Kapitel 6

Vor dem Fall


In der nächsten Woche lieferte Sandra einen mündlichen Zwischenbericht bei Direktor Neff ab. Sie erklärte ihm, dass die destruktiven Neigungen der Fünf ein Zeichen von unausgelebter Kreativität seien. Man müsse lediglich einen Weg finden, wie die Fünf ihre Kreativität ausleben könnten.

"Haben sie schon eine Idee?" fragte Direktor Neff und Sandra erzählte von ihrem kleinen Landsitz, nicht weit entfernt, dessen renovierungsbedürftiges Haus und der dazugehörige Stall zu einem Jugendzentrum hergerichtet werden könnten.

"Das könnten die Fünf größtenteils alleine machen und wenn sie fertig sind, wären sie weiterhin mit der Organisation des Jugendzentrums beschäftigt. Ich bin sicher, dass sie Spaß daran finden werden und wir ihre Destruktivität in Kreativität umwandeln können."

Neff überlegte einige Minuten, grübelte ein wenig und wog die Vor- und Nachteile ab. Schließlich entschied er, dass er dieses Projekt mit allen ihm gegeben Möglichkeiten unterstützen wolle.

Freilich wären die Mittel der Schule begrenzt, auch rechtlich gebe es einige Bedenken (welche dies wären, führte Neff jedoch nicht aus). Prinzipiell sei er jedoch bereit, Zuschüsse zu beantragen und Sponsoren zu suchen, wenn er als Direktor jederzeit die Oberaufsicht über das Projekt behalten würde. Gleichzeitig machte er deutlich, dass es in diesem Punkt keinerlei Diskussionsspielraum gab. Das Land selbst erkannte er zwar selbstverständlich als Eigentum Sandras an, sie müsste aber vertraglich in einer Art Miet- oder Pachtverhältnis das Land, sowie das Haus, das auf ihm stand, dem Jugendamt als soziale Einrichtung überschreiben. Dies bedeutete, dass Sandra zwar im Besitz des Landes blieb, das Jugendamt (dass das Land dann unter die Aufsicht von der Schule und somit Direktor Neff stellen würde) aber autonome Entscheidungen treffen könnte über alles, was dort geschah. Obwohl das Anwesen rein formell einer anderen Gemeinde angehörte, sollte es der Stadt und dem dortigen Jugendamt quasi überschrieben werden. Die Stadt selbst hätte natürlich wenig Interesse an einem Stück Land, das zudem auf dem Gebiet einer anderen Gemeinde lag, und würde die Verwaltung sofort der Schule und Direktor Neff übertragen.

Rein rechtlich war das alles mehr als abenteuerlich, und Sandra zögerte mit ihrer Zustimmung, Direktor Neff rechnete aber offenbar mit einer Art Gewohnheitsrecht, das sich einstellen würden, wenn die "Kinder" (wie er alle seine Schüler grundsätzlich nannte) erst einmal in ein paar Monaten dort ein Jugendzentrum etabliert hätten.

Um jederzeit die Kontrolle zu behalten, übertrug er die Aufsicht über das Projekt nicht Alex oder einem seiner Freunde, nicht einmal Sandra, der das Anwesen ja eigentlich gehörte, sondern zwei Schülern der Oberstufe, die beide loyaler gegenüber Direktor Neff waren als Alex, Kadir, Angelo, Michael und Reggie zusammen.

Zum einen war das Schulsprecherin Melanie Kurt, ein kleines, zierliches, blondes Mädchen mit wenig Rückgrat und zum anderen Manuel Gaußmann, wegen seiner körperlichen Erscheinung und seiner kaum verständlichen, "brummelnden" Aussprache von allen nur "der Bär" genannt.

Es war an dem darauffolgenden Freitagnachmittag, dass sie zum ersten Mal zu dem Landstrich fahren sollten, der später aufgrund der unerwarteten Größe von Alex "das Tal" genannt werden würde.

Sandra wartete an einem Teich auf die anderen und hatte sich dort auf eine Bank gelegt. Sie starrte direkt auf ein fahles Gebäude, das sie auf unerträgliche Art an das Gebäude erinnerte, in dem sie sonst arbeiten musste. In den schmalen, in Reih und Glied stehenden Fenstern starrten die grauen Wesen sie an. Sie waren hier, sie hingen aus den Fenstern mit langen, gelben Zungen und ihr verwester Geruch gelangte an Sandras Nase. Doch das Plätschern des Teiches hielt sie von Sandra fern, nur aus der Ferne drohten sie ihr. Hinter den Fenstern sah sie überall grüne Pflanzen, von denen Sandra immer glaubte, dass es die grauen Wesen vertreiben könnte. Doch diese grauen Wesen hier waren besonders dreist und störten sich nicht daran.

Sandras Blick wanderte nach rechts und über der Straße hinweg, sah sie es. Ein genauso graues Gebäude stand dort inmitten von grünen Bäumen, so als sei es in einen Wald gebaut worden. Keine Pflanzen konnte sie im Inneren des Gebäudes erkennen, kein Grün, nur unklare Dunkelheit, aber trotzdem waren keine grauen Wesen in jenem Gebäude.

Ihr Blick wandte sich wieder dem anderen Gebäude zu, vor dem sie auf der Bank lag, und dort tobten die grauen Wesen, so als sei dies ihre Festung.

Was war der Unterschied? Wieso waren die grauen Wesen hier aber nicht dort? Und als ihr Blick zurückging zu dem anderen Gebäude jenseits der Straße, erkannte sie es. Das Gebäude dort war in den Kreis der Bäume gebaut wurden, man hatte es in die Natur integriert, der Umgebung angepasst. Im anderen Gebäude waren die Pflanzen nur im Inneren, man versuchte die Pflanzen in das Gebäude zu integrieren, die Natur unserem System anzupassen, und diese Anmaßung lockte die grauen Wesen herbei.

Sandra lächelte und stand auf. Sie hatte entschieden, nicht länger auf die anderen zu warten, sondern ihnen entgegen zu gehen und als sie sich auf den Weg machte, hörte sie auch schon Reggie singen.

Emancipate yourself from mental slavery…

Die Sonne stand hoch und sie empfanden es alle als sehr heiß. Es war fast windstill und man fürchtete sich jedes Mal vor dem Moment, an dem das Auto hielt und der kühle Luftzug verschwand.

Die Luft stand dann und nicht nur sie. Alles stand still: die Luft, die Menschen, die Autos, die Wolken, die Zeit. Ja, selbst die Zeit stand still. Es war ein so seltsames Gefühl, als wäre alles tot, brach und seit Jahrtausenden verlassen.

Die Felder waren grün oder von roten, gelben und violetten Blüten übersät. In der Ferne konnte man die Gebäude der Stadt noch erkennen, aber sie waren so weit weg, dass sie durch die aufsteigende Hitze völlig verschwommen waren. Sie schienen unwirklich zu sein, eine Vision, ein Traum, oder eine Fata Morgana.

Ein Rauschen erfasste die beiden Wagen. Im Schatten der Bäume wurde es auf einmal angenehm kühl. Die Sonne schien nur noch vereinzelt durch die Kronen der Bäume, während die Autos sich langsam vorwärts bewegten und dabei einige Male durch Schlaglöcher ins Wanken kam. Es war als könnte man jeden Sonnenstrahl einzeln erfassen. Jeder einzelne Strahl schien hier still zu stehen, um sie zu begrüßen. Und obwohl die Strahlen völlig unregelmäßig durch die Bäume fielen, schienen sie in einem bestimmten System zu stehen - zu Ehren der Neuankömmlinge. Sie betraten eine neue Welt... oder fanden in eine alte zurück.

Plötzlich frischte der Wind auf, die Blätter der Bäume tanzten und bevor sich der Wald lichtete, schien der Wagen einen Moment lang gegen eine unsichtbare Barriere zu kämpfen. Der Motor wurde deutlich lauter und musste offensichtlich viel mehr Kraft aufwenden, um die letzten Meter zu überwinden. Es war, als wollte irgendjemand oder irgendetwas verhindern, dass sie weiterfuhren, als wollte jemand unterbinden, dass sie sahen, was hinter diesem Wald war. Doch vermutlich war es nur die Stelle, an der aus Asphalt Kies wurde.

Und dann sahen sie es! Vor ihnen lag nicht etwa ein paar Quadratmeter Wiese an einem kleinen See, nein, es war ein riesiges Stück Land, dessen fernes Ende an einem gewaltigen See lag, auf dem ohne Probleme kleine Schiffe hätten fahren können. Das Ende des Sees war kaum mehr zu erkennen. Der Boden bestand nur aus Gras, allerdings kein angelegtes Gras, wie man es in Gärten findet, sondern rein natürliches, das nicht wie ein Teppich wirkte, so wie man es aus den städtischen Vorgärten kannte.

Das Land war nicht flach sondern wand sich in schwachen Hügeln. Überall standen Bäume, gewaltige Eichen, die genug Schatten spendeten, damit das Gras nicht vertrocknete. Zwei Gebäude standen auf dem Anwesen: nicht weit vom Wasser war ein Haus, in dem sicherlich zwei Familien Platz gefunden hätten und am äußeren Ende, nicht weit vom Wald entfernt stand ein großes, längliches Gebäude.

Das Haus jedoch war in einem schlechteren Zustand als Sandra zunächst geglaubt hatte. Das Dach war nicht nur undicht, es war kaum mehr vorhanden. Kadir konnte mit seiner Faust geradewegs hindurch schlagen und sich dann wie bei einer morschen Tür den Weg hindurch bahnen.

Dies brachte sofort eine Diskussion über mögliche Einsturzgefahr hervor und man entschied das Haus vorerst nicht mehr zu betreten und das Wochenende in Zelten zu verbringen, nachdem man sich einig war, dass ein ständiges Pendeln zwischen der Stadt und dem Anwesen zu viel Zeit kosten würde. Zumindest in der Anfangsphase müsste man sich Zeit nehmen, alles in Ruhe zu Organisieren, damit das Haus möglichst schnell wieder hergestellt und betretbar wäre.

Melanie Kurt, von Neff zu eben dieser Organisation beauftragt, sagte, dass ihr Freund ihnen bei der Reparatur des Hauses zur Hand gehen könnte, da er "diesen Kram bereits im 7. Semester studieren würde" (was "dieser Kram" war, ob Bauingenieurwesen, Architektur oder etwas völlig anderes, verriet sie nicht). Auch das zweite Gebäude, das abseits stand und von Sandras Großvater als Kuhstall gebaut, aber nie genutzt worden war, könnte er (also Melanies zehn Jahre älterer Freund) leicht zu einer funktionstüchtigen Halle umbauen, in denen Veranstaltungen abgehalten oder bei schlechten Wetter sich untergestellt werden konnte. Sie sprach gar von einer Trennwand, hinter der eine begrenzte Anzahl von Schülern in extra dort gebauten Zimmern hin und wieder übernachten könnte, um der weiten Entfernung zur Stadt Tribut zu zahlen. Kadir hielt dies für übertrieben.

Als es dann dunkel wurde, sammelten sie sich um ein Lagerfeuer. Die Nacht war klar und während sie in den Himmel blickten, fühlten sie sich dem Universum näher als jemals zuvor. Sternenstaub - nur Sternenstaub war man, das war die Erkenntnis des 20. Jahrhunderts.

Doch war das wirklich so? Es gab so viele Sternen an diesem Himmel, dass es in keiner Sprache der Welt einen Begriff für diese große Zahl gab, und die Sonne war nur einer dieser Sterne, die Erde einer von neun Planeten, jeder von ihnen nur einer von sechs Milliarden Menschen, der Mensch selbst eines von Milliarden Arten an Lebewesen. Ihn als Staub zu bezeichnen schien sogar noch übertrieben. Eine Träne in einem Ozean vielleicht.

Und wir sind nur Sternenstaub. Was bleibt von uns, wenn wir gegangen sind? Doch das Nichts existiert nicht, denn es ist nur die Bezeichnung für das Fehlen von Allem. Oder verschwindet alles von uns eines Tages? Unsere Zivilisation, unser Denken, unser Wesen? Unsere…

Alex blickte in die Tiefen des Weltalls, sah die hellen Lichter, die von all der Materie im Universum zeugten und fühlte etwas anderes. Irrationalitäten. Illusionen. Träume. Mystik. Wer hat das Recht zu sagen, was wahr ist und was nicht?

Ein Geheimnis lag über diesem See. Es war wie eine andere Welt. Eine wahre Welt, aber nicht wirklich. Er suchte nach Worten, dies zu beschreiben, doch es gab keine Worte, die es hätten ausdrücken können. Die Sprache war die Quelle des Bewusstseins und was die Sprache nicht ausdrücken konnte, war nicht bewusst, nicht wirklich. Ihre Welt war eine Definition. Eine Definition aus Zahlen, Worten und Formeln. Weit entfernt standen sie nun am Rande der Realität, am Rande der Wahrheit und waren sich nicht mehr sicher, ob sie sich aus der Wahrheit oder in sie hinein bewegten. Es schien wie in weiter Ferne und in unmittelbarer Nähe zugleich, irgendwo in einem zeitlosen Raum, irgendwo in einer raumlosen Zeit. Gefallene Sterne lagen in dem See. Es war still. Ein leichter Wind kam von Westen, strich über den See und durch ihre Haare. Er erzählte von den Träumen aller Zeiten, und hörte ihre Träume, um sie mit sich in die Ewigkeit zu nehmen. Die Ewigkeit, die zu allen Zeiten sein musste und doch so endlich schien, so geschaffen.

Die Welt schien zu schwingen. Die Welt schien frei. Frei wie ein Vogel, frei wie der Wind, frei wie die Wolken, frei wie das Meer, frei wie ein Traum. Der Wind bewegte den Himmel, doch er zerstörte ihn nicht, er veränderte ohne zu verändern, er schuf ohne zu zerstören, er bewegte die Zweige der Bäume und das Wasser des Sees

"Woher kommt diese Dunkelheit", meinte Alex plötzlich. Keiner antwortete ihm, keiner fragte, was er meinte. Im Glitzern der Sterne auf dem See, wussten sie, was er meinte. "Es ist… so… dunkel…"

"Manchmal kann man in der Dunkelheit besser sehen", meinte Sandra und auch sie erklärte ihre Worte nicht. Es gab keine Erklärung in einer mystischen Welt. Alles war eins, alles nur ein Teil. In einer spirituellen Welt regierte der Geist und der Geist war unendlich. Sie brauchten ihre Zelte nicht. Sie blieben einfach die ganze Nacht auf und sahen der einzigartigen Orchestrierung des Universums zu. Wenn wir doch nur unsere Angst vertreiben und unsere Augen öffnen könnten für das, was uns umgibt, statt in ständiger Furcht, uns könnte etwas anspringen wie Richard Oaks, unser Haupt zu senken und wie Quasimodo durch die Wälder zu schleichen, um uns so schnell es geht wieder in den kargen Mauern von Notre-Dame zu verkriechen, in der Hoffnung Esmeralda würde uns eines schönen Tages aus der Tristesse reißen. Niemals sind unsere Gedanken so frei, dass wir den Kopf so hoch erheben könnten, um den Mond zu sehen, die Sterne und die Unendlichkeit. Wir verkriechen uns in Höhlen, weil vor den Höhlen Gefahren lauern, und übersehen dabei, dass Sicherheit nichts wert ist, wenn man den Wind nicht heulen hören kann.

"Wieso verliert sich das Licht der Sterne eigentlich nicht, wenn es so lange unterwegs ist?" fragte Angelo, doch keiner hatte eine rechte Antwort darauf. "Stellt euch das mal vor, wenn das Universum nicht unendlich ist, sondern wie die Erde rund ist, vielleicht irgendwie vierdimensional gesehen, ich weiß auch nicht, aber wenn das Licht irgendwann von der anderen Richtung wieder hier ankommen würde, so wie wir hier wieder von Osten aus ankommen würden, wenn wir nur lange genug nach Westen fliegen, könnten wir dann nicht die Geburt der Menschheit oder gar des Lebens beobachten?"

"Was erzählst du denn da für'n wirres Zeug", erwiderte Kadir, während Manuel Gaußmann, der Bär, vor sich hin brummelte: "…Zeit…. Vergangenheit… Sterne… Licht… nach …millionen."

"Na, jetzt ist es mir aber klar geworden."

"Vergiss die physikalische Spitzfindigkeit dahinter", erwiderte Angelo, "stell dir einfach nur vor, du könntest die ganze Vergangenheit sehen wie in einem Film."

"Und? Wollte ich das überhaupt sehen wollen?"

Angelo stutzte und sah Kadir lange an, bevor er wieder etwas erwiderte: "Dich interessiert nicht, woher wir kommen und wie alles begann?"

"Nein", erwiderte Kadir, "warum auch? Was sollte es mir bringen zu wissen, dass ich aus einer dreckigen Brühe entstanden bin, aus einer Amöbe oder dem Furz eines Sauriers, das ist doch alles kein Teil von mir, nur die Gegenwart zählt und vielleicht noch die Zukunft. Die Vergangenheit aber ist vorbei."

"Man sagt doch, dass einen die Vergangenheit immer wieder einholt", brachte sich Melanie nun ein.

"Aber nur wenn sie einen verfolgt."

"Ach ja, Alex? Na gut, du Schlauberger, wenn es dich auch nicht interessiert, woher wir kommen, was interessiert dich dann?"

"Wohin wir gehen", erwiderte Alex. "Aus der Vergangenheit muss man lernen, aber man darf sie nicht als Gelobtes Land verklären. Im Nachhinein sieht eh alles besser aus, als zu der Zeit, da man selbst da war. Wir dürfen uns nicht an Orten oder Zeiten klammern, höchstens an Ideen. Diese ganze Nostalgie, die Verehrung längst verstorbener Persönlichkeit, dient doch nur der egoistischen Hoffnung, dass sich spätere Generationen genauso an einen selbst erinnern werden. Nicht den eigenen Ideen, den eigenen Taten soll sich erinnert werden, sondern an den eigenen Namen. Doch Namen haben nichts getan."

"Manchmal bin ich nicht sicher, ob wirklich Michael und Reggie hier diejenigen sind, die regelmäßig Drogen nehmen", meinte Angelo wieder, "das ist ja auch ein beschissen wirres Zeug, was du da so von dir lässt."

"Oh, aber deine Vergangenheit, die quer durch das Weltall zur Erde zurückschießt, damit wir uns selbst beim Wichsen zusehen können, ist sinniger."

"Nun mal langsam, nun mal langsam", mischte sich jetzt auch Manuel, der Bär, in überraschend deutlicher, wenn auch immer noch von einem brummenden Unterton begleiteten Stimme ein, "Angelo hat nichts gesagt, was den physikalischen Erkenntnissen widerspricht, auch wenn es nur eine Hypothese war. Du dagegen hast unverständliches Zeug gebrabbelt."

"Gebrabbelt?" erzürnte Alex sich jetzt. "Ich sag dir mal was: die Leute, die am meisten wirres, unverständliches und verrücktes Zeug reden, ja, die Verrückten an sich, sind die, die näher an der Wahrheit sind als irgendwer sonst. Sie bringen Farbe in das Leben, wenn wir das Schwarze und Weiße satt haben. Die Verrückten haben ewige Städte gebaut und sind zu Orten vorgedrungen, die die Normalen niemals sehen werden. Die Vernünftigen verkriechen sich in ihrer Welt der Beschränktheit, in paranoider Angst etwas Neues entdecken zu können. Sie gehen auf so ausgetretenen Pfaden, dass sie schon längst in der Erde verschwunden sind, ungehört und ungesehen."

"Was meinst du dazu, Sandra?" fragte Angelo, doch sie gab keine Antwort.

Sandra war aufgestanden und in der Dunkelheit verschwunden. Keiner sah sie mehr und auch auf mehrmaliges Rufen reagierte sie nicht. Angelo, Kadir, Reggie, Michael, Alex, Melanie und Manuel waren allein dort am Lagerfeuer und nur das Rauschen des Wassers und der Bäume war noch bei ihnen. Der abnehmende Mond bot noch etwas zusätzliches Licht, an dem sie sich orientieren konnten, aber was sein Licht bedeutete, warum es zu ihnen geschickt wurde, das konnten sie jetzt nur noch selbst beantworten. Es gab keine Wahrheiten, nur Meinungen. Und was immer auch war, so oft der Mond auch noch scheinen möge, was in dieser Nacht war, war nur in dieser und würde nie wieder sein. Es gab eine Zeit, an der nichts wirklich zählte. Es gab eine Zeit, in der es nichts gab, das wir nicht wussten. Es gab eine Zeit, da wir wussten, weshalb wir hier waren. Doch diese Zeit war schon so lange vergangen. Nun gab es nur noch den Mond, der durch die Bäume schien und die Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Wie viele Menschen sahen in diesem Moment zu ihm? Wie viele spürten seine Kraft und verdrängten die freien Gedanken, die er ihnen gab mit der lapidaren Lüge, dass man keinem Aberglauben nachhinge? Die grauen Wesen, Big Brother, das sind wir alles selbst, die Gedankenpolizei saß in unseren Köpfen und brachte uns dazu, uns selbst diese geistigen Ketten anzulegen. Der Mond, er verschwand hinter den dichten Blättern der Baumreihen und es wurde finsterer. Der Mond war von der Dunkelheit verschluckt worden und niemand konnte ihn mehr sehen. Doch plötzlich fand ein winziger Lichtstrahl von ihm den Weg durch die Zweige und zeugte in tiefgelber Farbe davon, dass er noch da war. Seine Gestalt konnte zwar niemand mehr erkennen, aber sie ahnten immerhin, dass er immer noch bei ihnen war und sie nie verlassen würde. Er war das Licht in der Dunkelheit, er sah ihre Tränen, hörte ihre stillen Schreie und forderte sie auf ihre Stimmen zu erheben, so dass sie gehört werden würden, von irgendwem, irgendwo, irgendwie, diese winzige Chance, dieser Funken einer Möglichkeit, diese oder eine andere Welt ein kleines bisschen heller erscheinen zu lassen.

Und das letzte, was diese Nacht hörte war Reggies Gesang…

Emancipate yourself from mental slavery
None but ourselves can free our minds

Kapitel 5
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 7