Kapitel 3
Morphine Kinder
Obwohl es nun fast schon Sommer war und der Frühling so überdurchschnittlich warm, dass panische Wetterfrösche mal wieder von einer Klimakatastrophe aufgrund zu weniger Wetterstationen sprachen, war es ausgerechnet an diesem Tag kalt und trübe.
Keiner konnte so recht sagen, woher die Wolken plötzlich gekommen waren, am Morgen noch, als sie in der Schule eingesperrt waren, schien die Sonne heller als je zuvor. Jetzt hatten sie frei und im Freien wurde es ungemütlich, welch grauenvolle Ironie.
Doch es schien noch schlimmer zu werden, denn am Horizont wurde es heller und zeugte davon, dass es am späteren Nachmittag wieder schön werden würde. Und ausgerechnet für 17:00 Uhr hatte Direktor Neff Alex, Michael und Reggie nach eiliger Absprache mit ihren Eltern dazu verpflichtet, in der Schule zu erscheinen, um einem "Resozialisierungsprogramm" beizuwohnen. Alex hatte sich dagegen gewehrt, "wie ein Verbrecher" behandelt zu werden, doch er durfte nicht für sich selbst sprechen. Da er erst 17 war, übernahmen seine Eltern die mündigen Entscheidungen für ihn. Und die konnte Neff offenbar überzeugen, dass dieser kleine "Sonderunterricht" zum Wohle von Alex, Michael und Reggie war.
Noch war es jedoch nicht soweit, zwei Stunden blieben ihnen noch, in denen sie nicht so recht wussten, was sie tun sollten. Im leicht nieselnden Regen, Sprühregen oder wie immer man es nennen mochte, saßen und standen sie, ohne recht nass zu werden, vor einem Jugendklub, der allerdings erst am Abend öffnete. Der Klub hieß Jugendzentrum Weidenhügel, doch weder eine Weide noch ein Hügel war in der Nähe zu finden.
Das alte, nur über eine Sackgasse zu erreichende Gebäude war kurz davor auseinanderzufallen. Die unzähligen Graffitis an der Hauswand zeugten davon, dass die Fassade seit Jahrzehnten nicht mehr renoviert worden war.
Direkt entlang des Gebäudes, vielleicht 20 Meter entfernt verliefen marode Eisenbahnschienen, die alle paar Minuten von S-Bahnen, Güterzügen, ICs, ICEs und LMAs erschüttert wurden. Dann war es so laut, dass man sich nicht einmal mehr denken hören konnte. Gespräche wurden so auf ein Minimum reduziert und das war wohl auch der Grund, weshalb sie hierher gekommen waren.
Ein kleiner Bahnhof, eigentlich nur eine "Haltestelle" war unweit der maroden Szenerie, an der tatsächlich ständig Menschen standen, so als würde nie jemand einsteigen, sondern sich lediglich dem Schein und der Atmosphäre wegen dort aufgehalten wurde.
Die Uhr ging falsch, die Bäume waren krank und über eine Brücke hoch über den Schienen kamen ständig bleiche Menschen gelaufen, die Dosen in Flaschencontainer warfen.
Alex setzte sich auf die Stufen einer Treppe, die hinauf zu dieser Brücke führten und stellte fest, dass seine Haare von dem ständigen, nieselnden Regen, der so unmerklich war, dass man glaubte nur die Luft sei feucht, nun doch nass wurden.
Michael langweilte sich so sehr, dass er auf die Schienen sprang, gegen die Fahrtrichtung lief und singend den Zügen auswich.
Well, I'm walking down a line
Lord, I'm walking down a line
An' I'm walking down a line
My feet'll be a-flyin'
To tell about my troubled mind
Etwas weiter vorne, dort wo die Straße endete, standen zwei gewaltige Busse. Zweistöckig waren sie, im Inneren konnte man einen Fernseher laufen sehen. Hin und wieder stieg jemand aus, lief in das Gebäude (mittels einer Gegensprechanlage konnte man sich Eintritt verschaffen, sofern man dazu privilegiert war) und kam nach kurzer Zeit wieder heraus. Bald schon bekam man den Eindruck, diese Menschen würden dafür bezahlt werden, hin und her zu laufen, ohne etwas zu tun. Sie waren Statisten in der Truman-Show, die ständig um den Block liefen, um den Eindruck zu erwecken, es würden viel mehr Menschen in dieser leeren Stadt leben.
Reggie gesellte sich zu Michael auf die Schienen und groovte zu seinem Lied.
My money comes and goes (bumtschibumtschibummtschi)
My money comes and goes (bidibummbummbummbidibumm)
My money comes and gooooes (badadadaba)
And rolls and flows and rolls and flows (rudadubudilabu)
Through the holes in the pockets of my clothes (bada-what a shame)
Angelo war davon unbeeindruckt und starrte über die Schienen in die Ferne, die hinter den Häuserschluchten immer noch sein musste. Der Regen trug den Gesang hinfort, entfremdete ihn und ließ ihn zu dem düsteren Gelächter von Dämonen werden. Dämonen, die ihre Fratzen im Wind offenbarten, der das Wasser verformte und verfälschte.
"Dieses Land ist verseucht", sagte Angelo leise und mit einem Klang in der Stimme, der Alex Angst machte. "Es ist… nicht allein das Wetter, das Wetter ist nicht das Beste, aber dennoch… ich weiß nicht, real, doch dieser Ort hier. Ja, es ist dieser Ort hier, er ist… nicht wahr."
"Nicht wahr?" erwiderte Alex ohne es zu begreifen. "Was meinst du damit?"
"Ich weiß auch nicht… siehst du das Haus da drüben", er zeigte quer über die Schienen zu einer alten, vermoderten Baracke. Sie stand keinen Meter von den Schienen entfernt und hatte Fenster, die die Räume dahinter kälter werden ließen als die Welt davor. "Das ist der Wohnort von Dämonen. Dort fühlen sie sich wohl. Sie sind immer hier. Hier, wo die Menschen das Menschsein verloren haben. Und die Häuserblocks dahinten? So konservativ und deutsch. Dort ist kein Leben mehr, nur Dämonen."
"Was ist denn mit dir los?"
"Ich weiß auch nicht… vielleicht ist's doch bloß das Wetter."
Doch auch Alex fühlte was Angelo fühlte. Sie waren eine Rebellion, eine Revolte, eine Untergrundorganisation im Kampf gegen einen übermächtigen Faschismus, Kapitalismus.
"He, Reggie? Sing uns den Redemption Song!"
Old pirates, yes, they robbed I
Sold I to the merchant ships
Minutes after they took I
From the bottomless pit
But my hand was made strong
By the hand of the almighty
We forward in this generation
Triumphantly
Won't you help to sing, these songs of freedom
Cause all I ever had, redemption songs
Redemption songs
Reggie hatte eine wunderbare Stimme. Er konnte singen wie ein Gospelsänger, wenn er aufhörte sinnlose Silben vor sich hinzumurmeln und Lieder mit Kraft sang. Dieses alte Bob Marley-Stück wurde ganz ohne musikalische Begleitung zum Bändiger der Dämonen dieses Ortes. Der Regen hörte auf als Reggie dort in der Mitte der Schienen stand und die Sonne brach durch die Wolken und sendete einen einzelnen aber kräftigen und machtvollen Lichtstrahl, ja eine regelrechte Lichtsäule zu der Erde, so als hätte Reggies Stimme den Fluch gebrochen und die Worte das Land befreit.
Emancipate yourselves from mental slavery
None but ourselves can free our minds
Have no fear for atomic energy
Cause none of them can stop the time
How long shall they kill our prophets
While we stand aside and look
Some say it's just a part of it
We've got to fulfil the book
Won't you help to sing these songs of freedom
Cause all I ever had, redemption songs
Redemption songs
Dann verfiel Reggie wieder in Stumpfsinnigkeit, so als hätte ihn dieser kurze Moment der Klarheit zuviel Kraft gekostet. Er hatte sich aufgeopfert für seine Freunde. Er hatte die Dämonen vertrieben, er hatte geschafft, was außer ihm niemand geschafft hätte. Das Wetter besserte sich und der Wind wehte den Sommer herbei.
"Ich hab' das Warten satt", sagte Kadir fast flüsternd, nachdem er über eine Stunde lang keinen Ton mehr von sich gegeben hatte. "Ich gehe jetzt da in diesen Scheiß-Klub und werde mich bei viel zu lauter Musik sinnlos besaufen. Dann werde ich Neff ins Gesicht rülpsen und während ihr euren Nachhilfeunterricht (oder was immer er genau mit euch vorhat) habt, fackele ich die ganzen verdammte Schule ab, trete zwei Schritte zurück und dann werden wir ja sehen, ob Reggie den Feueralarm auslösen darf oder nicht."
"Und wie willst du in den Weidenhügel kommen?"
"So wie ich auch in den Venushügel komme: ich werde ein paar Knöpfe drücken. Auf! Wir drei klingeln, sagen, wir würden Equipment für die Live-Band heute Abend bringen und schmuggeln uns so rein."
"Wir drei? Und was ist mit Reggie und Michael?"
Sie drehten sich um und sahen die beiden am Rand der Schienen stehen, mit heruntergelassenen Hosen urinierten sie gegen den vorbeirasenden Zug.
"Jaaaa, Rallye-Streifen", brüllten sie voller Entzückungen und Kadir, Angelo und Alex entschieden sich ihren Plan ohne sie auszuführen.
"Aber selbst wenn wir drin sind, können wir doch kaum einfach so die Musik aufdrehen, oder?"
"Darum kümmern wir uns später, erst mal reinkommen."
Die Tür, die ihnen den Weg versperrte, war ebenso alt und verrottet wie der Rest des Gebäudes und für einen Moment überlegten sie tatsächlich, ob man sie nicht einfach eintreten sollte. Doch das große Anarchie-Zeichen, das auf die Tür gesprayt worden war, schützte und verriegelte die Tür undurchdringlich wie ein Pentagramm der Atheisten.
Statt eines ritterlichen Heldensturm gegen den heidnischen Pantheismus drückte Kadir also die Klingel, die daraufhin aus der Ferne zurückrief. Die Gegensprechanlage hustete und knarrte, so als sei sie tausend Jahre alt und eine zunächst schwer verständliche Stimme von einem Geist oder einem Winzling in der Mauer sprach zu ihnen wie ein mystischer Torwächter.
"Ja?"
"Äh… wir bringen… noch ein paar Verstärker… äh, ich meine… wir bringen KSRs für die PA, damit die VSK besser zumpft."
"Passwort?"
"Was?"
"Passwort!"
"Was soll das heißen? Passwort? Ich will nicht ins Internet, ich will durch die Tür. Jetzt mach schon auf, der ganze LMA-Kram ist verdammt schwer!"
"Ohne Passwort kommt hier keiner rein."
"Okay, ich habe das Passwort vergessen."
"Und deine Kumpels?"
"Der eine ist stumm und der andere dämlich. Jetzt mach schon die Scheißtür auf!"
Kadir schlug wutentbrannt gegen die unbeeindruckte Tür.
"Verzieht euch, ihr Spinner!" war der letzte Kommentar der Sprechanlage und sie standen da wie Hitler in Russland, geschlagen und durchschaut.
"Irgendwelche genialen Vorschläge?"
"Wir könnten den ganzen Haufen anzünden und alle mit Rauch heraustreiben", meinte Alex mit einem irren Glanz in den Augen.
"Nein, in letzter Zeit hast du mir zu viele feurige Ideen."
"Du warst doch derjenige, der eben noch die Schule abfackeln wollte, oder?"
Wind kam auf und blies Geräusche herbei. Es waren Geräusche von gemeinen Stimmen, die unverständlich belanglose Dinge miteinander sprachen. Menschen sprachen immer von belanglosen Dingen, denn Dinge von Bedeutung hielt man für zu unwichtig.
"Schnell, versteckt euch", zischte Kadir und zog Alex und Angelo unter heftigem Warum denn? in einen nahegelegenen Busch, was Alex zu einer ungehaltenen Bemerkung veranlasste: "Na toll, ich habe feurige Ideen und ihr versteckt euch immer in Büschen, seid ihr schwul oder so?"
"Naja, Feuer und Busch", kombinierte Angelo grinsend, "das macht einen brennenden Busch. Das ist doch irgendwie biblisch. Wir sind das Auserwählte Volk."
"Auserwählt zu was?"
Alex sah Reggie und Michael nicht weit von ihnen auf der Wiese liegen, ganz ohne schützenden Busch, sie starrten in den sich aufklarenden Himmel und sangen lauthals.
Well, I get stoned when I'm trying to be so good
I get stoned just like I said I would
I get stoned when I'm trying to go home
Then I get stoned when I'm there all alone
But I would not feel so all alone
Everybody must get stoned
Im Busch dagegen war es feucht, dreckig und schmerzhaft, doch für weitere Beschwerden war keine Zeit, denn ein einzelner Mann, der offenbar mit sich selbst sprach, entpuppte sich als die "gemeinen Stimmen", die sie gehört hatten.
"Verdammt, das kannst du so nicht machen, du Trottel", schrie der Mann vor sich in das Nichts, "du bist ein Depp wie er im Schrank steht. Wenn man dir eine Grube gräbt, fängst du doch glatt an gegen den Strom zu schwimmen. Du spuckst mir doch glatt auf den Arsch, nur um dein Gesicht nicht in den Wolken zu verlieren."
Sein Kopf neigte sich leicht zur Seite und seine Körperhaltung wurde unterwürfig und verteidigend. Mit leicht verstellter Stimme erwiderte er sich selbst: "Aber… Chef, ich habe doch nur getan, was die Stimmen in meinem Kopf mir gesagt haben, ehrlich, fragen sie sie doch selbst."
"Die Stimmen?" fragte der Mann sich wieder selbst.
"Ja, hören sie sie denn nicht?"
Inzwischen war er an der Tür angekommen und klopfte ungehalten dagegen.
"Passwort?" knisterte der Gnom der Technik.
"Uffmache!" brüllte der Mann vor der Tür und auf magische Weise, mit einem akustischen Summen unterstützt, öffnete sich die Tür in seinen mächtigen Händen.
"Das ist das Passwort?" flüsterte Alex. "Das ist ja… also…"
"Los hinterher", rief Kadir und lief zur Tür, doch sie fiel zu schnell zu, um noch hineinschleichen zu können.
"Scheiße."
"Aber wir kennen doch jetzt das Passwort", bemerkte Angelo. "Klingel doch mal."
"Okay", meinte Kadir, "aber diesmal redet einer von euch, mich wird er an der Stimme wiedererkennen."
Er drückte den Knopf und wartete darauf, dass dieser genervt "Ja, was ist denn nun schon wieder?" erwiderte.
"Uffmache!" brüllte Alex, doch die Stimme hinter der Wand lachte nur.
"Verzieht euch, ihr Spinner! Das ist das Passwort für den Chef und der ist schon da."
Ein Knacken zeugte davon, dass das mystische Wesen mit der krächzenden Stimme entschieden hatte nicht mehr zuzuhören.
"Das ist ja echt unglaublich", schnaubte Kadir, "wir sollten… hört ihr das? Da kommt schon wieder jemand. Schnell zurück in den Busch!"
"Nein, ich will nicht schon wieder in den Busch", zeterte Alex, während die beiden anderen ihn regelrecht dorthin schleifen mussten. "Ihr seid doch beide übergeschnappt. Das ist ein freies Land, ich werde mich nicht verstecken, ich werde… au… hört ihr wohl auf an meinem T-Shirt zu… he, verdam… pfff… Zweig… nimm gefälligst deinen Fuß aus meiner Hosentasche… wie zum Geier hast du den da überhaupt reinbekommen?"
"Ruhe jetzt! Da kommen sie!"
Zwei mehr als hässliche Kerle kamen den Weg entlang und schleppten irgendwas, das durchaus auch KSRs für die PA hätten gewesen sein können. Sie mussten ihre schwere Last ständig unter schweren Schnaufen und "Gott, ist das Scheißzeug schwer" abstellen, doch als sie schließlich die Tür erreichten hämmerten sie beide gleichzeitig wie Fred Feuerstein dagegen und brüllten ebenso laut, jedoch nicht nach Wilma sondern schlicht das Wort: "Neilasse!"
Daraufhin öffnete sich die Tür erneut und ein kleiner Kerl von höchstens 1 Meter 40 Größe blickte sich die beiden genau an.
"Gut", sagte der Wicht, "macht schnell, hier hängen irgendwo ein paar Verrückte herum."
"Verrückte? Hier? Diese Stadt verkommt mehr und mehr."
Dann knallte die Tür hinter ihnen zu.
"Und jetzt?" fragte Angelo, während er aus dem Busch kroch und sich, so gut es ging, von Schmutz, Zweigen und Blättern befreite.
"Wir kennen jetzt noch ein Passwort", bemerkte Kadir, der als zweites aus dem Busch kroch, bevor Alex als letztes die Konklusion in dieser Sache übernahm: "Ja, aber der laufende Meter wird uns nicht mehr reinlassen. Ihr habt ja gesehen, dass er jetzt auch noch Gesichtskontrollen macht und bei deiner Fresse, Kadir, sehe ich da wenig Chancen."
"Mir war doch auch nur langweilig. Eigentlich will ich da gar nicht rein", erwiderte Kadir und trat dann minutenlang gegen die störrische Tür, bis sich die Sohlen seiner Schuhe ablösten und die Vögel auf den Bäumen ihn auslachten.
Michael verabschiedete sich von Reggie mit der Bemerkung, dass er vor Neffs Machttrallala noch zum "Saturn" wollte, um CDs zu kaufen. Ob der Weg durch das halbe Sonnensystem nicht zu lange dauern würde, hatte Reggie gescherzt und blieb dann weiter im nassen Gras liegen, den kaum noch vorhandenen Wolken zuschauend wie sie sich ganz auflösten. Die Dynamik der Natur war immer spannend. Und trotzdem entspannte sie. Es war völlig egal, was tagespolitisch auf dem Programm stand, wo sich Menschen gegenseitig das Hirn einschlugen, ohne recht zu wissen weshalb. Es war egal, welche Sorgen sich hinter seinen Falten auf der Stirn verbargen, egal wie alt er war oder wie alt andere waren. Die Welt war eins in der Natur. Erst als wir aus der Natur heraustraten und uns zum Herrscher erhoben, teilten wir die Welt, veränderten wir sie, ließen wir die Dämonen an uns heran. Vorher gab es Kämpfe aber keine Kriege, es gab Wut aber keinen Hass, Verlangen aber keinen Neid.
Nein, es ist wohl nicht wahr. Das goldene Zeitalter, der Garten Eden, die paradiesische Jäger und Sammler-Zeit, all das ist wohl nur eine Illusion, eine Wahnvorstellung, ein Mythos des entmystifizierten Zeitalters. Wenn es einmal anders war, besser war, dann wären wir auch fähig, wieder dorthin zurückzugelangen, so aber war nur das Nichts und die Dunkelheit.
Bis auf die Bäume, der Wind, der Himmel, die Wolken, die Sterne, der Mond, die Luft, das Wasser, die Steine, die Tiere, die Pflanzen, alles war noch da und verband uns mit der Vergangenheit, der mystischen Vergangenheit, der Zeit, da die Welt einen Sinn hatte, wir ein Teil von ihr waren, ein Teil des Universums, bevor die Eroberer kamen und alles änderten.
Der Chor der Idioten war so laut gewesen, dass der Mond sein Antlitz verbarg und seine Kinder zurückließ. Doch es gab immer die Chance sich zu erheben, es gab immer eine Wahl, immer einen neuen Tag, der über die Felder kam. Peter Pan ist immer noch in Nimmerland, Frodo in Mittelerde und Ben Gunn auf der Schatzinsel. Und auch wenn uns das Bildnis des Dorian Gray manchmal wie der Große Bruder beobachten sollte, solange wir noch leben, solange der Wind noch weht, bleibt die Chance sich zu erheben und alles zu ändern. Vielleicht gibt es kein Land und die ganze Welt liegt unter dem Wasser einer Sintflut. Vielleicht, mag mancher sagen, ist es besser schnell unterzugehen, schnell zu ertrinken, um das Leiden zu beenden. Doch wer nicht schwimmt, wird den blauen Himmel nie sehen.
Und er ist so schön.
Es war kein weiter Weg für Michael. Nur zwei Straßen entfernt lag das viel zu große Einkaufszentrum, mit all den Waren, die sich doch unmöglich jemand leisten konnte. Und selbst wenn: wer brauchte all den Müll?
Wie eine selten dämliche Kuhherde stürmten die Menschen von einem Sonderangebot zum nächsten und entdeckten unterwegs allerlei Dinge, von denen sie am Tag zuvor nicht mal wussten, dass sie sie je brauchen werden.
Wie sollte man dem ganzen auch entgehen? Michael wollte nur ein paar CDs kaufen, doch um dorthin zu gelangen, musste er an allerlei anderen Geschäften vorbei, die ihn penetrant und aufdringlich dazu verführen wollten, Lebensmittel, Hosen und allerlei andere Dinge und Undinge, die er im Moment wirklich nicht gebrauchen konnte, zu kaufen.
Die großen Regale der göttlichen Güter, die auf magische Weise im Supermarkt zu wachsen scheinen, strahlten auf ihn hernieder wie ein Heiligenidol. Der große Gott musste es gut mit ihm gemeint haben, als er den Kapitalismus erschuf und die leeren Schränke mit Nahrung, Kleidung und Spielzeug füllte. Jeden Tag konnte er hierher kommen, mitnehmen wonach ihm verlangte (und auch wonach ihm nicht verlangte) und am nächsten Tag zurückkehren um festzustellen, dass alles wieder neu erschaffen ward.
Was immer diese Regale über Nacht wieder füllte, es musste dieselbe Kraft sein wie jene, die Jesus' Korb mit Brot und Fischen nicht versiegen ließ, bis alle satt waren.
Doch hier war vielmehr als Brot und Fische. Es gab Wurst, Käse, Alkohol, Zigaretten, Zeitschriften, Schokolade, Shampoo, Papier zum darauf Schreiben und Papier zum Nase oder Hintern abwischen. Welch Glück er doch hatte. Sogar Gold gab es. Nur nach Weihrauch und Myrrhe suchte man vergebens. Und irgendwie war auch das Glück.
Die Einkaufswagen füllten sich schneller als die Herde denken konnte. Welche Cola trank man? Welchen Fisch aß man? Welchen Duft verbreitete man? Nichts musste mehr geschaffen werden, man suchte nur aus einem Angebot aus, wie beim Fernsehen. Welchen Tee sollte man trinken? Natürlich einen aus verschiedenen, ausgewählten Ernten, dann ist vom Besten nur das Beste dabei. Vielleicht bedeutete es aber, dass der schäbige Rest aller Ernten zusammengeschüttet wurde und dass auch der Grund war, weshalb der Grüne Tee gar nicht grün war und der Schwarze Tee irgendwie braun.
Wilde Ströme von Menschen mit seelenlosem Blick zogen zwischen den Regalen umher, nahmen sich wie Roboter das ein oder andere Produkt, egal ob sie es brauchten oder nicht. Kauf mich, kauf mich! schrieen die Dämonen, also kaufte man. Warum sich auch anstrengende Gedanken machen, diese Gedanken machte sich doch schon die Werbung und die wird ja irgendwo Recht haben.
Michael hatte sich aus gutem Grund regelrecht weggeschlichen. Alex, der sonst Michaels tiefsten Respekt besaß, wäre nämlich sicherlich mit ihm gekommen und dass obwohl er es hasste einzukaufen. Vielleicht wollte er der ganzen Welt mitteilen, wie sehr er es zum Kotzen fand.
Einmal hatte Alex sich einfach in einen Billig-Supermarkt gestellt und losgebrüllt: "He, lasst uns noch Tiefkühlpizza mitnehmen, darauf wird mir nämlich immer so sauschlecht."
War sein Gebrüll allein schon peinlich genug gewesen, so war es doch harmlos im Vergleich zu dem, was danach kam. Einer älteren Frau, die ihn aufgrund seines Geschreis vorwurfsvoll angeblickt hatte, lachte er ins Gesicht: "Na? Noch nie einen jungen, aufstrebenden Jugendlichen schreien sehen? Ich mach' ihnen gern ein Video, wo ich ´ne ganze Stunde lang nur schreie."
"Also, so was", hatte die Alte dann erwidert und war weiter zu dem Wühltisch mit sexuellen Hilfsmitteln gewatschelt, doch Alex beruhigte sich trotzdem nicht.
"Mein Gott, warum seid ihr alle immer nur so verklemmt?" hatte er weitergetobt. "Ich kannte mal einen Arier, der lief tagsüber brav ins Büro, machte da seinen eintönigen Job korrekt, immer dem Chef hinten reinkriechend. Doch wisst ihr, was er nachts gemacht hat? Eine Niggerin gefickt!"
Es war fürchterlich. Keiner kam auf die Idee ihm auf irgendeiner Weise Einhalt zu gebieten. Alle blickten nur nach unten oder zur Seite, überallhin nur nicht zu Alex, und Michael hatte sich damals gefragt, wie laut Alex eigentlich werden musste, bis sie auf ihn reagierten.
"Und heute - ich weiß es nicht - aber wahrscheinlich haben sie mittlerweile viele arische Niggerkinder… komm, lass uns noch Kondome mitnehmen!"
Es war widerlich gewesen, aber noch viel widerlich war das Wegschauen der Leute und Michael war sich sicher, dass das genau der Grund war, weshalb Alex solch harte Worte aus sich herausließ, ganz entgegen seiner eigentlichen Meinung. Alex war von den Menschen angewidert und dies zeigte er ihnen, in dem er selbst noch widerlicher wurde, in der Hoffnung, dass sie an irgendeinem Punkt doch noch so etwas wie ein Gewissen hätten. Sie hatten es nicht. Sie waren gekommen um zu kaufen, und nur das taten sie. Selbst als er mit einem Abflussrohr (der Himmel allein wusste, wo er das gefunden hatte und wo nun die Scheiße nicht mehr abfließen konnte) durch die Gänge lief und jede Frau fragte, ob sie schon mal so ein Rohr gesehen hätte, ignorierte man ihn nur. Das Leugnen war die Taktik der Schuldigen. Sie alle waren betäubt und Alex konnte sie noch so sehr schütteln, sie wachten nicht mehr auf.
Deshalb war Michael lieber allein unterwegs. Er konnte sich dann der Betäubung der Masse anschließen. Er konnte dem netten Mann, der mit dem Esel aus dem Zoo um eine Spende bat, eine Münze in seine Büchse werfen und sein Gewissen beruhigen. Alex dagegen war einmal auf den Kerl losgegangen.
Wer Tiere liebt, der gibt auch Geld für sie, hatte auf dem Schild des Mannes gestanden und dazu pfiff er ein fröhliches Lied.
"Das glaube ich einfach nicht", hatte Alex gebrüllt. "Seit 2 Wochen steht diese Rübennase hier und pfeift jeden Tag dasselbe beknackte Lied. Ich halte das nicht mehr aus. Ich klatsch' ihn jetzt an die Wand. ICH… KLATSCHE… IHN… AN DIE WAND."
Und dann war er mit wildem Gebrüll losgestürmt auf den armen Tropf, der gerade noch rechtzeitig erkannte, was die Stunde geschlagen hatte, beide Beine in die Arme nahm und ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wieso es so dämliche Redewendungen gab, das Weite suchte. Alex, brüllend wie ein Berserker, direkt auf seinen Fersen.
Er hatte ihn um das gesamte Einkaufszentrum herumgejagt und sie kamen (von der entgegensetzten Seite in der sie verschwunden waren, wie immer sie das auch angestellt haben mochten) wieder zurück und hetzten nach wie vor mit einer Geschwindigkeit durch die Massen, dass es eine Schande war, dass die beiden nicht bei Olympia antraten.
"Bleib endlich stehen, dann pfeif ich dir auch mal was, du Philharmoniker. He! Wirst du wohl aufhören solche Haken zu schlagen? Bist du'n pfeifender Hase, oder was? Ich will dir doch nur meine Münzen in die Büchse stecken!"
Es mag lustig klingen, aber Alex' Anwesenheit war nicht förderlich, wenn man nur schnell ein paar CDs kaufen und wieder verschwinden wollte. Und Verschwinden sollte man noch bevor man überhaupt ankam, denn man verschwand in der Masse und wenn man nicht aufpasste, kam man nie wieder.
Noch erschreckender war es in der CD-Abteilung. Hier war es völlig egal, welche Musik spielte. Musik, die Brechreiz hervorrief, führte zu keinerlei Beschwerden. Wenn man keine Meinung vertrat, brauchte man sie auch nicht zu verteidigen. Musik, die belanglos war, führte zu keinen stumpfen Gedanken, denn diese waren schon längst stumpf.
Doch manchmal lief auch Musik mit Bedeutung, beziehungsweise Musik, die einst Bedeutung hatte, Bob Dylan, Bob Marley, John Lennon, Tracy Chapman, Jimi Hendrix und ähnliches. Dann sang manch eines der morphinen Kinder mit, leise und mit einem Lächeln auf den Lippen. Sie kannten sogar die Texte, doch was sie bedeuteten war ihnen nicht klar. Sie sangen von Revolution und Befreiung, während sie brav kauften, was die Gedankenpolizei ihnen empfahl. Dem Individuum war wohl in stillen Momenten das Dilemma seiner Zeit bewusst, nur die Masse merkte es nie. Die Spaßgesellschaft hatte Spaß an jeder Musik, Protestsongs taten anderen weh und anderen wehtun machte keinen Spaß mehr. Deshalb nahm man ihnen die Bedeutung. Wer hörte denn noch auf die Texte? Die Musik musste einem gefallen.
Der stille Schmerz in jeden von uns wurde dabei in Kauf genommen, hörte man die Menschen dabei ja nicht schreien und nur der Schrei der anderen tat einem selbst weh und bremsten den Spaß. Wenn dir was wehtut, dann schreib doch Noten dazu und sing es, das ist für deinen Gegenüber viel spaßiger als das Gejammer.
In all der unsäglichen Vielfalt der Mittelmäßigkeit, den Blassen der Gesichtslosen, den Grauen der Farblosen stand sie wie ein strahlendes Bild der Jungfrau Maria, einer Inkarnation der Göttin Venus, einer Vision der Göttin Freya. Sie war nicht schön in dem Sinne wie Models, Filmstars und Sängerinnen schön waren. Sie hatte keine Traumfigur, um die Hüfte war ein bisschen zu viel und ein wenig zu klein war sie auch, doch darauf schaute Michael er nicht. Er sah nur ihr Gesicht, ein Gesicht voller Tiefe und Charakter, voller Seele, voller Leben, voller Wirklichkeit, voller Wahrheit. Augen, so tief und ausdrucksvoll wie das Antlitz Gottes sie haben musste. Er kannte sie und auch wieder nicht. Er sah ihr Gesicht und wusste sofort, dass er sie schon einmal gesehen hatte, doch es war nicht in diesem Leben, nicht in dieser Zeit, nicht in dieser Dimension. Es war unbeschreiblich. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich Michael nicht einmal Gedanken darüber gemacht, ob er an Gott glaubte (an welchen auch immer), ob er an ein Leben nach dem Tod glaubte, an Wiedergeburt oder eine spirituelle Welt. Doch in ihrem Gesicht lag die gesamte Spiritualität der Welt, alle Götter, alle Geister, alle Zeiten und alle Völker.
Und das erstaunlich war, dass sie dasselbe sah. Sie sah Michael in die Augen als gäbe es nichts anderes auf der Welt mehr. Etwa fünf Meter standen sie voneinander entfernt und sahen sich an, ohne dass einer von ihnen etwas sagen oder sich auch nur bewegen konnte. Bis in alle Ewigkeiten hätten sie so wohl gestanden, gefangen in einen Zauber, der nicht von dieser Welt war, die ja keinen Zauber kennt, verloren in einer Universumsblase, undurchdringbar und unerreichbar für alle anderen Universen und Multiversen. Geschützt in der eigenen Schöpfungskraft.
Das Tageslicht hätte verschwinden können, sie hätten nie geschlafen. Sie waren so unfähig gewesen etwas zu denken, dass sie bis zum Anbruch des neuen Tages einer endlosen Nacht gewartet hätten, um zu sehen, was er bringen mochte.
In seinem Kopf formte sich ein Lied, doch die Worte entschwanden seinem Bewusstsein unbemerkt wieder. Sicherlich waren diese Worte über sie gewesen. Er sah sich selbst fliegen, mit ihr an seiner Seite, in einem strahlenden blauen Himmel, der hinausfloss in den Ozean, endlos gegen den Horizont stieß, getragen von einem Regenbogen in einem Land des ewigen Friedens, der Freude, des Glücks und der gemeinschaftlichen Einsamkeit, frei von kalten Winden und Streit, ewig und unteilbar. Im Kleinsten war das Größte verborgen. Im Wind der Veränderung lag die Ewigkeit und in der Sonne des letzten Abends der Morgen des ersten Tages.
Alles Illusion, jemand lenkte sie von ihm ab. Ein anderes Mädchen forderte sie auf, nun zu gehen, weil die Zeit drängen würde. Die Zeit hatte die Ewigkeit zerstört und ohne etwas sagen zu können, lief sie an ihm vorbei, nur kurz noch einmal zu ihm blickend und verschwand dann im Gedränge des Einkaufszentrums.
Zu lange brauchte Michael um seinen Mund zu schließen und seinen wackeligen Beinen zu befehlen ihr nachzulaufen. Sie war längst weg und das Universum klagte seiner verlorenen Kinder.
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