwigsmonument machte ein Ausschussmitglied des Vereins, der dieses Monument angeregt hatte, den Vorschlag, dass man bei Fertigstellung des Monuments Darmstadt zu Ehren des Großherzogs in Ludwigstadt umbenennen sollte. Die Reaktion darauf soll höhnisches Gelächter und der Gegenvorschlag, die Ochsengasse in Lerchengasse umzubenennen, gewesen sein.

Revolution!

Im Februar 1848 eskalierte die Lage. Die Februarrevolution in Frankreich löste letztendlich auch in Deutschland die Revolution aus. Ende Februar kam es zu ersten Ausschreitungen auf den Straßen von Darmstadt, kurz darauf zu Massendemonstrationen. Der Großherzog machte schnell weitreichende Zugeständnisse, um die Wogen zu glätten. Am 5. März entließ er erst den von den Liberalen verhassten Karl du Thil und ernannte im Gegenzug seinen Sohn Ludwig III. zum Mitregenten. Dieser war bis dato beim Volk sehr beliebt. Vor allem aber hatte er durchaus Sympathien für liberale Ideen und war deshalb der große Hoffnungsträger der Aufständigen. In einer seltsam widersinnigen Begeisterung wurde er schon König aller Hessen genannt.

Auch der Stadtrat war von den Umwälzung betroffen, Bürgermeister Brust, der als Marionette du Thils galt, war nicht mehr haltbar. Ende April entschloss sich der Rat zu einem dramatischen Entschluss und trat geschlossen zurück. Der neue Bürgermeister konnte zwar bereits Ende Mai gewählt werden, doch erst Anfang 1849 war der Rat wieder vollzählig.

Darmstadt als Zentrum der Reaktion

Die Darmstädter Bevölkerung war aber nicht durchweg begeistert von den politischen Veränderungen. Viele bevorzugten die alte Ordnung der konstitutionellen Monarchie. Deutlich wurde dies vor allem bei den Septemberunruhen in Frankfurt. Bei dem gewaltsam niedergeschlagenen Aufstand radikaler Demokraten kämpften auch Darmstädter Truppen. In der Nacht darauf kam es deshalb zu spontanen Ausschreitungen vor dem Haus des du Thil-Nachfolgers Karl Jaub. Vorher hatte man aber erst einmal für die zurückgekehrten, verwundeten Soldaten Sammlungen organisiert.

Schon im Juli, wenige Wochen nach dem Tod Ludwigs II., hatte sein nun allein regierender Sohn dieser Spaltung in der Bürgerschaft Rechnung getragen, in dem er zum einen die im März an die liberale Bewegung gemachten Zugeständnisse bestätigte, zum anderen aber auch deutlich machte, dass eine Ersetzung der von seinem Großvater eingeführten Verfassung unter keinen Umständen duldbar sei. Das war ein deutlicher Dämpfer für die liberale Bewegung und der Beginn einer zunehmend reaktionärer werdenden Politik Ludwig III.

Der recht große und einflussreiche Teil der Darmstädter, die am alten Status Quo festhalten wollten, sorgte in der liberale Presse für ätzenden Spott, der den Ruf Darmstadts unter Demokraten dauerhaft ruinierte. Von „Untertanentreue“, „Staatsdienerkolonie“, „deutschem Gehorsam“, wo „drei Leute eine gefährliche Zusammenrottung“ darstellen und „Demokraten-Fressern“, ist da die Rede, aber auch von „bleierner Langeweile“ und „öden Plätzen“, wo man „das Gras wachsen hören“ könnte.

Darmstadt galt schon 1848 als Bastion der Reaktion, die eigentlich erst noch kommen sollte. Als im Februar 1849 schließlich der Stadtrat neu gewählt wurde, gewannen die Kandidaten der Monarchieanhänger eine knappe Mehrheit. Als Ende 1849 bei den Wahlen zum Landtag auch aufgrund eines nach demokratischen Prinzipien reformierten Wahlgesetzes eine Zweidrittelmehrheit für die Demokraten zustande kam, hatte Darmstadt sich für reaktionäre Kandidaten entschieden.

Die Revolution scheitert

Ein letzter Lichtblick für die demokratische Bewegung war der Sommer 1850. Die Regierung hatte den Landtag willkürlich aufgelöst, weil ihr das Wahlergebnis nicht gepasst hatte und begann die durch die Revolution erlangten Rechte wieder einzuschränken. Wohl als Trotzreaktion darauf, wählten die Hessen fast nur demokratische Abgeordnete in den Landtag, auch Darmstadt. Doch damit war ein Machtanspruch verbunden, der nach der mittlerweile gescheiterten Revolution nicht mehr durchsetzbar war.

Ende September wurde der Landtag erneut aufgelöst, politische Vereine und Verbindungen verboten und die Pressefreiheit weitgehend eingeschränkt. Damit es auch im Landtag wieder so zuging, wie es der Großherzog wollte, führte man ein Dreiklassen-Wahlrecht nach preußischem Vorbild ein. Das bedeutete faktisch, dass der Einfluss der Adligen und reichen Bürger noch größer war, als dies 1820 bei Einführung der Verfassung unter Ludewig I. war.

Auch der Darmstädter Stadtrat wurde fortan auf diese Weise gewählt. Zudem wurde der Bürgermeister nun gar nicht mehr von den Bürgern gewählt. Die Staatsregierung wählte ihn ganz nach eigenem Gutdünken aus den Ratsmitgliedern aus. Folge dieses neuen Systems war nicht nur ein äußerst konservativ besetzter Stadtrat, sondern auch eine dramatisch gesunkene Wahlbeteiligung.

Industrialisierung

Die Entwicklung der Stadt nach Ende der revolutionären Zeit stand ganz unter dem Eindruck der Industrialisierung. Die großherzögliche Residenz hatte sich durch den Bau der sogenannten „Mollerstadt“, die großzügig angelegten Neubauten westlich des Luisenplatzes, zu einer Beamtenstadt entwickelt. Etwa ein Drittel der Bewohner war in Staatsdiensten, was die nur geringe revolutionäre Durchsetzungskraft in den Jahren 1848/49 erklärt, aber auch das Feindbild, das die Stadt für die demokratische Bewegung darstellte.

Während der unter Moller geleitete Ausbau der Stadt zweifelsfrei von großer Bedeutung für die Geschichte Darmstadts ist, so bedeutete er auf der anderen Seite auch eine Verarmung der Altstadt, die nur in dem unmittelbaren Gebiet um den Marktplatz einen einigemaßen guten Lebensstandard halten konnte.

Auch ganz ohne politischen Hintergrund wurde die Stadt durch die Neubauten als langweilig empfunden, zu großzügig waren sie angelegt und wirkten daher oft öde und verlassen. Noch 1873 beschrieb der Daily Telegraph Darmstadt als „langweiligste Hauptstadt, vielleicht langweiligste Stadt Europas", in der niemand Interesse an irgendetwas zeigen würde.

Gerade das sollte sich aber mit Anbruch der Industrialisierung als Glücksfall für die Stadt erweisen, da diese großzügig angelegten Straßenzüge sich nun als ideal für die neuen Ansprüche an die Infrastruktur erwiesen. Darmstadt war bald eine der modernsten Städte Deutschlands, vor allem der Aufstieg Mercks vom kleinen Apothekerbetrieb zu einem der bedeutensten Chemiekonzerne der Welt liegt hauptsächlich in dieser Zeit und den Möglichkeiten, die Darmstadt damals bot, begründet. Auch sonst wurden unzählige Fabriken aus dem Boden gestampft.

Gesellschaftspolitisch bedeutete diese Entwicklungen unter anderem auch das Ende der Zünfte, die in erster Linie durch die Handelskammer Darmstadt, eine von den (neu)reichen Industriellen Darmstadts bestimmte Lobby, ersetzt wurden. Mit dem Vorschussverein für Darmstadt, einem Vorläufer der Volksbank, trat man auch finanzpolitisch in die Moderne ein. Bildungspolitisch geschah selbiges durch die Gründung der Polytechnischen Schule, aus der sich die heutige Technische Universität Darmstadt entwickeln sollte.

Preußen wird zur bestimmenden Macht

Derweil war nach der Befreiung von der französischen Vorherrschaft unter Napoléon die Machtfrage im Deutschen Bund noch lange nicht geklärt. Preußen und Österreich stritten um die Vorherrschaft. Als 1866 die Entscheidung anstand, kämpften auch Darmstädter Truppen auf der Seite Österreichs gegen Preußen. Nach dem Sieg Preußens wurde Darmstadt besetzt. Der Großherzog und sein Hof floh nach München.

Die Besatzungszeit endete allerdings bereits wenige Wochen später. Das Großherzogtum blieb von einem Zwangsbeitritt zum preußisch dominierten Norddeutschen Bund verschont, verlor aber einige Gebiete in Oberhessen und musste die Eingliederung der hessischen Truppen in den Verband der preußischen Armee hinnehmen. Zu verdanken hatten die Darmstädter diesen relativ glimpflichen Ausgang des Krieges ihren guten, auch verwandschaftlichen Beziehugen zum russischen Zaren- und britischen Königshof.

Die Stimmung in Darmstadt, die vor dem Krieg noch geteilt war, war nun eindeutig antipreußisch. Mit dem Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges 1870 (bei dem auch Darmstädter Truppen auf der Seite Preußens kämpften) schwenkte die Stimmung jedoch erneut um und war nun antifranzösisch und propreußisch.

Kaiserreich

Mit der Eingliederung ins Deutsche Kaiserreich 1871 verlor Darmstadt politisch an Bedeutung, da die Außenpolitik nun in Berlin, der Hauptstadt des neuen Reiches, gemacht wurde. Eine sich zufällig in diesem Jahr ereignete Katastrophe markierte für die Darmstädter auch symbolisch das Ende einer Epoche: am 24. Oktober 1871 brannte das unter Großherzog Ludewig I. entstandene Hoftheater. Der durch eine Zeichnung Carl Beyers auch in Bild festgehaltene Großbrand war nach der politischen Unterordnung unter Kaiser Wilhelm I. nun auch eine kulturelle Marginalisierung Darmstadts, von der sich die Stadt erst nach mehreren Jahren wieder erholte.

In der Stadt selbst klang die Reaktion langsam ab, die Presse bekam Teile ihrer Freiheit zurück und der Stadtrat, der nun Stadtverordnetenversammlung hieß, bestand mittlerweile aus 36 Mitgliedern, die von den Einwohnern der Stadt bei gleichem Stimmanteil direkt gewählt wurden, eine deutliche Demokratisierung also im Vergleich zum wenig fairen Dreiklassenwahlrecht, auch wenn der Bürgermeister als Stadtoberhaupt nicht direkt von der Bevölkerung gewählt wurde, sondern von den Stadtverordneten.

Großherzog Ludwig III. hatte sich seit dem Tod seiner ersten Frau 1862 aus der Tagespolitik größtenteils zurückgezogen. Trotzdem der Fürst im Alter von 62 Jahren noch einmal heimlich eine blutjunge, 22-jährige Balletttänzerin heiratete, starb er am 13. Juni 1877 kinderlos. Erbe wurde sein Neffe Ludwig IV. Da dessen Sohn Ernst Ludwig der letzte Großherzog werden sollte, endete damit die Zählung des inflationär verwendeten Namens Ludwig. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, da die Landgrafen von Hessen-Darmstadt – im Gegensatz zu den späteren Großherzögen - die gesamthessische Zählung verwendeten und so der erste Ludwig sich „der Fünfte“ nannte. So gab es in Darmstadt neun Herrscher mit dem Namen Ludwig, die zur Unterscheidung alle eine andere Zahl als Zusatz hatten, Nummer I – IV aber nicht die ersten, sondern die letzten vier Herrscher waren.

Ludwigs IV. Einfluss auf die Stadt war gering, zu sehr stand er unter Druck der Regierung des Kaiserreichs auf der einen und dem größeren Mitspracherecht des Landttags und der Stadtverordnetenversammlung auf der anderen Seite. Seine knapp fünfzehnjährige Regentschaft war von einer Zeit relativ ereignisloser Konsolidierungen der bisher eingeschlagenen Richtung geprägt, von der die Eingemeindung Bessungens im Jahre 1888 noch eine der bedeutenderen Entscheidungen war.

Auch sonst im Reich schwelende Konflikte verliefen in Darmstadt eher unspektakulär. Einzig Bismarcks Sozialistengesetze hatten zu vereinzelten Unruhen geführt. Dass Darmstadt aber strukturell eben keine Arbeiter-, sondern eine Beamtenstadt und damit äußerst konservativ war, zeigte sich nicht nur daran, dass 1887 nur noch zwei Altstadtbewohner in der Stadtverordnetenversammlung saßen, sondern auch daran, dass man Bismarck ausgerechnet nach dem erzwungenen Rücktritt des Reichskanzlers zum Ehrenbürger Darmstadts ernannte.

Großherzog Ernst Ludwig

Der frühe Tod Ludwig IV. mit gerade mal 54 Jahren brachte den erst 23 Jahre alten Ernst Ludwig an die Macht, der der letzte Darmstädter Monarch werden sollte. Anders als sein Vater, der für das Militär schwärmte, geistig dagegen eher volkstümlich-schlicht war, wurde Ernst Ludwig zum Inbegriff des herrschaftlichen Kunstmäzens. Nicht immer zum Wohlgefallen der Bevölkerung. Das kam nicht allein von seinem zweifelslos großen persönlichen Interesse an Kunst, sondern auch aus der Erkenntnis heraus, dass ein in weiten Teilen von Parlamenten bestimmter konstitutioneller Monarch sich andere Betätigungsfelder suchen muss, um Bedeutung zu erlangen.

Dabei hatte der Großherzog sehr spezielle Ideen, die keinesfalls auf breite Zustimmung stießen. Schon kurz nach Regierungsantritt verwarf er die Pläne zu einem Museumsneubau und nannte den Bauentwurf einen gefühllosen, hässlichen Kasten, der die Stadt verschandeln würde. Damit stieß er gleich seine eigene Regierung und den einflussreichen Kunstverein, der den Bauentwurf in einem aufwändigen Wettbewerb zum besten prämiert hatte, gewaltig vor den Kopf. Jakob Finger, immerhin Ministerpräsident des Großherzogtums, giftete zurück, dass der Großherzog offenbar voller Utopien stecke und deshalb mit ihm „nichts anzufangen“ sei.

Der Großherzog ließ die Kritik an sich abprallen und setzte mithilfe des Architekten Alfred Messel den Museumsneubau nach seinen Vorstellungen durch, die Vorstellungen der Regierung und bürgerlicher Vereine komplett ignorierend. Fast scheint es, als lebte der Großherzog seine geschrumpfte Macht nicht mehr in der Politik, sondern in Architektur und Kunst aus. Die Art und Weise, wie er den Neubau durchboxte, erinnert ein wenig an absolutistische Zeiten.

Diese wenig rücksichtsvolle Durchsetzung der eigenen Visionen war aber keineswegs ein großer Nachteil für die Stadt. Das Museum, das schließlich gebaut wurde, beherbergt bis heute des Hessische Landesmuseum und prägt das Bild der Innenstadt.

Künstlerkolonie und Jugendstil

Wirklich bedeutend war die 1899 von Ernst Ludwig gegründete Künstlerkolonie, die Darmstadt zu einem der Zentren des Jugendstils machen und Darmstadts Wahrzeichen, den Hochzeitsturm (besser bekannt als Fünffingerturm), hervorbringen sollte. Die Arbeit der vom Großherzog unterstützten Künstler blieb zwar nicht ohne Kritik, vor allem, dass zugunsten des Jugendstils andere Kunstrichtungen vernachlässigt wurden, war vielen ein Ärgernis, das einstmals als öde Beamtenstadt verspottete Darmstadt bekam durch die Künstlerkolonie aber ein völlig neues Image, das letztendlich auch zum ersten Mal in der Geschichte der Stadt für so etwas wie Tourismus sorgte. Nicht jede zeitgenössische Kritik an der Künstlerkolonie mag unberechtigt gewesen sein, es ist aber nicht zu bestreiten, dass kaum etwas in der langen Geschichte der Stadt so nachhaltig positive Auswirkungen auf die Stadt hatte wie Ernst Ludwigs Künstlerkolonie.

Dass sich die in den letzten Jahrzehnten entstandene Bevölkerungsstruktur verfestigt hatte, lässt sich aus den Reichstagswahlen 1898 erkennen. Die verarmten Altstadtbewohner wählten sozialdemokratische Abgeordnete, die Neubaugebiete Mollerstadt, Johannesviertel und Neu-Bessungen dagegen nationalliberal, im Woogsviertel, strukturell eher bürgerlich, fühlte man sich wohl von den verarmten Arbeitern und den reichen Beamten und Industriellen gleichermaßen bedroht und wählte einen antisemitischen Kandidaten. Der prinzipielle Aufstieg der SPD zur stärksten Partei konnte aber auch in Darmstadt nicht lange aufgehalten werden.

Der Großherzog versuchte, die Wogen zu glätten, indem er das Wahlrecht reformierte und die Bindung des Stimmrechts am Steueraufkommen abschaffte. Da das ein zu radikaler Schritt war und Befürchtungen einer dadurch zu starken SPD aufkamen, führte er eine merkwürdig willkürliche Neuerung ein, die jedem, der das 50. Lebensjahr überschritten hatte, zwei Stimmen gewährte. Trotzdem holte der SPD Kandidat für die Nachwahl eines Landtagsabgeordneten die Mehrheit im ersten Wahlgang, musste sich dann allerdings in der Stichwahl dem Kandidaten der Fortschrittlichen Volkspartei geschlagen geben. Aber auch das zeigte die Veränderung, denn mit den Fortschrittlichen setzte sich zwar der Kandidat einer bürgerlichen Partei durch, allerdings einer Partei, die der SPD näher stand, als die bisher so bestimmenden Nationalliberalen. Die Industrie sorgte für einen Zuzug von Arbeitskräften, die die Bevölkerungsstruktur Darmstadts abermals veränderten.

Der Große Krieg

Zahlreiche Ausstellungen und Feste bis Mitte des Jahres 1914 waren die fassbaren Zeichen des „Darmstädter Kunstjahrs“, zu dem das Jahr 1914 im Frühling ausgerufen worden war. Dann löste ein Schuss in Sarajevo den „Großen Krieg“ aus. Ein Foto, das aus den Tagen der kurz darauf beginnenden Mobilmachung erhalten geblieben ist, zeigt wie makaber dieser plötzliche Stimmungswechsel in der Stadt gewesen sein muss. Auf dem Paradeplatz (dem späteren Friedensplatz) vor dem Schloss hat sich eine Menschenmenge versammelt, um die Fahneneskorte der Gardedragoner zu beobachten. Es ist der symbolische Aufbruch in den Krieg. Doch im Hintergrund kann man über dem Tor des Schlosses noch ein nun überflüssig gewordenes Plakat erkennen: „Jahrhundert Ausstellung Deutscher Kunst hier im Schloss“. Das Zeitalter der Kunst in Darmstadt war nun vorbei.

Insgesamt traf der erste Weltkrieg Darmstadt bei Weitem nicht so hart, wie es der zweite Weltkrieg später tun sollte, eine Zeit größter Not war es aber selbstverständlich dennoch. Tausende Darmstädter starben an der Front. Die Wirtschaftskraft Darmstadts ging fast vollständig in die Kriegsmaschinerie. Teurungen und Hunger waren die baldige Folge. Der Großherzog versuchte dagegen mit einer Aufrechterhaltung des Kulturbetriebs die Realität zu verdrängen, ließ sich 1917 noch mit hochtrabenden Worten zu seinem 25. Thronjubiläum feiern.

Das Ende der Monarchie

Als der Krieg sich dem Ende neigte und in Deutschland die Revolution losbrach, versuchte die hessische Staatsregierung mit der Ankündigung von Verfassungsreformen, die aus Hessen eine parlamentarische Demokratie machen sollten, den gewaltsamen Sturz zu verhindern, doch dafür war es zu spät. In der Nacht vom 8. auf den 9. November 1918 drangen Soldaten ins Neue Palais, wo Ernst Ludwig sich aufhielt, ein und sollen einer Anekdote zufolge erst mit ihm eine Zigarette geraucht und ihn dann abgesetzt haben. Ob der Großherzog wirklich so gelassen war, wie vielfach behauptet wurde, sei dahingestellt. Als die Soldaten in das Neue Palais eindrangen, muss er zwangsläufig seine Schwester Alix vor Augen gehabt haben, die Ehefrau des letzten russischen Zaren, die wenige Monate zuvor von den dortigen Revolutionären erschossen worden war. Dass er sich angesichts dessen weigerte, formell abzudanken, also faktisch auch weiterhin darauf bestand, Staatsoberhaupt von Hessen zu sein, erscheint nicht nur realitätsfern, sondern auch leichtsinnig.

Der Großherzog akzeptierte zwar das Unvermeidliche, nämlich die Übernahme der Regierungsgeschäfte durch die Demokraten und zeigte auch Verständnis für das Volk, kritisierte aber das Parteiensystem und sah sich offenbar immer noch als Herrscher. „Alle Fürsten sind in einsame Schlösser gezogen“, schreibt er noch im November 1918, „nur ich allein mit den Meinen lebe in Darmstadt“. Zusammen mit seiner Nichtabdankung hieß das wohl: alle Fürsten haben ihren Thron aufgegeben und ihr Land im Stich gelassen, ich aber bin noch da, ich bin immer noch der Fürst, auch wenn die eigentliche Macht zurzeit bei andren liegt. Ein Allein der Gewalt beuge ich mich also.

Noch am Tag des Sturzes des Großherzogs erklärten die Revolutionäre Hessen zur freien sozialistischen Republik. Der Volksstaat Hessen wurde gegründet. Dass der Großherzog trotz alledem ausgesprochen beliebt bei seinen nun Ex-Untertanen war, zeigt, dass seine Weigerung formell abzudanken, keinerlei weitere Folgen nach sich zog. Im Gegenteil, bei der anschließenden Ausrufung der Republik betonte man, dass diese Revolution nicht persönlich gegen den Großherzog gerichtet und er als Bürger der Republik Hessen stets willkommen sei. Außerdem durfte er die Schlösser Wolfsgarten, Kranichstein, Seeheim und Romrod behalten und das Neue Palais, seine Residenz als Großherzog, bis zu seinem Tode nutzen... eine etwas merkwürdige Revolution.

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