Kapitel 4

James Joyce, Loch Lomond und Dycamart


Mit Frau und Kinder nach Süden wenn der Winter kommt. Unten in den Sümpfen, wo der einsame Fluss fließt, an dem das Zigeunermädchen uns die Zukunft offenbart, wo wir uns mit unseren Freunden treffen, um das Wasser zu überqueren, jenseits des Horizonts, der Zeit und der Wirklichkeit. Eine mystische Welt jenseits des Verstandes, ein Hoffnungsschimmer im Lande Mordor, wo die Schatten drohn. Geträumt haben wir von einer perfekten Welt, die irgendwo existieren musste, solange wir das Licht noch sahen, das im Fenster von Avalon brannte, das die Kreuzung erhellte, um dem Leibhaftigen zu trotzen.

Doch was tat man, wenn der Süden nicht mehr da war?

Michael kam ein paar Minuten zu spät, doch da Alex, Reggie und auch Angelo und Kadir (obwohl die beiden gar nicht teilnehmen mussten) ziemlich gelangweilt auf dem Schulhof herumstanden, nahm er sofort die Geschwindigkeit aus seinem Schritt und schlenderte ihnen lässig entgegen.

Angelo beachtete niemanden. Er starrte zum Sekretariatsgebäude als sei dort irgendetwas anderes außer denselben grauen Mauern, die schon all die vielen Jahre hier gewesen waren. Kadir saß etwas abseits und langweilte sich selbst so sehr, dass er davon krank wurde. Er hatte Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Leistenschmerzen, Schmerzen im Fuß, Schmerzen in der Hand und Schmerzen in der Brust. Es war unser Denken, was uns krank machte und sonst nichts.

"Wird auch Zeit, dass du auftauchst", bemerkte Alex statt einer Begrüßung. "Neff hat schon getobt und gedroht, dass du von der Schule fliegst, wenn du nicht hier bist, wenn er zurückkommt."

"Leere Drohung", erwiderte Michael, "und wo ist er jetzt?"

"Hatte den Schlüssel für den Raum vergessen."

"Ja, den Schlüssel vergessen", flüsterte Angelo mit sehnsüchtigem Blick und voller Wehmut in der Stimme. "Er hat den Schlüssel im Büro vergessen, ist das nicht wunderbar?"

"Was zum Geier ist denn mit dem los?"

"Ach", erklärte Alex und winkte mit der rechten Hand ab, "Angelo dreht vollkommen ab. Dieser… äh Psychologe, der die ganze Schose hier leiten soll…"

"Den, den Neff bestellt hat?"

"Yep, nun dieser Psychologe ist eine Psychologin und deswegen…

"Soll das heißen, Angelo hat sich in sie verknallt?"

"Verknallt ist nicht das richtige Wort", flötete Angelo mit solch einer weichen und sanften Stimme, dass es den anderen speiübel wurde. "sie ist so…"

"So alt?"

"Nein, sie ist so… bezaubernd, wunderbar, himmlisch, erhaben, prinzessinenhaft, göttinnengleich, bewundernswert, einzigartig und… sie hat keinen BH an."

Alex schlug die Hand vors Gesicht und schüttelte dabei den Kopf. "Mann, sie könnte deine Mutter sein, du Dödel! Ihr Italiener habt doch echt einen Mutter-Tick! Und was ist bei dir gewesen, Michael, wo warst du so lange?"

"Ich habe das Mädchen getroffen, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen möchte."

"Ich glaub's einfach nicht, das ist ja zum Kotzen!"

Dort, wo man steht, da soll man bleiben. Der Himmel mag sich manchmal verdunkeln, aber wer wusste schon im Voraus, wohin die dunklen Wolken ziehen. Ziehen dagegen, das war gewiss, taten sie immer und wenn man einfach stehenblieb, dann zogen sie über einem hinweg. Die Sonne kam immer wieder und sowieso war ja alles nur Einbildung.

Direktor Neff kam ebenso eingebildet über den Schulhof marschiert. An seiner Seite Sandra, die - das musste auch Michael zugeben - eine durchaus attraktive Figur machte, mal abgesehen davon, dass sie die 30 weit überschritten hatte. Ihre langen dunklen Haare wehten im Wind, genauso wie ihre Bluse und - sehr zum Schrecken der anderen - sorgte ihre viel zu enge Jeans dafür, dass auch Angelos Hose enger wurde.

"Reiß dich zusammen", meinte Alex dazu, doch Angelo dachte gar nicht daran. Noch bevor Neff überhaupt bei ihnen angekommen war, rief er ihm entgegen, ob er nicht auch - ganz freiwillig - an der Veranstaltung teilnehmen dürfe.

Neff musterte ihn einen Moment und stimmte dann zu.

"Warum nicht. Es schadet sicher nicht, wenn ihr beiden auch daran teilnimmt, dann kann Frau Phillip gleich die Gruppendynamik beobachten."

Kadir fuhr aus seinem verhaltensgestörten Spiel mit der halbabgelösten Sohle seiner Schuhe auf und riss den Kopf geschockt in die Luft. "Haben sie gesagt ihr beiden? Äh, ich will damit nichts zu tun haben. Es ist ein so schöner Abend geworden und äh, es ist noch ein paar Stunden hell und ich würde gerne…"

"Hier Frau Phillip, die Schlüssel, Raum 235, das ist einer unserer besten, sie können ihn aber nach Belieben umräumen, wenn sie das für ihre psychologische Untersuchung der Fünf für nötig halten."

"He, he, he, hallo? Ich will nicht psychologisch untersucht werden. Ich habe nichts getan. Ich bin's doch, der liebe Kadir, der nur zufällig anwesend war. Hallo?"

"Jungs, ich erwarte, dass ihr euch entsprechend benehmt. Frau Phillip hat einen weiten Weg auf sich genommen, nur um mit euch zusammenzuarbeiten. Ich hoffe, ihr arbeitet auch mit ihr zusammen. Denkt dran, von dem Ergebnis ihrer Untersuchung hängt eure Zukunft an dieser und vermutlich auch an anderen Schulen ab."

"Warum ignoriert mich hier eigentlich jeder? Ich will meine Zukunft nicht aufs Spiel setzen, weder an dieser noch an einer anderen Schule. Ich war doch sowieso nur hier, weil ich sonst nicht wusste…"

"Gut", verabschiedete Neff sich bei Sandra mit einem Händedruck, "ich hoffe, sie schaffen es diesen leicht vom Weg abgekommenen fünf Jugendlichen wieder die richtige Richtung zu zeigen. Ich habe ihnen ja gesagt, meine Ansicht ist, dass man schon die ersten Tendenzen zu antisozialem Verhalten bekämpfen muss, dann kommen sie später auch nicht in die Versuchung in Berlin bei den Mai-Krawallen mitzumachen. Wenn man den Kindern keine Grenzen zeigt, muss man sich nicht wundern, wenn sie als Erwachsene Amok laufen. Manche sagen, ich würde überreagieren, aber alles, was ich will, ist diesen fünf Jungs alle Möglichkeiten zu eröffnen, die diese Gesellschaft für sie bereithält."

"Na, super, okay, ich gebe mich geschlagen, bevor ich mit Steinen nach Polizisten werfe, setze ich mich halt in Raum 235 und starre die Wand an statt den Sonnenuntergang. Das ist sicherlich förderlich im Kampf gegen meine pubertären Aggressionen."

"Kennen sie den Film Uhrwerk Orange?" fragte Neff im Gehen und Sandra nickte. "Der ist natürlich sarkastisch übertrieben, aber im Prinzip glaube ich wirklich, dass das die Aufgabe einer Bildungsanstalt wie dieser Schule ist. Den Kindern beibringen, was moralisch richtig und falsch ist. Es muss ihnen physisch regelrecht wehtun, wenn sie etwas Falsches tun, nur so kann man jemanden erziehen. Der Mensch ist von Natur aus amoralisch, müssen sie wissen, und nur die richtige Erziehung kann jungen Menschen den richtigen Weg weißen. Nehmen sie das als Maxime mit, wenn sie mit den Jungs arbeiten."

Sandra blickte Direktor Neff stutzig nach. Sie hatte noch nie jemanden getroffen, der bei Clockwork Orange die Seite, die für die Kontrolle stand, als erstrebenswert empfand. Ob er wohl über 1984 und Schöne neue Welt genau so dachte?

"Na, dann kommt mal mit", meinte sie und bewegte sich dann nachdenklich in Richtung des Gebäudes mit dem Raum 235, die Jungs im Gleichschritt hinterher.

Sie traten aus dem wärmenden Licht der Sonne in das Schulgebäude und hielten unmerklich und unbewusst die Luft an. Es war kalt, die Haut zog sich erschrocken zusammen und versuchte erfolglos das letzte bisschen Körperbehaarung aufzustellen. Die Luft war stickig. Sie roch nach Schweiß und vermutlich auch nach noch viel fürchterlichen Dingen. Es war trübe, zwielichtig und hoffnungslos wie der Holocaust. Alles in allem war dies ein Ort um Selbstmord zu begehen, aber nicht um sich von angeblichen Psychosen zu befreien.

Alle nahmen gewohnt und vorprogrammiert ihre Plätze ein, Alex und Michael trotz deutlicher Unterbesetzung des Raumes in der letzten Reihe, Angelo dagegen in der vordersten, direkt am Lehrerpult, um seinen wallenden Hormonen Tribut zu zahlen und Kadir einen Platz in der Nähe des Fensters. Reggie gar verschmähte alle Stühle, setzte sich auf die Heizung und blickte vor sich hinsummend den Bäumen vor dem Fenster zu.

Sandra war am Eingang stehen geblieben und starrte vor sich hin. Keiner der fünf Jungs sah es offenbar und es schauderte Sandra, dass auch diese jungen Menschen bereits die Gabe verloren hatten, die grauen Wesen zu sehen.

Überall im Raum waren sie. Sie saßen auf den Stühlen, dem Lehrerpult, der Tafel und der Heizung direkt neben Reggie. Sie krochen über den Boden, tanzten auf Kadirs Schultern und saugten an Angelos Hirn.

Die Wesen starrten Sandra an, weil sie wussten, dass sie sie sehen konnte. Sie wussten, dass das Zugeständnis ihrer Existenz ihr größter Feind war. Die Kreaturen fürchteten Sandra könnte die fünf Jungs aufmerksam machen, so dass eine Lawine ins Rollen käme, die die grauen Wesen isolieren und somit zerstören könnte.

Sandra selbst löste den Blick von ihnen. Sie blickte zum Fenster hinaus in den Hinterhof der Schule. Dort waren keine grauen Wesen, nur grüne Bäume und grünes Gras. Reggie hatte das Fenster geöffnet und der Duft dieses Grases trieb die grauen Wesen vom Fenster weg und weiter in den Raum hinein, wo sie sich in die Enge getrieben konzentrierten.

Sandra schritt langsam an der Tafel vorbei, das Klacken ihrer Absätze erfüllte den Raum und zog die Aufmerksamkeit von allen, Menschen wie Kreaturen, auf sich, bis sie zum Fenster gelangte.

Dort blickten ihr die grauen Wesen nicht mehr nach. Ein paar versuchten, mit den Klauen vor den Augen, Sandra an den Beinen wegzuziehen, doch Sandra blieb standhaft. Sie lief alle vier Wände ab und als sie wieder an der Tür angelangt war - immer noch ohne ein Wort gesprochen zu haben - machte sie mit ihrer ersten, kurzen Bemerkung darauf aufmerksam, dass niemand bei solch einem Wetter in einem solch trostlosen Raum sitzen sollte, was die fünf Jungs sofort bestätigten und ihr nach draußen folgten, wo sie sich im Kreis auf die Wiese setzen.

Draußen war es angenehmer. Die Stimmen wurden leiser, die Atmosphäre entspannter und plötzlich hatte Angelo nicht mehr allein das Verlangen zumindest für einen Moment dort zu verweilen. Es hätte sie alle ein wenig Überwindung gekostet, sich aus dem Gras zu erheben. Auch waren Stimmen im Freien nicht so autoritär und Sandras Stimme war bei weitem nicht so voller Befehlsgewalt wie die von Direktor Neff.

Sandra hatte kleine Zettel verteilt, die auf einer Seite mit irgendeinem krebserregenden, chemischen Stoff klebfähig gemacht worden waren. Jeder sollte seinen Namen darauf schreiben und sich den Zettel an die Brust heften, was von allen wenn auch mit einigem Murren durchgeführt wurde.

Angelo schrieb seinen kompletten Namen vollständig, deutlich und so groß auf, dass er sich über einen zu kleinen Zettel beschwerte. Dennoch bekam er alles auf den beschränkten Raum: Angelo Nikolas Maria Sasso.

"Nicht den ganzen Stammbaum aufschreiben, Angelo", kommentierte Alex die Aktion und schrieb selbst nur seinen Vornamen auf, wobei auch da eigentlich nur das A zu lesen war, dies aber so groß, dass es selbst in Yokohama noch zu sehen gewesen sein musste. Michael schrieb erst Michi, strich es dann wieder durch und korrigierte es zu Mike, Kadir blieb buchstabengetreu und Reggie schrieb "Reinhold" auf seinen Zettel, woraufhin alle anderen außer Angelo neue Zettel verlangten.

Sandra machte ein paar skeptische Gesichtszüge, verteilte dann aber tatsächlich neue Zettel, denn Sandra wusste nun die Namen aller (aus ihren Unterlagen schloss sie korrekt, dass "Reinhold" eigentlich Reggie Worthy hieß) und für eine psychologische Untersuchung konnte es sicher nicht schädlich sein, wenn sie feststellte, welche Namen sich die Subjekte selbst gaben.

Sandra schrieb nun selbst ihren Namen auf einen Zettel und verbrauchte dabei sogar drei Stück Papier. Erst schrieb sie "Frau Phillip", empfand dies aber als zu altmodisch, sie assoziierte es gar mit "Fräulein Phillip" und das wollte sie nun wirklich nicht sein.

Als zweites stand "Sandra Phillip" auf ihrer Brust, doch auch das sagte ihr nicht so recht zu und so verkürzte sie es schlicht auf "Sandra".

In der Zwischenzeit war aus Alex "Che" geworden, aus Kadir "Mohammed Ali" und aus Michael "The Bad Motherfucker called Stagger Lee".

"Vielleicht stelle ich mich erst mal vor. Mein Name ist Sandra Phillip, ich bin Diplom-Psychologin und hierher von eurem Direktor bestellt worden, weil dieser befürchtet, dass ihr euch aus dem sozialen Gefüge der Gesellschaft bewegen könntet. Dazu hat er eine psychologische Studie von meinem Institut angefordert. Das heißt, ich werde dafür bezahlt, aber euch kann keiner dazu zwingen. Ich weiß, was Herr Neff dazu gesagt hat und dass er anhand meines Berichtes entscheiden wird, ob ihr der Schule verwiesen werdet oder nicht, aber - mit Verlaub - das ist Unfug. Herr Neff kann euch nicht anhand eines psychologischen Gutachtens verweisen und er kann euch auch nicht zwingen mit mir zusammenzuarbeiten. Wenn ihr gehen wollt, dann geht!"

"Gut, tschüss", sagte Reggie, stand auf und machte sich auf den Weg.

"Allerdings", fuhr Sandra ungeachtet fort, "Herr Neff ist hier der Direktor und wenn er euch von der Schule haben will, dann schafft er es. Er ist letztendlich der Chef des Kollegiums und die anderen Lehrer sind in einem Abhängigkeitsverhältnis ihm gegenüber, den Verweis kriegt er durch, so oder so. Mit einem positiven psychologischen Gutachten im Gepäck dagegen hättet ihr etwas gegen ihn in der Hand. Er dagegen hat nichts. Ich habe mir die Unterlagen angesehen und weder der angebliche Drogenbesitz von Michael noch der (ohnehin für einen Verweis kaum ausreichende) Missbrauch des Feueralarms durch Reggie kann nachgewiesen werden."

"Mein Name ist Reinhold", sagte Reggie und setzte sich wieder auf die Wiese.

"Wie auch immer, Herr Neff hat nichts gegen euch in die Hand. Ihr dagegen, wenn ihr mit mir zusammenarbeitet, habt am Ende vielleicht etwas gegen ihn in der Hand. Ich halte seine Reaktion für völlig überzogen und denke, dass ihr jede psychologische Untersuchung besteht."

"Bumm-di-di-bumm-da-di-tschaka-da-bapp", war Reggies Reaktion darauf, doch im Allgemeinen hatte Sandra den ersten Schritt gemacht, um das Vertrauen der 5 Jungs zu gewinnen. Hinterher konnte sie nicht mehr sagen, ob sie ihrer psychologischen Ausbildung stur gefolgt war und eine Taktik à la "Guter Cop - Böse Cop" eingeschlagen hatte. Hätte sie all die Ereignisse, die folgen sollten, auch nur annähernd vorhergesehen, so hätte sie sicher für eine Annäherung und einen Konsens mit Direktor Neff plädiert. So aber war sie verärgert, dass sie hier einen Schuldirektor antraf, der sie hatte 80 Kilometer weit fahren lassen, für nichts außer einer Handvoll Jungs, die einen Feueralarm ausgelöst hatten. Besonders jetzt nachdem sie ihn kennengelernt hatte, war sie überzeugt, dass Herr Neff sich selbst einfach nur zu wichtig nahm. Dass dafür nun auch noch Steuergelder verschwendet wurden, machte Sandra regelrecht wütend.

"Was glaubt ihr, warum Direktor Neff euch zu dieser Aktion hier gezwungen hat?" war daher auch ihre erste Frage.

"Weil wir Rebellen sind", erwiderte Alex.

"Rebellen? Gegen was?"

"Gegen Neff natürlich. Gegen sein nach Kontrolle strebendes System, seinem elenden Versuch hier so etwas wie Allmacht auszuüben. Wir kämpfen nur für unsere Freiheit."

"Wie Che?"

Alex nickte zustimmend und wurde lauter. "Ganz genau, wie Che."

"Und wer war Che?"

"Wie? Wer war Che? Na, Che Guevara natürlich!"

"Ja, aber was hat er gemacht?"

"Er war ein Rebell."

"Gegen wen?"

"…gegen… gegen das System."

"Welches System?"

"…das… das Kapitalisti…"

Angelo hatte ihm den Rücken zugewandt und strahlte Sandra in die blauen Augen. Er sprach zu Alex, sah ihn aber nicht an.

"Also, davon hatte ich bisher nichts gewusst. Schön, dass Herr Winkler bestimmt, was wir denken. Ich hab' doch gar nichts gegen Neff, ich will doch nur meine Ruhe, allein deinetwegen sind wir hier. Würdest du nicht aus Prinzip rebellieren wollen, sondern auch mal ein wenig Verantwortung übernehmen, dann säßen wir alle nicht hier."

"Was soll denn das heißen? Du bist doch freiwillig hier."

"Wir alle sind freiwillig hier, wie Sandra vorhin erklärt hat!"

"Bumm-tschak-bummbumm-tschak-bumm-tschak-bummbumm-tschak."

"Halt die Fresse, Reggie!"

"Warum willst du gegen Herrn Neff rebellieren?" fragte Sandra weiter. "Noch 2 Jahren dann hast du dein Abi und kannst dir selbst was aufbauen. Warum willst du das zerstören, was sich Herr Neff sein Leben lang aufgebaut hat?"

Das ließ Alex für einen Moment innehalten. Von dieser Seite hatte er es noch nie betrachtet. Die Schüler waren etwas temporäres, Neff dagegen statisch. Er hatte sich ein eigenes Reich aufgebaut, eine eigene Welt, eine eigene Heimat, Alex war vor ein paar Jahren hier reingeplatzt mit dem klaren Ziel in ein paar Jahren wieder zu verschwinden. Trotzdem aber hatte Alex versucht Direktor Neffs wohlverdienten Lohn streitig zu machen. Neff hatte viele Jahre für diesen Posten gearbeitet, den Bückling vor denen gemacht, die er verabscheute, Speichel geleckt, der so widerlich schmeckte und nach dem verpesteten Gestank der verlorenen Macht roch. Neff hatte sich etwas aufgebaut und was er nun hatte, war sein verdienter Lohn. Es ging ihm nicht um Geld, es ging ihm einzig allein darum, dass sein ganzes Leben nicht umsonst gewesen war. All die viele Arbeit! Und was fiel Reggie dazu ein?

"Du-di-didi-di-didi-di-dideldi-du-dideldideldi-di-didi-dudeldi."

"Niemand sollte etwas besitzen", sammelte Alex deutlich leiser und nachdenklicher seine Gedanken. "Die Welt gehört allen oder genauer gesagt niemandem. Alles ist frei geboren und soll frei sterben. Und…"

"Ach, Alex, lass das Gebabbel", unterbrach ihn Kadir recht unwirsch, so als hätte er irgendein Grund bei Alex' idealistischen Aussagen über Freiheit und Kontrolle wütend zu werden. "Alles ist frei geboren", äffte er nach, "natürlich ist alles frei geboren und es ändert wenig an deiner persönlichen Freiheit, wenn du Herrn Neff respektierst. Immer dieses Prinzip-Anti-Sein, es geht mir auf die Nerven."

Alex fühlte sich nun von seinen Freunden im Stich gelassen. Erst Angelo und jetzt auch noch Kadir. Das war er nicht gewohnt. Was war ein Rebell denn ohne Fußvolk? Für wen rebellierte man denn dann eigentlich? Was nützte ein Märtyrer, der niemanden rettete?

"Was wisst ihr Türken schon von Freiheit?" war seine hilflose Verteidigung. "Nicht mal die Haare eurer Frauen sind frei, geschweige denn eure Frauen selbst."

"Wenigstens haben wir nicht 6 Millionen Juden vergast."

"Ich habe keinen Juden vergast!"

"Antisemit! Faschist! Holocaustleugner!"

"Beruhigt euch erst mal, kein Grund sich an die Gurgel zu gehen", Sandra war deutlich zu spät eingeschritten, hatte dafür aber eine Menge über die Gruppendynamik erfahren. Offenbar waren die 5 Jungs keine solche Einheit wie Herr Neff geglaubt hatte und offenbar auch keine solche Einheit wie die 5 selbst geglaubt hatten. "Was macht euch denn so wütend aufeinander?"

"Sein dummes Geschwätz", erwiderten Alex und Kadir genau gleichzeitig, blickten sich einen Moment lang zornig an und lösten dann alles in lautem Gelächter auf.

"Scheiße, Kadir, du alter Türkenbomber, Wieneroberer und Menschenrechtsverletzer", meinte Alex als sich beide in die Arme fielen und regelrecht jubilierend ihren Streit auf derbe Weise zu den Akten legten.

"Du, Nazi, du", erwiderte Kadir in ausgelassener Stimmung und mit einem breiten Lachen. "du bist ein echter Nigger-Nazi, ein jüdischer, schwuler Nigger-Nazi."

"Nun, ist aber gut", fiel ihnen Sandra ungehalten in die gegenseitigen Freundschaftsbekundungen. Dass sie sich bis aufs Blut gestritten hatten, war eine Sache, aber dass sie sich freundschaftlich beschimpften (und das mit alles anderen als politisch korrekten Wörtern), ging wirklich zu weit.

"Ich würde gerne mal die Meinung der anderen dazu hören", spielte Sandra die Oberlehrerin und Pädagogin, "was meinst du dazu, Reggie?"

"Reinhold ist mein Name."

"Na gut, was meint Reinhold dazu?"

Reggie hatte immer noch nicht aufgehört vor sich hinzutrommeln. Er hat sogar noch zusätzlich angefangen, den Kopf in apathischen Rhythmus dazu zu schütteln. Doch immerhin schien er noch zu hören, was Sandra sagte.

"Was sage ich wozu?"

"Zu Alex' Aussagen."

"Ach dazu…dazu sage ich…", Reggie holte weit mit beiden Armen weitaus und fing dann völlig unmotiviert an zu singen.

Ich sag: Volle Fahrt voraus
Ganz egal wohin
Hauptsache wir fahren
Genau das ist der Sinn

Ich sach: Volle Fahrt voraus
Ganz egal wohin
Hauptsache wir fahren
Genau das ist der Sinn

Dadelda-da-dadadada-dadelda-dadadada

"Was ist eigentlich sein Problem?" Sandra schien es nicht mehr ignorieren zu können. Je länger sie dort auf dem Gras saß, desto mehr wurde sie von dem Gedanken überrascht, dass diese 5 Jugendlichen tatsächlich eine oder mehrere Psychosen hatten und von Psychosen verstand sie was. Sie hatte ja selbst eine.

"Er ist als kleines Kind in ein brennendes Cannabisfeld gefallen", erklärte Michael, "und seither hält die Wirkung an."

"Huuhuu! Bapp-bapp-bapp! Huuhuu!"

"Was meinst du dazu, Michael?"

"Wozu? Zu Reggies gehuhu?"

"Nein, zu Alex Aussagen natürlich, Herrgottnochmal!"

Zu Beginn hatte Sandra noch gedacht, die 5 wollten sie nur ein bisschen veralbern und an der Nase herumführen, nicht selten taugt so etwas als Initiationsritus. Und Jugendliche neigen dazu alles und jeden auf den Arm zu nehmen, sie hatten da irgendwie ein intuitives Gefühl dafür, dass sich die Erwachsenen einfach nur zu wichtig nahmen, besonders die Lehrer, die Befehle mit einem "Bitte" aussprachen, das aber in einem Tonfall, der Krieg bedeutete, wenn man nicht gekrümmten Rückens den Anweisungen folgte. Lehrer waren irgendwie unfähig für organisatorisches Fingerspitzengefühl, Kritik begegneten sie mit Aggression. Sie befolgten Regeln buchstabengetreu, lebten Machtphantasien an Kindern aus und wunderten sich, wenn auch mal ein Schüler im Ninjakostüm mit einer Pumpgun seine Machtphantasien auslebte. Aber die Lehrer waren ja nie schuld. Nicht schuld am schlechten Bildungsstand der jungen Leute, nicht schuld an der Interessenlosigkeit der Jugendlichen, nicht schuld am Aggressionspotential der Kinder, nicht schuld daran, dass wir unsere Kinder allein gelassen haben, um zu überleben in einer maroden Gesellschaft, die mit viel Camouflage der Rechtschaffenheit Moral vorgaukelt. Lehrer waren jene, deren alte Straßen verrottet und unbefahrbar geworden waren, die aber gleichzeitig verhinderten, dass sich die Jugend ihre eigenen, neuen Straßen baute. Verloren waren die Lehrer, nicht die Schüler, denn die Lehrer hatten ihre Träume und Visionen längst verdrängt, herausoperiert aus ihren Gehirnen, die nun nur noch die ewig gleichen Programme abspulten, Jahr für Jahr dieselben Themen, dieselben Bücher, dieselben Gedanken, verlorene Menschlichkeit im Angesicht der Routine, des ewig gleichen Trotts, der Erkenntnis sich selbst nicht mehr zu verändern. Während aus Tausenden von ihren Schülern Individuen mit einer persönlichen Entwicklung geworden waren, blieben die Lehrer immer dieselben grauen Gestalten, veraltet, überholt, leere Formen in einer Welt zwischen Traum und Realität, einem Niemandsland des Geistes, ein ewiges Armageddon, ein Limbus, aus dem die Schüler irgendwann den Weg hinausfanden, ins Licht oder in die Dunkelheit, aber trotzdem heraus. Die Lehrer blieben dort, bis sie sich zur Ruhe setzten um zu sterben. Daher waren sie so verbittert und so neidisch auf ihre Schüler, die das Leben noch vor sich hatten, die noch ein Leben hatten. Die Lehrer hingegen lebten von der Erinnerung und dem Vergessen. Doch beides konnten sie nicht. Sie waren Hüllen ihrer einst so strahlenden Persönlichkeit. Und Direktor Neff war ihr König.

"Alex' ist hier so was wie der… böse Geist", antwortete Michael nach langer Stille. Er hatte gewartet, bis die Bäume wieder rauschten, denn das gab ihm immer Inspiration. Dann konnte er denken. Er bangte jedes Jahr um seine Versetzung, weil seine Leistungen im Winter bei geschlossenen Fenstern schlechter und schlechter wurden. Doch kaum wurde es wärmer, wurden die Fenster wieder geöffnet, das Flüstern der Bäume erreichte ihn und er konnte wieder denken. "Ich weiß nicht, wie ich es genauer beschreiben soll. Alex stellt immer alles in Frage, und das ist gut so, denn nur so kann man feststellen, ob es kein Fehler ist. Wer sagt uns denn, dass Neff alles richtig macht? Es mag seine Schule sein und sein Leben, das er sich über Jahre aufgebaut hat, aber es ist auch unser Leben, unsere Schule. Wir sind die Schüler."

"Der Geist, der stets verneint", murmelte Sandra mehr zu sich selbst.

"Was?"

"Hat jemals jemand von euch Goethe gelesen oder im Theater gesehen?" fragte sie statt ihre Worte zum besseren Verständnis zu wiederholen.

"Die Leiden des jungen Werther haben wir in Deutsch mal durchgenommen."

"Und? Hat er euch gefallen?"

Alex lachte laut los: "Ich habe noch nie ein Buch gelesen. Wenn wir in Deutsch einen Roman durchnehmen, sage ich ein paar Sachen, die ganz gut klingen, für die Klausur lese ich zwei oder drei Seiten irgendwo in der Mitte und referiere darüber. Es ist ziemlich leicht, man muss nur das Schreiben, was der Lehrer hören will. Ich wiederhole quasi nur mit eigenen Worten das, was der Lehrer vorher über das Buch gesagt hat."

"Und das funktioniert?"

"In Deutsch habe ich meine besten Noten."

"Und nie hast du einen Roman ganz gelesen?"

"Nie. Ist mir viel zu langweilig, dauert ewig. Wenn mich eine Geschichte interessiert, schaue ich mir die Verfilmung an, das dauert vielleicht 2 Stunden. Ein Buch - oh Gott - Wochen würde ich dafür brauchen, das ist doch Zeitverschwendung."

"Schnell Leben ist das Ziel?"

"Wahrscheinlich."

"In Goethes Faust heißt es", Sandra beugte ihren Kopf nach vorne, hielt Daumen und Zeigefinger dorthin, wo Nase und Stirn sich trafen und versuchte offensichtlich den Denker von Rodin zu parodieren. Wenn Angelo gewusst hätte, dass das Original nicht nur die Hand woanders hielt, sondern vor allem auch völlig nackt war, hätte er sich sicher mehr für diese kleine Einlage interessiert, so jedoch wollte er nur, dass sie endlich wieder ihr Gesicht erhob, damit er noch mehr von diesem Anblick in sich aufsaugen konnte.

"Ich weiß nicht… ich glaube, ich kriege es noch hin", fuhr Sandra nach der langen theatralischen Pause fort. "Also, also, Faust trifft Mephistopheles, den man als Inkarnation des Teufels auffassen kann und Faust ist ziemlich verwirrt von ihm und fragt ihn, wer er denn sei. Und Mephistopheles antwortet:

Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht, denn alles, was entsteht,
Ist wert, dass es zugrunde geht;
Drum wär's besser, dass nichts entstünde.
So ist denn alles, was ihr Sünde,
Zerstörung, kurz das Böse nennt,
Mein eigentliches Element.

Sandra trug das kurze Stück mit solch einer Perfektion und Leidenschaft vor, dass die 5 Jungs, die nicht viel oder genauer gar nichts von Theater verstanden, mit offenem Mund einen Moment schwiegen. Keiner hatte auf den Inhalt geachtet, es war allein der Klang der Worte, im Rhythmus vorgetragen und mit dezenter aber ausdrucksvoller Gestik unterstützt, der den Worten Leben verlieh.

Alex fand als erster wieder Worte: "Und ich bin an unserer Schule, der Geist, der stets verneint? Ich bin doch nicht der Teufel, kein Beelzebub und kein Satan, nur weil ich die Ordnung, die hier herrscht, kritisiere. Oder doch?"

"Wer hat denn gesagt, dass du der Geist wärst, der stets verneint?" erwiderte Sandra. "Das habe ich nie behauptet, ich habe lediglich Goethe vorgetragen. Du hast in diese Worte, geschrieben von jemandem, der lange, lange tot war, bevor überhaupt deine Großeltern geboren waren, etwas von dir hineininterpretiert. Verstehst du? Die Worte bekamen Bedeutung für dich, weil du etwas von dir in ihnen gesehen hast. Und ja, vielleicht ist ein wenig von Mephistopheles in dir, in uns allen ist ein bisschen vom Teufel und ein bisschen von Gott, aber die Worte selbst haben keine Bedeutung, sie sind ein Spiegel und je nach dem wie du in diesen Spiegel siehst, wirst du etwas von dir erkennen. Manchmal gefällt dir, was du siehst, manchmal nicht, aber Kunst zeigt immer dich selbst. In Gedichten, Liedern, Romanen, Gemälden, Skulpturen, ja sogar in Filmen spiegelt sich unsere Seele, und deshalb ist Kunst interessant. Es geht nicht um Wissen oder Bildung, das mag ein Nebeneffekt sein, der zwar sicher vorteilhaft aber niemals notwendig sein kann, es geht darum zu uns selbst zu finden, zu erahnen, was wir sind, die Masken von unseren Gesichtern zu reißen und…"

Sandra hielt inne. Was erzählte sie da? Sie redete sich selbst in Trance und wünschte bereits kein Wort gesagt zu haben. Die Jungs blickten sie an und sie wusste nicht, ob es unverständliche oder nachdenkliche Blicke waren. In unserer Gesellschaft war man gewöhnt die eigenen Masken nie abzulegen und man erwartete auch von allen anderen, dass sie ihre Masken dort behielten, wo sie hingehörten. Aber eine Demaskierung im rechten Moment, offenbart das Antlitz des Befreiers.

"Ich, äh… ich möchte euch mal ein kurzes Stück aus einem Roman vorlesen", meinte Sandra in der festen Überzeugung, dass die Blicke der Jungs voller Erwartung waren.

Vielleicht waren sie das auch, und wenn nicht, so war es auch egal. Viel zu viel Zeit verschwendeten wir damit, uns nicht vor Leuten zu blamieren, die sich ohnehin nicht für uns interessieren, während wir uns den wichtigen Menschen in unserem Leben verschließen und so alle und alles verlieren.

Sandra kramte in ihrer Tasche und holte ein schwarzes Buch heraus. Zufällig hätte sie es dabei, sagte sie, doch Zufälle gäbe es ja eigentlich nicht. Sie schlug scheinbar wahllos eine Seite auf, räusperte zweimal und las dann vor.

"Wäre Pyrrhus nicht von einer alten Vettel Hand in Argos gefallen und Julius Caesar nicht zu Tode gemessert worden? Sie sind nicht fortzudenken. Die Zeit hat sie unauslöschlich gezeichnet, und gefesselt sind sie nun untergebracht im Raum der unbegrenzten Möglichkeiten, die sie ungenutzt gelassen haben. Aber können die denn überhaupt möglich gewesen sein angesichts dessen, dass sie niemals waren? Oder war allein das möglich, was sich auch wirklich begab? Webe, Weber des Winds!"

Sandra schlug das Buch wieder zu und sagte nichts mehr, was die 5 Jungs verständlicherweise verwunderte. Von ihren Lehrern waren sie gewohnt, dass sie viele unsinnige Fragen zu solchen Texten stellten. Was meint der Autor damit? Wer ist der Weber des Windes? Wer war Pyrrhus und wer war die alte Vettel, die "gemessert" hat? Wahrscheinlich hätte irgendwer ein halbstündiges Referat über den berühmten und so bedeutungslosen Pyrrhus-Sieg halten müssen, über Julius Caesar und wohl auch über Brutus, einfach weil es eine solch perfekte griechisch-römische Tragödie gewesen war. Doch wer hätte zugehört außer dem Lehrer, der es ohnehin schon wusste?

"Wenn das Kunst ist und wir uns in der Kunst immer selbst sehen", meinte Kadir nach einer Weile, "warum sehe ich mich dann nicht darin? Ich verstehe die Worte ja noch nicht mal richtig."

"Nun, manch ein Spiegel mag Teile von dir reflektieren, die du noch gar nicht kennst", antwortete Sandra, "oder die dir bisher noch nicht aufgefallen waren. Auch gibt es Spiegel in Spiegeln, die wieder und wieder hin und her reflektieren, eine optische Unendlichkeit erzeugen und dein eigenes Bild so verzerren, dass du dich zuerst gar nicht wiedererkennst. Dennoch zeigt es aber immer noch dich, nur in einer ungewohnten Perspektive. Der Wechsel der Perspektive ist doch das, was einen die Dinge anders sehen lässt."

"Geschichte…", sagte Michael plötzlich, "es geht um Geschichte. Ob die Geschichte so verlaufen musste, wie sie verlaufen ist. Oder ob es eine Wahl gab."

"Unendlich viele", bemerkte Alex. "Wenn du es konsequent zu Ende denkst, muss es unendlich viele Möglichkeiten gegeben haben."

"Und wenn dem so ist", nahm Michael die Vorlage wieder auf, "dann könnten doch - in einer anderen Dimension oder so - alle denkbaren (und auch nicht denkbaren) alternativen Konstellationen parallel zu uns existieren. Man stelle sich das vor! Wenn es unendliche viele Möglichkeiten gibt, dann liegen wir alle in diesem Moment irgendwo an einem Pool mit allerlei hübschen Frauen um uns."

"Und an anderer Stelle ziehen wir gerade in den Krieg", bemerkte Reggie, "in jeder Sekunde würden wir irgendwo gerade sterben."

"Aber auch geboren werden", erwiderte Michael, während Angelo nicht aussprach, in wie vielen Paralleldimensionen er Sandra gerade in den Armen hielt (in unendlichen, aber nicht in allen, genau genommen in 0% von allen) .

"Ich glaube, ihr denkt falschrum", widersprach nun Kadir. "Die Geschichte ist einfach nur eine Folge von Ereignissen. Ursache und Wirkung, wie in der Physik. Caesar wurde ermordet wegen einer Kette von Ereignissen, es ist so gekommen, weil es so kommen musste. Da ist noch keine Moral oder Vorbestimmung drin. Ich rede nur davon, dass eine Sache eine andere bedingt. Weil ich Alex aufs Maul haue, hat er Schmerzen in der Fresse. Und wenn ich ihm aufs Maul haue, dann hatte das auch seinen Grund, zum Beispiel, dass er mich beleidigt hat. Und beleidigt hat er mich vielleicht, weil ich ihm auf die Nerven ging. Naja, und so weiter halt."

"Aber wenn alles auf einem oder mehrere Ereignisse basiert, die diesem Ereignis vorausgingen, was bewirkte dann die allererste Ursache?"

"Gott?"

"Und wo kommt der her?"

"Der war schon immer da."

"Pah. Damit redest du dich raus. Alles hat eine Ursache, nur Gott nicht? Und wenn er schon immer da war, in einer - wie soll ich sagen - unendlichen Ewigkeit, was bewirkte dann seine Entscheidung etwas zu verändern."

"Sein freier Wille."

"Ja, aber das ist doch Quatsch. In dieser unendlichen Ewigkeit gab es ja keinerlei Veränderung, wie kann er sich unendlich Mal entscheiden, nichts zu verändern und einmal eben doch etwas zu ändern? Das widerspricht doch eben deinem Ursache-Wirkungs-Quatsch, denn in jedem einzelnen Moment dieser Ewigkeit waren alle Elemente, alle Ursachen, wenn du so willst, gleich. Und wenn alle Ursachen gleich waren, dann müsste - nach deiner Theorie - auch immer das gleiche geschehen. Aber einmal tat es das nicht? Einfach so?"

"Wir reden von Gott, er ist der einzige, der sich über allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten hinwegsetzen kann. Gott kann alles. Und wenn die Leere, in der er war, unendlich war, dann hat diese Leere sein Urteil beeinflusst. Er wollte sie füllen, aber eben erst nach einer unendlichen Ewigkeit, vorher verlangte die Leere noch nicht gefüllt zu werden."

Angelo sah hektisch von einem zum anderen. Er hatte sie nie so ein Gespräch führen hören. Von dem Inhalt des Gespräches beeinflusst, begann er gar zu glauben, es hätte ihn in eine jener Paralleldimensionen verschlagen, von denen die anderen sprachen. Wenn alles möglich war, dann doch auch, dass man von einer zur anderen Dimension wechselte, ohne es zu merken. Nur so wären dann doch auch charakterliche Veränderungen erklärbar, deshalb handeln Menschen unerwartet. Oder nicht? Jemand musste es doch wissen.

"Stimmt das?" fragte Angelo Sandra. "Ist das richtig? War das, was der Autor gemeint hatte? Was von beiden ist richtig? Kadirs Ursache-Wirkung oder die unendlichen Dimensionen?"

Sandra setzte an etwas zu sagen, doch Reggie ließ sie nicht zu Wort kommen. Er sang wieder, doch diesmal war es wieder in dieser merkwürdigen, aber fantastischen Stimme, die wieder dasselbe Lied sang.

Emancipate yourselves from mental slavery
None but ourselves can free our minds

"Ich kann auch den Text zum Lied machen", meinte Reggie dann, "kann ich mal das Buch haben?"

Sandra reichte ihr das schwarze Buch und sagte ihm die Seite auf der die Textstelle stand. Reggie aber musterte zuerst den Titel.

"Dschu… Ju… Ullia… Ulys… Yul Isses… Ulysses? Was ist denn das für ein Scheißtitel?"

Dann schlug er die entsprechende Seite auf, las den Text offenbar mehrmals und begann dann intuitiv Wörter aneinander zu reihen, die er in eine Art Sprechgesang, unterstützt von typischen "Hip-Hop-Gesten" mit dem rechten Arm, vortrug.

In Argos, die alte Vettel
Hatte den guten Pyrrhus auf dem Zettel
Pyrrhus war weise, Pyrrhus war klug
Doch die Vettel war voller Lug und Trug
Say Ho!

In Rom, der coole Julius
War ganz versessen auf seinen Filius
Julius hatte Macht, Julius hatte Charme
Doch Brutus' Messer schlug kein Alarm
Say Ho!

Und die Moral von der Geschicht'
Die ist noch nicht in Sicht
Wir sind nicht schlauer als Kunz und Hinz
Also, webe! Weber des Winds!
Say Ho!
Ho ho!

Das Gelächter war groß und Sandra fürchtete die positive Entwicklung des Gesprächs wäre damit bereits wieder zunichte gemacht worden. Doch es war Alex, der ganz von sich aus zum Thema zurückfand, ohne zu bemerken, dass es bei dieser Sitzung eigentlich um eine psychologische Beurteilung seiner Person ging (unter anderem).

"Also sind Künstler eigentlich nur Marionetten unserer Gedanken. Sie schreiben etwas auf, aber Bedeutung verleihen wir der ganzen Sache."

"Bedeutung verleiht der Betrachter", erwiderte Sandra, "aber es ist keineswegs so, dass der Künstler nicht selbst etwas in das Werk legt. Er bestimmt schon die Richtung der Gedanken in gewisser Weise. Die Gedankengänge, die ihr eben diskutiert habt, kamen euch ja nicht bevor ihr über den Text nachgedacht habt. Es gibt da ein Lied, das mich schon immer sehr beeindruckt hat, ein schottisches Volkslied namens Loch Lomond."

"Ich kenn' nur Loch Ness."

"Ja, in Deutschland sind Seen nur wegen ihrer Monster berühmt, aber nie wegen ihrer Schönheit, kein Wunder, dass die Deutschen ein so verklemmtes, spießiges Volk sind."

"Und die Schotten sind geizig", erwiderte Michael.

"Die Iren betrunken", fügte Kadir hinzu.

"Die Engländer hochnäsig", war Reggies Beitrag.

"Die Franzosen schwul."

"Die Italiener klein."

"Heee!"

"Die Amis doof."

"Jetzt wird's beleidigend!"

"Die Deutschen Nazis."

"Die Polen verbrecherisch."

"Die Araber terroristisch."

"Die Holländer unverständlich."

"Die Waliser… waliserisch."

"Äh... ja", Alex blickte in Sandras verzweifeltes Gesicht und wollte ihr helfen. "haben wir jetzt alle beleidigt?"

"Ich glaub' schon."

"Gut, dann war's wenigstens fair."

Sandra blickte einen nach den anderen an. Sie alle lachten und waren offenbar ausgelassen fröhlich. Nur Angelo, der kaum einen Ton bisher von sich gegeben hatte, wirkte nervös und angespannt, Sandra begriff gar nicht weshalb. Angelo schwitzte und zitterte. Er war bleich im Gesicht und rang manchmal nach Luft. Sein rasendes Herz konnte keiner sehen.

"Das Lied wurde… nun, man weiß es nicht genau, eine häufig genannte Vermutung ist, dass es ein schottischer Krieger während der Kämpfe zwischen Schottland und England im Mittelalter geschrieben hat. In Londoner Gefangenschaft wartete er auf seine eigene Hinrichtung und die einzige Chance seiner Frau, die er am Loch Lomond zurückließ, eine letzte Botschaft zu schicken, war dieses Lied."

"Ein Vermächtnis sozusagen?"

"Ganz genau, doch so romantisch dies zunächst klingen mag, es wurde bei weitem mehr als ein Vermächtnis an seiner Frau, die es vielleicht nie gehört hat. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte das Lied eine unvergleichliche Eigendynamik und gelangte zu einer unerklärlichen Bedeutung. Loch Lomond ist nicht einfach nur ein See in Schottland, es ist ein mystischer Ort."

"Wie? Was soll das heißen?" erwiderte Kadir. "Existiert dieser See oder nicht? Ich finde, das klingt ziemlich schwachsinnig. Da ist ein See irgendwo in Schottland und ein barbarischer, langhaariger Schotte im Jahre Vierzehnhundertgestern hat ein Lied darüber geschrieben. Was ist daran mystisch?"

"In den Strophen beschreibt das Lied den Tag, an dem der schottische Krieger sich von seiner Frau trennte. Er beschreibt wie schön der See und die Hügel waren, so schön, dass er und seine Frau für immer dort bleiben wollten. The Highland hills we view, and the moon coming out in the gloaming. So trennte er sich von ihr und sah sie nie wieder. Für ihn muss der Anblick von Loch Lomond, Ben Lomond und den Hügeln der Highlands die letzte Verbindung zu seiner geliebten Frau gewesen sein, dieses tiefe Verlangen wieder mit ihr zusammensein zu können, manifestiert in dem Bild eines Sees. Er bannte sie und vor allem seine Liebe und seine Sehnsucht in dieses Bild, diesen See. Und wer weiß, vielleicht fühlte er in der letzten Nacht vor seinem Tod ihre Nähe und die Nähe des Loch Lomonds als er zum Mond hinaufblickte, zu dem sie vielleicht in exakt denselben Moment ebenfalls blickte."

"Das ist ja schön und gut", erwiderte Alex lapidar, "aber ein Liebeslied ist doch etwas sehr persönliches und nichts mystisches, dass das Lied so lange überlebt hat, beweist bestenfalls, dass völkisches Liedgut in der heutigen Welt nichts mehr verloren hat."

"Das mystische ist im Refrain, dort nämlich heißt es

You'll take the high road
And I'll take the low road
And I'll be in Scotland before you
Where me and my true love will never meet again
On the bonnie, bonnie banks of Loch Lomond

"Die hohe Straße?" fragte Kadir. "Das verstehe ich nicht. Was für eine hohe Straße denn?"

"High road heißt so viel wie Hauptstraße", erklärte Reggie, "es ist wohl so gemeint, dass man Schottland auf den ‚schwierigeren' Weg leichter erreicht. Vielleicht hatten die Engländer die Straßen besetzt und man konnte Schottland nur erreichen, wenn man querfeldein reiste."

"Eine gute Überlegung, Reggie", erwiderte Sandra, "aber zu sehr mit dem Verstand und zu wenig mit dem Herzen. Es ist ein Lied, Poesie, und kein strategischer Marschplan. Es sind Symbole. Die ‚hohe Straße' steht für einen leichten Weg, einen Weg, den man schnell zurücklegen kann. Die ‚niedrige Straße' ist das genaue Gegenteil. Es bedeutet, dass man Schottland nicht so leicht erreichen kann, wie man sich das vielleicht vorstellt. Nein, es bedeutet sogar noch mehr. Es bedeutet, dass man Schottland auch auf einer noch so gut ausgebauten Straße nicht finden kann, wenn man es nicht auch mit dem Geist, mit der Seele und dem Herzen sucht. Schottland und Loch Lomond sind in dem Lied mystisch und keine räumliche Ausdehnung, nicht einfach ein Areal im Norden von Britannien. Heutzutage hat das noch viel mehr Bedeutung. Wahrscheinlich kann man das Loch Lomond von Sydney aus schneller erreichen als damals von London aus, ich weiß nicht, die Welt scheint viel kleiner geworden zu sein und vermutlich haben das Loch Lomond mehr Menschen in den letzten 100 Jahren besucht als in den 1000 Jahren davor. Doch sie sind nur mit ihrem Körper dorthin gereist, ihre Seele blieb zu Hause. Sicher kann auch ein Tourist sich an der Schönheit des Sees erfreuen und wunderbare Tage dort verbringen, aber er wird niemals auch nur annähernd das fühlen, dass der unbekannte Autor des Liedes fühlte. Der Tourist wird Schottland und Loch Lomond niemals erreichen, denn er hat den falschen Weg gewählt, er reist mit dem Körper, nicht mit der Seele."

Zunächst herrschte Stille. Die angestrengten Gesichter der 5 Jungs schienen alle nachzudenken. In ihrem Inneren trugen sie einen Kampf aus. Die seit ihrer Kindheit antrainierten Verhaltens- und Denkweisen wehrten sich. Was Sandra erzählt hatte, musste lächerlich gewesen sein, es durfte nicht sein, was sie ansprach. Es durfte kein Gerede von Seele geben, ohne die Bemerkung: "Das klingt zwar blöde, aber…". Es klang nicht blöde, wir machten solche Worte blöde. Es war Kunst, was Sandra erzählt hatte und wenn sie es als blöde empfanden, dann lag das an ihrem eigenen Verstand, an dem, was sie stillschweigend in Sandras Worte hineininterpretierten. Ein Gesichtsverlust vor dem eigenen Verstand, auf dem man so stolz war, obgleich er einem die Welt auch nicht begreiflicher machte. Dabei hatte sie nichts gesagt, was dem Verstand widersprach. Ihre eigenen Gedanken spiegelten sich in Sandras Worte und was zurückkam war der Wind und ein Rabe, der in viel zu warmen Klima ihren Verstand aus einer verlorenen Gesellschaft herausschrie. Unser Sinn für die Rationalität hatte die Sehnsucht nicht besiegen können. Wir stellten uns unserer Seele nicht, dann konnte sie auch nicht schmerzen. Aber das Loch Lomond rauschte im Wind und ließ sie für einen Moment innehalten und einen Schritt auf der niedrigen Straße gehen, die soviel schwerer zu begehen war und die schmerzte, die aber jeden Schritt mit einem großen Glücksgefühl verband, wie es die gesamte hohe Straße nicht geben konnte. Ein Mensch muss den Pfad gehen, der am wenigsten betreten ist, sonst endet er nur dort, wo alles schon entdeckt, alles erobert und alles wieder zerstört worden ist.

Und endlich, endlich, fand Angelo seine Stimme und sein Gehirn wieder, das sich wohl vorübergehend in der Hose vergnügt hatte. Er begann aufzuwachen aus seiner Trance und wurde wieder er selbst, unterstützt von einer tiefen Motivation Eindruck zu schinden, begann er plötzlich wie ein Wasserfall unverständliches Zeug zu plappern, was alle anderen kurzzeitig in einen Schock versetzte, der ihnen keine andere Möglichkeit gab als schlicht zuzuhören.

"Das ganze ist also eine Mythologie? Eine eigene, neue Mythologie, selbst geschaffen von uns? Von den Generationen erzeugt, von einem kollektiven Bewusstsein, einer geistigen Gemeinschaft, einem Link, einem Missing-Link, einer Welt voller Bedeutung, wo man auf der Evolutionsleiter einen Schritt weitermacht, sich geistig weiterentwickelt, weg von den alten Denkschemata erzeugt in Jahrhunderten von Brainwashing der Besserwisser die keineswegs dachten wir würden uns überhaupt noch wehren und erinnern an die Zeiten damals vor der Einführung der Gesetze und Regeln in unser alltägliches Leben im Westen gegen Osten Christ gegen Moslem schwarz gegen weiß rot gegen grün niemand überhaupt niemand könnte irgendwas sagen was wir nicht ohnehin schon wüssten kein weg der uns bleiben würde wie wir ihn gehen und lagen außerhalb des inneren wo wir eigentlich hingehören obwohl uns dort niemand mehr sehen will und subjekt und objekt vertauscht hat um uns zu knechten und zu binden im dunklen mit uns zu treiben mit schwertern aus licht begatten und uns dabei sowieso wegbringen von dem was wir eigentlich sind und was ich eigentlich sagen will und nicht kann weil mir die worte und die zeit fehlen ist dass ich überhaupt nicht mehr weiß wer ich bin undichaufstehenmöchteundeineneueweltschaffendiejenseitsallemundjedemwiederhoffnungfreiheitundlebenfürunsallebirgt."

Der Mund der anderen blieb minutenlang offen im Versuch zu verstehen, was Angelo eigentlich sagen wollte. Sandra blickte vor sich. Auf ihrem Schoß lag das schwarze Buch, auf dem mit roten Lettern stand: "James Joyce - Ulysses - Roman - suhrkamp - taschenbuch", und sie konnte es einfach nicht glauben.

"Bumm-didi-didi-bumm-didi-di-bumm-didi-didi-bumm-didi-di-bumm-didi-bumm-di-dancing-to-the-Jailhouse-Rock."

"Äh, ja", sammelte Sandra ihre Gedanken, "Mythologie ist das Stichwort."

"Achtung jetzt kommt irgendwas mit Ikarus, dem die Flügel schmolzen, weil er zu hoch flog", maulte Michael.

"Was habt ihr gegen griechische Mythologie?"

"Nichts, aber den Kram müssen wir so oft hören, irgendwann nervt's halt einfach, ich will nicht unbedingt behaupten, dass griechische Mythologie schlecht wäre, aber gibt's denn keine andere? Sind nur griechische Mythologien als Kulturgut zugelassen, oder wie ist das?"

"Ich mag griechische Mythologie", sagte Sandra, "aber es gibt selbstverständlich auch andere. Kennt ihr die Legende von Dycamart?"

"Dükahmat?" erwiderte Michael. "Klingt ja wie ´ne Kaffeemaschine: kaufen sie den Dükahmat, mit 8-einhalb Tassen und Bohnenselbstreiniger."

"Dycamart ist eine kleine Legende, die kaum jemand kennt. Vielleicht ist sie nicht spektakulär genug oder so, ich weiß es nicht, auf alle Fälle wurde sie nicht so populär wie manch andere Legende."

"Um was geht's denn?"

"Nun ja, es gab mal eine Stadt, die hieß Solda."

"Soldat?"

"Nein. Solda, ohne t. Es war eine kleine Stadt, doch sie lag an einem verborgenen, geschützten Ort und konnte so neben der Zeit existieren. Ihre Bewohner…"

"Neben der Zeit?" unterbrach sie Kadir. "Was soll das denn nun wieder heißen? Was ist denn neben der Zeit? So ein Quatsch! Das Wort neben hat doch einen klar räumlichen Bezug und mit der Zeit, die ja kein Raum ist, gar nichts zu tun!"

"Ihr seid kein sonderlich nachsichtiges Publikum, oder?" erwiderte Sandra. "Zeit ist…"

"Ich, ich glaube ich weiß es", wurde sie sofort wieder unterbrochen, diesmal von Angelo. "Raum und Zeit sind eine Einheit, neben der Zeit existiert Raum und Raum existiert neben der Zeit, wenn etwas neben der Zeit existiert dann ist es frei von unserem raum und unser raum ist frei von jener zeit und wir können…"

"Oh, halt's Maul!" brüllte Kadir und Angelo senkte seinen roten Kopf. Er fühlte sich von Kadir vorgeführt und glaubte, er hätte ihm seine Chancen bei Sandra zunichte gemacht. Dabei war Angelo der einzige, der überhaupt über solche Chancen nachdachte.

"Wie auch immer", fuhr Sandra fort. "Die Solder, die Bewohner Soldas, waren gütige Menschen, doch leider auch etwas naiv. So kam eines Tages das Unwesen Dyca, ein schrecklicher Dämon in Menschengestalt in die Stadt. Dyca erkannte, dass die Geschehnisse außerhalb Soldas die Einwohner nicht aus der Ruhe bringen konnten. Es herrschte Krieg, Krankheit und Zerstörung auf der Welt, doch Solda schien geschützt zu sein. Niemand wurde krank, niemand war unglücklich, niemand stritt sich. Und so erzählte Dyca ihnen von einer schrecklichen Gefahr, die ihr kleines Reich bedrohe. Weil die Solder, die Ketten der Zeit und der Realität gesprengt hatten, würde eine rachsüchtige, übermenschliche Gestalt namens Mart, der Meister der Zeit, einen himmlischen Körper auf Solda stürzen lassen und Solda für alle Zeiten vernichten. Nur er, Dyca, könnte das verhindern, wenn sie ihn als allmächtigen Herrscher anerkannten. Die naiven Solder glaubten ihm, und Dyca übernahm die Herrschaft in Solda."

"Ein bisschen leichtgläubig, these older Solder", bemerkte Reggie.

"Was ist denn der himmlische Körper?" fragte Michael. "Klingt für mich nach einer schönen Frau."

"Einer was?" erwiderte Kadir. "Du kannst auch an nichts anderes denken, oder? Damit ist sicher ein Meteor gemeint, der vom Himmel stürzt. Nicht wahr?"

Sandra antwortete nicht, sie erzählte stur die Geschichte weiter: "Dyca baute die Stadt aus und brachte viele Menschen, gute wie böse, in die Stadt, die er nun Dycasragen nannte, was so viel wie Dycas Reich bedeutete. Die Solder waren unzufrieden, aber sie glaubten immer noch an den Schutz, den Dyca ihnen gewährte. Was Dyca zu Beginn noch nicht wusste, aber nun erkannte, war die unglaubliche göttliche Energie, die dieser Ort besaß. Diese Energie hatte Solda vor all dem Unheil auf der Welt geschützt. Dyca war ein intelligentes Wesen und er fand bald einen Weg diese Energie zu sammeln und zu gebrauchen. So wurde es bald unnötig, Menschen in die Stadt zu holen. Sie kamen von selbst. So lange bis die Stadt an allen Enden an die Hügel reichte, die Dycasragen einschlossen. Die Solder wurden eine kleine Minderheit, die von den anderen ausgenutzt wurden, sie wurden aus den besseren Wohnsiedlungen vertrieben, mussten die meiste Arbeit leisten und durften die vornehmsten Gaststätten nicht betreten. Auf der Straße wurden sie angespuckt und ausgelacht."

"Und sie haben sich nie gewehrt?"

"Die Solder kannten nur ein Gesetz. Wann immer sie Sorgen hatten oder unglücklich waren, gingen sie auf einen der Hügel, die die Stadt umschlossen, schauten in jede Himmelsrichtung und fragten sich, was sie besaßen und was nicht. Der Blick in die Ferne vertrieb ihre Sorgen. Und wenn sie mit einem anderen Solder einmal Streit hatten, gingen sie mit ihm dort auf diese Hügel und die Zwietracht war vorüber."

"Durch das Besteigen eines Hügels?"

"Durch das gemeinsame Besteigen des selben Hügels!"

"Na, hätten wir das mal früher gewusst."

"Eines Tages nun hatte Dyca alles, was er sich je gewünscht hatte: Macht, Reichtum, er war der Herrscher der Welt. Doch er wollte immer noch mehr. Er wollte die göttliche Energie Soldas nicht nur nutzen und beherrschen, er wollte selbst göttliche Energie werden. Sie hatte ihm alles gegeben und das bedeutete, dass er nur glücklich werden würde, wenn er sich mit ihre vereint. Also fragte er die Solder, wie die göttliche Energie entstanden war. Und sie antworteten: Wir sind diese göttliche Energie.

Dyca lachte, denn er glaubte nicht, dass diese schwachen Kreaturen ihm seine Macht gaben, also forderte er sie zu einer Art Duell heraus, um festzustellen, wer mehr göttliche Macht besaß.

So kam es, dass Dyca auf dem großen Marktplatz im Zentrum der Stadt stand und wartete. Alle Bewohner waren gekommen, um das Spektakel zu sehen. Alle außer den Soldern, sie hatten sich gleichmäßig auf den Hügeln verteilt.

Dyca wurde zornig. Er beschimpfte sie. Er beschuldigte sie, feige zu sein. Und die Bürger Dycasragens, die zugezogen waren, folgten ein weiteres Mal Dycas Ruf. Sie applaudierten und lachten.

Daraufhin rief einer der Solder: Erinnerst du dich, Dyca? Du hast uns von Mart erzählt, dem Meister der Zeit, dass er kommen würde, um uns zu vernichten. Doch nun ist Mart angekommen!

Dyca zögerte einen Moment. Er selbst hatte die Geschichte von Mart erfunden, doch das war solange her, dass er sich selbst nicht mehr sicher war. Immerhin hatte Mart ihm die Macht über Solda gegeben und so konnte er doch nicht völlig fiktiv sein. Dann aber lachte Dyca laut und schallend: Und wo ist er, euer Mart? Auch er kann euch nicht mehr retten.

Die Solder zeigten alle gleichzeitig mit dem Finger auf Dyca und riefen: Du bist Mart und du bist gekommen, um dich zu vernichten.

Daraufhin bekam Dyca eine unerklärliche Wut und mit Hilfe seiner Macht zerstörte er seine menschliche Gestalt und verwandelte sich in ein fürchterliches, geflügeltes Wesen. Sein wahres, dämonisches Gesicht kam zum Vorschein. Er begann durch die Stadt zu fliegen und die Bauten zu zerstören, die er selbst erschaffen hatte. Bald stand kein Haus mehr und kaum ein Mensch war noch am Leben. Dyca sah, was er getan hatte und fing plötzlich an zu weinen. Er blickte zu den Soldern, die seinem Massaker entkommen waren und beschimpfte sie. Er beschuldigte sie, dass sie an all dem Schuld seien und in seiner Wut schließlich, wünschte er die Solder zum Teufel und löste so die Verbindung, die er mit ihnen hatte. Doch damit löste er auch die Verbindung zu der göttlichen Macht, die sein Leben mittlerweile so sehr bestimmt hatte, dass er ohne sie nicht mehr leben konnte. Er starb dort auf diesem Platz als verkümmerte Gestalt seiner einstigen Macht.

Die Solder aber verließen den geschändeten Ort und die Stadt wurde die Heimat von wilden Tieren. Doch zuvor stellten sie fünf Statuen auf, die ein Abbild von Dycamart darstellten, so nannten sie das Wesen, das aus Dyca entstanden war. Sie sammelten ihre Energie in den fünf Statuen, von denen eine im Zentrum der Stadt und die vier anderen auf den Hügeln standen, jede in eine andere Himmelsrichtung weisend, so dass nach ihrem Gesetz der Streit für immer zu Ende sei."

Als Sandra ihre Geschichte beendete, kam Wind auf. Er heulte durch die Bäume, blies Wolken über den Himmel und ließ Fragen und Antworten für immer in der Ewigkeit verschwinden. Keiner wollte die Bedeutung der Geschichte wissen. Keiner kümmerte sich mehr um angebliche Fehler in Logik oder Glaubwürdigkeit. Die Geschichte war ein Spiegel und sie erkannten sich in diesem Spiegel. Die ganze Welt war nur ein Spiegel im Spiegel, der leuchtete und strahlte, das Schönste niemals preisgab, der erinnerte an die Zeit als Nationen noch selten waren, der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft reflektierte und das Schiff ankündigte, das aus dem unendlichen Blau zurückkehrt aus dem Land, das unsere Kinder und Enkel kennen werden.

Die Geschichte tritt aus der wirren Dunkelheit. Lasst sie uns genießen und uns selbst in ihr finden, während wir als Passagier auf ihr treiben und die Sterne bei Nacht erscheinen sehen.


Kapitel 3
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 5