Geschichte Darmstadts Teil 5: Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Bundesrepublik Deutschland
NachkriegszeitDie Nachkriegszeit war kaum besser als der Krieg selbst. Wohnungsnot und Hunger waren noch für längere Zeit die vordergründigsten Probleme. Griesheim, Wixhausen und Arheilgen war von den Franzosen besetzt. Darmstadt blieb zwar offiziell „neutrale Zone“, die unmittelbare Nachbarschaft zu den besetzten Gebieten erwies sich in politischer wie wirtschaftlicher Hinsicht aber als äußerst negativ.
Edouard Helsey beschreibt den Zustand der Stadt in einem Brief vom 12. März 1919 sehr eindrucksvoll:
„Nichts ist gegenwärtig trostloser als ein Spaziergang durch Darmstadt. [...] Hier sieht man nichts als eiserne Mienen, und die kleinen Jungen zeigen einem die Faust. In den trübseligen Straßen kein Laut, außer von Zeit zu Zeit ein harter Rhythmus von genagelten Sohlen, die auf dem Pflaster klappern. Das sind die Patrouillen. [...] Darmstadt ist eine sonderbare Stadt, von einer eisigen drückenden Lächerlichkeit, feindselig verschroben, grauenhaft unwahrscheinlich. [...] Das Innere der Stadt ist vollgepfropft mit Kasernen. Die grauen, geradlinigen Häuser scheinen alle in Uniform zu stecken, eine pseudoromanische Kirche bestrebt sich ernsthaft wie ein Gasometer auszusehen. [...] Alles schläft und schweigt. Die Leute gehen wie Schatten die grauen Mauern entlang. [...] Wir ziehen beim Weitergehen eine Furche feindseliger Blicke. Vorhänge schieben sich heimlich zur Seite, und hasserfüllte Gesichter erscheinen zur Hälfte, versteckt im Dunkel hinter den Scheiben. Hier atme ich zum erstenmal in den achtzehn Tagen, die ich in Deutschland weile, die Luft der Niederlage.“
Eine wahrlich apokalyptische Atmosphäre.
Sozialdemokraten und Deutsche Volkspartei
Politisch gewannen die Sozialdemokraten wie überall auch in Darmstadt deutlich an Einfluss. Dennoch blieb die Stadt strukturell eher konservativ. So erhielt die SPD zwar sowohl bei der Wahl zur Weimarer Nationalversammlung, als auch bei der Wahl zur hessischen Volkskammer in Darmstadt die meisten Stimmen, lag dabei allerdings acht Prozent unter dem Landesdurchschnitt. Bei der ersten Wahl zur Stadtverordnetenversammlung nach dem Krieg im Juni 1919 wurde die SPD gar, wenn auch nur hauchdünn, von der Deutschen Volkspartei (der Nachfolgepartei der Nationalliberalen) geschlagen. Grund hierfür war natürlich auch die stärker werdende USPD, die der SPD Stimmen abnahm. Die nach wie vor tendenziell konservative Ausrichtung der Stadt zeigt dies dennoch deutlich.
Erwähnenswert ist hierbei auch, dass nun immerhin fünf Frauen in dem mittlerweile auf 60 Personen angewachsenen Gremium saßen. Wie bedeutend diese verhältnismäßig geringe Zahl weiblicher Stadtverordneter war, lässt sich daran erkennen, dass Frauen noch ein Jahr zuvor weder aktives noch passives Wahlrecht besaßen.
Wie überall in Deutschland waren die Folgejahre auch in Darmstadt bestimmt von Hunger, Inflation, politischen Unruhen und vereinzelten Straßenschlachten. Ab 1924 schien dann – ebenfalls der Entwicklung im gesamten Land folgend – das Schlimmste überstanden zu sein. Die Zustände schienen sich zu normalisieren.
Nach den Jahren der Erholung kam aber 1929 die Weltwirtschaftskrise und mit ihr zeichnete sich der Untergang der Weimarer Republik und der Aufstieg des Nationalsozialismus ab. Schon im November diesen Jahres war die NSDAP drittstärkste Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung.
Die Demokratie scheitert
Der Rückzug der französischen Truppen aus Hessen im Mai 1930 schien zunächst noch einmal ein Hoffnungsschimmer zu sein, doch die 1931 beginnende Bankenkrise ließ das System endgültig zusammenbrechen. Dass diese Bankenkrise ausgerechnet von der Danat-Bank, einer Fusion der Nationalbank für Deutschland und der Darmstädter Bank, ausgelöst wurde, kann man als Symbol für beides nehmen: die große Bedeutung, die Darmstadt nach wie vor hatte, und die Bedeutungslosigkeit in die die Stadt als Folge der mit der Bankenkrise anbrechenden „finsteren“ Zeit fiel.
Gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten bestimmten die 1930er Jahre bis zur Machtübernahme der Nazis. Die NSDAP bekam dabei mit jeder Wahl, egal ob für den Reichstag oder dem hessischen Landtag, in Darmstadt stetig mehr Stimmen, durchweg deutlich mehr als der Landesdurchschnitt. Bei der Wahl am 05. März 1933 stimmten beinahe punktgenau 50% für die NSDAP. Diese Wahl kann man zwar sicherlich nicht mehr als frei und demokratisch bezeichnen, weshalb der Zuspruch für die Nazis bei diesem Ergebnis deutlich überrepräsentiert sein dürfte. Festzustellen bleibt allerdings, dass Darmstadt mit diesen 50% wieder deutlich über dem Reichsdurchschnitt (43,9%) lag. Ob die früher auffällig überdurchschnittlich konservativen Wähler einer der Gründe für den besonders hohen Zuspruch der Nazis in Darmstadt war, muss spekulativ bleiben, die Vermutung liegt aber zumindest nahe.
Nationalsozialistischer Terror
Sofort nach der Wahl begannen Hausdurchsuchungen, willkürliche Verhaftungen und Misshandlungen. Beamte, die als republiknah galten, wurden entlassen. Organisationen und Zeitungen wurden entweder gleichgeschaltet oder verboten. Mitte März wurde in Osthofen bei Worms ein Konzentrationslager eingerichtet, in das politische Gegner der Nazis deportiert wurden, hauptsächlich Mitglieder von SPD und KPD. Den SPD-Politiker Carlo Mierendorff transportierte man gar in einem makabren Triumphzug durch die Stadt ab, bei dem er von SS-Leuten über einen Lautsprecher aufs übelste beschimpft wurde. Später wird er noch grundlos misshandelt. Menschen? fragte sich Mierendorff in seinem Tagebuch angesichts dieser Behandlung.
Die Tragödie des letzten Großherzogs und seiner Familie
Nutzen hatte es für Darmstadt wenig. Das neue Regime setzte auf Zentralisierung und so sank die Bedeutung der Stadt. Die Haupt- und Residenzstadt war zum „Behördensitz“ verkommen. Die einstige Größe blitzte ein letztes mal auf, als am 12. Oktober 1937 der ehemalige Großherzog Ernst Ludwig unter großer Anteilnahme zu Grabe getragen wurde. Sein Sohn, Georg Donatus, der ohne die großen Umwälzungen der Zeit einmal den Großherzogtitel geerbt hätte (und deshalb von den Darmstädtern liebevoll „Erbschorsch“ genannt wurde) kam nur wenige Wochen später, zusammen mit seiner ganzen Familie bei einem tragischen Flugzeugabsturz ums Leben. Sie waren auf dem Weg zur Hochzeit seines jüngeren Bruders Ludwig, der damit der letzte lebende Nachfahre der von Georg I. gegründeten Dynastie war, die, da er kinderlos blieb, mit ihm ausstarb.
Der Tag des tragischen Unglücks war ausgerechnet auch der Todestag des „Prinzesschens“, Ernst Ludwigs erstgeborener Tochter, die 1903 gerade einmal achtjährig gestorben war. Ein Zitat, das Ernst Ludwig als Kind gegenüber seiner Mutter beim Tod des nur dreijährigen Bruders gemacht hatte, bekam nun angesichts des dramatischen Endes der Darmstädter Dynastie eine verstörende Eindringlichkeit:
„Wenn ich sterbe, musst du auch sterben und alle anderen, warum können nicht alle zugleich sterben? Ich will nicht allein sterben.“
Die Synagogen brennen
Eine Spur bürokratischer Normalität stellte 1937 die Eingemeidung Arheilgens und Eberstadts dar, wodurch die Einwohnerzahl Darmstadts die 100.000er Marke überschritt. Doch ein weiterer Tiefpunkt der Menschlichkeit war nicht mehr weit entfernt: in der Nacht vom 09. auf den 10. November 1938, der später sogenannten Reichspogromnacht oder auch Reichskristallnacht, brannten auch in Darmstadt die Synagogen. In Zivil, um eine spontane Vergeltungsaktion der Bevölkerung für das Attentat auf Ernst Eduard vom Rath vorzutäuschen, legte man Brände in allen Synagogen Darmstadts, zog von einem von Juden bewohnten Haus zum nächsten und hatte sich offenbar regelrecht in solch einen Rausch geplündert und gebrandschatzt, dass man am nächsten Morgen, diesmal möglicherweise wirklich spontan, noch mal ausschwärmte.
Erschütternde Randnotiz war der Tod des Juden Aron Reinhardt, der sich erhängte, als er vom Tod seiner Tochter hörte, die in schierer Panik vor den SA-Schlägern aus dem Fenster gesprungen war. Kritik an der Aktion oder zumindest der leise Einwand, damit vielleicht doch etwas zu weit gegangen zu sein, war anschließend nirgendwo in der Stadt zu vernehmen. Nicht wenige schwiegen sicherlich aus Angst, andere versuchten es zu verdrängen, doch viele müssen es auch schlicht für richtig gehalten haben.
Die Lichter gehen aus
Mit Kriegsbeginn 1939 gingen in Darmstadt die Lichter aus. Nur drei Tage nach dem Überfall auf Polen wurde in der Stadt eine „Verdunkelung“ angeordnet, eine Stromsparmaßnahme, die große Teile des elektrischen Lichts verlöschen ließ. Es war der symbolische Startschuss zur finstersten Zeit ganz Europas.
Am 08. Juni 1940 ertönte erstmals Fliegeralarm. Von da an fielen alle paar Wochen Bomben auf die Stadt. Ansonsten verlief der Krieg in Darmstadt analog zum Rest Deutschlands: viel Euphorie bei den anfänglichen Erfolgen, immer größere Not und Verzweiflung als mehr und mehr klar wurde, dass der Krieg nicht zu gewinnen war. Aber auch der Widerstand gegen das Regime flackerte langsam in Darmstadt auf, Verurteilungen wegen „Volksverrat“ mehrten sich. Wilhelm Leuschner, einer der Verschwörer vom 20. April 1944, war in der Weimarer Republik Innenminister im Volksstaat Hessen (und damit auch in Darmstadt), über ihn bestanden enge Kontakte der Verschwörer um Stauffenberg nach Darmstadt. Folge waren zahlreiche Deportationen mehrerer prominenter Darmstädter, ehemalige Mitglieder des hessischen Landtags, denen man Nähe zu den Verschwörern nachsagte, darunter Heinrich Delp, Darmstädter Bürgermeister von 1926 bis 1933. Sie starben später im Konzentrationslager.
Zu dieser Zeit hatten die Bombenangriffe auf Darmstadt schon längst deutlich zugenommen, im Schnitt jeden zweiten Tag wurde Alarm ausgelöst. Für mehr als ein Jahr gehörten die Sirenen zum Alltag Darmstadts. Schon am 23. September 1943 waren bei so einem Angriff 149 Menschen gestorben und Tausende obdachlos geworden.
Brandnacht
Die große Katastrophe kam über Darmstadt aber erst in der Nacht vom 11. auf den 12. September 1944, dem Ereignis, das man später Brandnacht nennen würde. Trotz der vielen Bombadierungen hatte kein Darmstädter auch nur im Entferntesten mit dem gerechnet, was in dieser Nacht geschehen sollte. Darmstadt galt nicht als wichtiges Ziel der Alliierten, lediglich Merck hatte eine gewisse Bedeutung, wurde daher auch im Juli 1944 gezielt bombadiert. Menschen kamen dabei aber kaum zu schaden.
Es war fatal, dass man, als sich der Untergang des Nazi-Regimes andeutete, annahm, die Alliierten würden Darmstadt verschonen, weil sie es als Nachkriegsstützpunkt nutzen wollten. Sogar die engen verwandtschaftlichen Verhältnisse der (mittlerweile nur noch in Prinz Ludwig weiterlebenden) Großherzogfamilie zur britischen Königsfamilie glaubte man, wären Grund genug für die britischen Angreifer, die Stadt nicht zu zerstören.
Es war ein Irrtum. Die Nacht sollte die Bewohner mit einem Grauen konfrontieren, dass sich niemand auch nur in den schlimmsten Albträumen hätte ausmalen können. In dieser Nacht wurde Darmstadt komplett zerstört, die Stadt, die man bei Sonnenuntergang am 11. September 1944 sehen konnte, war bei Sonnenaufgang am 12. September 1944 verschwunden. Berichte von Überlebenden sind auch mit dem Abstand, den wir heute dazu haben, erschütternd: da ist von überall auf der Straße verstreuten Toten die Rede, denen die Lippen weggebrannt waren, von Kirchglocken, die vom Feuersturm angetrieben ganz von alleine und ganz seltsam widernatürlich läuteten, von Menschen, die an dem von der Hitze schmelzenden Asphalt der Straße festklebten, mit diesem verschmelzten.
Solchen Schrecken an der Opferzahl festzumachen, wird der Sache nicht gerecht. Dass ausgerechnet der Holocaustleugner David Irving willkürlich die sehr genau wirkende Zahl 12.300 in die Welt setzte, die heute immer noch regelmäßig genannt wird (unter anderem auf Wikipedia), ist dennoch mindestens ärgerlich. Gezählt wurden 8.433 Tote. Dazu kommt selbstverständlich eine nicht geringe Dunkelziffer nicht erfasster Toter. Wie hoch diese Dunkelziffer ist, ist spekulativ. Es erscheint sinnvoll von ungefähr 10.000 Opfern zu sprechen mit einem relativ großen Bereich der Unsicherheit nach oben und unten. Eine so klare Konkretisierung wie Irvings 12.300 ist aber unseriös.
Wenn einem angesichts dieses unvorstellbaren Grauens die Instrumentalisierung durch solch fragwürdige Charaktere wie David Irving bitter aufstößt, so muss man schon von unerträglicher Übelkeit sprechen, wenn man die Reaktion des NSDAP-Kreisleiters Dr. Carl Schilling auf einer Trauerfeier kurz nach der Brandnacht liest. Da ist vom „Vertrauen auf den Führer“ die Rede, der auch „in dieser Stunde des Abschiedes von lieben Toten unser fester Fels“ wäre, und davon, dass der Herrgott „uns den Führer erhalten“ möge. Er forderte „noch stärkere Ausdauer im Kampfe“ und zum Abschluss seiner widerwärtigen Rede die Zuhörer gar noch auf, das „Vermächtnis der Toten durch tapferen Einsatz, kameradschaftliche Haltung und gläubige Siegeszuversicht zu erfüllen“.
Weiße Fahne am Langen Lui
Die Überlebenden waren größtenteils obdachlos. Knapp 50.000 wurden in die umliegenden Dörfer evakuiert, sehr zum Missfallen der dortigen Dorfbewohnern. Die historische Altstadt war komplett verschwunden. Seltsam erscheint aber, dass ausgerechnet das riesige Ludwigsmonument den Angriff überstand. Das mag vermutlich daran gelegen haben, dass die Säule von anderen Gebäuden relativ isoliert auf dem Luisenplatz steht und die meiste Zerstörung nicht direkt durch die Bomben verursacht wurde, sondern durch die dadurch enstehenden Großbränden, die aufgrund der Entfernung keine Chance hatten, auf das Monument überzugreifen. In solch einer emotional aufgewühlten Zeit, wie sie nach dem Angriff geherrscht haben muss, dürfte das noch stehende Monument aber ein Hoffnungsschimmer gewesen sein, dass bei all der Zerstörung etwas doch geblieben, Darmstadt nicht komplett untergegangen ist. Als die Streitkräfte der USA vor der Stadt standen, hisste eine Frau namens Thea Friedrich die weiße Fahne an dem Monument. Am 25. März 1945 war der Krieg für Darmstadt zu Ende.
Die unmittelbare Nachkriegszeit war zwangsläufig vom Wiederaufbau bestimmt. Große Teile der Bevölkerung war evakuiert, viele noch in Kriegsgefangenschaft, es herrschte Hunger, Wohnungsnot und Gesetzlosigkeit. Plünderungen des Wenigen, dem man noch habhaft werden konnte, waren an der Tagesordnung, Gewaltverbrechen riefen Selbstjustiz hervor, Bandenbildung ersetzte die faktisch nicht mehr vorhande Obrigkeit.
Die Amerikaner taten dabei ihr bestes, das Klischee des bösen Besatzers zu erfüllen. Während die Bevölkerung zu fünf bis sechs Familien pro Wohnung zusammengepfercht wurde und sie nie wussten, woher die nächste Mahlzeit kommen sollte, beanspruchten die Amerikaner für sich nicht nur großzügige Wohnflächen, sondern auch massenweise elektrische Kühlschränke, Glühbirnen und Wohnzimmerseessel.
Andere Entscheidungen sind noch unverständlicher: so erhielten die wegen Kriegsverbrechen inhaftierten Mitglieder von SS, SA, SD und Gestapo deutlich höhere Essensrationen als die Normalbevölkerung. Da war die Tatsache, dass die Normalbevölkerung jeden Tag hart arbeiten musste, während die Inhaftierten Däumchen drehten, nur das i-Tüpfelchen der Verständnislosigkeit der Besatzer für die Lebensrealität der ausgebombten Bevölkerung.
Ein neuer OberbürgermeisterNoch direkt am Tag der Besetzung der Stadt wurde Ludwig Metzger von den Amerikanern zum Oberbürgermeister ernannt. Der Sozialdemokrat war 1933 wegen seiner politischen Gesinnung aus dem Staatsdienst entlassen worden, war als Rechtsanwalt in politischen Prozessen tätig und zeitweise von der Gestapo inhaftiert. Das erklärt, wieso die Amerikaner ihn für geeignet für diesen Posten hielten, jedoch nicht warum die Wahl nun ganz konkret auf ihn fiel, immerhin gab es noch andere, die unter der Nazidiktatur gelitten oder sich sogar dagegen gewehrt hatten, manche mehr als Metzger.
Es gibt einen interessanten Einblick in die Vorgehensweise der Alliierten, wenn man sich die Umstände der Berufung Metzgers vor Augen führt: Der Kommandant der Amerikaner ließ einen evangelischen und einen katholischen Priester zu sich kommen, die beide Ludwig Metzger als Oberbürgermeister empfahlen.
Auch Metzger agierte in der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht immer geschickt. Während die Amerikaner die Kriegsverbrecher gut versorgten, ordnete Metzger an, dass in der Stadt nur diejenigen eine Lebensmittelkarte erhalten sollten, die jeden Monat ein Tag lang Aufräumarbeiten verrichtet hatten. Man fühlte sich zu Zwangsarbeiten herangezogen. Die Evakuierten durften aufgrund des Wohnungsmangel nicht in die Stadt zurückkehren, wer es trotzdem tat, wurde wieder davongejagt. Gleichzeitig aber nahm man Flüchtlinge, vor allem aus Ungarn auf, weil sich viele Bauhandwerker unter ihnen befanden, die in der Stadt dringend benötigt wurden. Den Evakuierten, die nicht in ihre Heimatstadt zurückkehren durften, war dies aber selbstverständlich nicht zu vermitteln. Zumindest widersinnig bleibt aus heutiger Sicht auch, dass jene Flüchtlinge mit ihren Familien in die Stadt ziehen durften, während Darmstädter Familien nicht selten getrennt wurden, selbst wenn ein Familienmitglied Bauhandwerker war.
Wiesbaden wird Hauptstadt
Die für Darmstadt politisch schwerwiegenste Entscheidung fällt am 19. September 1945, nur etwas mehr als ein Jahr nach der Brandnacht. Der Volksstaat Hessen wird mit Hessen-Nassau zu „Groß-Hessen“ zusammengelegt, woraus später das Bundesland Hessen werden sollte. Fatal war die damit einhergehende Entscheidung, dass Darmstadt künftig keine Hauptstadt mehr sein würde. Weniger das verlorene Prestige war hierbei so nachteilig, das war schon zur Zeit des Nationalsozialismus größtenteils abhanden gekommen, sondern vor allem die dadurch erfolgende Abwanderung unzähliger Behörden. Darmstadt wurde zum Provinzstädtchen.
Als 1949 die Bundesrepublik gegründet wurde, war Darmstadt längst sozialdemokratisch geworden. Der Stadtrat wurde von SPD-Abgeordneten dominiert. Dennoch gewann bei der ersten Bundestagswahl der FDP-Kandidat das Mandat in Darmstadt. Die KPD war durch den rasanten Aufstieg der FDP dagegen von der drittstärkste zu viertstärksten Kraft in Darmstadt abgerutscht und war von nun an mit größer werdender staatlicher Bevormundung konfrontiert.
Die durchaus teilweise berechtigten Bedenken gegenüber den Kommunisten haben aber auch einen interessanten strukturellen Hintergrund. Nach dem Krieg wurden die beiden Volksparteien SPD und CDU von den Alliierten unterstützt und zur Selbstverwaltung des Landes herangezogen. In Darmstadt zeigt sich dies besonders daran, dass – obwohl sich die Verhältnisse langsam ändern – die SPD seit Kriegsende die tonangebende Partei in der Stadt ist: alle Oberbürgermeister seit 1945 waren SPD-Mitglied. Die einstmals überdurchschnittlich bürgerlich-konservative Stadt war seit der Entscheidung der Alliierten für einen SPD-Stadtoberhaupt Geschichte.
Auf der anderen Seite fand auf der unteren Beamtenebene die „Entnazifizierung“ statt. Weil man schlicht nicht alle ehemaligen NSDAP-Mitglieder und Mitläufer des Nazisystems in den Ruhestand schicken konnte, ohne gewaltige Personalprobleme zu bekommen, schaute man sich die kleinen Beamten an und stellte bei den meisten – nicht selten fragwürdig – fest, dass sie harmlose Mitläufer gewesen sind, die das Nazisein gar nicht so ernst gemeint hatten. Der Vorteil des Opportunisten ist, dass er in jedem System gebraucht wird.
Für ein KPD-Mitglied gab es diese Vorteile nicht. In der Bundesrepublik wollten die Alliierten sie nicht für die staatliche Selbstverwaltung wie SPD und CDU. Und auch auf der kleinen Beamtenebene hatten sie keinen Zugang, da sie von dort bereits unter den Nazis entfernt worden waren. Als dann der politische Gegenwind in der neuen Republik stärker wurde, kam es für so manchen Kommunisten zu der grotesken Situation, dass er auf Ämtern von denselben Leuten schikaniert wurde wie unter den Nationalsozialisten.
Die ersten Jahre der Bundesrepublik
Als Ludwig Metzger 1951 als Minister nach Wiesbaden ging, wurde Ludwig Engel sein Nachfolger. Der war nicht nur wie Metzger SPD-Mitglied, sondern früher einmal auch Kompagnon in Metzgers Kanzlei gewesen. Bedenkt man, dass der übernächste Oberbürgermeister nach Engel Ludwig Metzgers Sohn Günther werden sollte, erinnert das schon ein wenig an den „alten“ Darmstädter Stadtrat, der von wenigen Familien beherrscht war, die sich gegenseitig die Ämter zuschoben.
Ebenfalls 1951 wurde das Heinerfest ins Leben gerufen, heute eines der größten Straßenfeste Deutschlands. Die Stadt überschritt erneut die 100.000-Marke. Durch mehrere Kasernen am Stadtrand gehörten US-Soldaten für viele Jahrzehnte zum Stadtbild. Nach anfänglichen Schwierigkeiten herrschte bald ein entspanntes Verhältnis.
Die Innenstadt wurde von breiten Straßen zerschnitten. Das einstige Altstadtgebiet östlich des Schlosses wurde dadurch leblos und langweilig. Dichtbefahrene, vielspurige Hauptverkehrsstraßen durchpflügen bis heute die einstige Altstadt und zerteilen sie unüberwindbar wie ein reißender Fluss. Darmstadt wurde Opfer von Schreibtischtätern, die sich Konzepte in Hinterzimmern ausdachten, die in der Realität schlicht nicht funktionerten.
Darmstadt als Experimentierfeld für Stadtplaner
Ähnlich verhielt es sich mit den Hochhausgräbern in Neu-Kranichstein. Ab 1968 stampfte man dort seelenlose Wohnsilos wie aus einer in dieser Zeit populären Science-Fiction-Dystopie aus dem Boden. Ohne jegliche Infrastruktur, basierend auf futuristischen Konzepten von großflächigen Städten, die über riesige Verkehrsadern miteinander verbunden sind. Die Bürger sollten in anonyme Wohneinheiten verfrachtet werden und die Güter, Lebensmittel, Behörden, aber auch gesellschaftliche Zusammenkünfte, sei es nur in Gaststätten, über schnelle Verkehrswege erreichen.
Darmstadt verkam zum Versuchslabor neuer Stadtplanungskonzepte, die alle größtenteils scheiterten. Schaut man sich Luftbilder dieses Gebietes an, hat man das Gefühl einen Screenshot des Computerspiels Sim City zu sehen. Und tatsächlich ist es das in gewisser Weise, dieselben Stadtplanungskonzepte, die später dem Spiel zugrunde lagen, wurden damals schon in Darmstadt real umgesetzt. Jedoch nur um zu beweisen, dass alle Theorie grau ist. Bis heute ist das Gebiet neben Süd III, wo ähnliche Hochhausbauten am äußersten Rand des Stadtgebiets hingeklatscht wurden, der soziale Brennpunkte der Stadt. Immerhin erkannte man schnell, welch Katastrophe man da angerichtet hatte, denn es waren noch mehrere solcher Trabantenstädte geplant, die glücklicherweise nie gebaut wurden.
Die 70er
Als Heinz Winfried Sabais 1971 Oberbürgermeister wurde, hätte frischer Wind aufkommen können. Er war kein typischer Provinzpolitiker wie seine Vorgänger und Nachfolger. Er war Schriftsteller und Lyriker, schon damals von der Notwendigkeit eines vereinigten Europas überzeugt, ein Kunst- und Kulturliebhaber, mit Thomas Mann befreundet. Doch von den schwierigen Zeiten in den 1970er war er sichtlich überfordert. Die Ironie ist, dass ausgerechnet dieser Kunstliebhaber mit zwei der größten architektonischen Katastrophen der 70er Jahre in Verbindung gebracht wird, weil sie während seiner Amtszeit fertiggestellt wurden: das neue Staatstheater und das Luisencenter.
Städteplanerisch waren diese beiden Gebäude sicher keine Katastrophe, in gewisser Weise sogar zeitgemäß und notwendig, doch das äußere Erscheinungsbild trug wie kaum etwas anderes zum Ruf Darmstadts als langweilige, hässliche Stadt bei: graue Klötzchenarchitektur mit offenbarer Allergie vor jeglicher Farbe, phantasielose Kombinationen von Quadern, wie bei einem nur als visuelles Konzept gedachten Styropormodell oder – moderner ausgedrückt – wie ein Computermodell, bei dem der Grafiker die Texturen vergessen hat. Verschiedene Umbaumaßnahmen versuchten in den folgenden Jahrzehnten das Schlimmste ungeschehen zu machen, mit nur sehr bedingtem Erfolg.
In einem Szenebuch aus den 70ern Jahren wird die Stadt so beschrieben:
„Die Straße ist endlos, nur unterbrochen von den großen und kleinen Treppen, die zu großen, künstlichen Ecken und Plätzen führen, auf denen sie ihr Leben zu leben versuchen. Sie sitzen in ihrer Kleidung, die von weither kommt, zwischen den hohen Betonpfeilern und den Platten ihrer Bauwerke. Fremde Tiere in ihren eigenen Gebilden. Ihre Werke sind ihnen fremd geworden, und scheint es nicht manchmal, dass diese Werke sich verbinden und sie aus dieser Welt ausstoßen?
Ihr kaltes Licht vertreibt uns aus dem Paradies, das sie uns bauen.
Gibt es eine größere Fremdheit, als klein und frierend – ein Ausgestoßener – inmitten der eigenen Werke zu leben?
Aber, es gibt kein Zurück und sie bauen weiter und so erblicken die Kinder bald einen fremden Planeten, ihre Blicke prallen von den glatten Außenseiten zurück [...] Deine eigene Stadt ist für Dich eine fremde Stadt."
(Hansjörg Holzamer: "Jakes Traum - Der Tod des Nichtschwimmers")
Die Vertreibung der Roma
Sabais starb 1981, als er noch im Amt war. Sein Nachfolger war Günther Metzger, der Sohn von Ludwig Metzger und Mitgründer des Seeheimer Kreises, eine der mächtigsten Seilschaften innerhalb der SPD, die dem rechten bzw. konservativen Flügel der Partei zugerechnet wird.
Mit ihm sollte sich etwas ereignen, was noch einmal an dunkle Kapitel der Stadtgeschichte erinnern sollte, die man überwunden zu haben glaubte.
Seit 1979 lebten – auf Einladung Sabais' – mehrere Roma-Familien, zunächst in Wohnwagensiedlungen am Rande der Stadt. Die Stadtverordnetenversammlung beschloss, den Roma eine „Heimat in Darmstadt“ zu bieten. Die Bürgerschaft dagegen war gespalten, nicht wenige wollten sie davonjagen. Günther Metzger war einer von ihnen. Als sich 1983 dreißig Roma auf einer Reise befanden, ließ Metzger das Haus, das sie mittlerweile bewohnten, in ihrer Abwesenheit einfach abreißen. Die Roma ahnten nichts davon und waren nach ihrer Rückkehr gezwungen, ihre persönlichen Sachen in den Trümmern zu suchen. Mehrere Monate Auseinandersetzungen und Ausweisungen ganzer Familien folgten.
„Wo Zigeuner sind, da herrscht Freiheit“, hatte Sabais gesagt, als die Roma kamen. Für Günther Metzger waren es alles Kriminelle. Das Verwaltungsgericht Darmstadt sah die Grundrechte der Roma verletzt. Doch da hatte die Pogromstimmung in der Stadt die Roma schon fliehen lassen. Der juristische Sieg konnte die von Metzger geschaffenen Fakten nicht mehr rückgängig machen.
Neueste Entwicklungen
Darmstadt entwickelte sich danach nur langsam weiter. 1997 verlieh das hessische Innenministerium den Titel „Wissenschaftsstadt“. Hintergrund war die Tatsache, dass der Anteil der Beschäftigten in den Bereichen Forschung und Entwicklung am Arbeitsmarkt an keinem anderen Ort in Deutschland höher ist als in Darmstadt. Zu verdanken hat Darmstadt das vor allem dem Europäischen Raumflugkontrollzentrum und der Gesellschaft für Schwerionenforschung.
2000 entstand nach dem Entwurf von Friedensreich Hundertwasser die Waldspirale, der erste architektonische Lichtblick seit dem Jugendstil. Der schlecht gewählte Standort des Gebäudes verhinderte aber, dass es das langweilige Image Darmstadts aufpolieren konnte.
Zentraler baute man dagegen das 2007 fertiggestellte „Darmstadtium“, direkt mit einem letzten Rest Stadtmauer östlich des Schlosses verbunden und somit teilweise auf dem Gelände des einstigen Oberdorfs gelegen. Dieses, im Volksmund auch „Schepp Schachtel“ oder „Palazzo Prozzo“ genannte Kongresszentrum stellte einen Rückfall in Zeiten des Barocklandgrafen Ernst Ludwig dar: wie dessen Schlossneubau war auch das Darmstadtium vor allem zu groß, zu teuer und mit nicht überschaubaren Folgekosten belastet, die durch keinen etwaigen positiven Effekt des Kongresszentrums gerechtfertigt waren. Ein kostendeckender Betrieb ist selbst mittelfristig nicht absehbar. Angesichts der leeren Stadtkassen eine unverantwortliche Verschwendung von Steuergeldern, wie unter anderem der Bund der Steuerzahler feststellte.
Seit 1993 wird der Oberbürgermeister wieder direkt von der Bevölkerung gewählt. An der Vorherrschaft der SPD hat dies nichts geändert. Die Stadtverordnetenversammlung dagegen ist deutlich bunter geworden, neben den großen Parteien befinden sich dort auch speziell auf Darmstadt abgestimmte Wählervereinigung wie z.B. UFFBASSE, die bei der letzten Kommunalwahl nur knapp hinter der FDP landeten.
Jörg Heléne, November 2009
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