Kapitel 2

Paranoider Wahn


Der blaue Himmel strahlte hell und hoffnungsvoll in das graue Zimmer, dem auch die unter Gewalt und lauter Gegenwehr verschleppten Pflanzen kein Leben mehr einhauchen konnten.

Sandra blickte zum offenen Fenster hinaus und versuchte den Lärm der Straße und den Lärm des Büros aus ihrer Wahrnehmung zu filtern, so dass sie nur noch den Straßenmusiker hören konnte, der seit etwa einer Stunde unweit ihres Fensters stand und auf einer alten, fürchterlich scheppernden Gitarre ein Lied nach dem anderen spielte.

Die wenigen Bäume, die der Stadt geblieben waren, wiegten sich im Wind und rauschten in unzähligen Harmonien, so als sängen sie zusammen mit dem armen Teufel, der noch älter aussah und noch scheppernder klang als seine Gitarre. Sein Gesicht war von tiefen Falten entstellt und von der Sonne verbrannt. Sein Bart wuchs wüst und ungebändigt. Essensreste hingen ihm zwischen den Zähnen, doch all das störte ihn nicht. Für ihn gab es keine Hässlichkeit, keine gesellschaftlichen Normen, keine Regeln; einzig sein Lied existierte und in diesem Lied schuf er eine eigene Welt voller Sehnsucht, Unendlichkeit und Freiheit.

Nur vereinzelt verstand Sandra die Worte, wenn der Wind sie zu ihr trug wie ein Geschenk, doch sie konnte eine wunderbare Welt sehen, die irgendwo hinter dem Horizont (den sie nicht mal sehen konnte) begann.

"Was für ein faules Arschloch", ertönte eine Stimme aus einer anderen Realität, auf die Sandra zunächst nicht reagierte, "Er sollte sich lieber einen Job suchen und uns hart arbeitenden Leuten nicht so sehr auf der Tasche liegen."

Sandra blickte nun auf und sah, dass sie alleine war. Sie selbst hatte diese Worte gesprochen und es noch nicht einmal gemerkt.

Der kahle Raum mühte sich kaum es zu verbergen, mit den vielen Akten und den bedrückenden Geräten, die mit ihren Strahlen unmerklich das Krebsrisiko steigerten, eine allein zwar ungefährlich, aber in der Masse tödlich wie ein Schwarm Killerbienen. Die Drohnen Fax und Drucker summten ungehört und doch laut und belastend, während ihre Königin Computer grinste, fett wurde und Sandra Schritt für Schritt die Lebensenergie aussog, jeden Tag nur ein bisschen, damit es niemand bemerkte, bevor es nicht schon längst zu spät war und sich ihr Körper mit einem letzten Herzschlag, einem Aufbrechen eines Geschwürs verabschiedete, ihren Geist hinaus in den Wind trug, auf der Welle eines Liedes des abstoßenden Manns unter dem Fenster. Aber soviel Glück hatte sie nicht.

Durch die offene Tür konnte Sandra auf den Flur blicken. Dort krochen Dämonen durch die Gänge. Kleine, dunkle, graue Gestalten mit gelben Augen und geifernden, fletschenden Zähnen, die noch gelber waren. Ihre langen, mageren Finger griffen immer wieder nach den Menschen, die durch die Gänge liefen, um ihrer Arbeit nachzugehen, und verseuchten sie mit Krankheiten und stumpfen Gedanken.

Diese kleinen, grauen, immer leise und unverständlich murmelnden und zischenden Gestalten lebten von der Kreativität und den klaren Gedanken der Menschen. Sie saugten sie ihnen einfach aus dem Geist, verspeisten sie und spieen sie rülpsend wieder aus, direkt auf dem Teppich, wo sie die Menschen wieder aufnahmen und den so entstellten, kümmerlichen Rest, der einst eine großartige Idee gewesen sein musste, in der ganzen Welt zu verbreiten mitsamt der Brut der grauen Wesen, die sich auf diese Weise vermehrten.

Außer Sandra konnte niemand diese Wesen sehen. Außer ihr konnte sie niemand hören, wie sie dort auf den Aktenschrank saßen und die Akten vermehrten, damit sie die Menschen noch länger im Büro festhalten konnten, um noch mehr von ihrer Seele auszusaugen.

Sandra wehrte sich nicht und sprach nie von ihnen. Sie hatte Angst, man könnte sie für verrückt halten, doch manchmal erwischte sie sich bei der Überlegung, ob vielleicht nicht doch alle die grauen Wesen sehen konnten und nur so wie sie selbst sich nicht trauten darüber zu sprechen. Sie beobachtete Karl, der Leiter dieser Institution, in der Sandra arbeitete, wie er langsam und erschöpft durch die Gänge schlich, immer wieder das Kreuz haltend, an dem sich eines der Wesen festgebissen hatte. Seine ängstlichen, suchenden Augen lassen ihn zumindest erahnen, dass diese Wesen existieren, wenn er sie auch nicht mehr sehen konnte. Doch nur kurz war dieses Erinnern, denn das Wesen an seinem Kopf saugte diese Gedanken heraus, bevor sie gefährlich werden konnten.

Von draußen drang wieder das Lied des abstoßenden Mannes, der von Pfaden des Triumphes sang. Sein Gesicht war dabei von einem Lächeln erhellt, das nicht gekünstelt war, sondern aus seinem tiefen inneren Frieden kam. Sein Lächeln war klar, hell und ehrlich und um ihn herum saß nicht ein graues Wesen. Sie mieden ihn, sie fürchteten ihn, so wie sie auch die Bäume fürchteten. Es war ihr größtes Dilemma, dass sie den Menschen zwar befehlen konnten, die Bäume zu fällen, aber Meter vor diesen Bäumen von den Schultern springen mussten, zurückblieben und den Menschen so (falls sie sie noch nicht genug bearbeitet hatten) die Möglichkeit gaben aus der von den Wesen erzeugten Trance aufzuwachen, die Axt wegzuwerfen und den Baum zu verschonen, auf dass er die Menschheit verschone.

"Du siehst aus, als bräuchtest du dringend mal wieder einen Job im Außendienst", bemerkte Karl, als er nach langem Zögern Sandras Büro betrat. Karl war der Leiter dieser privatfinanzierten Einrichtung von Psychologen, Sozialpädagogen und anderen Menschen, die nach dem Studium feststellten, dass sie besser was anderes studiert hätten. In enger Zusammenarbeit mit dem Jugendamt betreuten sie "jugendliche Problemfälle", um diese in die Gesellschaft zu integrieren, wenn es Eltern und Schule allein nicht mehr schafften. Karl selbst hatte diese Institution gegründet, doch der jahrelange Kampf mit Behörden, Bildungspolitikern und Jugendlichen hatte mehr als nur sein Kreuz unbrauchbar gemacht.

"Ist das der Rat meines Vorgesetzten?"

"Der Rat eines väterlichen Freundes", erwiderte Karl mit einem warmen Lächeln und setzte sich dann unter Stöhnen über sein schmerzendes Kreuz auf dem Stuhl, der auf der anderen Seite von Sandras Schreibtisch stand und normalerweise eben jenen Problemfällen vorbehalten war, die Sandra betreute. "Ich habe eine Aufgabe für dich, die dich ganztägig beschäftigen sollte."

Er warf ihr eine Akte auf den Tisch, die Sandra öffnete und mehrere Minuten überflog, um sich einen Überblick des Inhaltes zu verschaffen.

"Das ist mindestens 50 Kilometer entfernt", bemerkte sie dann.

"Mehr als 80", präzisierte Karl.

"Und das soll ich jeden Tag fahren?"

"Nein, ich dachte, da das Gelände, das du von deinem Großvater geerbt hast direkt auf dem Weg liegt, könntest du dort in dem Haus schlafen. Ich finde es ist eine Schande, dass du dieses wunderbare Fleckchen Erde so ungenutzt verrotten lässt."

"Aber das Haus ist eine einzige Bauruine! Bekomme ich denn meine Auslagen bezahlt? Zumindest so viel, dass ich mich vor einer einstürzenden Decke schützen kann?"

"Aber, Sandra, du weißt doch, dass Geld nicht das schützen kann, was das Geld nicht kaufen kann."

"Was soll das denn bedeuten?"

Karl beugte sich nach vorne über den Tisch und blickte Sandra von unten in die Augen, ob als Zeichen der Unterwürfigkeit, wegen der Schmerzen in seinem Rücken oder schlicht, weil ihn die Sonne blendete, war nicht festzustellen.

"Sieh es als eine Art eingeschränkten Urlaub. Meiner Ansicht nach sind das drei ganz normale Jungs und der Direktor übertreibt schamlos. Es gibt dort also eigentlich keine wirkliche Aufgabe. Dennoch haben wir diesen Auftrag bekommen, er muss erledigt werden und ich will, dass du ihn erledigst."

"Du willst mich loswerden, richtig?"

"Das ist nicht wahr", er blickte hektisch auf die Uhr, "jetzt ist aber erst einmal Zeit für deine Mittagspause. Morgen fährst du dann dorthin und dann will ich dich die nächsten Wochen hier nicht mehr sehen."

Auf dem Rückweg von der Mittagspause lief Sandra durch den Park und starrte auf jene gewaltige Eiche, die dort schon stand, solange sie denken konnte, vielleicht stand sie sogar schon immer dort. Vielleicht hatte sich das ganze Universum um sie herum gebildet, wer weiß das schon wirklich? Die Wissenschaft meint doch jeden Tag etwas anderes. Einmal konnte der T-Rex nur Aas fressen, weil er lahmer war als eine Schnecke und ein anderes Mal war er so flink und leichfüßig wie ein russischer Ballett-Tänzer (die üblicherweise gar nicht schwul sind). Einmal ist das Universum 15 Millionen Jahre alt, ein anderes Mal ist sogar eine einzelne Galaxie älter. Dazu rollt man Dimensionen unendlich dünn, lässt Raum und Zeit aus dem absoluten Nichts entstehen und betet nachts zu Gott, dass er doch mache, dass es wirklich so ist. Wenn der Wind weht, existiert keine Wissenschaft. Wenn Flüsse fließen, dann fließt Magie. Wenn Musik spielt, singen die Geister.

Bei dem abstoßenden Mann machte sie halt. Er sang immer noch (oder schon wieder) und als Sandra hinauf zu dem Gebäude blickte, vor dem sie stand, sah sie die grauen Wesen aus den Fenstern blicken. Sie geiferten und lechzten nach ihr, voller Vorfreude sich wieder an ihr Gehirn zu saugen. Sie kicherten und flüsterten, tobten und jubelten.

Sandra blickte zu dem alten Mann und seiner Gitarre. Vor dem Gebäude war ein kleiner Grünstreifen, der etwas erhöht angelegt worden und von Stein umzingelt war. Sandra setzte sich dorthin und sagte zu sich, dass sie noch ein paar Minuten hier bleiben wollte. Doch selbst das war gelogen.

Bevor sie noch einmal in das graue Gebäude zu den grauen Wesen müsste, würde sie lieber den Rest ihres Leben auf diesem Grünstreifen verbringen, dem ekligen Mann lauschend und den Wolken bei ihren dynamischen, endlosen Zug beobachtend. Aber die graue Kette um ihren Fuß zog sie bald schon wieder in Richtung des Gebäudes und so sehr sie sich auch wehrte, außer Schmerzen würde es ihr nichts einbringen.

Dann jedoch kam sie ganz dicht an dem Vagabunden vorbei, der so unbeeindruckt von all den Wesen und all den selbsternannten Realisten nicht aufhören wollte, von der Freiheit zu singen. Und die Kette wurde lockerer.

"Hier", sagte Sandra und warf ihm ein paar Münzen vor die Füße. "Du wirst es gebrauchen können."

Der alte Mann ließ noch einige Akkorde ausklingen, dann stoppte die Musik und sein Gesang wurde zu einer ruhigen, klaren und tiefen Stimme, die zu Sandra sprach: "Vielen Dank für deine Großzügigkeit, aber ich brauche kein Geld, nimm es ruhig wieder an dich, wenn du willst oder lass es liegen, das liegt allein an dir. Ich aber werde es nicht anrühren, es würde meine Seele angreifen. Ich brauche kein Geld. Ich reise durch das Land seit ich 16 bin und habe festgestellt, dass man mit Geld nichts kaufen kann, weil niemand etwas besitzt. Ich brauche kein Geld."

Sandra hatte nichts als ein verächtliches Lachen dafür übrig. Sie wollte dem Mann etwas Gutes tun und er verschmähte ihr großzügiges Geschenk mit dieser herablassenden Art, diesem Vortäuschen von Idealen, die er sich im Moment leisten konnte, weil er sich von den paar Münzen, die Sandra ihm vor die Füße geworfen hatte, tatsächlich nichts kaufen konnte.

"Und wovon leben sie dann?" fragte sie ihn, doch der schien die Frage gar nicht zu verstehen. Er blickte sie fragend und ein wenig dämlich an, neben ihnen fuhr ein großer Mercedes die Straße entlang, mit geöffnetem Verdeck und elektronischer Musik, auf dem Rücksitz eine Schar der grauen Wesen, die die Hände in die Luft streckten und jauchzten vor Freude.

"Na, das Essen wächst doch nicht auf den Bäumen", präzisierte Sandra ihre Frage, merkte aber sofort wie blödsinnig diese Aussage war. Sie haspelte und stotterte, bis sie wieder den Faden fand, "… ich meine natürlich, dass Geld nicht auf den Bäumen wächst."

"Das ist richtig, aber ich will Geld ja auch gar nicht essen. Du?"

"Aber von dem Geld kann man sich Essen kaufen."

"Aber das Essen wächst doch ganz umsonst auf den Bäumen, wie wir eben festgestellt haben."

"Aber doch nicht genug!"

"Mir hat's bisher immer gereicht."

"Ja,… aber… wo schlafen sie?"

"Braucht man Geld um zu schlafen? Also wenn du Geld bezahlst um schlafen zu dürfen, hat dich irgendwer gewaltig betrogen. Ich mache meine Augen zu und schlafe. Dafür muss ich nichts zahlen."

Er schloss die Augen zur Demonstration und grinste dabei ohne zu sehen, wie sich Sandras Miene verfinsterte, da sie zu dem Eindruck gelangte, er würde sie veralbern.

"Ja, aber sie brauchen doch ein Bett."

"Ich bin so viel unterwegs, da kann man nicht ständig ein Bett mit sich herumschleppen. Ich habe einen Schlafsack, der langt."

"Und wo haben sie den her?"

"Geschenkt bekommen."

Die Gelassenheit des Mannes ließ Sandra verzweifeln. Auf der anderen Seite war sie eine diplomierte Psychologin und von daher hasste sie es, ein Gespräch einfach abzubrechen.

"Sie wollen mir doch nicht ernsthaft weismachen, dass sie alles geschenkt bekommen?"

"Du wolltest mir eben sogar Geld schenken."

"Was ist mit der Gitarre?"

"Die habe ich selbst gemacht."

"Und wo hatten sie das Holz dafür her?"

"Von einem Tisch. Er stand im Garten eines Freundes und der brauchte den Tisch nicht mehr. Da habe ich eine Gitarre aus ihm gemacht… aus den Tisch natürlich, nicht aus meinem Freund."

"Das ist ja nicht zu glauben… was ist mit den Saiten? Wo haben sie ihre Kleidung her? Und ihren Rucksack?"

"Och, irgendwo fällt immer was ab", antwortete er lächelnd, "die Menschen haben viel zu viel und merken es noch nicht einmal."

Sandra wurde nun wirklich sauer. Regelrecht zu schreien fing sie an, ohne recht zu wissen weshalb, aber dennoch bemerkend, dass genau dieses Schreien die Aufmerksamkeit der grauen Wesen auf sie lenkte.

"Ja, Himmelherrgottnochmal, sie werden doch irgendwann, irgendwo, irgendwie mal Geld in der Hand gehabt haben."

"Natürlich."

"Na also."

"Früher mal…"

Sandra ließ den Kopf hängen, was den Mann dazu bewegte ein neues Lied anzustimmen. Sandra akzeptierte es und setzte sich noch einmal auf den Grünstreifen um ein letztes Lied zu hören.

Sie hörte zu und ließ ihre Gedanken treiben. Sie hatte eine Schlacht gegen die grauen Wesen gewonnen. Bisher war es immer so gewesen, dass sie auch ihre Mittagspause beherrscht hatten, weil Sandra wusste, dass sie jeden Tag weitaus mehr Zeit mit den grauen Wesen verbringen musste als ohne sie. Das war zwar immer noch so, aber Sandra konnte es nun verdrängen. Sie lebte für diesen Moment, ihr ganzes Leben war die Gegenwart, der Wind, die Bäume, die Sonne, die Vögel, die Blumen, ja sogar der Asphalt der Straße, den die grauen Wesen geschaffen hatten. Sie hatte es ihnen alles entrissen, nur für wenige Minuten zwar, aber das war dennoch ein unbeschreiblicher Triumph.

Am Abend dann saß Sandra allein in ihrer Wohnung und starrte vor sich auf die Wand, als sie begann sich beobachtet zu fühlen.

Im Fernsehen erzählten sie etwas von Terroristen, die unbemerkt auch ihre Nachbarn sein konnten. Sie wurde beobachtet! Sie spürte es ganz deutlich. Irgendwer spionierte ihr nach und er hatte nichts Gutes im Sinn.

Hastig blickte sie sich um und versuchte herauszufinden, wo sie die Kameras und Mikrophone versteckt hatten, mit denen Sandra heimlich beobachtet wurde, während sie sich in Sicherheit glaubte.

Sandra kletterte auf den Tisch und schraubte die Glühbirne aus der Lampe, weil sie sie anstarrte wie die Linse einer Kamera. Jetzt saß Sandra im Dunkeln und stellte fest, dass es gar nicht so einfach war, Kameras und Mikrophone zu finden, wenn man nichts sehen konnte. Von nebenan hörte man Streit. Sandras Nachbarn, albanischer Abstammung, hatten Krach, doch Sandra sprach kein Albanisch und verstand kein Wort.

Außerdem hatte sie auch andere Probleme. Sie schraubte nun sämtliche Glühbirnen, die sie finden konnte, aus ihren Lampen und zerschmetterte beides. Mit einem Stuhl zertrümmerte sie zudem die Stereoanlage, denn kaum etwas eignete sich besser um Signale zu übertragen. Der Himmel allein wusste, wie lange sie Sandra schon beobachtet hatten. Alles musste sie absuchen, auch die ungewöhnlichsten Orte.

Sie räumte den Kühlschrank aus, öffnete sämtliche Wurstpackungen, leerte die letzte Dose mit Kaffee (sie schluckte das Zeug einfach in seinem Pulverzustand herunter). Dann warf sie sämtliche Töpfe aus dem Fenster, zerdrückte eine Motte mit bloßen Fingern, weil sie fürchtete die Motte könnte einen Sender auf dem Rücken tragen, und verließ die Küche wieder mit neuerlichem Tatendrang. Dies sollte erst der Anfang sein.

Sie nahm ihre Bücher aus dem Schrank und zündete eines nach dem anderen an. Dabei war sie sehr vorsichtig, löschte jeden Brand, bevor er außer Kontrolle geraten konnte, und hatte dabei das Fenster weit geöffnet, damit der Rauch abziehen konnte. Dennoch war am Ende der Teppich, ein Holztisch und Teile der Tapete ruiniert. Allerdings war das im Endeffekt nicht schlimm, denn auch dort hätten sich Mikrophone verbergen können.

Die Flammen brachten Weisheit! Sie war eine Gefangene des Universums und es gab keinen Weg hinaus, kein Platz sich zu verstecken. Alles, was sie tun konnte, war die Dämonen zu vertreiben und so suchte sie weiter, in eine Trance abdriftend, aus der niemand sie hätte befreien können.

Wer Macht hat, der wird sie auch nutzen, und so schraubte Sandra alles auf, was sie finden konnte. Sie nahm den Fernseher auseinander und wagte einen Blick hinter den Bildschirm.

Ein Stromschlag traf sie und noch benommen und blind erkannte Sandra, dass sie einen Sicherheitsmechanismus ausgelöst haben musste, der verhindern sollte, dass sie den wahren Zweck des Fernsehers herausfinden konnte. Und wissend, dass dies ihre letzte Chance war, riss sie das Stromkabel aus der Wand und warf den Fernseher aus dem Fenster, wo er direkt neben ihren Töpfen zerschellte. Wer braucht schon einen Fernseher?

Langsam bekam Sandra ein Gespür dafür, wo sie nach Abhörgeräten suchen musste, und so nahm sie sich als nächstes das Badezimmer vor.

Dort zerschlug sie den Spiegel und jagte mit einem Luftdruckreiniger einen gewaltigen Überdruck durch das Abflussrohr, das daraufhin seltsam ächzte. Offenbar hatte sie einen Spion erledigt!

Sie jubelte im Angesicht dieses Sieges und stellte sofort sämtliche Wasserhähne an, da dies bekanntlich das Abhören eines Zimmers nahezu unmöglich machte. Dann kletterte sie mit dem Kopf voran in die Kloschüssel und entdeckte etwas, das verdächtig nach einer Minikamera aussah. Diese verdammten Schweine ließen einen nicht einmal am allerintimsten Ort in Frieden.

Sie löste dieses Objekt und betätigte die Spülung noch während ihr Kopf in der Schüssel hing, damit das letzte, was sie sahen, ihr grinsendes, nasses Gesicht sein würde.

Sie lachte so laut sie konnte gegen das Rauschen des Wassers und warf ihren Kopf dann zurück wie in einer Shampoo-Werbung, was dazu führte, dass sie mit dem Hinterkopf gegen die Wand knallte, die die Spione der grauen Wesen ganz schnell mit irgendeiner teuflischen Maschinerie näher gerückt haben mussten.

Doch sie blieb stark und lachte weiter, während sie auf die Knie fiel und mit dem Kinn auf der Badewanne aufschlug. Sie blieb bei Bewusstsein, bewegte sich aber für einige Minuten nicht mehr. Sie sah das Duschgel direkt vor ihr stehen und es erinnerte sie an den Tag, da sie zum ersten Mal die grauen Wesen gesehen hatte.

Es war am Tag nach ihrem 14. Geburtstag und sie hatte gerade ihre Jungfräulichkeit verloren. Sie hatte ihn aus der Schule gekannt und schon seit längerem gemocht. Alles war perfekt gewesen, nicht so wie bei den meisten ihrer Freundinnen, bei denen alles schief lief, angefangen bei der ausgewählten Verhütungsmethode bis hin zum ausgewählten Partner.

Nein, es war perfekt gewesen. Seine Eltern waren über das Wochenende verreist, was damals eine unendlich lange Zeit war und so hatten sie ein paar sehr romantische Tage miteinander verbracht, die mit dem unvermeidlichen endeten.

Danach jedoch war es geschehen. Sie hatten sich zu einer Dusche entschieden - gemeinsam natürlich, was dem hygienischen Reinigungsprozess nicht gerade förderlich war. Und als sie so unter dem rauschenden und rauchenden Wasser standen, und alles war spaßig und cool, da nahm Sandras Auserwählter das Duschgel in die Hand und präsentierte es vor ihr wie es sonst nur Menschen im Fernseher taten.

"Mmmmm…", sagte er genüsslich, "jetzt reich an Aqua-Sodium-Methylpadadada-Kulturen."

Und dann nahm er einen kräftigen Schluck daraus.

"Gibt dem Hirn zurück, was es am Tag verliert."

Sandra war erschrocken zurückgewichen und fürchtete er würde gleich mit Vergiftungserscheinungen zusammenbrachen. Doch wer vergiftet war, war sie.

Sie blickte an ihm herunter und sah ein halbes Dutzend dieser grauen Wesen mit kranken, gelben Augen, die sie anstarrten mit einem Blick, der sagte, dass sie die nächste sein würde.

Und danach sah sie, wann immer sie ihn küssen wollte, eines jener grauen Wesen auf seinen Schultern erscheinen, das fauchte und einen fürchterlichen Gestank verbreitete. Auf Dauer hielt sie es nicht aus und trennte sich von ihrem Freund. Sie wusste nicht, was aus ihm geworden war.

Sandra verdrängte ihre Erinnerungen und stand wieder auf, nahm einen ordentlich Schluck aus der Shampoo-Flasche und wankte dann zurück in ihr Wohnzimmer, wo ein letztes Buch noch in schwacher Glut auf dem Boden schmorte. Sie trat das Feuer aus und blickte aus dem Fenster.

Unten brannte ein Fernseher zwischen allerlei Küchentöpfen. Erschreckend, wie weit der Ehestreit meiner Nachbarn manchmal führt, dachte Sandra, hoffentlich leben beide noch.

Etwas weiter rechts war die Straße und am Rande dieser Straße starb ein Obdachloser. Noch hustete er, doch die grauen Wesen tanzten um ihn herum, frohlockten und entflammten Freudenfeuer.

Sandra konnte nichts dagegen tun. Wahrscheinlich hätte sie irgendwie versuchen sollen, die Wesen zu vertreiben, aber sie war so erleichtert, dass sie für einen Moment von ihr abgelassen hatten, dass sie unter keinen Umständen Aufmerksamkeit erregen wollte. Angeblich existierten die Wesen ja ohnehin nur in ihrem Kopf, das schrie zumindest das Psychologie-Diplom an ihrer Wand in ihr Ohr, aber sie sah diese Wesen trotzdem. Und ist das nicht allein Beweis genug für ihre Existenz? Kann denn etwas, was ein Mensch sehen kann, nicht existieren? Was sah dieser Mensch dann? Vielleicht existierten diese Wesen nicht an jener räumlichen Ausdehnung, an der Sandra sie sah. Vielleicht tanzten sie nicht wirklich um jene Straßenlaterne, aber sie existierten. Und wenn nur in Sandras Kopf, dann waren sie dennoch hervorgerufen durch etwas reales, etwas das wirklich existierte, wirklich wahr war und dass das beschränktes Gehirn eines Menschen eben nur in einer Allegorie, als tanzendes graue Wesen, wahrnehmen konnte. Alles entstand in uns, alles was wir sehen, fühlen, hören, riechen, alles entsteht im Kopf, aber alles hat eine Ursache in der Außenwelt. Wir filtern das Unbegreifliche durch unseren Bewusstseinsapparat, damit wir Zusammenhänge schaffen können, Zusammenhänge und Verbindungslinien. Zeit existiert nicht, es ist ein Produkt des menschlichen Geistes um die Veränderung zu begreifen und zu standardisieren, damit man daraus Vorhersagen machen kann. Die Farbe Rot existiert ebenso wenig wie der Gestank eines giftigen Gases, unser Gehirn erzeugt diesen Gestank um uns begreiflich zu machen: bleib nicht zu lange hier, diese Veränderung der Realität ist nicht gut für dich. Und wenn Sandra die grauen Wesen um den alten Obdachlosen tanzen sah, dann tanzten sie nicht wirklich um ihn, aber etwas hatte den Mann erreicht, dass sein Leben gefährdete.

Und auch der Bettler spürte es, denn er erhob sich mit dem Mut von jemandem, der nichts mehr zu verlieren hatte. Er tat etwas, das sich Sandra ihr ganzes Leben nicht getraut hatte, er wehrte sich gegen die grauen Wesen.

"Verschwindet hier", fauchte er die Wesen an und sie wichen zurück, als er mit seinen Füßen ihr Feuer austrat. Die Wesen verteilten sich im Halbkreis um ihn wie eine Horde Affen, doch sie gackerten wie Hühner. Der Bettler breitete seine Arme aus und schrie sie an: "Was ist? Kommt doch her, ihr Feiglinge, ihr Aasfresser, stellt euch doch mal in einem Kampf Mann gegen Mann."

Es waren keine Männer und auch keine Frauen. Fünf von ihnen hatten sich hinter ihn geschlichen und waren die Straßenlaterne hinaufgeklettert. Sie warteten darauf, dass er einen falschen Schritt machen würde und stürzten sich dann auf ihn.

Er versuchte sie abzuschütteln, doch er achtete nicht mehr darauf, wo er hintrat. Er torkelte auf die Straße und wurde quietschend von einem Auto erfasst. Am Steuer saß ein bleicher Mann mit einem grauen Wesen, das ihm in einem Ohr hinein- und zum anderen wieder herauswuchs.

Sandra schloss das Fenster und warf sich auf die Couch. Sie schlief dort ein und als sie glaubte wieder aufgewacht zu sein, spürte sie ein schwebendes Gefühl in ihrem Körper. Etwas stimmte nicht. Sie drehte sich um und sah sich selbst auf der Couch liegen. Na toll, dachte sie, jetzt bin ich tot. Doch als sie näher hinsah, bemerkte sie, dass ihr Körper noch atmete. Irgendwie zumindest musste sie also noch am Leben sein.

Sie stieg auf das Fensterbrett, kletterte durch das Fenster und störte sich nicht daran, dass es noch geschlossen war. Sie fiel nicht zu Boden, sie schwebte, so als würde sie in der Luft schwimmen. Es war ganz leicht, es war sogar so, dass sie sich anstrengen musste, die Füße auf den Boden zu bekommen.

Schließlich aber stieg sie dann immer leicht schwebend über Fernseher, Töpfe, Zäune und Mauern bis sie mitten auf einer Hauptverkehrsstraße stand, während links und rechts Autos an ihr vorbeifuhren, ohne sie zu bemerken

Sie nutzte ihre neugewonnene Fähigkeit zu fliegen und erhob sich über das Land. Sie sah eine strahlende Sonne, die ein grünes Land, umgeben von einem unendlichen Meer erhellte. Es brach nicht einfach nur ein neuer Tag an, es war der Dämmerung eines neuen Zeitalters. Ein Zeitalter ohne graue Wesen.

Sie wollte nicht wieder auf die Erde, die Leichtigkeit des Himmels ließ sie nicht mehr los und erst als ihr Wolken die Sicht zu dem versperrte, was sie zurückgelassen hatte, fand sie die Kraft ihre Füße wieder auf festen Boden zu stellen.

Die schönsten Männer und Frauen, Jungen und Mädchen liefen an ihr vorbei, manche von natürlicher Schönheit, andere hatten etwas nachgeholfen, und Sandra konnte nichts anderes tun außer sie anzublicken. Der Wind, er blies kräftig, wie er es immer tat, geradezu wie es ihm gefiel und kein Mensch konnte etwas dagegen tun.

Über einem Parkplatz bedeckt mit Kies watschelten unversehens etwa ein Dutzend Kleinwüchsige und bildeten einen so skurrilen Anblick, dass Sandra sie voller Staunen anstarrte. Der vorderste von ihnen starrte zurück, während er mit dem Kopf wackelte und ein Lied anstimmte, in das alle anderen mit einstiegen.

He Ho, hinfort mit uns
Wir geh'n die Straße weiter
He Ho, hinfort mit uns
Ins Land der schwarzen Reiter

Es war ein trauriger, monotoner Gesang, gar nicht so wie man ihn von Zwergen erwartet hätte, doch vielleicht waren die meisten Zwerge gar nicht so wie Disney sie sich vorstellte, vielleicht waren es eher tolkinische Zwerge, rau und verbittert, weil die Wesen des Lichtes sie in die Berge und Stollen getrieben hatten, immer wieder vertrieben und auf der ganzen Welt verstreut.

Sandra sah den Zwergen nach, wie sie sich in der schimmernden Ferne auflösten. Sie dachte an unzählige kindische Diskussionen, die es in ihrem Land immer wieder gegeben hatte und fürchtete nun, dass sie - allein weil sie diese Zwerge gesehen hatte - des Antisemitismus' bezichtigt werden könnte. Und noch schlimmer, dass ihre Gedanken jemand anderem diesen Vorwurf einbrächten.

Das ließ sie aufwachen.

Sie lag immer noch auf ihrer Couch und blickte durch das Fenster in den blauen Himmel. Das tiefe Gefühl der Zufriedenheit, eines Inneren Friedens hallte noch von dem Traum nach und mit einem Lächeln packte sie ihre Sachen und fuhr ihrer neuen Aufgabe entgegen.


Kapitel 1
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 3