Kapitel 1

Der Bote des Feuers


Am Anfang war das Nichts. Und aus dem Nichts strahlte das Licht. Das Licht wurde zu Materie. Die Materie erzeugte Sonnen und Planeten. Der Zufall baute Leben und dabei entstand das Bewusstsein, das Ich, das Es und das Über-Ich.

Irgendwo dazwischen oder auch drum herum, innen drin und auf ihm drauf saß das Gehirn, das alles erzeugte, was wir als Wirklichkeit erfassten. Die Welt war ein Universum aufgebaut auf Quark(s) und die Menschen glaubten diesen Unsinn auch noch.

Am Rande des Schulhofs saß Alex und spielte mit einem Kieselstein. Angelo, Reggie, Michael und Kadir standen bei ihm und blickten so dämlich wie sie waren.

Der Schulhof glich einer Versuchsanordnung für Chaostheoretiker. Kinder und Jugendliche waren in undefinierbaren Gruppen zusammengefasst und bewegten sich ohne Sinn und System, solange man sie individuell betrachtete. Im Ganzen aber erkannte man Regeln, für die man ein intuitives Gefühl bekam, wenn man die Szene nur lange genug beobachtete. Die Masse machte das System, ein Individuum zerstörte es.

Links prallte ein Ball gegen die Wand, rechts prallte ein Gesicht auf den Boden. Links jubelte man, rechts blutete man. Im Inneren dieses Chaos' stand Direktor Neff und versuchte vergebens für Ordnung zu sorgen. Seine Anweisungen wurden nur von wenigen mürrisch befolgt und wann immer er in eine Richtung blickte, brach die Ordnung in der entgegengesetzten zusammen. Sein Blick stellte Menschen in eine Reihe, seine Unaufmerksamkeit befreite sie wieder.

Je näher man ihm war, desto näher war man seiner Macht, seinem Einfluss und seiner Kontrolle. Doch dort am Rand des Hofes wirkte er kaum noch. Man war nur bedacht, dass er nicht dorthin kam, was er gewöhnlich auch nicht tat, da das seinen Einfluss am anderen Ende des Hofes völlig aufgelöst hätte. Er war das Zentrum eines Kreises, das Zentralgestirn um das sich alles drehte, von dem auch die entfernteren Planeten nicht fliehen konnten, trotz der geringen Kraft, die auf sie ausgeübt wurde.

"Seht ihr, wie seine alten Hände suchen?" bemerkte Alex, den Kieselstein immer noch in den Fingern drehend, so als würde er ihn vor Direktor Neff beschützen können wie ein Talisman oder ein Amulett aus längst vergessener Zeit, das zerschmettert wurde von neuem Glauben, zertrümmert und zerborsten darauf wartend, dass der verborgene König zurückkehrt und die Teile wieder zusammenfügt. Für andere war es einfach nur ein Stein.

"Er ist erst zufrieden, wenn er über alles und jeden die Kontrolle hat. Schon ein störrischer Blick direkt in seine Augen macht ihn nervös… da, seht ihr? Er hat mich angeblickt, fragt sich jetzt wohl, ob ich irgendetwas vorhabe, was sich seiner Kontrolle entzieht, irgendetwas denke, auf dass er keinen Einfluss hat."

Kadir kratzte sich den ungewaschenen Hals und fuhr sich anschließend durch die ebenso ungewaschenen (dafür aber im Gel glitzernden) Haare. Ein Pickel in seinem Gesicht störte ihn zutiefst und während er an ihm herumzog, kratzte er sich mit der aus seinen Haaren befreiten zweiten Hand genüsslich am Hintern.

"Ihr seid doch alle übergeschnappt", meinte er dann und schnupperte an seinen Fingern, "du redest von irgendwelchen Verschwörungen unter Führung des Direktors, Reggie summt ständig unverständliche Sachen vor sich hin,…"

"He, es muss halt grooven… bummbidibumm-bi-bummbummbumm."

"…Michael ist ununterbrochen auf irgendwelchen Drogen…"

"Wie Reggie schon sagte: es muss halt grooven."

"…und Angelo", Kadir blickte dem jungen Italiener mit seinen halblangen, dunklen Haaren an, dessen braungebrannter Körper geradezu unverschämt muskulös war für einen 17-jährigen, "hat ständig nur Mädels im Kopf."

"Ich habe sie ehrlich gesagt lieber woanders als im Kopf, aber das verrate ich ihnen üblicherweise nicht, macht sich einfach nicht gut."

"Wie auch immer", schloss Kadir seine Beweisführung, "ich bin eindeutig von Verrückten umgeben."

"Die Gesellschaft ist immer der Spiegel von dir selbst", erwiderte Alex, bevor er seinen Blick wieder über den Hof schweifen ließ.

Direktor Neff hatte seinen Kampf immer noch nicht aufgegeben, obwohl mittlerweile der Pausengong erklungen war. In China gibt's dann Mittagessen, in Deutschland dagegen wurde man hungrig zum Unterricht in grauen Gebäuden gezwungen.

Trotzdem sich die meisten ganz von sich aus auf dem Weg in den jeweiligen Klassensaal befanden, dirigierte und ordnete Direktor Neff immer noch. Und auch als Alex und seine Freunde sich gemütlich und ohne Hast auf den Weg in das Innere des Gebäudes machten, fiel seine Macht auf sie.

"Wie schön, dass sich Herr Winkler und seine treuen Gesellen auch bequemen dem Unterricht beizuwohnen", rief er ihnen schon aus einiger Entfernung entgegen und wurde sichtbar wütend als Alex vorbeilief, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

"Gib gefälligst Antwort, wenn ich mit dir rede!"

"Jajaja", war selbige, was bekanntlich so viel wie Leck mich am Arsch heißt, doch auch Direktor Neff wusste, dass eine offene Konfrontation ohne entsprechende Vorbereitung und moralischen oder strategischen Vorteil seinen Einfluss hätte einschränken können. Alex' trotzige Reaktion hätte selbst vor den von Neff kontrollierten Massen kaum als Rechtfertigung ausgereicht.

Stattdessen untermauerte er seine Überlegenheit (die er selbstverständlich hatte) dadurch, dass er sich schwächere Gegner suchte.

"Das Gleiche gilt für dich, Reggie!"

"Bummbidibummbumm."

Dummerweise ging der forsche und taktisch geschickt gewählte Ausfall auf Reggie gewaltig nach hinten los. Der kleine, dunkelhäutige Sohn amerikanischer Militärs war deutlich schärfere Töne gewöhnt und sah Neffs Gequengel nicht als Wutausbruch an, noch nicht einmal als Kritik.

Dies brachte Neff so langsam in erhebliche Schwierigkeiten. Hätte er es bei Alex' launigen Gebrumme gelassen, wäre die ganze Situation vollkommen problemlos geblieben, so jedoch fürchtete er einen Verlust seines eigenen Ansehens als oberste Autorität, wenn er nicht auf der Stelle ein Exempel seiner Macht statuierte. Ansonsten würde sich diese kleine Terrorzelle des Chaos' wie ein Virus in der gesamten Schule verbreiten.

Und da Kontrolle sein Lebensinhalt war, hatte er immer noch ein As in der Hinterhand und noch ein weiteres im Ärmel.

"Michael, bleib mal stehen!" befahl er und hielt ihn einfach am Arm fest. "Mach mal deine Tasche auf!"

Wie von der Tarantel gestochen drehte Alex auf dem Absatz um und stürmte zurück zu Neff. Er war zu schnell für Kadir, der noch versuchte ihn zurückzuhalten und so kam es, dass sich Direktor Neff und Alex Auge in Auge gegenüberstanden.

"Was er in seiner Tasche hat, geht sie einen Scheißdreck an. Das ist Teil seiner Privatsphäre."

Neff war zunächst einen Schritt zurückgewichen, denn er war ein solches couragiertes und aggressives Auftreten gegen seine Autorität nicht gewöhnt. Sein Zögern gab Alex die Zuversicht ihn in die Enge getrieben zu haben, doch gerade als Alex zum Todesstoß ausholen wollte, fing sich Neff wieder und konterte so geschickt, dass er sogar den Vorteil den Alex sich erarbeitet hatte noch gegen diesen verwenden konnte. Er fing den Schwung ab und warf ihn auf Alex zurück.

"Michael ist nur noch auf Bewährung hier. Als ihn Hausmeister Kudarn vor drei Wochen mit Rauschgift erwischt hatte, verhinderte ich einen Schulverweis nur unter der Bedingung, dass sich ein solcher Vorfall nicht wiederholen würde. Michael und ich haben eine Abmachung, nicht wahr, Michael? Und diese Abmachung besagt eben genau das, was ich jetzt machen werde, nämlich seine Sachen kontrollieren… und du brauchst dir auch keine Sorgen um seine Privatsphäre machen, ich werde diese Kontrolle selbstverständlich in meinem Büro durchführen, niemand wird vertrauliche Details zu Gesicht bekommen."

"Niemand außer ihnen."

"Korrekt, das ist die Abmachung und allein diese Abmachung war ja aus meiner Sicht schon ein Geschenk, denn zu solch einer Kontrolle bin ich als Direktor ohnehin berechtigt, ihr dagegen verstoßt in diesem Moment erheblich gegen die Schulordnung, da ihr euch fast zehn Minuten nach Unterrichtsbeginn immer noch nicht im Klassensaal befindet."

Alex blickte Neff demonstrativ noch einen Moment direkt in die Augen, dann machte er eine ruckartige Bewegung und ging in Richtung des grauen Gebäudes, dessen Inneres unschuldige Kinder von ihren Instinkten abhielt und Schritt für Schritt deren Seele auffraß.

Michael folgte Direktor Neff in die andere Richtung, dorthin, wo sich in einem ebenso trostlosem grauen Betonblock Sekretariat, Lehrerzimmer und Direktorbüro befanden und auch die heuchlerisch davor gepflanzte Eiche konnte kaum über die Verseuchung dieses Ortes hinwegtäuschen.

"Glaubst du Michael hat Drogen einstecken?" fragte Kadir Alex als sie die Düsternis des Gebäudes betraten und ihnen eine Mischung aus Plastik, Schweiß und Urin in die Nase stieg.

"Hat er jemals keine Drogen einstecken gehabt?"

"Aber wird ihn Neff dann nicht so oder so von der Schule schmeißen? Hätten wir dann diese Kontrolle nicht um jeden Preis verhindern müssen, weil so wenigstens der Funken einer Chance besteht, dass Michael nicht von der Schule geworfen wird?"

Alex blieb stehen und blickte seinen Freunden nacheinander ins Gesicht. Alle sahen ihn erwartungsvoll an. Er kannte sie seit dem Kindergarten und er war es, der die Clique zusammengebracht hatte und auch zusammenhielt. Sein Talent Kadirs türkische Mentalität genauso mit Angelos italienischer wie mit Reggies amerikanischer unter einem Hut zu bringen, hatte ihm großen Respekt eingebracht, denn von anderen Deutschen waren sie das nicht gewöhnt. Andere neigten eher dazu die Kluft zwischen ihren Kulturen noch tiefer zu machen, als sie ohnehin schon war.

Sie würden Michael nicht helfen, wenn Alex ihm nicht half. Sogar dann nicht, wenn sie es voller innerster Überzeugung für die falsche Entscheidung hielten. Und als Alex an ihnen vorbei hinausblickte, dorthin, wo die Eiche stand, die direkt hinauf zu Neffs Büro führte, spürte er die innere Kraft, die ihn immer antrieb sich für andere Menschen einzusetzen. Oft hatte er sich geschworen, dieser Kraft zu widerstehen, einmal nur an sich selbst zu denken, doch die Kraft in ihm war stärker, er spürte sie, wenn der Wind durch seine Haare strich, wenn die Sonne auf sein Gesicht schien und die Blätter der Bäume flüsterten. Er spürte sie, wenn er in einem geschlossen Raum war, in dem die Luft stickig und das Neonlicht drückend war. Er konnte dann nicht mehr in solch einem Raum bleiben, ohne wahnsinnig zu werden und nicht selten hatte es ihm Ärger gebracht, da es solche Räume in vielerlei Form an der Schule gab. Doch diese merkwürdige innere Kraft war immer stärker gewesen, sie verführte ihn zu Taten, die sein Verstand ablehnte.

"Du hast recht", sagte er zu Kadir und machte kehrt zurück zum Ausgang. "Wir holen ihn da raus."

"Und wie?"

"Der Baum", meinte Alex, während sie wieder ins Freie traten. "Er hat einen ziemlich kräftigen Ast direkt unter Neffs Fenster. Einer klettert hoch und beobachtet Neff und sobald er sich daran macht Michis Tasche zu durchwühlen, löse ich den Feueralarm aus. Die beiden müssen das Gebäude verlassen, die Tasche bleibt im Büro stehen und derjenige auf dem Baum klettert hinein, schnappt sich die Tasche, nimmt alles, was auch nur im Entferntesten als Droge bezeichnet werden könnte, heraus und verduftet."

"Aber Neff wird bei Feueralarm das Fenster schließen", gab Angelo zu bedenken.

"Wir haben keine Zeit das auszudiskutieren. Ich schätze die beiden sind schon fast angekommen und bis einer auf dem Baum ist, könnte es zu spät sein."

"Warum lösen wir dann nicht gleich den Feueralarm?"

"Weil Michi dann die Tasche mit nach draußen nimmt und Neff ihn dann sicher im Auge behält. Wie sollen wir dann noch irgendwas aus der Tasche heraus schmuggeln? Los jetzt, wir haben keine Zeit mehr!"

"Okay, ich geh rauf", bot sich Reggie an und ohne eine Erlaubnis abzuwarten, kletterte er zuerst den Stamm und dann die Äste hinauf. Er war erstaunlich geschickt und behände für sein doch deutlich zu hohes Körpergewicht, zweimal rutsche er zwar ab und zerquetschte dabei wichtige Körperteile, ebenso wie er sich einen gewaltigen Riss in der Hose zuzog, doch schließlich lugte sein Kopf aus den Blättern.

Dummerweise befand sich der Auslöser für den Feueralarm nicht am Baum sondern innerhalb des Gebäudes, so dass Alex nicht sehen konnte, wann Reggie das Signal gab. Um dies zu überbrücken, stellte sich Angelo in Sichtweite von Alex, doch auch Angelo konnte Reggie von dort aus nicht sehen und so musste sich Kadir noch ein paar Schritte weiter hinstellen. Von dort aus konnte er Reggie sehen, aber dafür Alex nicht. Jedoch sah Kadir Angelo und Angelo sah Alex, eine perfekte Informationskette war somit gebildet, die Stille-Post-Gefahr inklusive.

In der Zwischenzeit waren Michael und Direktor Neff vor dessen Büro angekommen. Neff hatte auf dem gesamten Weg kein einziges Wort gesprochen. Er war über den Schulhof, in das Gebäude und dort die Treppe hinauf gehetzt. Er hatte Michaels verständliche Unruhe noch verstärkt, doch auf paranoide Weise waren sie trotzdem nur langsam vorangekommen.

Trotz Neffs Hetze hatte Michael Zeit gehabt die Ameisen auf dem Boden zu beobachten, wie sie sich um seine Probleme nicht zu scheren schienen, über die massiven Veränderungen, die seit einigen Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden innerhalb der Menschheit zu Gange waren, über die steigende Kontrolle, die Vernetzung der Welt, das zunehmende Chaos hervorgerufen durch Ordnung. Für die Ameisen hatte sich nichts verändert.

Michael hatte die Zeit gehabt das Spiel der Bäume im Wind zu beobachten, wie sie sich neigten und zurückwichen, jedoch niemals brachen, den Boden, in dem sie verwurzelt waren, verteidigten bis in den Tod und niemals Kompromisse eingingen, nicht mit dem Wind, nicht mit den Menschen. Die Bäume beanspruchten ihren Platz und wenn der Mensch ihnen diesen Platz nicht zusprechen wollte, dann starben sie lieber als sich zu unterjochen, wohlwissend, dass der Mensch die Bäume brauchte, die Bäume aber die Menschen nicht.

Dann jedoch hatten sie das Gebäude betreten, der Wind war verschwunden, die Bäume verstummt und die Sonne verfinstert. Hier in dieser Abwesenheit von Reizen, der kahlen weißen Wand und des sterilen grauen Bodens, starb die Seele.

Der Mangel an Dingen zum Sehen, erzeugt Unwirkliches in den Gedanken. Bilder erscheinen an der Wand, Schatten der Geister, die hier gefangen wurden, kontrolliert von Neffs dunklem Wesen, das niemanden freigab, sie an sich band wie ein Spinnennetz, gefangen in Kankras Lauer. Sie wissen nichts von den anderen Schatten, sie wandern einsam und blind durch diese Gänge und nur manchmal halten sie inne, weil sie - beinahe unmerklich - die Anwesenheit eines anderen Schattens gespürt haben. Dann hören sie in sich und fragen für einen kleinen Moment, ob ihre Welt wirklich so trostlos sein muss, so verlassen, so verdorben, so endlos einsam. Doch schnell kehren die seit Jahrtausenden stetig trainierten Verhaltensweisen zurück und sie laufen weiter, immer im Kreis, die Ketten der ägyptischen Sklaven tragend, und nur selten denken sie noch zurück an jenen Moment, der wie ein Traum erscheint und es dadurch auch wird.

Direktor Neff schloss die Tür zu seinem Büro auf und warf, nachdem er eben dieses Büro betreten hatte, den Schlüssel unachtsam auf den Schreibtisch des bescheidenen Raums, der rechts neben der Tür einen einzelnen Aktenschrank mit drei Schubladen und sonst nur den bereits erwähnten Schreibtisch und einen wenig dazu passenden Stuhl aufwies.

"So, stell die Tasche auf den Tisch und trete dann zwei Schritte zurück", befahl Neff, während er selbst um den Tisch herumlief, vorbei am Fenster, ohne zu bemerken, dass von draußen ein schwarzer Junge hereinblickte. Hätte er es bemerkt, hätte es ihn sicherlich zu einer rassistischen Bemerkung verleitet, die er selbst natürlich nicht als rassistisch angesehen hätte. So aber folgte nur Michael seinen Worten und zwar so wörtlich, dass er nach seinen beiden Schritten rückwärts wieder draußen auf dem Gang stand.

"Was soll das?"

"Zwei Schritte zurück, haben sie gesagt."

"Du Depp, sonst nimmst du mich auch nicht dermaßen wörtlich! Jetzt schwing dienen Hintern wieder herein, bevor ich mich vergesse."

Während Michael den Raum wieder betrat, öffnete Neff die Tasche, die mit einem künstlerisch wertvollen Cannabis-Blatt (gemalt mit regulären, von deutschen Kapitalisten erstandenen Buntstiften) verziert war.

"Das könntest du mal entfernen", bemerkte Neff noch, dann wurde er bei seiner Razzia von einem ohrenbetäubenden Lärm unterbrochen.

"Feueralarm? Aber ich habe doch gar keinen angeordnet."

Verblüfft lief er zum Fenster, in der Hoffnung, er könnte ein etwaiges Feuer entdecken (man könnte auch "ausmachen" sagen). Dabei schreckte er Reggie so sehr auf, dass dieser zurückwich, das Gleichgewicht verlor und von seinem Ast herunterrutschte. Glücklicherweise klatschte er nicht auf den Boden, er klatschte gegen die Wand. Statt also ungebremst den harten Asphalt spüren zu müssen, schlitterte er die raue Wand entlang, bis er in einem Busch verschwand.

Kadir dagegen hatte weniger Glück. Um Reggies Signal an Angelo weiterleiten zu können, musste er mitten auf dem Schulhof stehen und hatte keine Zeit mehr sich irgendwo zu verstecken. Neff tobte vor Wut.

"Was zum Geier machst du immer noch da? Wer hat den Alarm ausgelöst?"

"Ich habe keine Ahnung", verteidigte sich Kadir mit ausgebreiteten Armen als Zeichen der Unschuldigkeit. "Ich war gerade noch mal auf der Toilette, da ging der Alarm los und jetzt bin ich auf dem Weg zum Sammelplatz, wie bei Feueralarm üblich."

Die Sirene war so laut, Neff verstand kein Wort. Trotzdem war ihn wohl klar, was Kadir in etwa gesagt hatte und dass er Recht hatte. Es war die Schulordnung, Neffs Schulordnung, die Kadir zu genau dem verpflichtete, was er jetzt tat. Neff konnte ja nicht wissen - oder zumindest nicht beweisen - dass Kadir schon die ganze Zeit dort gestanden hatte. Der Plan ging also auf. Michael und Neff verließen das Gebäude in Richtung Sammelplatz und Michaels Tasche blieb in Neffs Büro.

Er ging fast auf. Reggie lag in einem Gebüsch statt oben auf dem Baum, um in das Büro zu klettern. Da sich der Hof mittlerweile mit Schülern und Lehrern füllte, war an einen erneuten Aufstieg nicht zu denken, jeder Trottel hätte es bemerkt, und auch auf konventioneller Weise - über die Treppe - konnte Reggie nicht in das Büro gelangen, denn dann wäre er Neff direkt in die Arme gelaufen.

Während Alex Angelo erreichte, erklärte dieser ihm kurz und zügig die verzwickte Lage, was Alex zu einem langen und nachdenklichen Blick hoch zu Neffs Büro veranlasste, wo das Fenster so einladend offen stand.

"Es ist Zeit für Plan B", meinte Angelo.

"Plan B? Es gibt keinen Plan B."

"Wieso nicht? Es gibt doch immer einen Plan B."

"Ich hatte gar keine Zeit mir einen Plan B auszudenken, Reggie hätte nicht stürzen dürfen, das ist alles."

"Aber es muss einen Plan B geben… oder zumindest einen Plan A2."

"Warum?"

"Sonst wäre die Bezeichnung Plan A ja überflüssig."

Vor den Toren der Schule versammelten sich größere Haufen von zumeist kleineren Menschen. Auch hier blieb die Ordnung immer erhalten, Klassen- bzw. Kursgemeinschaften blieben unter der Oberaufsicht des jeweiligen Lehrers zusammen in einer perfekten Hierarchie.

Als der Strom aus den Gebäuden wieder abebbte, so als seien die Menschen Wasser gewesen, das unter Überdruck im Inneren des Betons gefangen war und sich nun einen Weg nach draußen gebahnt hatte, torkelte noch ein letzter Schüler über den Hof. Es war Reggie, der sich endlich aus seinem Gebüsch getraut hatte und nun zu den anderen hinüberlief. Seine Hose war an den Knien, den Oberschenkeln und unterhalb des Gesäßes aufgerissen. Sein T-Shirt hatte ebenso etwas abbekommen, wie auch beide Arme, die offenbar schmerzhafte Abschürfungen aufwiesen. In seinen Haaren hingen noch mehrere Blätter, die er während seines Sturzes aufgesammelt haben musste, und sein Blick wirkte benommen und verwirrt (andererseits blickte er eigentlich immer so).

Noch bevor Alex ihn auf sein geschmücktes Haupt aufmerksam machen konnte, sah Neff es und roch Lunte. Wild tobend lief er Reggie entgegen, während Alex, Angelo, Kadir und Michael hinter Neff herhetzten, um das Schlimmste zu verhindern.

"Wieso siehst du so aus, wie du aussiehst?" brüllte Neff Reggie an, der von der feuchten Aussprache seines Direktors betroffen nichts anderes tun konnte, als nach Regenwolken Ausschau zu halten.

"Ich glaube nicht, dass Reggie was für sein Aussehen kann", bemerkte Alex.

"Mach dich zurück zu deinem Kurs", war die kurze Reaktion Neffs, bevor er sich wieder Reggie zuwandte. Und während Angelo und Kadir leicht eingeschüchtert die standardmäßigen zwei Schritte rückwärts machten, blieben Alex und Michael unbeeindruckt neben Neff stehen.

"Nun, was ist, Reggie? Hat's dir die Sprache verschlagen? Was ist passiert?"

"Äh… äh", stammelte Reggie, "ich war auf dem Klo und da… äh… da waren Flammen… Flammen! Überall Flammen! Es war die Hölle, sage ich ihnen… die Hölle! Mit meiner linken Hand griff ich geistesgegenwärtig durch die Flammen hindurch zum Wasserhahn (dabei habe ich mir diese Wunde hier zugezogen), griff gleichzeitig mit der rechten Hand zu einem Handtuch und erstickte damit einen weiteren Flammenherd. Schließlich löschte ich heldenhaft mit Hilfe des steigenden Wassers den Brand, wurde dann aber von den Wassermassen aus dem Fenster geschleudert, wo das Wasser im Erdreich versickert. Ich bin dann noch mal rein und habe den Wasserhahn wieder abgestellt."

"Klingt plausibel", bemerkte Michael, doch Neff teilte diese Auffassung nicht.

"Wollt ihr mich verarschen? Es brennt doch gar nicht."

"Natürlich nicht, ich hab's ja auch gelöscht."

"Warum bist du dann überhaupt nicht nass?"

"Die Hitze der Flammen hat's getrocknet."

"Wenn du nicht auf der Stelle aufhörst, mich zu vera…"

"Wollen sie behaupten, dass ich lüge?"

"Ja, wollen sie das?" mischte sich Michael wieder ein. "Schauen sie sich den armen Kerl doch nur mal an, er ist schon ganz schwarz, das Feuer hat sogar seine Haut verbrannt."

Das war der berühmte Tropfen, der das Fass in Gestalt von Direktor Neff zum überlaufen brachte. Er lief feuerrot an, drehte sich zu Michael und schrie diesen aus nächster Nähe so laut an, dass ihm Plomben aus den Zähnen sprangen.

"Was erlaubst du dir eigentlich? Du solltest lieber vorsichtig sein, denn ich bin sicher, dass ich in deiner Tasche belastendes Material finden werde, sobald die Feuerwehr hier war und ich wieder in mein Büro kann."

"Aber es brennt doch gar nicht."

"Treib es nicht zu weit mit mir."

Nun, das war sicher das letzte, was Michael wollte, aber er brauchte ein paar Sekunden, um die Worte zu finden, die er jetzt brauchte. Alex suchte ebenfalls nach Worten, denn er fürchtete, dass Michael mit der Courage von jemandem sprach, der nichts mehr zu verlieren hatte.

Dies führte zu einer absurden Stille, der zunächst das Rauschen des Windes folgte und dann ein Gespräch zwischen Reggie, Kadir und Angelo, die dem Irrglauben erlagen, außer Hörweite des tobenden Direktors zu sein.

"Da hast du aber echt Glück gehabt", meinte Kadir.

"Wieso?"

"Na, deine Geschichte war schon ein wenig übertrieben, findest du nicht?"

"Ja, genau", fügte Angelo kichernd hinzu, "in all den Jahren, die wir jetzt auf dieser Schule sind, war noch nie ein Handtuch auf dem Klo."

Nun stellten sich auch noch Neffs Nackenhaare kerzengerade auf, doch just als er sich den dreien zuwenden wollte, fand Michael die Worte nach denen er gesucht hatte und beanspruchte Neffs volle Aufmerksamkeit.

"Selbst wenn ich irgendwelche Drogen eingesteckt gehabt hätte, glauben sie ernsthaft, ich hätte diese nicht aus der Tasche schmuggeln können, während sie so energisch vor mir weggestürmt sind?"

"Dann hättest du sie aber noch einstecken."

"Oder ich hätte sie im Tumult des Feueralarms sonst wohin geworfen."

Neffs Augen wurden größer und mächtiger, einzelne winzige rote Äderchen vertrieben das Weiße, die Pupillen weiteten sich und die Falten auf der Stirn drangen durch den Schädel bis aufs Gehirn vor.

"Das wird ein Nachspiel haben", sagte er mit dem Finger auf Michael zeigend, "für dich und für Reggie, weil er unberechtigter Weise den Feueralarm ausgelöst hat."

"Reggie hat den Alarm nicht ausgelöst", bemerkte Alex wahrheitsgemäß.

"Und es wird auch ein Nachspiel für dich haben, Alex, weil du der geistige Vater von all den Unsinnigkeiten der beiden bist."

"Jetzt soll ich schon Vater von irgendwas sein…"

"Für euch alle drei hat das Ganze noch ein Nachspiel, aber glaubt bloß nicht, dass ich euch einfach der Schule verweisen werde."

"Das könnten sie ja auch gar nicht."

"Ich werde euch kleinkriegen, denn das ist meine Aufgabe, euch zu gesellschaftsfähigen Menschen zu machen. Das ist der Bildungsauftrag der Schulen und ich werde nicht bei den kleinsten Schwierigkeiten den Kopf in den Sand stecken. Wenn ihr diese Schule verlasst, werdet ihr als nützliches Mitglied in die Gesellschaft eingeordnet sein."

Später dann liefen Alex und Michael gemeinsam nach Hause. Michael wühlte in seiner Tasche, die er ungefilzt aus dem Direktorbüro geholt hatte, und zog eine unbeschriftete Tüte heraus, deren Inhalt nur allzu offensichtlich war.

"Das war ein ziemliches Spiel mit dem Feuer", bemerkte Alex, während Michael sich seinen - wie er sagte - wohlverdienten Joint drehte.

"Ja, nicht wahr? Und Neff wollte uns weismachen, es hätte gar nicht gebrannt."

Die Straße zog sich lang und schimmernd an jenem Tag. In der Ferne sahen sie einen vagen Punkt, der ihnen zu sagen schien: hier beginnt eine Geschichte, eine schwache Hoffnung auf einen zusammenhängenden, logischen Faden in der Welt, der Fortsetzung von einzelnen Episoden hin zu einem alles erklärenden Ende, das ein Lächeln auf das Gesicht zaubert im Zeichen der Erkenntnis dessen, was gemeint war.

Wie trügerisch das Leben doch sein konnte…


Prolog
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 2