Kapitel 12
Das Ende der Welt wird mit einem Verbrechen beginnen
Die Sonne erhob sich gerade, als sie sie fanden. Sie schwamm leblos im See unter tiefen Wolken, die in den Morgenstunden herbeigeeilt kamen, um der drückenden Schwüle ihr Tribut zu zollen.
Noch fand die tiefstehende Sonne einen Weg zu ihnen, doch der letzte klare Flecken am Horizont würde sie nicht mit in die Höhe nehmen können und der Wunsch nach Regen und Gewitter wurde größer als der Wunsch nach einem blauen Himmel.
Sie zogen Sandra aus dem Wasser und stellten ein wenig erstaunt, aber keineswegs erschrocken ihren Tod fest.
"Ich hab doch gesagt, dass jemand sterben wird", bemerkte Kadir, als er Sandra unsanft an den Haaren von ihrem nassen Grab befreite. "Da Melanie noch lebt, ist es halt Sandra geworden. So kann es gehen."
Viel konnte keiner über die Leiche sagen, aber der Schluss lag nahe, dass sie ertrunken war.
Doch da war noch mehr. Ihr Kleid war zerrissen und bedeckte nicht mehr das, was es bedecken sollte. So kamen einige Details zum Vorschein, die keiner sehen wollte.
Ob es eine Vergewaltigung mit anschließendem Mord oder ein Mord mit anschließender Leichenschändung war, wollte zwar keiner untersuchen, aber dennoch wurde klar, dass man gewaltig in der Scheiße steckte und ein Psychopath unter ihnen war.
Manuel wollte darauf bestehen, dass die Polizei geholt werden müsste, doch Kadir wiegelte ab.
"Bis die hier ist, ist der Mörder über alle Berge. Außerdem würden die erst mal alle hier befragen müssen, um die Verdächtigen benennen zu können. Wir dagegen können ad hoc eine Liste mit Verdächtigen erstellen, diese hier festhalten und vielleicht sogar den Täter herausfinden, noch bevor die Sponsoren heute Nachmittag kommen. Das ist die einzige Chance das Projekt zu retten. Wenn wir jetzt die Polizei holen, stellen die fest, dass Dycamart ein einziges Chaos geworden ist. Wenn wir aber den Fall in kürzester Zeit aufklären, wird man es als ein Verbrechen ansehen, dass überall geschehen kann, aber nichts direkt mit dem Projekt zu tun hat."
Alles war außer Kontrolle. Alles war Chaos. Und im Chaos fanden die merkwürdigsten Logiken Zustimmung. Manuel bestand weiterhin darauf, die Polizei zu holen und wollte dass die anderen dies im Zweifelsfall bestätigten, falls es rechtliche Konsequenzen für diese Aktion geben sollte.
"Und was machen wir mit Sandra?" fragte Michael.
"Erst mal ins Haus", erwiderte Kadir, "es muss ja nicht jeder die Leiche sehen."
Die meisten waren nach der langen Schlacht dort eingeschlafen, wo sie endete, und da es noch früh am Morgen war, waren die wenigsten schon wieder wach. Lediglich die, die gar nicht geschlafen hatten, bekamen Sandras Leiche zu sehen, und dieses Kämpfen mit der Müdigkeit machte ihren Geist wohl auch anfälliger für irrationale Handlungen.
Sie trugen Sandra in das Haus und legten sie dort auf eine Couch, Kadir faltete ihre Hände über der Brust zusammen und sprach ein kurzes Gebet.
"Bedecke doch mal jemand ihre Beine", verlangte Alex, der wie alle anderen den Anblick nicht ertrug, aber auch nicht fähig war selbst Hand an Stellen zu legen, die mehr waren als der Ort eines Verbrechens.
"Schließt die Tür ab und lasst sie so liegen", war Michaels hilfslose Reaktion, "wie konnte es nur so weit kommen?"
"Ich werde den Mörder finden", meinte Kadir, "das verspreche ich. Ich bin der Sicherheitschef und mir hat hier jemand gewaltig in die Suppe gespuckt. Ich kriege diesen Scheißkerl."
"Also, das wird mir jetzt zu viel, ich hole jetzt die Polizei", erwiderte Manuel und war schon auf dem Weg nach draußen, da das Haus offenbar direkt in einem Funkloch lag, zumindest hatten sie noch nie mit dem Handy ein Netz erreicht, wenn sie innerhalb dieser Räume war.
Manuel war schon fast draußen, da schnappte ihn Kadir und schleuderte ihn zurück in den Raum.
"Spinnst du?"
"Niemand ruft irgendwen", fauchte Kadir, "Dycamart ist unser Land, es ist unsere Welt. Die Polizei weiß einen Dreck über uns. Sie würde am Ende den Falschen einsperren, während das Schwein weiter auf freien Fuß herummarschiert. So ist es doch immer. Kein Mensch hat gewollt, dass das geschieht, aber gottverdammt wenigstens eine Sache müssen wir doch besser machen als die Scheißwelt da draußen. Dafür sind wir doch hierher gekommen. Nicht wahr, Alex? Dein Traum war eine bessere Welt, oder nicht? Nun, eine bessere Welt ist Dycamart nicht geworden, aber das ist unsere letzte Chance doch noch etwas besser zu machen als all die Menschen, die wir so verabscheuen."
Einen Moment blickten sich alle schweigend an. Michael sah fragend zu Alex, Manuel war durch Kadirs forsche Auftreten so eingeschüchtert, dass er viel kleiner wirkte als er eigentlich war, Kadir hatte einen entschlossen Blick und Melanie, die vor Schock noch kein Wort gesagt hatte, blickte zum Fenster raus und sah, dass immer mehr Menschen erwachten und sich herumsprach, was geschehen war. Fest stand, dass sie nicht viel Zeit hatten, um eine Entscheidung zu treffen.
"Was willst du all den Leuten erzählen?" fragte sie und zeigte zum Fenster hinaus.
"So wie die sich gestern Nacht aufgeführt haben, haben sie wenig Grund zu bestimmen, was verantwortungsbewusst getan werden sollte. Wenn wir geschlossen auftreten und alle dieselbe Meinung vertreten, werden wir die Massen schon überzeugen. Außerdem sagen wir ihnen, dass die Polizei bereits alarmiert wäre. Bis die merken, dass die Polizei vorerst gar nicht kommt, haben wir den Täter vielleicht schon längst überführt."
Auch Alex blickte nun aus dem Fenster und sah wild diskutierende und schockierte Jugendliche.
"Was haben wir noch zu verlieren", meinte er dann, "Toter als jetzt wird Sandra nicht werden."
Die Massen waren erstaunlich schnell zu überzeugen. Vermutlich war die Situation zu ungewohnt, als dass sie rational an die Sache herangehen konnten. Und damit auch ja keiner auf die Idee kam zu denken, schickte Kadir sie alle in mehrere Gruppen unterteilt auf die Suche nach seinen Hauptverdächtigen.
"Aus meiner Sicht haben wir zwei Hauptverdächtige", erklärte er, "zum einen wäre Direktor Neff, der sich gestern Abend offensichtlich in einen Wahn gesteigert hatte, den er selbst nicht mehr kontrollieren konnte. Er nahm Melanie als Geisel, sperrte sie in ein Zimmer und verschwand dann durch das Fenster in die Dunkelheit. Danach hätte er die Tat unbemerkt verüben können."
Kadir machte eine Pause und blickte autoritär durch die Reihen, besonders von jenen, die in der vergangenen Nacht Direktor Neff noch unterstützt hatten. Doch sie gaben sich geschlagen und verteidigten den durchgedrehten Direktor nicht mehr.
"Der zweite Verdächtige ist Angelo. Er ist seit unbestimmter Zeit verschwunden und hatte bekanntlich starke Gefühle für Sandra, die sie nie erwiderte."
"Es gibt noch einen dritten Verdächtigen", ergänzte Manuel.
"Ach ja, wen denn?"
"Reggie. Er ist in der Dunkelheit schwimmen gegangen und war damit genau zur Tatzeit am Tatort."
"Aber welches Motiv hätte er denn?"
"Welches Motiv hat Direktor Neff?"
Kadir wandte sich wieder an die nach wie vor wartenden Menge. "Okay, drei Verdächtige. Sucht sie und findet sie!"
Direktor Neff fanden sie zuerst. Er hatte sich im Waldstreifen versteckt und geiferte und fauchte wie ein wildes Tier, das man in die Enge getrieben hatte. Sein Wahn war noch größer geworden. Er beschimpfte und bespuckte jeden, der in Reichweite war. Mehrmals riss er sich wieder los und versuchte zu fliehen. Einmal durch den Wald, einmal über das Wasser und einmal über einen Baum, doch da stellte er fest, dass das eine Sackgasse war und blieb einfach auf einem Ast sitzen. Keiner war fähig ihn runterzuholen und so beschloss Kadir für die beiden anderen Verdächtigen zwei Stühle unterhalb des Baumes aufzustellen, so dass er dort - im Agatha-Christie-Stil - den Fall durch geschickte Befragungen und in den Raum (bzw. unter den Baum) gestellte Hypothesen löste.
Reggie stellte sich quasi selbst. Er kam nackt aus dem Wasser und fragte mit dämlichen Blick, was denn "los" sei. Kadir befahl ihm sich eine Hose anzuziehen und dann musste Reggie sich mit freiem Oberkörper auf einen der beiden Stühle setzen.
Angelo konnten sie nicht finden und da die Zeit verging, beschloss Kadir Angelo in Abwesenheit anzuklagen. Kadir spielte dann Detektiv und Richter zugleich, während alle anderen zu Statisten degradiert wurden. Manche standen, andere saßen auf dem Boden und einige von Kadirs Ordnern mussten immer mal wieder aufkommende Unruhe unterbinden, während Kadir selbst nachdenklich drei Mal um den Baum schritt.
"Nun gut, Reggie, erzähl uns doch mal mit deinen Worten, was du gemacht hast, nachdem du uns gestern verlassen hast?"
Reggie trommelte mit dem Zeige- und dem Mittelfinger auf seiner Brust und hörte Kadir nur beiläufig zu. Erst nach mehrmaligen Aufforderungen erwiderte er mürrisch: "Schwimmen."
"Schwimmen und was dann?"
"Dann habe ich auf der Insel gepennt."
"Und dir ist nichts besonderes aufgefallen?"
"Doch."
"Und was?"
"Dass der Himmel lila wird, wenn man Cannabis, Morphium, Kokain, Nikotin, Alkohol, Sonnenblumen, Heu und…"
"Etwas mehr Ernsthaftigkeit, bitte."
"Ich bin todernst, das war eine richtig feine Drogen-Bowle."
"Und du warst bis eben auf der Insel oder bist du zwischendurch rausgeschwommen?"
"Ja."
"Du bist rausgeschwommen?"
"Nein."
"Aber du hast doch eben…"
"Nein, du hast gefragt, ob ich auf der Insel geblieben oder rausgeschwommen bin. Rein logisch muss ich mit ja antworten, wenn eine der beiden Möglichkeit zutrifft."
Kadir trat wütend mit den Fuß auf den Boden, während einige im "Publikum" lachten. Alex suchte nach Michael, der unbemerkt verschwunden war und sah, dass er im Wasser war und zur Insel schwamm. Alex stand auf und folgte ihm.
"Nun gut", fuhr Kadir fort und blickte hoch in den Baum auf dem der Direktor wie ein Papagei saß und ihn ständig nachäffte.
"Nun gut."
"Direktor Neff…"
"Direktor Neff…"
"Sie verließen die Halle gestern Nacht durch das Fenster und…"
"…ließen die Halle durch das Fenster und…"
"…wohin gingen sie dann?"
"…sie dann?"
"Verdammt, lassen sie die Kindereien und antworten…"
"…Kindereien und antworten…"
"Haben sie denn ihren Verstand verloren?"
"Haben sie denn Sand verloren?"
Kadir blickte hilfesuchend zu Alex, doch der war nicht mehr da, also suchte er den Blick von Manuel. Der zuckte nur mit den Schultern.
"Das kann doch nicht wahr sein. Was ist nur geschehen? Sandra wurde ermordet, Neff redet mehr Unsinn als Reggie und Michael zusammen, Alex ist verduftet und die einzigen, die mir noch Rückendeckung geben, ist eine Bande von Kindern, die sich gestern gegenseitig vermöbelt haben, bis eine ganze Halle in Schutt und Asche lag. Ich kapier das nicht mehr! Das ist doch nicht plausibel und logisch, so dürften sich doch alle gar nicht verhalten. Ich meine", er drehte sich um und blickte den Baum hoch, "Direktor Neff, sie sind doch der, der uns auf die Gesellschaft vorbereiten sollte, der uns durch die Jugend zum Erwachsensein führen sollte, vom Chaos zur Zivilisation, von der Abhängigkeit zur Selbstständigkeit und jetzt hocken sie auf einem Baum wie Tarzan ohne Jane und plappern nur noch wirres Zeug."
"Äh, wenn mir eine Bemerkung erlaubt ist", Reggie hob seinen rechten Zeigefinger, "Neff hat nur nachgeplappert, was du gesagt hast, demnach war das wirre Zeug ja eigentlich von dir."
In der Ferne blitzte es schon mehrmals und Alex beeilte sich aus dem Wasser zu kommen, obwohl er wusste, dass er bei einem Gewitter sowieso wieder an Land müsste, die Insel wäre ein regelrechter Präsentierteller.
Er war etwas überanstrengt von der Nacht und so blieb er ein paar Sekunden mit dem Gesicht im Gras liegen, so als sei er ein Gestrandeter, der es mit letzter Kraft auf das rettende Land geschafft hatte. Als er aufblickte sah er Michael mit bleichen Gesicht an einen der beiden Bäume gelehnt, neben ihn einen weitere aufrechtstehende Gestalt mit noch bleicherem Gesicht.
"Angelo? Verdammt, was machst du hier, wir haben dich überall gesucht."
"Ja", erwiderte Angelo, "um mich zu lynchen. Aber nicht mit mir, meine Freunde, ich bin unschuldig und werde mich nicht von eurer wildgewordenen Meute zerfetzen lassen."
"Kein Mensch will dich zerfetzen, aber wenn du dich versteckst, machst du dich verdächtig."
Angelo lachte zynisch. "Schau sie dir doch an, sie haben die ganze Halle eingerissen in nur einer Nacht, glaubst du wirklich sie würden mich fair behandeln?"
Er blickte hoch in die sich zusammenziehenden Wolken und grinste als der See begann im stärkerwerdenden Wind zu schaukeln.
"Siehst du diese Fratze in den Wolken? Nein? Du siehst sie, Michael, nicht wahr? Sie lachen uns aus, weil wir wieder mal auf dieselben Mächte hereingefallen sind, wie schon seit Jahrtausenden. Weißt du welche Mächte ich meine, Alex?"
Angelo blickte seinen Freund kurz an und seufzte. "Nein, du weißt es nicht. Du warst so trunken von deinen Idealen, dass du gar nichts mehr gesehen hast."
Alex blickte Angelo nur angespannt an. Er sah etwas in seinen Augen, das er noch nie gesehen hatte, ein Glitzern oder ein Funkeln, Wahn oder Weisheit. Sein Blick war fern und im Reinen mit dem Universum.
"Warst du die ganze Zeit auf der Insel?"
"Nein", erwiderte Angelo, "ich musste etwas besorgen, nachdem es geschehen war."
Der Klang der Worte hatte etwas grauenhaftes, etwas endgültiges, es war der Klang, den die Stimme Napoleons in Waterloo gehabt haben musste, der Klang eines Menschen, der seinen eigenen Bruder töten würde, wenn dieser die falsche Uniform trug.
"Großer Gott", stammelte Alex in einem Moment der Erkenntnis, "du hast es getan! Du bist es gewesen, du hast sie getötet! Angelo!"
"Was ist? Was willst du mir vorwerfen? Ich war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, mehr nicht. All das saure Wasser, das vorher in sie geflossen war, die Gesellschaft, die sie langsam zermürbte seit sie ein Kind war, sie war am Ende, bevor sie uns kennen lernte, wusstet ihr das? Dycamart gab ihr eine Perspektive, eine letzte Chance die Welt doch noch zu verbessern, eine Zukunft zu schaffen für die, die nach ihr kommen würden. Und was ist dann geschehen? Wir haben auch diese Hoffnung zerstört, weil wir genauso verseucht sind wie alle Menschen, selbst jetzt noch… Nein, ich habe sie nicht getötet, sie war längst tot. Ich war nur das letzte Glied einer sehr langen Kette."
"Es lief nicht alles perfekt", bestätigte Alex, "aber das gab dir nicht das Recht…"
"Wer gibt wem ein Recht oder nicht", unterbrach ihn Angelo, "siehst du das Wasser? Es bewegt sich noch genauso wie gestern und vorgestern und vor einer Woche, doch trotzdem ist es nicht mehr dasselbe. Es fühlt sich anders an in mir, und selbst wenn du es leugnest, es fühlt sich auch anders in dir an."
Alex blickte über den See, der kein Licht mehr spiegelte unter dem trübem Himmel. Er war noch genauso geheimnisvoll und ruhig wie all die Wochen zuvor. Er kümmerte sich nicht um den Tod eines einzelnen Menschen und dennoch schien er zu trauern, nicht um den Körper sondern um den Geist, der von ihnen gegangen war.
"Weißt du was geschehen wird, Alex? Ich werde verhaftet werden und nie wieder völlig in die Gesellschaft zurückfinden. Dycamart wird verlassen werden, das Land den Erben von Sandra übergeben, wer immer das genau sein mag. Direktor Neff wird ein halbes Jahr Urlaub unter psychologischer Betreuung bekommen und danach seinen Dienst an Volk und Vaterland wieder aufnehmen. Alle anderen, ihr beiden eingeschlossen, werden wieder in den Schoß der Gesellschaft zurückkehren. Doch was dann? Werdet ihr nicht genau das werden, was ihr nicht werden wolltet? Ein braver Bürger eines kranken Staates? Ich bin der einzige, der sich von der Gesellschaft befreit hat, ihr alle seid in ihr untergegangen."
"Du musst dich stellen."
"Oh, keine Sorge, ich werde mein Floß nehmen und rüberpatteln und ihr beiden werdet mich begleiten."
"Nein, ich bleibe hier", weigerte sich Michael. "Ich werde unter diesen Baum sitzen und warten bis Nadja kommt."
"Nadja?"
"Sie wird hierher kommen, ich fühle es."
"Aber es wird gleich regnen."
"Dann lass es regnen, vielleicht wird es die Welt reinwaschen."
Und so blieb Michael auf der Insel zurück, um zu träumen von dem Mädchen mit dem er nur zwei Mal gesprochen hatte. Es war aber auch nicht nötig, häufiger mit ihr gesprochen zu haben oder sie öfters gesehen zu haben. Von dem Moment, an dem er sie das erste Mal sah, wusste er, dass er sie seit Jahrtausenden kannten, nein, seit der Ewigkeit, Nadja war der Teil seiner Seele, den wir alle so verzweifelt unser ganzes Leben lang suchen. Er konnte sie finden oder sie ihn oder keiner irgendwen. Es gab kein Schicksal, das bestimmt hätte, dass er sie überhaupt je sieht oder jemals wieder, aber es gab ein Band zwischen ihm und ihr, das sie für immer aneinander kettete, selbst wenn einer von ihnen starb und der andere lebte.
"Also, ich fasse zusammen", stolzierte Kadir mit erhobenen Zeigefinger vor seinen beiden Angeklagten hin oder her… oder vor der Zuschauermenge, das war eine Frage der Sichtweise. "Reggie, du bist bei dem kleinen Scharmützel gestern verschwunden unter dem Vorwand schwimmen zu gehen. Am Wasser angekommen hast du Sandra dort sitzen sehen, einsam und allein. Du warst angetrunken und leicht unter Drogen, so dass du ein wenig aufdringlich geworden bist als du ihre nackten Beine unter dem Rock hast vorblitzen sehen. In deinem vollen Kopf hast du ihre Abweisungen nicht ernst genommen und bist mehr oder weniger über sie hergefallen."
"Na, klar", erwiderte Reggie, "der Neger ist rein triebgesteuert und des Verstandes nicht fähig."
"Dein Sarkasmus kannst du dir sparen. Seien wir doch ehrlich, du hast dich sogar nackt vor Melanie präsentiert und sie wollte trotzdem nichts von dir wissen."
"Aber dafür hat sie gewaltig auf mein Ding gestarrt."
Melanie wurde feuerrot und schob sich näher an Charlie heran, der in diesem Moment erkannte, dass er in Wahrheit schwul war.
"Und wie ging's weiter, Kadir, ich bin gespannt", provozierte Reggie seinen Ankläger, "hat sie mir dann erzählt, dass sie schwanger ist und ich hab sie aus Angst getötet, weil ich fürchtete, das Kind wäre von mir?"
Kadir drehte sich mit einem Ruck um. "Herr Neff, sie verschwanden in der Dunkelheit, stolperten durch den Wald, um sich zu verstecken, weil sie Angst hatten der Mob könnte sie lynchen. Dort im Wald entdeckten sie Sandra. Sie war tot, ertrunken weil sie in der Dunkelheit schwimmen war und die Orientierung im Wasser verlor. Sie wussten sofort, dass wir erkennen würden, dass es ein Unfall war. Aber sie wollten Dycamart zerstören, und dazu brauchten sie ein Verbrechen. Deshalb vergingen sie sich an der Leiche, um eine Vergewaltigung vorzutäuschen. War es nicht so, Herr Neff?"
Ein Raunen ging durch das Publikum, dem langes Schweigen folgte. Dann stand Reggie auf und Direktor Neff sprang von seinem Ast auf den Boden. Gleichzeitig, fast so als hätten sie es einstudiert, hoben Reggie und Neff die rechte Hand und riefen beide: "Okay, ich gestehe!"
"Wollt ihr mich verarschen?"
"Verdammt, Reggie, hör auf dich mit meinen Lorbeeren zu schmücken, ich bin ein Leichenschänder!"
"Und ich bin ein Vergewaltiger!"
"Hört gefälligst auf mit dem Mist!"
"Wieso denn, wir geben dir doch nur recht, du hast recht. Ich habe sie vergewaltigt, ertränkt um das Verbrechen zu vertuschen, Neff hat die Leiche gefunden, geglaubt es gebe kein Verbrechen, geschändet und sie wieder ins Wasser geworfen. Genau so hast du es doch vorgetragen, was stört dich jetzt daran, dass wir es zugeben?"
"Dass es nicht die Wahrheit ist."
"Wen interessiert schon wirklich die Wahrheit?"
Am Ufer kamen Alex und Angelo an, was zu einer beängstigenden und unnatürlichen Stille führte, der sich sogar die Vögel und der Wind anzuschließen schienen. Auch sie sahen in Angelos Augen, was keiner beschreiben konnte. Sie öffneten ihm sogar eine Gasse, die Alex sich nicht traute zu durchschreiten. So lief Angelo allein zwischen den Menschen auf Kadir zu, der auf ihn wartete.
Der See schien schwarz zu werden. Irgendwo stand eine Schultasche, die nie wieder Verwendung finden sollte. Angelo roch das Plastik als wäre es der Gestank des grausamen Schicksals, das keiner abwenden konnte.
Seine Blicke wanderten von Gesicht zu Gesicht, fragenden Gesichter, manchmal verzweifelt, manchmal ausdruckslos, aber nie lebendig, in Angelos Augen waren alle schon längst tot. Und das obwohl sie nie gelebt hatten.
An einem Gesicht blieb sein Blick einen Moment hängen. Es war so jung und unschuldig, dass Angelo einen Moment zögerte und sich dieses Gesicht betrachte, so als hätte er noch nie etwas Vergleichbares gesehen. Sein Kopf neigte sich mehrmals von einer Seite zur anderen, dann wandte er sich wieder ab und ging weiter.
Er blieb zwei Schritte von Kadir entfernt stehen, hielt den Atem an und schloss die Augen. Er fühlte ein so warmes Gefühl in seinem Inneren, weil er überzeugt war, wenn er die Augen wieder öffnete, würde er im Paradies sein, zusammen mit Sandra und all den anderen, seinem Freund Alex, seinem Freund Kadir, seinem Freund Reggie, nur Michael würde fehlen, doch auch er würde ihnen irgendwann folgen, was waren schon ein paar Jahre im Angesicht der Ewigkeit. Er griff an seine Brust und entblößte, was er versteckt gehalten hatte…
Kadir sah es noch und wollte es verhindern, doch sein Schrei erstarb jämmerlich, als er merkte, dass auch die zwei Schritte, die er noch von Angelo entfernt war, zu weit waren. Charlie sah es nicht, doch er fühlte es und umklammerte Melanie kräftiger. Er hatte sich immer gewünscht, dass das das letzte wäre, was er fühlt. Reggie schloss nur seine Augen und nahm es hin. Direktor Neff verlor in der letzten Sekunden seinen Wahn, vielleicht aus Schreck, das wusste keiner, aber auch er konnte es nicht mehr kontrollieren. Alex stand am Rande der Menge und sah nichts, aber er wusste, was geschehen würde. Er war trotzdem dort in einem tiefen Gefühl der Verantwortlichkeit, die er auch übernahm, wenn es ihm das Leben kostete.
Als der Donner ohne Blitz ertönte, färbte das Gras sich rot von Blut. Bald folgte der Regen und bedeckte totes Fleisch mit dem lebensspendenden Wasser, das jedoch den Tod nicht mehr vertreiben konnte. Der Sturm sollte noch Blitze in das Haus jagen, in dem Sandras Leiche verbrannte, doch da war schon längst niemand mehr in Dycamart.
Der Schnee ging ihm bis zum Knöchel und hüllte das Land in Stille. Das Land lag unter einer einheitlichen weißen Decke, die keinen Unterschied zwischen Dycamart, dem See und der Insel machte. Der See war zugefroren und verbarg seine Geheimnisse unter dem Schnee. Das Land war ruhig und friedlich, die Bäume kahl, die Welt verlassen und einsam. Nichts erinnerte mehr an das Massaker des Sommers, das niemals ganz aufgeklärt werden konnte. Michael war nach Monaten hierher zurückgekehrt, um seinen Freunden zu gedenken, die er nie wieder sehen würde. Doch in der Einsamkeit des Winters konnte er nicht leugnen, dass er auch ihretwegen hier war. Nadja, dem geheimnisvollen Mädchen, von der er nicht wusste, ob sie bei dem Massaker gestorben war oder nicht.
Wind strich durch sein Haar und ließ seinen Blick in die Ferne schweifen, er fühlte die Geister der Toten in diesem Wind, die diesen Ort nie verlassen hatten und nie verlassen werden.
Michael stolperte über irgendetwas, das unter dem Schnee verborgen war und als er sich hinkniete, um es freizulegen, fiel ihm Schnee in den Ärmel und schmolz dort zu Wasser, das seinen Körper durchdrang.
Unter dem Weiß kam Holz zum Vorschein. Ein Schild. Ein zerbrochenes Schild. In zwei Teilen lag es dort begraben statt der Leichen, die man fortgeschafft hatte. "Dyca" stand auf der einen Hälfte "mart" auf der anderen.
Michael erhob sich wieder und lief hinunter zum gefrorenen See, die Hände in den Taschen und den Kragen hochgezogen. Er testete kurz, ob das Eis ihn aushalten würde und stellte zufrieden fest, dass es mehr als dick genug war. Er wanderte über das Eis hinüber zur Insel. Irgendwo spiegelte sich etwas in allen Regenbogenfarben und er hörte stille Schreie. Fratzen schienen sich aus den Ästen der beiden Bäume auf der Insel zu bilden, doch was ihn am meisten beunruhigte, verwirrte und erstaunte, war das dort hinter den Bäumen eine Gestalt kauerte, so als warte sie auf ihn.
"Nadja? Was zum Teufel machst du hier?"
Das blonde Mädchen drehte sich nur beiläufig zu ihm um, lächelte aber so bezaubernd, dass er sich neben sie in den Schnee setzte und über den weißen See blickte.
"Wir treffen uns doch nur an ungewöhnlichen Orten, nicht wahr?"
"Ich war nicht sicher, ob du das Massaker überlebt hattest."
Sie lachte leise vor sich und blickte dann trübe und wehmütig durch den Horizont hindurch.
"Warst du in der Zwischenzeit in Südamerika?"
"Nein, ich war… überhaupt nirgends, seitdem das alles hier passiert ist."
"Siehst du, das ging mir genauso. Also ist es eigentlich eher erstaunlich, dass wir uns erst heute getroffen haben."
"Ja… vielleicht…"
"Weißt du das manche Menschen glauben, das Paradies müsste leer sein… oder fast leer. Zu viele Menschen, zu viele Gesichter sind eher was für die Hölle."
"Ich glaube an keinen Himmel und keine Hölle. Und falls es sie doch gibt, so war ich schon da."
Er sah sie an und trotz des dicken Mantels und der vor Kälte rot gewordenen Backen sah sie so unbeschreiblich aus wie sie war. Sie war nicht schön im allgemeinen Sinn, aber ihr Gesicht war von tiefer Bedeutsamkeit, es war das Antlitz der Ewigkeit.
"Und du?" fragte er sie. "An was glaubst du?"
Sie lächelte. "Ich glaube, dass der Schnee schwarz wird im Schatten der Schornsteine. Ich glaube, dass die Menschen zu viel reden und zu wenig sagen. Ich glaube, dass die Erwartungshaltung der Tod der Kunst ist. Und ich glaube, dass nur die Sterne mich verstehen."
"Oh, nein, nicht nur die Sterne", erwiderte Michael, "nicht nur die Sterne."
Sie blickte ihn an und griff zum ersten Mal nach seiner Hand. Sie war kalt und beinahe regungslos, doch erfüllte sich mit Hitze als sich ihre Fingerspitzen trafen.
"Mir ist so kalt. Und ich fühle mich so einsam. Da ist nichts mehr außer diesem Schnee. Keine Bedeutung, keine Logik, kein Sinn."
Ein Rabe setzte sich auf den Ast eines Baumes und schrie über das mystische Land, Odins Bote im Garten Eden.
"Es ist immer in uns selbst", sagte Nadja, "alles kommt aus dem Inneren. Die Bedeutung, die Logik, der Sinn. Nur wenn wir unser Unterbewusstsein aufsteigen lassen ins Bewusstsein, statt es in unseren Träumen zu vergraben, nur dann werden wir zu Verständnis gelangen."
"Fühlst du die Wärme der Sonne?"
"Ja."
Sie schlossen beide ihre Augen und starrten in die Sonne. Sie fühlten keine Kälte mehr und nur noch ein wenig Einsamkeit. Einsamkeit, in der man den Frieden fand. Am Ende werden wir alle tot sein, das ist der Lauf der Zeit, dann bleibt nur die Hoffnung irgendwo in dieser unendlich großen Welt eine Flamme entzündet zu haben. Eine Flamme, die nie wieder verlischt. Eine Flamme, die mahnt von Deinem Schicksal.
Dycamart ist in allen von uns.
|