Sonnenuntergang

Alternativer Prolog Nr. 2


Ein Meer der Zeit, ein Land jenseits der Materie, eine Welt sicht- doch nicht erreichbar. Rot und gelb glühende Wolken, die Sonne am Ende eines Tunnels und zusammen mit den letzten Freunden auf einer Straße nach Westen, geradewegs hinein in diese mystische Welt.

Für einen Moment hielten wir inne, sahen und fühlten dasselbe. Doch dann blickten wir uns an und ließen den Verstand zurückkehren. Der Verstand, der uns so weit gebracht hatte und der es gewiss verdient hatte, Respekt entgegengebracht zu bekommen. Mauern hatte er aufgerissen und uns so etwas wie Freiheit gegeben, um ganz unmerklich neue Mauern aufzubauen. Mauern, gegen die wir mit dem Kopf rannten und den Schmerz spürten, aber nicht merkten, woher er kam.

Jenseits des Instinktes lag der Verstand und die Vernunft, und was immer jenseits des Verstandes lag, es war dort in diesem Wolkengebilde, das gen Westen abzog, um die Sonne drehend, so als sei diese ein Strudel, den Blick niemals verschleiernd, die Farbe niemals schwächend, die Welt in einen Surrealismus tragend, der für einen schwachen Moment ahnen ließ von jenem Ding jenseits des Verstandes, jenseits des Himmels, jenseits der Sonne. Nicht das kalte, leere Weltall, sondern das Licht der Welt, unter solch seltener Konstellationen, solch wider jedem Zufalls erscheinenden Zusammenspiels von Wolken, Licht, und Abenddämmerung, das die Realität zu verwischen scheint und nur mit großer Anstrengung und jahrelangem Training können wir uns in der Welt der Materie halten, in der uns unser Verstand gefangen hat, Worte ohne Inhalt, Form ohne Wesen.

Doch niemand hindert uns daran hin und wieder den Verstand zu verlieren im lauen Sommernachtswind, wenn die Luft duftet und die Träume uns zuflüstern, hochzusehen in den Himmel, hinzuhören in die Ferne, in das Rauschen der Ewigkeit, dem Wind der Unendlichkeit.

Unsere Augen sind ungetrübt, unsere Ohren offen, unser Geist klar und all die Gehirnwäsche tagein, tagaus verhindert diesen Moment nicht. Lichtbrechung, basta, für Menschen, die zu fragen aufhören.

Im Westen war nichts, Frankreich, Spanien, Atlantik, Amerika, Pazifik, Asien und dann wieder Europa. Wir können den Horizont nicht erreichen, weil wir uns im Kreis drehen. Kein Ende in Sicht, die Zeit, der Raum, es gibt gar nichts.

Wir haben dieses Land verkauft, die ganze Welt und wir wissen nicht einmal an wen. Das Geld, das wir dafür bekamen, konnte unsere Seelen nicht freikaufen und nun liegt es nutzlos auf dem Boden wie ein Flügel, der nicht genug Federn hat, um uns in die Luft zu heben.

Die Sonne konnte uns niemand nehmen, den Wind konnten sie nicht abstellen, wenn wir das Fenster öffneten, war er da. Der Sonnenuntergang ist so beeindruckend, weil er frei ist vom menschlichen Irrsinn.

Wessen Sklaven sind wir nur? Wir ordnen uns Hierarchien unter, weil wir selbst an deren Spitze stehen wollen. Unser Streben nach Macht und Kontrolle macht uns zu Sklaven. Zu Sklaven eines Systems, nicht einer Person. Wir waren Sklaven von einem abstrakten Konstrukt. Revolution und Anarchie lag im Untergehen der Sonne, deshalb war es rot.

Niemand soll behaupten, es nicht gewusst zu haben. Wir alle wissen es. Vielleicht können wir es nicht in Worten ausdrücken, weil wir nie gelernt haben uns auszudrücken, aber wir wissen es.

Eines Tages werden wir zurückkehren, wir alle. Wir werden uns bei Sonnenuntergang treffen und es wird wieder alles so sein, wie es einst war. All die verschiedenen Welten, die wir gesehen haben, werden kollabieren und all die Lügen werden vorüber sein. Es steht in den Sternen geschrieben, genauso wie in den Falten unserer Gesichter. Die Vergangenheit schuf die Gegenwart, die Gegenwart wird die Zukunft erschaffen und es wird in unseren Händen liegen noch bevor der letzte Strahl hinter dem Horizont verschwunden ist.


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