Kapitel 7

Konferenzen


Es war ein anderer Morgen als die, die sie sonst erlebten. Normalerweise war ein Morgen düster, unangenehm und schwerfällig. Doch dieser Morgen war hell, sanft, leise, erfrischend und erfüllend. Wir erhoben uns morgens doch nur deshalb so ungern aus dem Bett, weil das, was der Tag für uns in petto hatte, unterm Strich schlechter war, als dort im Bett liegenzubleiben und weiterzuträumen.

Keiner gab es zu, aber das Haus wieder bewohnbar zu machen, erfüllte sie mit einer inneren Zufriedenheit. Sie hatten noch nicht einmal mit der Arbeit angefangen und machten sich schon Sorgen darüber, was sie tun könnten, wenn aus der Ruine ein Haus und aus dem Stall eine Halle geworden war. Später sollten sie es ihren Freunden in der Stadt erzählen, die sie reihenweise für verrückt erklärten, doch im Schein der Sonne, war das Ausbessern des Daches, das hauptsächliche Kadir und Alex mit einer Handvoll Brettern, die sie am Morgen in einem Baumarkt besorgt hatten, provisorisch abdichteten, eine spirituelle Erfahrung. Für einen Städter, der in seinem Leben nichts anderes getan hatte als auf harten Stühlen in Schulen Klassiker der Weltliteratur zu lesen, um sie dann zuhause mittels einer leuchtenden, strahlenden Maschine auseinanderzunehmen, zu interpretieren, zu drehen und zu wenden, um anschließend den Fernseher als Hofnarren zu missbrauchen, für solch einen Menschen war auch eine solch stupide, inhaltslose Arbeit eine spirituelle Erfahrung. Es war eine andere Lebenszeit, eine Traumzeit, keine Simulation, keine Beschreibung, keine Umschreibung, keine Interpretation, es war das Leben, wie es sein sollte, frei von Politik, frei von Soziologie, frei von Prinzipien und Moral. Es war die Dämmerung der Zeit, an der wir die Welt das erste Mal in Licht erstrahlen sahen, mit Geistern, die sich in Wäldern versteckten in Frieden und Freiheit. Es war die Zeit bevor die Eroberer kamen, die die Natur zu einer Wildnis machten.

Vögel teilten ihre Gesellschaft. Sie schienen keine Angst vor den ungewohnten Menschen zu haben. Sogar zwei Hasen wagten sich gefährlich nah an diese menschliche Gemeinschaft heran, offenbar vergessend, dass Menschen Hasen auch gerne im Kochtopf sahen. Doch ihnen drohte in diesem Moment keine Gefahr und das wussten sie.

Auf dem Gras sonnten sich Enten. Sie waren ruhig und zufrieden. Der Wind rauschte durch die Blätter und bewegte die Wolken am Himmel wie Phantasiewesen, Wesen einer anderen Welt, wie zurückkehrende Drachen.

Alex hatte ein Schild gezimmert und mit einem Pfahl am Rande des Tales in der Erde befestigt. In großen Buchstaben war DYCAMART auf dem Schild zu lesen. Und jeder, der das Tal betrat, musste zuerst dieses Schild lesen. Doch keiner fragte zu jenem Zeitpunkt nach der Bedeutung. Worte hatten noch keine Bedeutung.

Nach dem Mittagessen dann berief Melanie eine Versammlung ein, so als wenn das wirklich nötig gewesen wäre, wo doch ohnehin alle zusammen am See saßen.

"Ich habe mit Herrn Neff gesprochen", begann sie ihre Rede, was Kadir dazu brachte in seiner Tasche zu wühlen und sein Handy herauszuholen.

"Scheiße, ich hab kein Netz hier!"

"Herr Neff möchte, dass die Arbeiten so schnell wie möglich abgeschlossen werden, damit möglichst noch im Spätsommer, vielleicht zu Beginn des neuen Schuljahres, ein großes Eröffnungsfest gefeiert werden kann", fuhr Melanie fort. "Dieses Fest dient dazu, dass Gelände als Jugendzentrum bei den Jugendlichen der Umgebung zu etablieren. Damit aber bereits vorher einige Leute mehr hier sind, die wir als Arbeitskräfte dringend gebrauchen können, wird Herr Neff ab nächster Woche intensiv um Freiwillige in der Oberstufe werben. Falls sich daraufhin nicht genug Oberstufler freiwillig melden sollte, womit zu rechnen ist, wird Herr Neff zusätzlich in der Mittelstufe, die bald Projektwoche hat, die Arbeit auf dem Gelände als Projekt anbieten. Dazu werden sonst eher unattraktive Projekte angeboten werden, was das Interesse hier zu arbeiten, sicher erhöhen wird. Alles in allem sollten wir ab nächstes Wochenende etwa 50 Arbeitskräfte haben, ab übernächster Woche bis zu 100, was zur Herrichtung des Hauses und der Halle mehr als ausreichend sein sollte."

"Welcher Halle?"

"Sie meint den Stall."

"Ach so."

"Soll zu dieser Eröffnungsfeier denn die ganze Schule hier erscheinen?" fragte Alex. "Wie viele Schüler haben wir denn zurzeit?"

"Circa 1.500", antwortete Melanie, "aber alle werden hier nicht erscheinen, wenngleich alle eingeladen sein werden."

"Das wird dem Rasen sicher gut tun."

"Danke, da sprichst du einen sehr wichtigen Punkt an, weswegen ich diese Versammlung überhaupt eingerufen habe. Bei so viel Menschen müssen wir alles gut organisieren, damit wir das Gelände schützen und es zu keinem Chaos kommt. Man stelle sich nur vor: eine Rauferei oder ein medizinischer Notfall, da müssen wir vorbereitet sein."

"a-wob-boppa-lula-alop-bang-boom."

"Äh… ja, was immer du meinst. Auf jeden Fall, habe ich beschlossen, dass ich einige Aufgabenbereiche mit Posten belegen werde."

"Äh, du machst was bitte?"

"Ich verteile Aufgabenbereiche, ich zum Beispiel werde, wie von Herrn Neff gewünscht, die Hauptorganisation übernehmen, ich bin…"

"Du bist dann also so was wie unsere Anführerin?"

"So könnte man es nennen, wobei ich lieber von…"

Alex hatte seine linke Hand gehoben und machte durch heftiges Winken darauf aufmerksam, dass er etwas sagen wollte.

"Ja?"

"Ich bin dafür, dass wir unseren Anführer per Handzeichen wählen."

"Herr Neff hat mich beauftragt, damit ich…"

Diesmal hob Alex seine rechte Hand und winkte noch heftiger. Melanie hatte schon einen etwas ungehalteneren Ton in der Stimme.

"Ja?"

"Ich erkläre Dycamart hiermit zur Demokratie und führe das Mehrheitswahlrecht ein. Also wer will sich zum Anführer aufstellen?"

"Verdammt noch mal, Alex", schimpfte Melanie lauthals, "lass jetzt den Quatsch! Du weißt genau, was Herr Neff über die ganze Sache gesagt hat, dass er nämlich hier die Oberaufsicht hat und ich bin seine Vertreterin."

Jetzt warf Alex beide Arme gleichzeitig in die Luft und winkte so heftig, dass ein Außenstehender wohl von einem epileptischen Anfall gesprochen hätte.

"Jetzt hör damit auf, Alex! Ich versuche hier ernsthaft etwas auf die Beine zu stellen und du findest scheinbar alles einfach nur witzig, was?"

"Humor wird aus dem Schmerz geboren."

"Echt? Ich dachte aus dem Scherz."

"Ach, haltet die Klappe! Also, ich erkläre mich von daher selbst zur Organisationschefin, oder kurz O.C."

"Pfffffffffffffffffff", Reggie brach in schallendes Gelächter aus. Er kugelte sich auf dem Boden in Gras, hielt sich den Bauch, als hätte er dort Schmerzen, und schrie dann seine Worte heraus wie selten zuvor, "O.C., oh-weh, geh nicht aufs W.C., sonst landest du im O.P., wuahahaha."

So schwer es auch fiel, Melanie ignorierte Reggie, der sich minutenlang nicht mehr einkriegte: "Der offizielle O.C.-Sprecher und Vize-O.C. ist Manuel."

"Buahaha", obwohl es unmöglich schien, lachte Reggie noch lauter, "Manuel ein Sprecher… der Bär persönlich, das ist ja der helle Wahnsinn, oh Boys, ich habe Tränen in den Augen, Melanie ist echtes Tränengas, uahahaha."

"Wir werden auch die Geldmittel, die uns zur Verfügung stehen, verwalten müssen, nicht das uns plötzlich das Geld ausgeht und dann Türen und Fenster irgendwo fehlen. Von daher habe ich einen Beauftragten für Wirtschafts- und Geldfragen bestimmt, und das ist Angelo."

"Aaaah, Angelo? Der kann ja nicht mal sein Taschengeld verwalten."

"Dann wird jemand die Arbeit an den Gebäuden organisieren müssen. Also nicht, was genau getan werden muss, das bestimmt mein Freund, weil der als einziger davon Ahnung hat, sondern wir brauchen jemanden, der die Arbeitskräfte so einteilt, dass überall genügend vorhanden sind und nirgends zu viel. Wir brauchen also eine Art Vorarbeiter, ich nenne ihn Arbeitsorganisationschef oder kurz A.C."

Sie verschluckte das C ein wenig, was Reggie dazu nutzte, etwas anderes zu hören: "Der Arsch?"

"Oh, Reggie, jetzt hör endlich auf dazwischen zu plappern, das ist ja unerträglich. Also A.C. ist Alex."

"Oh, Alex, jetzt bist du ganz offiziell der Arsch."

"Mr. Arsch für dich", erwiderte Alex, "oder Dr. Arsch."

"Na, immer noch besser als O.C., was hieß das noch mal? Oster-Clown?"

"Organisationschefin! Dann habe ich noch an eine Sicherheitsperson gedacht, um Streitigkeiten zu klären und dafür Sorge zu tragen, dass die Geländeordnung eingehalten wird."

"Die was? Was denn für eine Geländerordnung?"

"Die werden wir gemeinsam noch erarbeiten, alle Leute, die einen Posten haben, sind gleichzeitig Mitglied eines Art Rates, in dem wir unsere Vorgehensweise und etwaige Probleme, die auftauchen sollten, besprechen."

"Ich hab Kopfschmerzen."

"Wie auch immer, dieser Sicherheitsorganisationschef, S.C., ist Kadir. Und jetzt kannst du dich wieder schief lachen, Reggie, aber was sagst du dazu, dass du keinen Posten kriegst? Hä? Das findest du jetzt wahrscheinlich scheiße, oder?"

"Weißt du, Jesus haben sie auch zurückgewiesen."

"Du vergleichst dich mit Jesus?"

"Na, du bist's ja wohl sicher nicht!" und mit diesen Worten erhob sich Reggie, zog sich nackt aus und ging in den See schwimmen, während Melanie ihre Selbstinszenierung fortführte.

"Also, des Weiteren mache ich Sandra zur Frauenbeauftragen."

"Na, wenn das kein Job ist, den ich schon mein ganzes Leben lang machen will", erwiderte diese, während sie abseits auf dem Fensterbrett des Hauses im Schatten saß.

"Was ist mit mir?" fragte Michael. "Ich will auch eine Aufgabe haben."

"Tja, tut mir leid", erwiderte Melanie, "das sind alle Aufgaben und für dich…"

Alex flatterte wieder mit seiner rechten Hand in der Luft und grinste zudem dämlich.

"Verdammt, Alex, sag doch einfach, was du sagen willst."

"Ich bin dafür, dass wir Michael zum D.O.C: machen."

"Zum Doc?"

"Ja, zum Demokratie-Organisationschef. Außerdem stelle ich den Antrag, dass wir sofort per Handzeichen darüber abstimmen, ob wir in Zukunft alles per Handzeichen abstimmen… Reggie… Reggie? Komm aus dem Wasser raus, wir machen eine Abstimmung."

"Nein, wir machen keine Abstimmung", erwiderte Melanie mit piepsiger Stimme, "warum sollten wir auch? Ich bin…"

"Wir machen das, weil Dycamart eine Demokratie ist."

"Dycamart? Was ist denn Dycamart?"

Alex zeichnete mit seinem rechten Arm einen Halbkreis und deutete so auf das Gelände samt See. "Na, das alles hier ist Dycamart. Als O.C. solltest du das aber wissen."

"Ah ha, ich finde, wir sollten einen passenderen Namen finden, aber das können wir ja bei einer Sitzung des Rates besprechen."

"Moment, daran darf ich, wenn ich es richtig verstanden habe, gar nicht teilnehmen, weil ich keinen Posten bekommen habe"; sagte Reggie, der immer noch völlig nackt war, so wie er aus dem Wasser gekrochen war, und seine Blöße ungeniert vor Melanie präsentierte, die so tat, als würde sie das gar nicht bemerken. "Und Michael auch nicht."

"Ganz recht", antwortete Melanie, die froh war, dass Michael zur Sprache kam, so konnte sie ihren Blick auf ihn richten. "Und wenn ich mir deinen Auftritt hier so ansehe, dann bin ich froh um diese Entscheidung."

"Was denn für einen Auftritt?" fragte Michael.

"Nicht deinen, Reggies Auftritt."

"Aber ich bin doch auch ausgeschlossen."

"Ja, aber wenigstens nicht ausgezogen", meinte Kadir und sah die Versammlung damit als beendet an. Zumindest stand er vom Rasen auf und betrat das einsturzgefährdete Haus, um auf dem Dach weitere Holzbretter anzubringen, nicht weil das noch nötig gewesen wäre, sondern nur um diese Versammlung zu einem Ende zu bringen und nebenbei auch noch ein paar Aggressionen an dem hilflosen Holz auszulassen. Er schrie laut mit irgendwelchen imaginären Personen, als er das Haus betrat: "Was macht ihr denn da? Das glaube ich ja nicht, ihr sollt Organisieren und nicht Onanieren!"

Die nächsten Wochen verliefen überaus angenehm und erfolgreich. Melanies Freund präsentierte sich als äußerst sympathische Persönlichkeit mit Kompetenz, so dass die Arbeiten an Haus und Halle zügig vorangingen. Etwa 17 Leute aus der Oberstufe, sowie die gesamte Klasse 9c und die Mädchen der Klasse 8d hatte Herr Neff dazu gebracht, bei den Arbeiten in Dycamart mitzuwirken. Zudem gelang es ihm, eine Reihe von Sponsoren zu gewinnen, die mit Spenden eine Baufirma bezahlten, welche die komplexeren Aufgaben erledigten, das Dach ausbesserte, die Statik überprüfte und in der Halle Wände hochzog, damit man dort Zimmer für Übernachtungen einrichten konnte. Alles in allem sah es so aus, dass der geplante Termin für die Eröffnungsfeier, nämlich das letzte Wochenende der Sommerferien, eingehalten werden konnte.

An einem brütend heißen Nachmittag, der zu heiß war um zu arbeiten, saßen Alex und Angelo am See, ließen ihre Füße im Wasser baumeln und genossen die Sonne, während sie sich über selbige beschwerten.

"Bei Padre Pio ist das heiß hier", fluchte Angelo, während man irgendwo in der Ferne Reggie singen hören konnte. "diese Sonne macht mich so träge, Alex, ich halte das bald nicht mehr aus."

"Du musst dich beschweren", erwiderte Alex, "du bist doch Italiener, Mann, man sollte meinen, dass du es hier in Deutschland immer ein wenig zu frisch findest."

"Vielleicht ist's auch das Leben, das mich so fertig macht…, weißt du", er blickte hoch zu einem Baum, dessen Äste sich im leicht aufkommenden Wind wogten, so als wollten sie die Idylle erhalten, ganz zum Trotz von Angelos Gefühlen. "Ich meine, wie lange kennen wir Sandra jetzt schon?"

Alex rechnete. "Ein paar Wochen, ich weiß nicht genau."

"Ganz genau, seit Wochen. Und seit Wochen hat sich nichts getan. Nichts! Ich sag dir, wenn sich nicht bald was ändert, bringe ich mich um."

"Jetzt red' nicht so'n Quatsch."

"Doch. Verdammt noch mal, ich halte es nicht mehr aus. Mir ist ganz egal, was die Leute sagen, dass sie 20 Jahre älter ist und so, kommt es denn auf das Alter an? Ist nicht gerade das gegen das Prinzip der Liebe, von der so viele reden? Die Liebe ist doch… ich meine… verstehst du denn nicht, was ich sagen will? Ich liebe sie. Wirklich! Und daran kann nichts ändern, was andere sagen, andere meinen, andere wollen. Das ist doch nur der Neid. Mentale Sklaverei, wie Reggie sagen würde."

"Hör mal, Angelo, warum erzählst du mir das? Erzähl das ihr!"

"Das kann ich nicht."

"Warum nicht?"

"Weil die Chance, dass sie genauso empfindet besser ist als die Gewissheit, dass es nicht so ist."

Alex sagte nichts mehr und blickte stattdessen in den blauen Himmel. Friede und Freiheit sah er dort, Engel tanzten, Seelen sangen, und inmitten all dem war er selbst und sah alles, fühlte alles. Doch da war ein Summen (und es war nicht Reggie), ein Brummen oder ein Schnurren, das sich ganz entfernt noch in der Weite der Endlosigkeit anschlich, die Witterung aufgenommen hatte und sich Dycamart näherte.

"Okay, Ratsversammlung", rief Manuel in gewohnt brummiger Stimme und nur widerwillig sammelten sich die Mitglieder in dem Haus, in dessen größtem Zimmer ein Versammlungsraum eingerichtet worden war. Zunächst hatten sie noch im Erdgeschoss "getagt", aber da dann immer die anderen durch das Fenster hineinglotzten, verriegelten sie die Türen und zogen sich im Obergeschoss zurück, wo es jetzt im Sommer so stickig und heiß war, dass Melanie üblicherweise leichtes Spiel hatte, ihre Vorstellung durchzusetzen, einfach weil die anderen so schnell wie möglich wieder aus dem Haus raus und am besten in den See schwimmen gehen wollten.

Neben den offiziellen Mitgliedern Melanie, Manuel, Alex, Kadir, Angelo und Sandra war auch Melanies Freund immer anwesend. Da Melanie nie seinen Namen erwähnt hatte und Reggie einmal aus diesem Mangel heraus gemeint hatte, dass der "Studenten-Charlie" etwas Hilfe bräuchte, nannten ihn alle einfach nur Charlie.

Melanie betrieb diese Sitzungen mit dem nötigen Ernst. Auf dem Tisch hatte sie für alle kleine Schilder aufstellen lassen. Außer für ihren Freund, da dieser kein offizielles Mitglied des Rates war.

Auf diesen Schildern stand der Name der Person, die an diesem Platz sitzen sollte, ebenso wie deren Aufgabenbereich. Was man also dort las war (im Uhrzeigersinn): Melanie Kurt - Organisationschefin, Manuel Gaußmann - Vize-O.C., Alex Winkler - Arbeitsorganisationschef, Angelo Sasso - Beauftragter für Wirtschaftsfragen, Kadir Yildiz - Sicherheitsorganisationschef und Sandra Phillip - Frauenbeauftragte.

Vor sich hatte Melanie einen reichlich dämlich wirkenden Gong aufgestellt, gegen den sie jedes Mal zur Eröffnung der Sitzung schlug, so als wollte sie zum Mittagessen rufen - Ping!

"So, ich begrüße euch herzlich zu dieser Sitzung", begann sie, "die Tagesordnung ist wie immer vollgepackt, so dass wir keine Zeit verlieren sollten. Punkt 1 ist natürlich die nahende Eröffnungsfeier. So wie es zurzeit aussieht, dürfte das gröbste der Arbeiten tatsächlich zum geplanten Termin fertig… äh, schreibt eigentlich einer mit? Ach, Angelo könntest du das Protokoll heute übernehmen? Danke... also Herr Neff hat mir einige Anregungen gegeben, im Großen und Ganzen ist er aber der Meinung, dass wir das meiste selbst organisieren sollten. So, Manuel, wenn du so gut wärst und den Ablaufplan vorlesen würdest, so weit wir ihn bisher ausgearbeitet haben."

"Wir?" erwiderte Alex, weil er zum ersten Mal von diesem Ablaufplan hörte, wie alle anderen außer Melanie, Manuel und Charlie auch.

"Ja", bestätigte Melanie. "Manuel, Herr Neff und ich haben diesen Plan ausgearbeitet. Du weißt doch selbst, dass man solches organisatorische Zeug am besten im kleinen Kreis ausarbeitet. Details dazu können wir ja jetzt besprechen, dazu ist diese Versammlung ja da… also, bitte, Manuel, fang an."

"Okay", brummte dieser, doch aus dem Rascheln des Papiers in seiner Hand konnte man eher Worte heraushören als aus seinem Mund, "Freitag 15:00 Uhr: Beginn der Veranstaltung, 17:00 Uhr: Eröffnungsrede von Herrn Neff, 18:00 Uhr bis Anbruch der Dunkelheit: Vorrundenspiele im 2 gegen 2 Volleyballspiel…"

"Volleyballspiel?"

"Ja", bestätigte Melanie, "Herr Neff hat eine sportliche Veranstaltung vorgeschlagen und Volleyball schien mir der Sport zu sein, der am ehesten auf dem Gelände machbar ist."

"Warum nicht Synchronschwimmen", bemerkte Kadir, "ein genialer Sport, man sieht nackte Beine und die Gesichter der Mädels sind unter Wasser, der Traum eines jeden Mannes."

"He, geile Idee", erwiderte Alex mit einem breitem Grinsen im Gesicht, "und gleich anschließend, können sie noch ein kleines Turnier im Schlammcatchen austragen, wo sie doch ohnehin schon nass sind."

"Würdet ihr bitte ernst bleiben!"

"Okay, aber ganz im Ernst haben wir einen riesigen See und ein Schwimmwettbewerb würde sich anbieten, Freistil, einmal um die Insel und zurück."

"Mag sein", war Melanies Antwort, "aber Herr Neff organisiert jetzt schon Netze und Bälle und für mehr als eine Sportveranstaltung ist an dem Wochenende keine Zeit mehr."

"Ich denke, wir beschließen hier in dieser Versammlung, was an dieser Feier stattfindet und was nicht", langsam kippte Alex Stimmung, "wieso organisiert dann Herr Neff jetzt schon Material für eine Veranstaltung, die wir noch gar nicht beschlossen haben?"

"Ganz einfach, Alex", auch Melanies Stimme wurde ungehaltener, bei ihr fehlte jedoch die charismatische Autorität, die Alex besaß, Melanie piepste in hohen Töne, so dass nur Charlie sie ängstlich anblickte, "stell dir mal vor, wir würden heute erst anfangen darüber nachzudenken, was wir bei der Eröffnungsfeier machen, bis wir zu einer Einigung kämen, vergingen Stunden, vielleicht Tage, es wäre einfach die Zeit zu knapp, um mehr als das Volleyballturnier zu organisieren. Hättest du wirklich Interesse daran gehabt, die Feier mitzuorganisieren, hättest du einmal ein bisschen früher kommen können, statt nur faul am See rumzuliegen."

"Ich glaube, dir haben sie ins Gehirn gekackt!" brüllte Alex sie an, was allerlei beschwichtigende He's der anderen zur Folge hatte. "Ich habe wochenlang hier die ganzen Arbeiten organisiert. Hier wäre nichts für diese bekloppte Feier fertig, wenn ich mir nicht den Arsch aufgerissen hätte!"

"Genau genommen", brachte sich nun Charlie in aller Ruhe in die Diskussion ein, "würde ohne mich hier nichts fertig sein."

"Es ist natürlich wenig überraschend, dass du für Melanie Partei ergreifst", Alex war aufgesprungen und tobte nun vor Wut, "immerhin musst du ja dafür Sorge tragen, dass du deinen Schwanz heute Abend irgendwo reinstecken kannst!"

Das brachte nun Manuel auf den Plan, der ebenfalls aufsprang und überraschend laut und deutlich Alex zurechtwies: "Jetzt ist aber genug, Alex! Wenn du dich nicht sofort wieder beruhigst, werde ich Kadir leider bitten müssen seines Amtes als Sicherheitsorganisationschef zu walten."

"Was soll das heißen?"

"Um diese Versammlung konstruktiv zu halten, würde ich Kadir bitten müssen, dich zu entfernen."

"Zu entfernen?"

"Kadir?"

Alle blickten nun Kadir an, der noch mit einer Reaktion zögerte und nach den richtigen Worten zu suchen schien.

"Ja", sagte er dann leise, "so leid es mir tut, Alex, aber das ist letztendlich meine Aufgabe, und auch wenn ich dir inhaltlich zustimme, ist die Form deines Auftretens völlig kontraproduktiv und führt zu nichts."

Alex starrte seinen Freund eine Weile an und setzte sich dann wieder unter lautem Gepolter auf seinen Stuhl, allerdings in einer Körperhaltung, die deutlich machte, dass er nichts mehr zu dieser Sitzung beitragen wollte.

Auch Manuel setzte sich wieder und brummte in gewohnter Weise weiter: "Also, Volleyball bis Anbruch der Dunkelheit. Danach gemeinsames Lagerfeuer, feierlich entzündet nach einer Rede der Organisationschefin. 1:00 Uhr nachts: Ende des Tages, Herr Neff hat eine Übereinkunft mit einem Busunternehmen getroffen, die Pendelbusse zwischen hier und der Schule im halbstündigen Rhythmus fahren lässt, so dass jeder relativ schnell zuhause sein kann. Es besteht aber auch die Möglichkeit auf dem Gelände zu übernachten, entweder in den Zimmern in der Halle, so sie bis dahin auch wirklich fertig sein sollten oder aber in Zelten."

"Was ist mit den Zimmern hier im Haus?" fragte Sandra.

"Die bleiben aus organisatorischen Gründen den Ratsmitgliedern und Herrn Neff vorbehalten", antwortete Melanie, "mach weiter, Manuel!"

"Gut, Samstag. 9:00 Uhr: gemeinsames Frühstück, 11:00 Viertelfinalspiele des Volleyballturniers, 13:00 Uhr: gemeinsames Mittagessen, 15:00 Halbfinalspiele, 17:00 Uhr: Finale. 19:00 Uhr: Beginn des Kulturabends… äh, dazu wollte Melanie noch was sagen?"

"Ganz recht", übernahm diese das Wort. "Herr Neff meinte, wir sollten auch etwas aus der Hochkultur darbieten, daher dachte ich an eine Theateraufführung, mein Vorschlag wäre Romeo und Julia, aber ich bin auch gerne für ein anderes Stück bereit."

"Wie wäre es mit einem selbstgeschriebenen?" meinte Sandra.

"Davon halte ich nichts", erwiderte Melanie, "ich meine, wir haben niemanden, der die Fähigkeiten hätte ein Theaterstück zu schreiben."

"Ich glaube Michael ist sehr talentiert", widersprach ihr Sandra, woraufhin Melanie überrascht lachte.

"Nein, Michael ist ein Chaot. Er würde womöglich irgendwelche Drogenfantasien abliefern. Außerdem bräuchte es viel zu viel Zeit so ein Stück zu schreiben, es muss ja auch noch geprobt werden und so viel Zeit ist nun wirklich nicht mehr bis zum Fest."

"Da bin ich anderer Meinung", Sandra ließ nicht locker, "Ich bin sicher, dass Michael ein solches Stück innerhalb eines Tages schreiben kann."

"Da stimme ich zu", unterstützte Alex nun die Idee, "und ich würde gerne die Regie übernehmen."

"Na super", nölte Melanie, die wegen seines aufbrausendem Verhaltens kurz zuvor immer noch schlecht auf Bemerkungen von ihm zu sprechen war, "ein Junkie und ein Möchtegern-Revoluzzer."

Kadir blickte sie daraufhin erst sehr ernst und dann mit einem kaum verschleierten hämischen Lächeln an und sagte: "Äh, Melanie, wenn du nichts konstruktiveres zu dem Thema beizutragen hast als Michi und Alex zu beleidigen, müsste ich leider meines Amtes als Sicherheitsorganisationschef walten und dich aus der Sitzung entfernen."

Das brachte Melanie zum Kochen. Ihr Gesicht wurde feuerrot, Flammen kamen aus ihren Nasenlöchern und ihre tief nach unten gezogene Mundwinkel machten sie so hässlich, dass sogar Charlie Kadir zustimmte.

"Na schön", krächzte sie, "meinetwegen könnt ihr das machen. Aber ich warne euch: wenn irgendein Scheiß dabei herauskommen sollte, irgendeine Provokation gegenüber Herrn Neff oder sonst wem, dann werde ich euch beide, dich, Alex, und dich, Kadir, aus dem Rat entfernen lassen! Habe ich mich klar ausgedrückt? Gut, dann mach weiter, Manuel!"

"Okay, der Samstagabend endet mit einem weiteren Lagerfeuer. Schluss ist um 3:00 Uhr. Sonntag. 8:00 Uhr: gemeinsames Frühstück. 10:00 Uhr: Gottesdienst, zw…"

"Gottesdienst? Was soll denn das?"

"Herr Neff meinte, dass viele Eltern besorgt sein könnten", erklärte Melanie diesen Punkt, "manche werden vielleicht das ganze Wochenende hier sein, sie sollten ein wenig spirituellen Halt bekommen."

"Hä? Welche Eltern sollen das sein? Kaum welche von unseren Eltern scheren sich doch einen Dreck um die Kirche. Das ist doch allein auf Neffs konservativen Mist gewachsen."

"Ich verbitte mir diese Unterstellung, mach weiter, Manuel!"

"15:00 Uhr: Eintreffen der Sponsoren, äh…"

"Ja, genau", übernahm Melanie sofort wieder das Wort, wenn es um mehr ging als vom Blatt abzulesen, "eine Menge guter Menschen haben das Projekt mit Geld unterstützt. Ohne das Geld dieser Firmen und Privatpersonen wäre es nicht möglich gewesen, Haus und Halle wieder herzurichten. Herr Neff und ich werden sie am Sonntagmittag auf dem Gelände herumführen, um ihnen zu zeigen, für was sie ihr Geld gegeben haben. Manuel?"

"18:00 Uhr: Abschlussrede von Herrn Neff, anschließend Abschlussfeier mit Auftritt des Schulorchesters."

"Was? Die schleppen alle Instrumente hierher?"

"Das wird dem Rasen sicher gut tun."

Melanie ignorierte das, richtete stattdessen ihren Zopf, obwohl das gar nicht nötig gewesen wäre und erklärte dann lapidar, dass der Rat dieses Programm nun absegnen müsste, machte aber gleichzeitig auch klar, dass Herr Neff samt seiner Sponsoren ihnen den Hahn zudrehen würde, falls sie das Programm nicht annahmen.

"Das heißt, wir dürfen das ganze nur abnicken?"

"Genau. Nächster Punkt auf der Tagesordnung, Manuel?"

"Der Name für das Gelände."

"Richtig, mein Freund und ich haben uns gemeinsam ein paar mögliche Namen für das Gelände ausgedacht."

"Aber es hat doch schon einen Namen", protestierte Alex, "Dycamart haben wir es genannt, schon vor Wochen."

"Das ist doch nicht dein Ernst", erwiderte Charlie, "was soll das denn bedeuten?"

"Muss es was bedeuten?"

"Ich denke ein Name sollte besonders treffend für das hier sein, Melanie, äh, wärst du so freundlich, die Namen mal vorzulesen?"

"Okay, also wie ist das? Jugendkulturzentrum Goetheschule?"

"So heißt unsere Schule doch gar nicht."

"Ja, aber das klingt besser. Oder wie wäre es mit einer Anspielung auf die vielen Eichen, die hier stehen? Kulturzentrum Eichenwald?"

"Na ganz toll, das kann man dann ja als KZ Eichenwald abkürzen. He, wie wär's mit Bumskaserne Buchenwald?"

Melanie ignorierte das. "Weitere Namen, die uns kamen sind: Sozialer Bund für Verständnis unter Jugendlichen, kurz SBVJ… stellt euch das vor, das klingt doch gut, oder? ‚Geht ihr heute noch in den SBVJ'? Das wirkt doch toll, oder? Oder was ist mit: Goethewaldzentrum für Jugendliche?"

"Was hast du nur dauernd mit deinem bescheuerten Goethe?"

"Christliches Jugendkulturzentrum für…"

"Stopp! Stopp! Stopp! Das reicht", Kadir war auf 180 oder noch höher, "wieso bitteschön christliches Jugendkonzentrationslager?"

"He, Konzentrationslager habe ich nie gesagt!"

"Aber gemeint! Was soll das mit dem christlich? Ich bin kein Christ und wenn ich an die Geschichte der Katholischen Kirche denke, so glaube ich, dass ich mich nicht schämen muss, kein Christ zu sein!"

"Ach, als wenn der Islam so viel besser wäre, ihr stürzt euch für Allah doch in den tot. Selbstmord ist für einen Christen…"

"Oh ja, ihr Christen seid subtiler als wir, ihr stürzt euch nicht mehr in den Tod, ihr bringt uns dazu, dass wir uns selbst umbringen. Das ist geschickter, so hat man keine Kollateralschäden, was?"

"Langsam, langsam, fangt hier keinen Heiligen Krieg an", versuchte Charlie zu beschwichtigen, "es sind doch nur Vorschläge, ich würde sagen, wir stimmen ganz simpel darüber ab. Was haltet ihr denn von den Namen Junge Freiheit?"

"Ich drück dir gleich deinen Riechkolben in den Hinterkopf, du Nazi!"

"Ach, halt die Klappe, Kadir", maulte Manuel und dann zu Melanie gewandt: "Dann müssen wir Punkt 3 der Tagesordnung doch noch behandeln."

Melanie nickte.

"Was ist denn Punkt 3?" fragte Kadir. "Hä? Ich versteh' gar nichts."

"Dazu kommen wir gleich, zunächst stimmen wir über einen Namen ab", sagte Melanie, "ich bin für Sozialer Bund für Verständnis unter Jugendlichen. Manuel, was meinst du?"

"Kulturzentrum Eichenwald."

"Ich bleibe bei Junge Freiheit", gab Charlie seine Stimme ab.

"Und ich bleibe dabei, dass ich dir die Fresse poliere, sobald ich Gelegenheit dazu habe!"

"Kadir, jetzt hör auf damit", schimpfte Melanie besorgt, "Das ist doch ein recht schöner Name wie ich finde. Welcher Name gefällt dir denn am besten?"

Kadir blickte von einem zum anderen, die alle gespannt auf seine Antwort warteten. Alex saß mit verschränkten Armen nach hinten gesunken in seinen Stuhl und sein Gesicht sprach Bände, ihn widerte die ganze Sache an. Angelo versuchte sich auf die Diskussion zu konzentrieren, doch die Tatsache, dass er noch kein Wort gesprochen hatte, ließ darauf schließen, dass er doch wieder nur über Sandra nachdachte. Sandra selbst wirkte interessiert, Melanie selbstbewusst, Manuel gelangweilt und Charlie grinste dämlich.

"Jetzt sag schon, Kadir, welchen Namen?"

"Dycamart", erwiderte Kadir und sah wie Alex sofort wieder begeistert bei der Sache war, sich nach vorne beugte und auf Melanies Reaktion wartete. Die machte ein Gesicht, das irgendwas zwischen Ärger und Mitleid ausdrückte.

"Nur Namen, die vorgeschlagen wurden."

"Warum?" sagte Alex sofort. "Warum solltest nur du und dein Weichei Vorschläge dazu machen?"

"Das ist doch kein Name, das bedeutet doch gar nichts."

"Aber Jugendkulturzentrum Goetheschule?"

"Ich…"

"Also, wenn ich vielleicht auch mal was sagen dürfte", meinte Sandra vorsichtig und wurde sofort von Melanie unterstützt: "Ja, gerne, vielleicht kannst du sie zur Vernunft bringen."

"Also ich finde Dycamart ist ein guter Name", erwiderte sie zum Schrecken Melanies.

"Was?" kreischte diese. "Du unterstützt diesen Schwachsinn auch noch? Habt ihr euch mal überlegt, wie Herr Neff das unseren Sponsoren erklären soll. Die werden doch wissen wollen, was dieser Name bedeutet."

"Ja eben, das ist doch das gute", meinte Sandra, "der Name fordert die Leute regelrecht heraus zu fragen, was er bedeutet. Bei Jugendkulturzentrum reagiert doch keiner mehr, das ist langweilig und nicht originell."

"Ich stimme zu", erhob Angelo das erste und einzige Mal seine Stimme, "ich bin auch für den Namen Dycamart."

"Und ich sowieso", meinte Alex, "damit haben wir 4 Stimmen für Dycamart und mich deucht, das ist die Mehrheit."

"Dich deucht dies?"

"Klar."

Melanie knurrte vor sich hin, sah aber ein, dass sie in diesem Punkt geschlagen war. Dennoch war sie zufrieden, denn sie erkannte etwas, was die anderen noch nicht erkannten. Wenn die 4 geschlossen auftraten, konnten sie ihre "Fraktion" aus Manuel, Charlie und sich selbst überstimmen. Deshalb musste sie ihre eigenen Reihen stärken und die Gegenseite schwächen. Sie hatte damit ja bereits angefangen, indem sie Michael und Reggie aus dem Rat heraushielt mit einer Begründung, die auch für Charlie gegolten hätte, der aber volles Mitspracherecht genoss. Und sie hatte an diesem Tag ja noch ein Ass im Ärmel.

"Okay, kommen wir dann zu Punkt 3 auf der Tagesordnung", sagte Manuel, "die Sicherheit. Wir sind der Meinung, dass es gefährlich ist die Sicherheitsfragen alle in die Hand einer einzigen Person zu legen. Was zum Beispiel wenn Kadir über die Stränge schlägt? Wer kontrolliert ihn? Wir haben daher ein Sicherheitssystem der gegenseitigen und konkurrierenden Kontrolle ausgearbeitet, das sich in 3 Bereiche teilt. Zum einen bleibt Kadir Sicherheitsorganisationschef, dies beinhaltet allerdings nur, dass er das Sicherheitspersonal, also Ordner und so, organisiert. In Zukunft handelt er aber nicht mehr auf Eigenermessen, sondern auf direkte Anweisung, nämlich durch die Organisationschefin oder durch den Vize-O.C."

Proteste kamen in der Opposition hoch, doch Melanie bat das ganze erklären zu dürfen.

"Es ist doch ganz logisch, dass Kadir sich nicht selbst kontrollieren kann. Wenn sich jeder selbst kontrollieren könnte, dann bräuchten wir gar keine Sicherheitsabteilung. Von daher gibt es ein System der direkten gegenseitigen Kontrolle. Also ich als O.C. und Manuel als Vize-O.C. geben Kadir die Anweisung einzuschreiten, wenn die Grenzen der Regeln unakzeptabel überschritten wurden. Manuel und ich sagen also wann Kadir eingreifen muss, dann greift Kadir ein und als dritte Achse im Glied bestimmt Herr Neff dann wie der entsprechende Verstoß geahndet werden wird. Jedes dieser drei Glieder hat also die Möglichkeit Ungerechtigkeiten abzublocken. Kadir kann nicht von sich aus handeln und wenn Manuel oder ich Scheiße bauen, kann sich Kadir selbstverständlich weigern unsere Anweisung auszuführen, selbiges gilt für Herrn Neff, der sich weigern kann, eine Strafe auszusprechen."


"Und wenn jemand von euch, also du, Kadir, Manuel oder Neff die Regeln bricht, dann könnt ihr euch doch alle aus der Schlinge ziehen, indem ihr euer Veto einlegt."

"Aber jetzt mach dich doch nicht lächerlich. Keiner von denen die hier am Tisch sitzen, will doch… Dycamart ernsthaften Schaden zufügen, es geht doch nur darum, die Kinder da draußen unter Kontrolle zu halten… okay, das war's von unserer Seite aus, gibt's noch was von euch aus?"

Alex fuchtelte wieder wild mit dem linken Arm in der Luft.

"Hör mit dem Quatsch auf und sag einfach, was du sagen willst."

"Gut, ich will, dass Michael und Reggie einen Sitz im Rat bekommen."

"Und mit welcher Aufgabe willst du die beiden Chaoten betreuen?"

"Da fällt mir schon noch was ein."

"Abgelehnt!"

"Ich sage, wir stimmen darüber ab."

"Und ich sage, dass alle nötigen Posten bereits vergeben sind, wenn Du Michael oder den bekloppten Reggie im Rat haben willst, dann wirst du schon von deinem eigenen Posten zurücktreten müssen. Nur dann wäre ein Platz in diesem Raum frei."

Danach wurden noch einige Kleinigkeiten besprochen, wie dass man portable Toiletten, Dixi-Klos oder etwas ähnliches anschaffen müsste, da lediglich eine Toilette im Haus vorhanden und das definitiv zu wenig sein würde, schon jetzt stand immer eine Schlange davor und am Tag der Feier würden sie dann wortwörtlich tief in der Scheiße sitzen. Alex bekam 2 Tage Zeit, um Michael dazuzubringen, das Theaterstück zu schreiben und die Rollen zu besetzen, wobei Melanie darauf bestand selbst eine Rolle zu übernehmen. Und als alle aufstanden und den Raum verließen, fing Angelo schließlich an, loszuplappern wie ein Wasserfall, alles herauslassen, was er in seiner Angst und Verklemmtheit Stunden, Tage und Wochen verborgen hatte.

"Ich… äh, ich… das ist nicht richtig. Wir… wir machen einen Fehler, das kann ich fühlen. Irgendwas stimmt hier nicht, irgendwas hier ist faul. Versteht ihr nicht? Wir machen die Fehler wieder und wieder und wieder. Jede Sekunde, wir müssen es hier und jetzt beenden, sonst gerät alles unter Kontrolle. Kontrolle gibt's nur ohne Kontrolle, versteht ihr das denn nicht…"

"Angelo…"

"Nein, nicht Angelo, mein ganzes Leben höre ich immer nur Angelo hier, Angelo da, jetzt rede ich einmal hier und ihr hört mir zu. Ich bin doch kein Statist in einer Geschichte, erzählt von jemanden, der nicht so recht weiß, was er mit mir anfangen soll und mich nur deshalb am Leben lässt, nur deshalb nicht auslöscht, so dass es mich nie gegeben hätte und selbst ihr euch nicht an mich erinnert, damit ich später etwas tun muss, was ich gar nicht tun will, aber muss, weil es der Grund ist, weswegen ich hier bin. Aber das werde ich nicht zulassen!"

"Angelo…"

"Schnauze! Ich werde Sandra nichts tun, versteht ihr?"

"Warum solltest du Sandra etwas…"

"Weil ich sie liebe, verdammt."

"Du tust was?"

"Klappe! Klappe! Klappe! Ich rede! Und nur ich. Ihr gehört doch dazu, ihr alle, ihr seid Teil von ihm!"

"Von wem sind wir Teil?"

"Von ihm natürlich, seid ihr so begriffsstutzig? Er hört uns, er kontrolliert uns, er beeinflusst uns und wir merken es nicht mal. Er ist schon die ganze Zeit hier und bestimmt unser Leben, so als sei er Gott, er ist hier, hier, hier, nur hier und draußen, er kann Dämonen zu uns schicken, wenn er will und sie nie wieder verschwinden lassen weil er die Macht hat alles zu tun allesallesallesallesallesallesallesallesalles er verliert jede Schlacht doch gewinnt trotzdem den Krieg er ist schneller besser und intelligenter als wir alle weil wir teil seines krankengeistessindderunserallerübelist…"

"Jetzt unternimm doch was, Kadir!"

"…verdammtnochmalihrwerdetesnochbegreifenabererstwenneszuspätist…"

Kadir holte mit dem Ellbogen aus und versetzte Angelo dann einen astreinen Kinnhagen, der Angelo sofort bewusstlos zu Boden sinken ließ.

"So war das nicht gemeint."

"Wieso? Jetzt ist er still."


Kapitel 6
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 8