Kapitel 5

Nacht auf Burg Rheinstein


Die nächste Sitzung, die eigentlich am darauffolgenden Tag stattfinden sollte, sagte Sandra ab. Sie wollte ihre Taktik ändern. Es war nicht sonderlich sinnvoll die Jungs in kurzen Gesprächen auseinanderzunehmen, man würde dabei kein sinnvolles Ergebnis bekommen. Stattdessen müsste sie die Gruppendynamik in "natürlichen" Verhältnisse beobachten. Wie verhielten sich die Fünf, wenn sie den ganzen Tag ununterbrochen zusammen waren? Welche Dynamik entwickelte sich dabei? War Alex wirklich der Anführer, wie Direktor Neff meinte? Bei der ersten Sitzung hatte Sandra nicht den Eindruck gehabt, als wäre er sonderlich dominant den anderen gegenüber.

Sandra schlug daher einen Wochenendausflug vor. Dabei könnte sie ausgiebig beobachten, wie die 5 sich untereinander verhielten. Direktor Neff war zunächst zwar skeptisch und wollte es ihr ausreden, aber Sandra erwiderte, dass sie es wäre, die ein möglichst umfangreiches, umfassendes und korrektes psychologisches Gutachten anfertigen müsste und dazu auch entsprechende Information bräuchte. Immerhin hatte sie ein Diplom in Psychologie und war extra fast 100 Kilometer weit gefahren. Überhaupt sei es unmöglich innerhalb von einer erbärmlichen Stunde in die Tiefen der Psyche vorzustoßen. Freuds größter Fehler, wie Sandra betonte, war es zu glauben, man könnte die Psyche eines Menschen mit kurzen Nachmittagssitzungen beurteilen. Nein, nur wenn man sein ganzes Leben erfasst, von morgens bis in die Nacht, die Träume einschließlich, könnte man einen Menschen gut genug kennenlernen, um etwas über seine wahren Beweggründe und den Ursachen seiner Psychosen aussagen zu können.

Wie auch immer, sie überzeugte Direktor Neff damit.

Als Ausflugsziel wählte sie die Burg Rheinstein. Das allein war schon fast eine Tagesreise, also plante sie Samstagmorgens zu starten, die Nacht auf der Burg zu verbringen, dann montags ihr Gutachten zu erstellen und schleunigst die Heimreise anzutreten. Tatsächlich hatte sie nämlich, wie ihr "Chef" Karl ihr empfohlen hatte, auf dem Anwesen geschlafen, das ihr Großvater ihr einst vererbt hatte. Dies war ein wunderschönes Fleckchen Erde, groß genug um ein ganzes Dorf dort zu bauen, mit einem See, der so gewaltig war, dass er eine eigene Insel beherbergte, die man nur schwach vom Ufer aus erkennen konnte.

Sie hatte den Abend genossen an jenem See, der das Rot der untergehenden Sonne im langen Schatten der Bäume gespiegelt hatte wie das Funkeln tausender kleiner Lichter. Die Nacht war ruhig und einsam gewesen, geschützt von den Sternen, die zu schnell wieder verschwanden. Doch dann hatte es geregnet, kurz nur, aber dennoch lange genug, dass Sandra auf übelste Weise feststellen musste, dass das Dach des Hauses, das auf dem Landstrich stand, undicht war. Sie wollte hier wieder weg und zwar so schnell wie möglich.

Sie fuhren mit zwei Autos. Genauer gesagt mit einem Auto und einem VW-Bus. Glücklicherweise besaß Reggie schon einen Führerschein. Er war wie die anderen zwar auch erst 17, doch er war Anfang Januar von einem einjährigen USA Aufenthalt zurückgekehrt, während dem er seine Führerscheinprüfung abgelegt hatte. Nun durfte er auch in Deutschland fahren, jedoch nur bis Juli, denn einen US-Führerschein musste man beim ADAC "übersetzen" lassen, dann war er in Deutschland ein halbes Jahr lang gültig. Danach musste er in einen deutschen Führerschein umgeschrieben werden. Dieser war aber erst gültig, wenn man mindestens 18 war. So entstand die groteske Situation, dass Reggie von Januar bis Juli auf deutschen Straßen fahren durfte und dann für mehrere Monate die Fahrerlaubnis entzogen bekam. Da hatte wieder mal jemand mächtig mitgedacht!

Angelo und Sandra fuhren in ihrem Auto vorneweg. In ihrem Windschatten waren Reggie und die anderen im VW-Bus. Der Bus jedoch fuhr nicht einfach nur, er groovte über die Straße. Ob Reggie wirklich am Steuer saß, konnte man von außen nicht sagen, entweder waren die Scheiben zu verdreckt oder im Inneren war zu viel Rauch. Und was immer in jenem Bus während der Fahrt vor sich ging, es spottete gewiss jeder Beschreibung.

Gerade mal eine knappe Stunde waren sie unterwegs gewesen, da machte Reggie durch heftiges Blinken darauf aufmerksam, dass sie eine Rast einlegen sollten, was bei der nächstbesten Gelegenheit auch getan wurde.

"Pinkelpause", brüllte Michael mit zusammengekniffenen Beinen und verschwand in den Büschen.

Die anderen stiegen dagegen langsam aus und vertraten sich etwas die Beine. Die Sonne brannte vom blauen Himmel und Sandra ließ ihren Verstand mit halbgeschlossenen Augen treiben.

In der verschwimmenden Ferne war ein vager Hügel wie aus einer anderen Dimension, so als könnte man gar nicht zu ihm gelangen, nicht in dieser Welt. Dort gab es keine grauen Wesen. Sie waren verschwunden als das Wochenende begann und die Welt ein wenig freier wurde.

Sandra setzte sich in den Schatten, dort wo das grüne Gras wuchs und sah den Autos zu, wie sie an ihr vorbeirasten, als gäbe es irgendeinen Grund zur Eile. So als sei das Ende der Welt hinter ihnen her, eine Wand aus Feuer und Eis, die sie verschlingen könnte, zerstören in Qualen, die jene des Tantalus wie einen spaßigen Nachmittag erscheinen ließen. Hätten sie doch nur auf diese Wand gewartet, sie hätten gemerkt, dass das Feuer und das Eis nur ihre Autos und die Kontrolle zerstört hätte, um die Menschheit frei zurückzulassen. Was kümmerte es die Hügel? Für sie waren wir doch nur kurzlebige, fragile Wesen. Eines Tages werden die Ölkanister leer sein und die Atomkraftwerke verrottet, die Hügel aber werden immer noch hier sein.

Eine Amsel hüpfte vor Sandra hin und her. Sie ließ sich durch die Anwesenheit der Menschen nicht stören, pickte einen Wurm aus dem Gras, ließ ihn wieder fallen, hüpfte zur Seite und der Wurm hetzte und quälte sich verzweifelt in Unverständnis, warum dieses brutale, gewaltige Wesen ihn töten wollte. Und gerade als der Wurm glaubte ein schattiges, sicheres Versteck gefunden zu haben, packte der Vogel erneut zu. Hoch in den grellen, blauen Himmel blickte der Wurm, als die Amsel ihn entzweite.

"Weißt du, was merkwürdig ist", meinte Angelo nun neben ihr. Er hatte den ganzen Morgen ununterbrochen geplappert, aber Sandra hatte ihm meistens nicht zugehört, lediglich das "Du" angeboten. "Wenn in einem Krimi der Detektiv sein Verhör durchführt, wieso fragt er da immer, ob das Opfer Feinde hatte. Ich meine, das ist doch krank. Jemand wurde umgebracht, wenn das nicht der eindeutigste Beweis für Feinde ist, dass sie einem sogar nach dem Leben trachten…"

"Es gibt ja auch Gewaltverbrechen, bei denen man aus sogenannten niederen Gründen tötet, wegen Geld zum Beispiel."

Ein lautes Geschrei unterbrach dieses tiefsinnige Gespräch. Michael kam wieder aus den Büschen.

"Seht nur!" rief er. "Meine Schuhe sind ja ganz grün! Wieso sind die grün? Das waren sie doch vorhin nicht."

"Das ist deine Hose, du Depp", brüllte Alex zurück. "Du Trottel hast deine Hose noch nicht hochgezogen."

"Oh ja, tatsächlich? Ei, Alter, du hast ja recht, cooooool, das ist ja fett, ich hatte voll den Trip und das nur von… äh", er blickte Sandra an, "äh, von gar nichts hatte ich einen Trip… einen Tipp, ich hatte einen Tipp von… äh, von Reggie, der meinte… wenn man die Hose später hochzieht, ist das gesund, weil dann die… schlechten Bakterien… noch ein bisschen… auf! auf! auf! Lasst uns endlich zu dieser Burg fahren, hach, ich bin ja schon so gespannt, hoffentlich sind wir bald da."

Dann klatschte er aufgeregt in beide Hände und ging zurück in den Bus, seine Hose hing ihm immer noch an den Kniekehlen.

Der Rhein erstreckte sich in voller Pracht und hoch über ihm thronte Schloss Rheinstein wie ein Wächter aus längst vergangener Zeit. Sie hatten die Burg schon lange von der Straße aus sehen können und trotz ihres motorisierten Transportmittels war eine gewisse mittelalterliche Stimmung aufgekommen. Die Ritter, die Schlachten, die Könige, Prinzessinnen, Drachen, Zwerge und Magier, fast konnte man sie sehen, hören, riechen und das obwohl manch einer von ihnen niemals existierte. Der Schrei eines Drachen lag in dieser Luft, in diesem Flimmern und Rauschen, entstanden aus einem kollektiven Bewusstsein, das Schöpfer spielte, mehr als der Schöpfer selbst.

Eine Burg besuchte man nicht, man eroberte sie. Der Rhein war eine Staatsgrenze, dahinter unbekanntes, wildes Land, weit und unerschlossen. Die untergehende Sonne, die die Burg in roten Flammen aufleuchten ließ, lud sie ein in eine andere Welt, eine fremde Realität, einen Kindheitstraum, ein Märchen, ein Fantasy-Abenteuer, und wenn nur all die fahlen, blassen und langweiligen Menschen verschwinden würden, alle Menschen, die von den grauen Wesen verseucht und kontaminiert worden waren, dann würden alle Träume, alle Märchen wahr werden, denn es waren nur die seichten Gedanken von Menschen ohne Magie in sich, die diese Welten verdrängt hatten, die Insel Avalon in ewigen Nebel hüllten.

Sie machten Rast in Assmannshausen, einem romantischen kleinen Dorf berühmt für seinen Wein. Keiner von ihnen war ein Weintrinker, aber sie waren so lange unterwegs gewesen, dass sie alle großen Hunger hatten. Also setzten sie sich im Schein der untergehenden Sonne in den Außenbereich eines Wirtshauses nahe des Rheinufers, dessen Wasser rauschte wie seit Jahrtausenden, dem Mittelalter und der Zeit bevor es Fernsehen gab, immer im Schatten seines steinernen Wächters, der ihr Ziel sein sollte, gleich nach einem traditionellem, germanischen Mahl in einer Gaststätte, die für eine schwarze Brause warb.

"Also, äh… ich nehme ein Wiener Schnitzel mit Pommes und gemischtem Salat", Michael sprühte nicht gerade vor Originalität bei der Wahl seiner Mahlzeit, was das Pils vor ihm noch unterstrich. "Und wo ist die Toilette, bitte?"

Alex ließ sich von der ruhigen Atmosphäre dahintreiben wie das Wasser des Flusses. Die Architektur des alten Dorfes ließ die moderne Technik verblassen wie die Tapete hinter einem Picasso. Das Fachwerk war stärker als die Seelenlosigkeit des Wirtschaftswunders. Eine Million Leben, gekommen und gegangen, konnten nicht einfach ausgelöscht werden, der Geist der Ritter schwebte immer noch durch diese Straßen und Wege. Körper konnte man zerstören, sie verwesten im Dreck, vergraben, damit wir unsere Vergänglichkeit nicht bewusst wurden, doch die Geister lebten ewig.

"Mann, Kadir, mach hinne, Döner gibt's hier nicht!"

"Jajaja, ich weiß. Ich, äh, ich nehme die Bockwurst."

"Und was darf's dazu sein?"

"Äh, Brot, bitte!"

"Brot?" meinte Angelo. "Machst du jetzt hier auf letztes Abendmahl?"

"Hä? Was? Wenn ihr glaubt, ich teile mein Brot mit euch, habt ihr euch geschnitten!"

Wie fantastisch diese Straßen wohl bei Nacht sein mussten. Welch Magie hier herrschen mochte. Welch Geister sich zeigen würden. Dort zu bleiben, wäre besser gewesen. Dort konnte den Bedürftigen geholfen werden. Man konnte die Armen dort verteidigen und das Wort ergreifen für jene, die nicht sprechen konnten. Robin Hood wäre in jenem Dorf geblieben. Die Burg verteidigte sich selbst und überhaupt nur jene, die sich ohnehin selbst verteidigen konnten. Es gab immer mindestens zwei Klassen und die Armen waren immer am Arsch.

"Sie waren schon hier als die Zeit begann", sagte Sandra, die Alex' fernen Blick bemerkt hatte. "Wir achten so sehr auf die Gegenwart, dass wir das Ewige nicht mehr sehen. Wenn alles so vergänglich ist, wie es nun mal ist, vor wem oder was knien wir dann so heuchlerisch?"

"Der König ist tot, es lebe der König", bemerkte Alex und traf damit den Nagel auf den Kopf.

Als ihnen das Essen gebracht wurde, schielte Reggie der dunkelhäutigen Kellnerin in den Ausschnitt, murmelte dabei etwas wie Badabummbadabäng und musste sich nach dem Verschwinden der Bedienung dämliche Bemerkung über deren deutlich zu breit geratenen Hüften gefallen lassen.

"Seht ihr das grüne Gras da vorne?" meinte Reggie. "Was wir an Geld sparen würden, wenn wir einfach das rauchen würden."

"Du Dödel, das ist doch nicht solches Gras, Mann!" pöbelte Michael. "Das ist… ich weiß nicht, Heu oder so was."

"Und? Hast du's schon mal geraucht?"

"Nein, aber…"

"Ich besorg' Papier."

Sie saßen dann am Rheinufer, das Wasser machte ihre Schuhe nass, und rauchten selbstgerolltes Rheingras. Sandra tat überflüssiger Weise so, als würde sie es nicht bemerken und ging für eine halbe Stunde im Dorf spazieren.

Das Rheingras schmeckte furchtbar und brachte keinerlei spürbare Bewusstseinsveränderung. Nur Michaels Schuhe waren irgendwie geil grün.

Alex spuckte ständig vor sich, weil ihm irgendwelche Pflanzenteile zwischen den Zähnen hingen. Angelo verzog sein Gesicht als würde er einen stinkenden Kuhstall betreten und Kadir schmiss seinen Quasi-Joint nach zwei Zügen ins Wasser. Nur Michael war es ziemlich egal. Er kicherte trotzdem als hätte er eine Überdosis Hasch intus und unterhielt sich mit Reggie darüber, ob es illegal war Rheingras zu rauchen.

Als es dunkel wurde, erreichten sie die Burg. Auf einem 90 Meter hohen Felsen über dem Strom im Tal der Loreley lag dieses Juwel deutscher Burgromantik, das aufgrund seiner imposanten Lage auf steilem Fels zum Symbol des Burgenwiederaufbaus im 19. Jahrhundert wurde. Das war kein Abenteuer, die Burg war ein dreidimensionaler Reiseprospekt.

Die bitterste Erkenntnis der Konsum- und Überflussgesellschaft war, dass einem all das, was man zu viel hatte, irgendwann auf die Nerven ging, Männern manchmal auch auf den Sack. Und was würde wohl nach jener verwöhnten Konsumgesellschaft kommen? Die "Das-geht-mir-auf-die-Eier-Gesellschaft"? Vielleicht hatten wir in unserer Gier aber auch einfach nur nach dem falschen verlangt.

Sie kamen über die knarrende Zugbrücke zu einem Fallgitter, das einladend nach oben gezogen worden war, zwei Wappenschilder über dem Torbogen, Macht und Hoffnung für die Tapferen. Das schummrige Dämmerlicht im Schatten des Mondes und die einsame Stille der hereinbrechenden Nacht ließ die störenden Gedanken für einen Moment verschwinden, doch dann begann das Geschrei erzeugt von dem krampfhaften Willen der Gesellschaft wie ein König von seinem Narren unterhalten zu werden, frei von eigener Imagination.

"Oh, mein Gott, schnell, schnell, kommen sie rein, nicht stehen bleiben, um Himmelswillen!" schrie die kleine, halbglatzige und zu dick geratene Gestalt, die ihnen entgegengeeilt kam und sie regelrecht in das Innere der Burg schob.

Irgendwie war das unerwartet. Normal wäre gewesen, dass man in aller Ruhe darauf aufmerksam gemacht worden wäre, dass zu solch später Stunde kein Einlass mehr gewährt werden würde, was wiederum zu einer halbstündigen Diskussion geführt hätte, die mit einem Kompromiss ("seht zu, dass ihr Land gewinnt!") geendet hätte.

Auch noch akzeptabel wären zwei Gesichtslose gewesen, die in Ritterrüstungen den Weg versperrt hätten. Aber ein sonnenverbrannter Fettwanst, der wild hechelnd das Fallgitter hinter ihnen herunterließ, war so fehl am Platz, dass für einen Moment sich keiner gegen diese Behandlung wehrte.

"Ja, das passiert, wenn man zu viel kifft", bemerkte Michael und Kadir fragte, was denn der Grund für die ganze Aufregung sei.

"Ja, wissen sie das denn nicht", keuchte der wenig fidele Fettwanst, "wissen sie denn nicht, welche Nacht heute ist?"

"Nein."

"Oh", der übergewichtige Übermensch wirkte überrascht, so als seien sie Gestalten aus einer anderen Welt oder zumindest ziemlich Ahnungslose, "ich, äh… ich, äh…"

Reggie stieg mit ein: "He, das groovt ja! Ich - äh - ich - äh - ich - äh - ICH! Und alle!"

Michael brach von einer in Reichweite wachsenden Burgunderrebe einige Teile ab und fing an damit im Rhythmus gegen alles zu trommeln, was er finden konnte, einschließlich der Halbglatze des wohlgenährten Wächter der Weinrebe.

"Nein, nein, nein, nicht" rief dieser. "die… die… die Rebe!"

"Di-di-didi Rebe!" wiederholte Reggie im Rhythmus. "He, weitermachen, das groovt!"

Schließlich sagte der tonnenschwere Torwächter nichts mehr, sondern blickte sie nur noch nacheinander an. Wahrscheinlich hatte er geglaubt, er selbst wäre die skurrilste Figur auf dem ganzen Erdenball gewesen, doch mit Reggie und Michael konnte einfach niemand rechnen.

Als die beiden sich endlich wieder halbwegs beruhigt hatten, erklärte der füllige Fleischlappen den Grund für seinen Auftritt: "Das Ganze ist ein Projektversuch. Wir testen in dieser Woche, ob unsere Gäste eine unvergessliche Nacht verbringen, wenn wir ihnen - möglichst authentisch und mit theatralischen Einlagen, so wie ich es eben versucht habe - eine haarsträubende Horrorgeschichte von einem kopflosen, untoten Reiter, der das Rheinufer unsicher macht, erzählen. Das Vorbild ist Sleepy Hollow, vielleicht kennen sie den Film?"

"Ist der kopflose Reiter nicht ein Mythos aus Groß-Britannien?" erwiderte Sandra.

"Was ist so britisch daran, dass es nicht auch in Deutschland wirken würde? Seien sie doch ehrlich, ein kopfloser Reiter macht heutzutage mehr her als der Schimmelreiter."

"Ansichtssache. Und wozu das soll das Ganze gut sein?"

"Das habe ich doch schon gesagt. Für unsere Gäste, eine Einlage zur Unterhaltung unserer Gäste."

"Und genauso unsinnig und daneben wie das mehrere Tage dauernde ‚Halloween-Festival' auf Burg Frankenstein. Ihr Dumpfnasen habt doch gar keine Ahnung mehr von der Magie dieser Orte und bestimmter Nächte", meckerte Sandra mehr zu sich selbst als zu dem moppelligen Mythenverformer. "Mit eurer ganzen Kommerzkacke habt ihr euch den Mythen bemächtigt und sie für eure Zwecke missbraucht. Ich könnt' nur kotzen!"

"Äääh…", die Verwirrung wich nicht vom Gesicht des pummeligen Pfortenbewachers. "Haben sie eigentlich reserviert?"

Das war seine einzig gute Idee, denn auf einem reservierten Zimmer konnte man sich der Gegenwart des schwitzigen Schwergewichts entledigen. Kaum war er sonst wo verschwunden, verließ man das Zimmer wieder und genoss den Abend im Innenhof.

Doch Alex saß allein dort in der Dunkelheit. Es war eine laue Nacht, warm genug für eine Sommernacht, auch wenn dieser laut Kalender noch einige Wochen entfernt war.

Ein großes, offenes Feuer war in der Mitte eines Art dreieckigen Plateaus entzündet worden, ob von der Burgverwaltung oder einer geheimen Macht, die mit ihnen die Burg betreten und erobert hatte, konnte Alex nicht sagen.

Nachdem der schlechte Schauspieler am Tor unauffindbar blieb (nungut, wer hätte ihn auch gesucht?), stellte sich bei Alex mittlerweile tatsächlich das Gefühl ein, eine völlig fremde Welt betreten zu haben. Das war nicht Deutschland, das war nicht die Burg Rheinstein, nicht das Zeitalter von Automobil, Flugzeug und Computer. Sie hatten sich in Raum und Zeit verlaufen und waren nun an diesem Rastplatz einer bizarren aber faszinierenden Zwischenwelt.

Durch den Wald waren sie gelaufen, Feen und Elfen hatten sie gesehen, eine Waldnymphe sie geküsst und verzaubert, Loreley sang in der Ferne und ließ die Lichter der Zivilisation verblassen. Die Welt war niemals das, was wir sahen. Die Dämonen kamen, weil wir sie riefen und von ihnen gequält werden wollten. Sie würden gehen, wenn wir es ihnen nur sagen würden.

Eine Flöte spielte eine alte Weise, Tanz war plötzlich um ihn, mehr Menschen als Besucher zu dieser späten Stunde auf der Burg sein konnten. Im Flackern des Feuers geschah etwas, das Alex glauben ließ, er könnte ein Breitschwert halten und die Burg verteidigen gegen die Verdammten der Welt, die immer wieder versuchten einzudringen, um die Seuche, die sie in sich trugen, auch in dieser letzten Zuflucht zu verteilen.

Die Menschen um Alex trugen mittelalterliche Kleidung, Ketten rasselten und grüngekleidete Bogenschützen marschierten in Zeitlupe an ihm vorbei.

"Der Feind ist da"; hörte man eine Stimme aus der Dunkelheit. "Die ewige Nacht ist angebrochen und die grauen Wesen fallen vom Himmel. Sie haben schon das ganze Land erobert. Wir sind die letzte Bastion. Wenn die Burg fällt, fällt das Reich." Es war Sandras Stimme, doch Alex konnte sie nirgends sehen.

Plötzlich wurde es hell. Feuer fiel vom Himmel und entzündete die Burg. Alex stand auf der höchsten Zinne und sah das dunkle Land, das in schwarzen Flammen loderte. Er wollte die Zeit zurückdrehen und alles im Keim ersticken, doch die Zeit existierte nicht und konnte daher auch nicht rückgängig gemacht werden.

"Wir müssen fort", sprach er zu seinem Knappen, "der Krieg tobt noch, aber es ist nicht mehr an uns ihn zu gewinnen. Lass uns weit weggehen, mein Freund. Nein, keine Sorge, wir werden zurückkehren, wenn man nach uns ruft, aber wir werden nicht dabei zusehen wie alles verbrennt."

Er blickte zum Horizont, dort wo die Dunkelheit noch hoffnungsvoll war und er sah dieselbe Dunkelheit als er Jahrhunderte oder Jahrtausende später die Augen öffnete und in jener Unterkunft auf Burg Rheinstein lag, die komfortabler war als des Kaisers Rückzugsort, die aber keine Magie mehr besaß.

Das Fenster stand auf und kalte Luft wehte hinein. Er konnte nichts sehen, doch er fühlte, dass Michael den Raum verlassen hatte.

Er stand auf und tastete nach dem Lichtschalter. Er fand ihn, aber nur um die Glühbirne in einem sekundenlangen Flackern zu zerstören. Die einzige Alternative die ihm blieb, war nach draußen auf den Flur zu gehen, doch da war es noch dunkler als in seinem Zimmer.

"Hier ist's ja finster wie in einem Kuharsch", murmelte er vor sich hin und versuchte dann seine anderen Sinne zur Orientierung zu nutzen, vor allem seine Hände mit denen er sich an der Wand entlang tastete. Schließlich hörte er etwas durch die Nacht schallen.

"…a-bumm-bidi-bumm-bidi-bumm-bumm-bumm…"

Es war Reggie, der sich durch die Nacht groovte. Alex orientierte sich nun an dieser Stimme, während er sich weiter wie ein Blinder durch den Gang bewegte. Ein paar Mal überlegte er, ob er nicht vielleicht laut den Gang entlang rufen sollte, ob noch jemand hier wäre. Das wäre doch immerhin möglich. Vielleicht tappten ganze Scharen von Menschen durch dieselbe Dunkelheit wie er auf der Suche nach einer Tür hinein oder hinaus und nur schierer Zufall verhinderte, dass er mit einen von ihnen zusammenstieß.

Doch dann öffnete sich eine Tür nur wenige Meter von ihm entfernt und vertrieb diesen Gedanken. Aus dem Licht tauchte Kadir auf und er schimpfte laut, aufgebracht und sichtlich angenervt.

"Ihr zwei habt doch nicht mehr alle Steine auf der Schleuder! Ich verschwinde… uaaah… scheiße, Alex, was zum Teufel schleichst du hier in der Dunkelheit herum? Mir wär' ja fast das Herz stehengeblieben."

"Äh, Michael ist nicht mehr auf unseren Zimmer. Ist er bei euch?"

"Nein, ist er nicht! Vielleicht ist er mal kacken, aber umso besser, dann ist bei euch ja ein Bett frei. Platz da! Ich schlaf in eurem Zimmer."

Unsanft schob er Alex zur Seite, der verwirrt fragte, was denn eigentlich passiert sei.

"Was los ist?" nölte Kadir weiter ohne Rücksicht auf andere Gäste, die sich feige wie immer hinter ihren Türen versteckten und leise meckerten, dass es doch eine Unverschämtheit wäre und irgendwer etwas dagegen unternehmen sollte. "Der eine klingt ununterbrochen wie eine Urwaldtrommel und der andere schwärmt dazu von dieser alten Schachtel und dass er sie gerne mal in 'nem kurzen Rock sehen würde. Wer soll das denn aushalten? ...so, und wo geht's jetzt hier rein... ah… gut und… scheiße; Alex, was habt ihr denn mit der Lampe gemacht… au, verdammt, wer hat den Schrank dahingestellt?"

Dann knallten beide Türen zu und Alex stand wieder alleine in der Dunkelheit. Nur Reggie war weiterhin als Orientierung zu gebrauchen: "Dada-ba-dada-dada-badada."

Alex kämpfte sich vorsichtig weiter durch die Finsternis, die mit jedem Schritt noch finsterer zu werden schien. Und als ihm zu allem Überfluss auch noch die Wand ausging, wäre er vornüber mit dem Gesicht auf den Boden geknallt, hätte ihn nicht jemand aufgefangen. Alex erkannte am Geräusch des Atems, wer ihn da vor größeren Verletzungen bewahrt hatte.

"Michi, verdammt, was machst du…"

"Pschscht, kein Ton", zischte dieser ihn an. "das Mädchen… es ist hier."

"Welches Mädchen?"

"Na, das Mädchen von dem ich dir erzählt hatte. Ich habe sie doch in der Innenstadt getroffen, letzte Woche."

Alex kramte in seiner Erinnerung und fand nach einiger Zeit irgendwo tief vergraben zwischen illegalen sexuellen Phantasien, mathematischen Problemen der letzten Klausur und einem Streit mit seinen Eltern wegen zu lauter Musik ein verblasstes kleines Ereignis, das ungeachtet von all den Nervenzellen um ihn im Staub des Bewusstseins lag und Michael in einem Spiegel zeigte, der von dem Mädchen sprach, mit dem er den Rest seines Lebens verbringen wollte.

"Ja, ich erinnere mich. Das ist die, von der Du mir erzählt hast vor der ersten Sitzung mit Sandra."

"Genau, du hast gesagt, du fändest es zum kotzen… wie auch immer, sie ist hier. Ich schwöre es dir, ich habe sie eben gesehen."

"Ach, das hast du nur geträumt."

"Nein, habe ich nicht…"

"Und was zum Geier sollte sie hier machen?"

"Pschscht", zischte Michael wieder, wobei dieses Pscht mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen musste als ein Sieg-Heil schreiender Neonazi. "Sie ist raus in den Hof. Komm, wir folgen ihr!"

"Wieso?"

Doch keine Rationalität schlägt im Herzen des Diebes in der Nacht, schon gar nicht wenn dieses Herz mit Liebe erfüllt ist. Die Romantik kannte keine Vernunft, das Herz kein Hirn. Und da wir nicht wissen, was wirklich real ist (welch Tautologie!), sollten wir dann nicht ohnehin nur unserem Herzen folgen, unserem Instinkt? Die Vernunft hat ja nun auch nicht gerade zu weniger Leid geführt.

Sie kamen ins Freie und liefen immer noch durch die Dunkelheit, doch es war eine Dunkelheit die heller war als die Dunkelheit aus der sie kamen, und das allein war Grund genug hier zu bleiben.

Es war kälter als in Alex' Traum, aber die mystische Kulisse der Burg ließ es vergessen. Die Burg stand außerhalb jeder Zeit, außerhalb jeden Raumes. Es war nicht einfach nur ein Überbleibsel des Mittelalters, sondern ein Symbol aus tiefster Menschenseele, entstanden aus einer Parallelwelt unseres Geistes, geschaffen von unformbaren Verlangen, Sehnsüchten, unklaren Hoffnungen und der Ahnung von einer Welt jenseits der Materie. Die Burg war wahrlich der Hort eines Drachen, eines unbändigen, mächtigen Geschöpfes, das bei Nacht erwachen konnte, um sich hoch über das Land zu erheben und mit seinem Feuer das Chaos zurückzurufen.

Die Burg wurde älter, trotz aller Bemühungen etwas darzustellen, was sie nie war. Sie war ein Spiegel unserer Seele. Sie war das Bildnis des Dorian Gray, der Schatten an Platos Höhle, die Flügel des Ikarus, doch geben konnte sie uns nichts außer einer vagen Erinnerung, die wir nicht einmal in Worte fassen konnten. Wir sahen ihre Mauern und spürten es, doch wenn wir uns abwandten, war es fort und wir wussten nicht einmal, was es gewesen war.

Im Schein des Vollmondes blieb Alex stehen und blickte in dessen Antlitz. Der Mond blickte zurück.

Michael bemerkte nicht, dass sein Freund zurückblieb, und hätte er es bemerkt, er hätte ihn trotzdem zurückgelassen. Er hatte eine Erscheinung gehabt und sie war - welch himmlisches Zeichen - eben in der kleine Burgkapelle verschwunden. Michael konnte nicht anders, er musste ihr folgen in den Himmel oder die Hölle, was manchmal nicht so weit auseinander lag, wie man immer meint. Aber was war die Hölle schon im Vergleich zu der Distanz, die sich zwischen ihm und ihr vergrößerte.

Die Kapelle war unangenehm stickig im Inneren. Ein merkwürdiger Geruch lag zwischen diesen Mauern und Sandras graue Wesen hatten sich hier verkrochen, auch wenn Michael sie nicht sehen konnte. Dieser modrige Gestank war ihre Zuflucht. Sie hingen an den Mauern, knieten auf den Bänken und verneigten sich vor dem Altar. Doch Sandra war nicht hier und so konnte niemand sie sehen, niemand sie stören.

Ein Gemälde zeigte die Kreuzigung des Gesalbten. Die Menschen beteten zum Symbol von Jesus' Leiden, nicht seines Lebens oder seiner Lehre und deshalb waren die Menschen in der Kirche auch immer so deprimiert, emotionslos dreinblickend und so gar nicht erfüllt von der Freude der Erlösung.

Im Zentrum des hochgotischen Altars war ein altes geschnitztes Holzrelief, das das letzte Abendmahl zeigte.

"Es stammt aus Südamerika", ertönte plötzlich eine helle und wunderschöne Stimme und Michael erblickte das Mädchen. Sie war der Grund, weshalb er lebte, das wurde ihm in diesem Moment klar. Im Flackern der Kerzen veränderte sich ihr Gesicht, es verschmolz mit der Umgebung und wurde eins mit dem Fluss des Universums. Ihr blondes Haar wurde Teil der Nacht und erhellte sie. Sie war die Lilie des Westens, der Grund für Seefahrer wieder nach Hause zurückzukehren, die letzte Hoffnung der Menschheit in der Dunkelheit von Armageddon, der Engel der Nacht, die Prophetin des Herrn, die Druidin der Bäume. Sie war alles und nichts, überall und nirgends, der Grund des Lebens. "Warst du jemals dort? In Südamerika?"

"Nein", erwiderte er.

"Das ist schade, es ist so eine schöne Gegend. Ich war dort und es ist eine Schande, dass wir keine Augen mehr dafür haben."

Er hatte Augen dafür, denn er sah es in ihren Augen widerspiegeln. Die hohen, wolkenverhangenen Gipfel der Anden, der mystische Nebel über den Seen, die geheimnisvolle Vergangenheit der alten Bauten längst vergessener Zivilisationen. Er sah sich zusammen mit ihr hoch über diesem grünen Land fliegen in einen tiefblauen Himmel. Die Ewigkeit war hier, sie lag in ihren Armen, doch er traute sich nicht ihr zu nähern. Es war die Angst, er könnte das göttliche in ihr zerstören.

"Ich muss wieder gehen", meinte sie leise und Michaels Verzweiflung ließ sein Gesicht zerfallen. "Meine Eltern suchen mich wahrscheinlich schon, aber ich musste das hier in der einsamen Dunkelheit sehen, sonst wäre es bedeutungslos gewesen."

"Warte", rief ihr Michael hinterher, "bitte warte. Wie… kann…"

Sie drehte sich noch einmal um und blickte ihn erwartungsvoll an, doch er konnte nicht in Worte fassen, was er empfand.

"Sehen wir uns noch mal?"

"Wir haben uns an solch einem abwegigen Ort getroffen", sagte sie, "ich bin sicher, dass wir uns demnächst irgendwo wieder sehen werden. Wir sind am selben Tag mehrere Stunden gefahren um uns zufällig auf Burg Rheinstein zu treffen, dagegen sollte es ein Kinderspiel sein, uns in unserer Heimatstadt wiederzufinden."

"Ich weiß ja nicht mal, wie du heißt."

"Nadja", erwiderte sie und plötzlich war es der schönste Name der Welt.

Sandra hatte den ganzen Aufruhr im Gang mitbekommen und nachdem ihr Kadir erklärt hatte, was geschehen war, suchte sie Michael und Alex und fand Alex, wie er im Schatten des Mondes saß und die Sterne beobachtete.

"Ferne Gedanken?" fragte sie und setzte sich zu ihm.

"Sie könnten ferner nicht sein", erwiderte er. "was wohl hinter dieser Dunkelheit ist? Diese Sterne, sie sind so… weit… mein Gott, ich glaube, ich habe mir den Himmel noch nie so richtig betrachtet. Er ist so unglaublich… schön. Warum blicken wir so selten zu ihm? Wer hat uns diesen Anblick genommen?"

"Nur wir selbst", erwiderte Sandra, "die Sterne sind ja immer noch da, wie seit Jahrmillionen. Wir haben uns verändert, also haben wir uns selbst diesen Anblick genommen."

"Tatsächlich? Ich bin erst 17 Jahre alt und habe schon die Sterne zerstört? Wenn das keine einmalige Karriere ist."

"Nicht du als Individuum hast das getan, sondern die Menschheit als Kollektiv."

"Aber die Sterne sind doch immer noch da, ich sehe sie ja. Also hat sie niemand dem Universum genommen. Aber irgendwer hat sie mir genommen."

"So ist das eben", meinte Sandra wehmütig, "die Zeiten haben sich nicht ohne Grund geändert. Es ist so gekommen, wie es kommen musste."

"Wirklich? Ich glaub' das nicht. Wenn es doch nur eine Möglichkeit gäbe, es zu ändern. Die ganze Welt ist doch ein riesiger Scheißhaufen, in Israel bringen sie sich gegenseitig um, in Afrika verhungern die Menschen oder sterben an AIDS und auf unseren Straßen sitzen immer noch Bettler. Menschen begehen Morde, Vergewaltigungen und Raubüberfälle, nichts hat sich verändert, die Menschheit ist böse wie eh und je."

"Tja, was soll ich dazu sagen? Im Prinzip hast du ja Recht, aber es ist auch besser geworden. Warum gehst du nicht in die Politik und versuchst etwas zu verbessern?"

Alex lachte hämisch. "Die Politik? Pah. Um da was zu werden, muss man sich ja erst einmal dem System derer unterordnen, die den ganzen Mist verursacht haben. Nein, einen eigenen Staat müsste man gründen, sich für unabhängig erklären und die ganzen verstaubten Gedanken eliminieren. Das muss doch möglich sein."

"Ist es aber nicht."

"Warum nicht?"

"Die anderen Staaten würden nicht zulassen, dass du einfach so mir nichts dir nichts Land von ihnen nimmst. Das wäre ja auch Konkurrenz für sie."

"Dann verrate ich es ihnen nicht."

Sandra lachte.

"Nein, im Ernst", erklärte Alex, "es muss alles nur Schritt für Schritt vor sich gehen, so dass die Veränderung für Außenstehende unmerklich ist."

"Ich weiß nicht, wie du dir das vorstellst?"

"Na, zuerst mal kauft man ein Stück Land. Ein Staat ohne Land ist irgendwie wie ein König ohne Volk. Dann sucht man sich ein paar Gleichgesinnte, vielleicht erst mal nur die engsten Freunde und zieht dorthin… nein, noch besser: erst mal macht man das Land nur als einen netten Wochenend- und Ferienausflugsziel und lebt während der Woche immer noch in Deutschland."

"Na gut, niemand kann dir verbieten ein kleines Wochenendhäuschen irgendwo zu haben."

"Eben. Während also noch keiner etwas davon ahnt, baut man sich dort staatsähnliche Strukturen auf. Man stellt Regeln des Zusammenlebens auf."

"Statuten wie in einem Verein."

"Genau, aus dem Wochenendhäuschen wird ein Verein. Dann kann man auch während der Woche dort sein ohne skurril zu wirken. Ich meine, es gibt doch viele solcher Vereine, die am Rhein Boot fahren oder einfach nur die Natur genießen. Niemand würde Verdacht schöpfen."

"Wieso auch, ist ja nicht verboten."

"Genau. Dann kommt das nächste, man löst die Abhängigkeit von Deutschland. Man bebaut das Land, um sich autonom zu ernähren."

"Also quasi wie eine Kleingartenanlage."

"Richtig. Zuletzt verlegt man den Wohnsitz auf dieses Land."

"So wie bei einer Wohnwagensiedlung?"

"Korrekt. Und wenn man das alles konsequent so weitermacht, ist man irgendwann ganz unabhängig. Da dass Land auch rein rechtlich uns gehören würde, könnten wir uns auch dazu erklären."

"Das glaube ich nicht."

"Wieso nicht? Man darf natürlich nicht von einem Tag zum anderen sagen: huhu, trallala, wir gehören jetzt nicht mehr zu Deutschland. Aber wenn man wie gesagt Schritt für Schritt im Kleinen agiert, wird es doch irgendwie möglich sein. Wir wären ja dann wohl nicht das erste Volk, das sich für unabhängig erklärt. Es würde halt eine Weile dauern."

"Und du würdest das wirklich machen wollen?"

"Ja", erwiderte Alex, "wenn ich ein Stückchen Land irgendwo hätte, ich würde gleich Morgen damit anfangen. Aber wer besitzt heute noch mehr als den eigenen Garten?"

"Nunja", meinte Sandra und erinnerte sich an das Kleinod ihres Großvaters, "ich habe da ein paar Hektar und…"

"Echt? Worauf warten wir dann noch, ich…"

"Langsam, langsam, ich bin hier um ein Gutachten über euch zu erstellen und nicht um das Land meines Großvaters zur Unabhängigkeit zu führen."

"Ah ja, jetzt kneifen", maulte Alex, "genau deshalb ist es alles geschehen. Deshalb knüppeln sich Juden und Palästinenser zu Tode, deshalb verbrennt der Regenwald, weil Menschen, die die Möglichkeit hätten, etwas zu verändern, immer Ausreden für ihr Nichtstun haben."

"Aber das Dach des Hauses ist undicht und…"

"Na und? Das richten wir. Wir könnten das als Schulprojekt machen, dann kriegen wir vielleicht sogar Zuschüsse."

"Also, ich weiß nicht…"

"Warum bist du hier, Sandra? Weil Herr Neff uns krampfhaft ‚in die Gesellschaft integrieren' will, wie er immer wieder betont. Jetzt bieten wir ihm die Möglichkeit dazu."

"Moment, du hast gesagt, du willst dich vom Staat unabhängig machen, das ist nicht gerade ein Paradebeispiel für die Integration in selbigen."

"Was ich wirklich vorhabe, soll ja auch keiner wissen. Man muss schon mit den Wölfen heulen, bloß lauter. Du musst nur in deinem Gutachten behaupten, dass ein soziales Projekt unsere Integration fördern würde. Das wäre nicht gelogen und die Errichtung eines schuleigenen Jugendclubs auf deinem Land könnte ein solches soziales Projekt sein. Und würde zudem nicht nur die Integration von uns, sondern von allen Schülern unserer Schüler fördern."

"Dann würdest du mein Land in direkte Abhängigkeit von Herrn Neff geben. Das macht die spätere Unabhängigkeit nicht gerade leichter.

"Wir müssen klein anfangen. Jetzt komm schon, das ist doch eine Riesenidee. Und wenn es am Ende wirklich nur ein Jugendtreff für die Schüler unserer Schule ist, dann ist es doch trotzdem etwas Konstruktives. Warum willst du diese Möglichkeit im Keim ersticken? Es ist eine großartige Möglichkeit."

Sandra stimmte dem nicht zu. Aber sie erwiderte auch nichts mehr. Sie blickte hoch zum Mond und dachte über das Land nach, das brach lag seit ihr Großvater gestorben war. Er war so gerne dort gewesen, hatte dem See zugeschaut als wäre dort mehr als nur Wasser. Manchmal war Sandra dort bei ihm gewesen, wenn die Sonne unterging, und er erzählte ihr dann von dem kleinen Bach, an dem er als Junge immer gespielt hatte. "Blumen wuchsen dort und die Steine konnten sprechen", hatte er immer gesagt, "doch eines Tages kamen Bulldozer und töten all das. Und, großer Gott, ich werde nie die Schreie der Steine vergessen, als sie von diesen grauen Maschinen zermalmt wurden. Lass das nicht zu, Sandra. Lass nicht zu, dass das auch mit diesem Land geschieht. Verkaufe es nie und lass niemals Bulldozer zu ihm gelangen. Nichts ist so furchtbar wie schreiende Steine, denn sie haben niemanden, der für sie spricht."

Sandra hatte nie verstanden, was er damit meinte, aber für einen Moment sah sie vor ihrem geistigen Auge etwas entstehen, dass selbst ihr Großvater nie zu träumen gewagt hätte: sein Land als freie Stadt, als unabhängiges, multikulturelles Zentrum, ein Symbol des Friedens und der Verständigung des 3. Jahrtausends, eine entmilitarisierten Zone, die ganze Stadt als heiliger Boden des Friedens für alle Kulturen. Frei von dem lächerlichen Machtkampf der Nationalstaaten.

Manchmal tat das Leben den Menschen einen Gefallen. Es war so wunderbar ruhig, nur der Wind und das Wasser rauschte und Alex sah wieder tanzende Menschen um sich, doch er träumte nicht mehr. Er war schon vor langer Zeit durch dieses Tor geschritten und einen Weg zurück gab es nicht mehr. Die Welt war das zu dem wir sie machten. Jeder freie Gedanken war Realität, jedes nachgeplapperte Dogma eine Sünde.


Kapitel 4
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Kapitel 6