Kapitel 8

Der König und der Narr


Je näher das große Fest rückte, desto hektischer und voller wurde es in Dycamart. Immer mehr Schüler und andere freiwillige Helfer begeisterten sich für das Projekt und wollten ihren Teil dazu beitragen.

Es bildeten sich Ausschüsse, Unterausschüsse, Nebenausschüsse und Unter-Nebenausschüsse (nicht zu verwechseln mit den Neben-Unterausschüssen, die von Melanie ausdrücklich abgelehnt worden waren, weil sie den organisatorischen Aufbau stören würden).

Dadurch wurden die Tagungen des Rates seltener, genauso wie Alex immer weniger Arbeit hatte, da diese größtenteils von den Ausschüssen selbst erledigt wurde. Dies brachte aber auch den Vorteil, dass die Mitglieder des Rates mehr Zeit zur Verfügung hatten, um sich um das Theaterstück zu kümmern.

Michael hatte tatsächlich über Nacht ein ganz ansehnliches Stück mit dem Titel "Der König und der Narr" geschrieben. Es hatte zwar sicherlich nicht die Qualitäten eines Shakespeare-Werkes, besaß aber einige bemerkenswerte Ansätze, was auch Melanie überzeugte, die die weibliche Hauptrolle übernahm.

Die Figuren des Stückes hatten bewusst keinen Namen bekommen, sondern wurden immer mit dem Posten, den sie innehatten, angesprochen. Auch die Charakterbeschreibung auf der ersten Seite des Manuskript ließ Michael bewusst knapp und offen, um "seine" Schauspieler dazu bringen, sich selbst in dieses Stück zu bringen. Extrem knappe Regieanweisungen ließen jedem Darsteller alle Möglichkeiten, die Figuren mit Leben zu erfüllen, so schrieb Michael über die Personen im Stück nur folgendes:

Personen

König - er ist der Herrscher, der, der Gut und Böse abwägt und daraufhin entscheidet - sein Wort ist Gesetz, doch er wird von allen Seiten beeinflusst und ist so der Filter aller Ansichten und Meinungen. Seine Entscheidungen sind ein Mittelweg von Gut und Böse, da er den Unterschied nicht kennt.

Poet - der Hofpoet hält sich für einen weisen Mann, er glaubt sein Wort spricht immer die Wahrheit und sieht alle anderen als Feinde der Wahrheit und somit als Feinde seiner selbst.

Zauberer - der Hofzauberer ist der Mann des Wissens, er verfügt über ein Geheimwissen, dass er nur seinem Lehrling nach und nach preisgibt, weil er seine Macht verlieren würde, wenn alle sein Wissen hätten. Denn Zauberei ist nur solange Zauber, solange niemand weiß, wie sie funktioniert. Außerdem ist er in die Prinzessin verliebt.

Mönch - er ist der Gegenspieler des Zauberers und will ihn loswerden, da er glaubt, dass alle Wahrheit in der Religion zu finden sei. Jegliche "neue Wahrheit" wäre ein Verrat an Gott. Der Zauberer ist für ihn ein Abgesandter des Teufels.

Narr - der Narr wird von allen als Unterhaltungskünstler gesehen, der manchmal über das Ziel hinausschießt. Dabei ist er der einzig "Weise" des Hofes, behält seine Weisheit jedoch meist für sich oder gibt sie zumindest nur in satirischer Form preis.

Zauberlehrling - der Schüler des Zauberers ist ein intelligenter junger Mann. Er hat es schwer, denn er glaubt nicht an die Ideale des Zauberers, muss es jedoch vortäuschen, um an sein Wissen zu gelangen, das der Zauberer aus Respekt zu seinem eigenen Lehrmeister einem Ausgewählten preisgeben muss.

Prinzessin - die Prinzessin ist ein junges, hübsches, leicht naives Mädchen. Verliebt in den Poeten. Alle am Hof versuchen sie von ihren persönlichen Weisheiten zu überzeugen, der Narr jedoch wird ihr die Augen öffnen. Als einzig weibliche "Höhergestellte" wird sie selbstverständlich von den Männern umgarnt.

Händler - der fahrende Händler versucht dem König ständig, irgendwelche Dinge zu verkaufen, die dieser überhaupt nicht gebrauchen kann.

Das waren alle Figuren des Stücks. Besetzt wurde es mit Alex, Kadir, Michael, Reggie, Charlie, Melanie, Sebastian K. Milkgebicht (genannt Milchgesicht), einem kleinen dicken Neuntklässler, der irgendwie keine Freunde zu haben schien, und Sven Schmidt, ein Junge aus der Oberstufe, der auch in der Schule die Theater-AG leitete und von daher kein schlechter Schauspieler war, dabei aber so hochnäsig, als wäre er das größte Talent seit Sean Connery. Und er war es definitiv nicht.

Die Unruhe in Dycamart ließ Alex als Regisseur die Entscheidung treffen, das Stück auf der Insel zu proben, die sich in der Mitte des Sees befand. Dort war es zwar ein wenig eng, aber zwei Eichen schützten vor neugierigen Blicken vom Festland und trotz allem war die Insel doch groß genug, dass keiner von ihnen nasse Füße bekommen musste.

Alex nahm seinen Job sehr ernst. Mit einer Sonnenbrille auf der Nase hetzte er kreuz und quer über die Insel und gab, wild mit den Armen fuchtelnd, immer wieder Anweisungen an seine Schauspieler, die diese auch zu befolgen versuchten. Trotz der wichtigmachenden Sonnenbrille wirkte er aber eher wie ein Fußballtrainer, der bei einem 2:0 Rückstand hektische Kommandos aufs Spielfeld brüllt. So befassten sich seine Unterweisungen dann auch eher mit der Frage, wo genau wer zu stehen hat und wann dieser jemand nach vorne prescht, um das Wort zu ergreifen und mittels eines pointierten Auftretens ein Tor macht.

"Wozu dient die 1. Szene?" fragte Alex, der wie alle anderen auch eine Kopie des Manuskripts in der Hand hielt, um den Text notfalls noch ablesen zu können. Es sollte die erste Probe werden, bei der sie das gesamte Stück von Anfang bis Ende durchspielen. Sie hatten ihre Rollen mittlerweile recht gut im Griff, doch waren sie so konzentriert auf diese Rollen, dass sie sich keine anderen Fragen mehr stellten. Daher war es von Alex schon sehr klug, sie nach dem Zweck der ersten Szene zu fragen.

"Ähm, sollte das nicht Michael beantworten?", erwiderte Melanie nach langem Zögern. "Immerhin hat er die Szene geschrieben."

"Diese Szene und alle anderen", präzisierte Michael, "aber was Alex wohl wissen will, ist ob ihr nicht nur eure Figuren, sondern auch das Stück an sich verinnerlicht habt."

"Sehr richtig", bestätigte Alex, "also wozu dient diese Szene?"

Ratlosigkeit machte sich breit. Keiner hatte je darüber nachgedacht, warum wer was sagte oder überhaupt anwesend war. Sie waren so blind für das Gesamtkonzept des Stücks wie sie blind waren für das Gesamtkonzept des Lebens.

"Also schön, Michael, dann sag's ihnen", forderte Alex ihn auf.

"Um die Figuren dem Publikum vorzustellen", erwiderte er.

"Ach so."

"Ganz genau", ergriff Alex wieder das Wort, "es ist die einzige Szene, in der alle Figuren auftauchen, selbst beim großen Finale fehlt der König. Okay", er klatschte auffordernd in die Hände, "dann lasst uns die Szene mal proben."

Alex, der den König spielte, ernannte einen großen Stein zu seinem Thron und setze sich auf ihn. Auf sein Zeichen kam Charlie auf ihn zu und blieb bei einer Stelle, die Alex zuvor mit Steinen im Gras markiert hatte, stehen. Charlie spielte den Mönch, der das Privileg hatte den ersten Satz des Stückes sprechen zu dürfen.

Das Stück begann mit einer Diskussion zwischen dem Mönch und dem König, bei der der Mönch den König vor dem Zauberer warnte, doch der König schlug diese Warnungen in den Wind. Nachdem der Mönch dann die Bühne verlassen hatte, führte der König für einen Moment ein Selbstgespräch, bei der er sich die Frage nach dem Sinn des Lebens stellte. Eine Antwort bekam er nicht, doch als sein Poet (gespielt von Sven Schmidt, dem Theater-Gott) den Saal betrat, stellte er ihm genau diese Frage.

"Mein Ziel ist es, dieser Antwort auf die Spur zu kommen - doch wenn ich sie jemals finden sollte, würde ich sinnlos sein, also bin ich vorsichtig mit der Antwort", war die Reaktion des Poeten.

Dann kam Michaels großer Auftritt. Er spielte den Narren und tänzelte regelrecht auf die Bühne. Er hatte eine solch natürliche Freude an seinem eigenen Stück, dass er Sven mit seiner knöchrigen, strammen Art regelrecht an die Wand spielte.

"Du erhälst mein Geld", schimpfte König Alex mit seinem Poeten, "wenn du die Antwort hast, nenne sie mir! Gebe mir Gewissheit!"

"Gewissheit, mein König?" erwiderte Sven, der Poet, mit hochtrabender Stimme, Nun..."

"Gewiss ist gewiss, dass nichts gewiss ist", fiel ihm der Narr Michael ins Wort. "Wer mag Recht haben? Der Mönch, der mit tiefen Glauben an den Glauben glaubt, der Zauberer, der weiß, dass er nichts weiß, oder der Poet, der ist, weil er denkt. Gewiss, mein König, ist nur, dass das Gewissen gewiss nichts weiß."

"Oh, schweig, du Narr", war die ungehaltene Reaktion des Poeten, "niemand gab dir das Recht zu sprechen."

"Das Recht? das Recht?" der Narr blickte hoch in die Wolken, die sich über den Eichen zusammenzogen wie eine Armee, die sich zum Angriff formierte, "das Recht zu sprechen gab mir mein Gehirn, wer gab es dir? Dem Narren gebührt Narrenfreiheit, dem Dichter das Gedicht, dem Mönch der Glauben, dem Zauberer das Buch."

"Und was gebührt deinem König, Narr?" fragte Alex.

"Dem König gebührt, was dem König gebührt und das ist das, was er erhält."

"Hört auf ihm zuzuhören, mein König", meckerte der Poet. "Er ist ein Narr, und Narren sollen uns zum Lachen bringen und das ist alles, was er kann. Siehst du wie ich lache, Narr? Haha! Du bist komisch, du Narr!"

Svens schauspielerische Leistung an dieser Stelle war unter aller Sau. Sein gespieltes Lachen war so unecht, dass Alex die Probe unterbrechen wollte, doch Michael gab zu bedenken, dass der Poet ja keineswegs belustigt ist, sondern sich durch den Narren bedroht fühlt. Von daher würde ein gekünsteltes Lachen durchaus zu der Rolle passen. Sven behauptete, dass er genau das darstellen wollte.

Daraufhin spielte er weiter den Poeten, der mit einem miserablen Gedicht versuchte, den König von seiner eigenen Wichtigkeit zu überzeugen. Die Bemerkungen des Narren jedoch verhinderten, dass der König seinen Poeten allzu Ernst nahm. Schließlich verließ der Poet die Bühne und der König forderte seinen Narren auf seiner Pflicht nachzukommen und ihn zu unterhalten.

"Sehr wohl, ich werde ein Lied für Euch singen."

Immer wenn die Zeit kommt
Die Zeit zu sehen
Werden die Augen blind
Die Fesseln enger
Durch und durch kalt...

"Oh, Narr, hört auf, singt mir ein fröhliches Lied!"

Die Straßen waren rot
Der Tyrann war tot
Es war ein kleiner Mord
Da trugen sie den König fort

"Du spielst mit deinem Leben, Narr!"

Sagt es war richtig
Doch es war falsch
Hielt sich für wichtig
War ein König ohne Thron schon bald

"Schweig, du Narr, schweig! Verlass den Saal!"
Und singend lief Michael von der Insel und warf sich ins Wasser:

Die Zeit wird kommen
Dein Thron über dir
Wunderst dich noch
Da wirst du zum Tier

Es war ganz erstaunlich. Reggie hatte Melodien zu Michaels Liedern geschrieben und als Michael sie fröhlich im Wasser planschend sang, bekam man das Gefühl, dass sie Hunderte von Jahren alt wären, genauso wie das Stück, das sie spielten, nicht vor wenigen Tagen sondern bereits im Mittelalter geschrieben worden war.

Das Stück sah dann das erste Auftreten des Zauberers vor, gespielt von Kadir. Er schickte den König, der von Kopfschmerzen geplagt war, an die frische Luft, was Alex die Möglichkeit gab, seine wichtige Sonnenbrille wieder aufzusetzen und die Wirkung des Stückes von Außen zu beobachten. Dort hatte inzwischen auch der Zauberlehrling die Bühne betreten, gespielt vom dicken Sebastian K. Milkgebicht.

"Meister, Ihr maßt Euch an auf des Königs Thron zu sitzen?"

"Ach, der soll sich nicht so rausspielen, das ist ein Stuhl wie jeder andere auch und meine Beine sind müde", erwiderte Kadir auf dem kahlen, harten Felsen sitzend.

"Aber, Meister..."

"Ach, sei ruhig! Hast du deine Aufgaben erledigt?"

"Ja, Meister, alle Informationen für die Form eines Lebewesens stecken in ihm selbst und sind nicht Gottes Architektur."

Quietschende Geräusche nasser Schuhsohlen auf dem Rasen kündigten die Rückkehr des Narren an, der lauthals die Rolle seines Lebens spielte: "Gottes Architektur? Architektur Gottes? Der Architekt Gott? Was glaubt Ihr ist der älteste Beruf der Welt? Der des Arztes, da Gott Adam eine Rippe entnahm, um sie für Eva zu nutzen? Der des Architekten, weil Gott in sechs Tagen aus dem Chaos die Welt schuf? Oder der des Königs und aller Herrscher, da ja irgendwer dieses Chaos geschaffen haben musste?"

"Verlass den Saal, Narr!" schimpfte Kadir vom Thron. "Du hast deine Ohren wohl überall."

"Überall und nirgends. Immer, doch niemals. Verloren, doch siegreich", und als Unterstützung dieser Worte, sprang Michael auch schon wieder ins Wasser. Der Narr folgte den Anweisungen aller, triumphierte aber trotzdem immer auf irgendeine Weise.

"Dieser Narr - weiß alles besser."

"Achtung! Die Prinzessin kommt", zischte Sebastian, der Zauberlehrling in heller Aufregung, doch Kadir, der Zauberer, stand nur ganz gemächlich und unbeeindruckt vom Thron auf, der doch nichts anderes war als ein Stück Stein.

"Wo ist mein Vater, Zauberer?" fragte Prinzessin Melanie.

"An der frischen Luft, um seinen Kopf frei zu bekommen."

"Oh, aber vielleicht könnt auch Ihr mir helfen. Ich - mir fiel ein Buch in die Hände von einem Menschen namens Aristoteles, ich blätterte etwas und verstehe so einiges nicht..."

"Das, Hoheit", erwiderte Kadir und nahm ihr das Buch ab, "ist eines meiner Bücher und nur für die Augen magisch begabter gedacht, Ihr könnt es leider nicht verstehen, doch wenn Ihr wollt, werde ich Euch einige einfache Grundzüge daraus lehren."

"Ich wäre erfreut."

"Geh zurück an deine Bücher, Adept!" befahl Kadir mit lüsternen Blick auf die optischen Vorzüge der Prinzessin (so stand es in der Regieanweisung). Doch noch bevor der Lehrling außer Hörweite war, betrat der Händler in Gestalt eines breitgrinsenden Reggie die Bühne.

"Hallo, die Wachen haben mich reinge...", begann er seine schwungvoller Rede und unterbrach sich dann selbst beim Anblick der Prinzessin (auch das aufgrund der Regieanweisungen), "Hallo, schöne Maid, kann ich ihnen vielleicht dieses neumodische Wundermittel anbieten, das ihre Haut in ein..."

"Haltet Euren heuchlerischen Mund, Händler", unterbrach ihn ein zorniger Kadir, "es ist keine Maid zu der Ihr sprecht, sondern die Tochter des Königs."

Reggie machte eine tiefe Verbeugung, so dass er beinahe Kadirs Füße küsste und sprach dann zu ihm: "Und Ihr seid gewiss der König, nicht wahr? Oder gibt es sonst einen Grund die Prinzessin so liebevoll anzusehen. Seid Ihr vielleicht der ihr versprochenen Prinz?"

"Allein für diese Worte sollte ich deine Seele verfluchen."

"Pah", Reggie machte eine abfällige Handbewegung, "verflucht ruhig meine Seele, ich kauf mir eine neue. Wo ist der König, Hexenmeister?"

Kadir gab keine Antwort, sondern verließ nur energisch die Bühne, mit einer Wut im Bauch, die er erst verlor, als er hinter Alex und somit fast im Wasser stand.

"Entschuldigt mich", sagte Melanie und verließ dann ebenfalls die Bühne.

Reggie, der Händler, blickte sich auf der nun leeren Bühne um (die nichts weiter war als eine kleine Insel auf einem See) und stellte fest, dass er allein war. Gemächlich schlenderte er zum Thron aus Stein, setzte sich auf ihn und machte eine theatralische Pause. Laut Regieanweisung sollte er sich nun an das Publikum richten, doch da kein solches vorhanden war, richtete er seine Worte stattdessen an seine Mitschauspieler, die ihn alle gespannten anstarrten, so als wüssten sie nicht, was er sagen würde.

"Und so sind wir wieder einmal alle hier, die Rollen spielend, die uns zugeteilt sind. Wir können nicht anders, ganz egal, was wir wissen. Ob Moral oder Unmoral, individuell oder angepasst. Die Summe der Rollen, die wir spielen, ergibt nun einmal die Person, die wir sind. Also warum lehnen wir uns nicht einmal zurück, spielen die Rolle, die uns gehört und träumen von der Rolle, die wir gerne spielen würden. Und denkt immer daran: Verdammt sind nur die, die keine Rolle spielen."

Dann herrschte eine erhabene Ruhe. Wind wehte durch die Bäume und die Haare der Anwesenden, die sich alle gegenseitig ansahen, darauf wartend, dass irgendwer etwas sagen würde. Doch keiner wollte die Stille stören. Ein merkwürdiges Gefühl beschlich sie alle, es war die Überraschung, wie befriedigend es war, dass diese Szene so gut gelaufen war. Sie waren glücklich, obwohl es dazu eigentlich keinen Grund gab, immerhin hatten sie nichts getan außer die erste Szene eines wirren, von Michael geschriebenen Theaterstücks zu inszenieren. Doch es tat so gut, so unbeschreiblich gut…

Dann klatschte Alex einmal in die Hände und jubilierte: "Okay, das war klasse, lasst uns gleich die 2. Szene proben, wo es gerade so gut läuft. Das ist die Szene im Gemach der Prinzessin."

Reggie hob die Hand.

"Ja?"

"Da das ganze im Gemach der Prinzessin spielt, wäre ich dafür, dass Melanie dazu ein Nachthemd trägt, nur damit's authentisch ist."

"Du spinnst wohl, du Perversling!" beschwerte sich Melanie über diesen Vorschlag.

"Du hast da nix unter den Klamotten, was ich nicht schon mal gesehen hätte."

"Ja, aber nur auf'm Foto", erwiderte Kadir und meinte dann, dass der Mönch in der Szene auch vorkäme und sich eine Prinzessin vor einem Klosterbruder wohl kaum entblößen würde.

"Wieso nicht? Der darf doch sowieso nicht!"

"Das ist im Moment jetzt völlig egal", beendete Alex die Diskussion, "wir hätten hier keine entsprechenden Requisiten, um…"

"Was denn für Requisiten?"

"Na, hast du ein Nachthemd einstecken? Nein? Na also!"

"Ich könnt' eins holen."

"Halt die Klappe!"

In dem Waldstreifen am Rande Dycamarts schlenderte Sandra barfuss über die Steine des kleinen Bachs, der zum See floss. Sie trug einen knielangen Rock, der im Hauch des Windes flatterte, und die dezente Bluse verdeckte ihren Bauch nicht mehr.

Nichts schallte mehr aus den Niederungen ihres Verstandes, die grauen Wesen waren verschwunden und Sandra war eins mit der Natur geworden. Sie war eine Skulptur von Michelangelo, ein Gemälde von da Vinci, eine Melodie von Mozart.

Doch ein Schatten verdunkelte Dycamart, der Schatten des Erbes, die Schuld, die nie gesühnt wurde und nie gesühnt werden wird. Es ist niemals zu Ende, niemals vorbei. Wir können nicht fliehen, wir können uns nicht verstecken. Der Schrecken wird uns immer finden. Es gibt keine einsamen Inseln, die einsam genug wären, dass die Konquistadoren sie nicht finden würden, sie riechen das Blut der Eingeborenen, neiden ihnen ihre Freiheit. Die Freiheit vom System, das die Konquistadoren selbst unterjochte. Wenn man an einer Krankheit litt, dann versuchte man nicht sie zu besiegen, man sorgte dafür, dass sie jeder Mensch um einen auch bekam.

Angelo war Sandra in den Wald gefolgt. Er hatte versucht sich gegen sein eigenes Verlangen zu wehren, aber die Dämonen in seinen Kopf waren zu stark. Als er sah, dass sie sich von Dycamart entfernte, lief er ihr hinterher und konnte sich kaum zügeln, sich ihr zu früh zu nähern.

Einmal war er auf einen allzu toten Zweig getreten, der trotz seiner Seelenlosigkeit laut aufjaulte. Sandra war stehengeblieben und hatte sich sorgsam umgesehen, doch Angelo war in ein Gebüsch geflohen und hatte sich dem warnenden Instinkt Sandras widersetzt.

Nun war er aber so dicht hinter ihr, dass er sich nicht mehr verstecken konnte. Noch ein Schritt näher und Sandra müsste seinen heißen Atem schon spüren.

Jetzt beugte sie sich nach vorne, fasste mit der Hand ins Wasser und Angelo sah wie der knielange Rock ein Stückchen weiter nach oben rutschte bis zu ihrem Oberschenkel.

Jetzt, so dachte er, jetzt oder nie. Er war ein kräftiger junger Mann und Sandra eine schwache, hilflose Frau, sie hätte gar keine Chance sich gegen ihn zu wehren. Genauso wie Angelo keine Chance hatte sich gegen sein Verlangen zu wehren. Auch ohne jemals etwas von Oscar Wilde gelesen zu haben, wusste er, dass er sich dieses Verlangens nur entledigen konnte, wenn er ihm nachgab. Doch würde es dann wirklich für immer verschwinden?

Seine beiden Händen griffen bereits nach ihr, als er von einem brummendem Geschrei unterbrochen wurde. Es war Manuel: "Mein Gott, da seid ihr zwei ja! Was zum Geier macht ihr hier? Herr Neff ist da, er will mit dem Rat sprechen. Verdammt, die anderen haben extra ihre Probe unterbrochen und sind auf dem Floß hergepaddelt. Und ihr zwei streunert im Wald herum, verdammt! Jetzt schwingt eure Ärsche ins Haus, wir haben schon genug Zeit verloren."

Angelo und Sandra sprachen kein Wort. Angelo zitterte am ganzen Körper und stand unter Schock, er starrte Sandra an und Sandra starrte zurück. Dort auf Angelos Schultern sah sie zwei graue Wesen sitzen. Sie hatten sie gefunden!

"Ich möchte zunächst einmal euch allen für euren niemals müden Einsatz danken", eröffnete Direktor Neff die Sitzung bei der neben den Ratsmitgliedern auch Charlie wieder anwesend war. "Ich möchte auch sagen, dass ich mich schon sehr auf das Theaterstück freue und entschuldige mich vielmals dafür, dass ich die Proben unterbrechen musste. Glaubt mir, ich würde das nicht tun, wenn ich es nicht wirklich wichtig wäre."

Alex und Kadir blickten sich skeptisch an. Sie kannten Neffs Wichtigtuerei und erwarteten nichts allzu spektakuläres.

"Nun, Melanie war während der ganzen Zeit so nett mich über den aktuellen Stand auf dem Laufenden zu halten", fuhr Neff seine Ansprache fort. "Dabei sind mir bei all den positiven Dingen - und dafür seid ihr alle ausdrücklich gelobt - auch einige Sachen berichtet worden, die sich nicht mit meinen Vorstellung decken."

"Zum Beispiel?" fragte Alex.

"Zum Beispiel die Uneinigkeit bei den Sitzungen dieses Rates. Gerade du, Alex, scheinst offenbar nicht aus deiner Haut zu können und musst immer unnötigerweise den Rebellen spielen. Du solltest nicht vergessen, dass der abschließende psychologische Bericht von Frau Phillip noch folgen wird und dass von ihrer Beurteilung deine Zukunft an meiner Schule abhängt."

"Meine Beurteilung wird äußerst positiv ausfallen, zumindest bei Alex", bemerkte Sandra und blickte Angelo an, der bewegungslos vor sich auf den Tisch starrte. Direktor Neff ignorierte Sandras Feststellung, stattdessen deutete er mit der Hand auf Melanie.

"Melanie hier hat die ihr übertragene Aufgabe auf geradezu hervorragende Weise erledigt, während einige andere hier immer wieder glaubten aufmüpfig sein zu müssen."

"Wo waren wir denn aufmüpfig?"

"Na, zum Beispiel als ihr diesen dämlichen Namen für das Gelände durchgesetzt habt. Dü… Dikla… ach, ich kann mir's nicht mal merken!"

"Das war ein Beschluss des Rates, der ganz demokratisch per Mehrheitsentscheid getroffen wurde."

"Ja, aber ihr habt das nur gemacht, um Melanie eins auszuwischen", brüllte Neff völlig unnötigerweise.

"Das ist nicht wahr."

"Oh, doch ist es sehr wohl, und eins sage ich dir, mein Freund, wenn du jetzt alles wieder zerstören willst, nur um dein Ego zu befriedigen, kriegst du es mit mir persönlich zu tun. Ich werde nicht zulassen, dass hier irgendwer sein Amt missbraucht."

"Andere hatten nicht mal die Gelegenheit dazu, ihr Amt zu missbrauchen", brummelte Alex in seinen nicht-vorhandenen Bart, "weil sie nämlich nie eins bekommen haben."

"Ach, jetzt fang nicht wieder mit dem Scheiß an!" erwiderte Melanie. "Das haben wir doch schon durchgesprochen."

"Was? Wie? Um was geht's? Würde mich mal bitte jemand aufklären?"

"Ach, das ist nicht der Rede wert, Herr Neff", erklärte Melanie, "nachdem ich mir klar war, welche Arbeiten auf dem Gelände erledigt werden müssen, habe ich zur Organisation dementsprechend Posten verteilt. Dabei fielen leider keine für den Michael und den Reggie ab, und das findet Alex wohl unfair."

"Und?" fragte Neff Alex. "Wieso findest du das unfair?"

"Ganz einfach. Weil aus reiner Willkür von Anfang an hier Leute von allen Entscheidungen ausgeschlossen wurden."

"Ja, mein Gott, Alex, wie stellst du dir das vor? Wir haben 1.500 Schüler an der Schule, sollen wir uns alle an einen gaaaanz großen Tisch versammeln und diskutieren? Das kann doch gar nicht funktionieren."

"Ich rede nicht von der Schule, sondern von Michael und Reggie."

"Aha, genau das ist es ja auch. Dir geht's nicht um Gerechtigkeit, sondern schlicht darum, dass deine Freunde nicht hier sind, um deine wirren Ideen zu unterstützen. Ich kann mir schon vorstellen, wie das hier dann laufen würde. Reggie würde die ganze Zeit nur vor sich hinsingen und Michael würde vorschlagen eine Cannabis-Pflanze als Wahrzeichen von Klüglada… Mist, wie heißt das jetzt?"

"Dycamart", half Melanie mit einem Abscheu in der Stimme aus.

"…ja, genau. Ich halte es für durchaus sinnvoll, dass…"

"Was sie für sinnvoll halten, ist mir doch Wurscht", unterbrach ihn Alex, "wir wollten hier uns etwas aufbauen und sie, Herr Neff, haben mit Hilfe ihrer beiden Arschkriecher hier alles von Anfang an im Keim…"

"Ich verbitte mir diese Worte, Alex", schimpfte Neff, "noch so ein Ausbruch und ich werde dich deines Amtes entheben."

Stattdessen erhob sich jedoch Alex von seinem Stuhl und knallte im Zorn eine Handvoll Kieselsteine auf den Tisch, die er bereits auf der Insel aufgehoben und bis jetzt in den Händen gehalten hatte.

"Wissen sie was, das ist gar nicht nötig, ich trete freiwillig zurück, machen sie ihren Scheiß doch alleine!"

"Alex, nein…", rief ihm Kadir hinterher als er den Raum verließ. "Ich rede mit ihm, Herr Neff, er ist nur so leicht reizbar, er meint das nicht so, ich bieg das wieder hin, warten sie einfach hier… Alex? Alex, jetzt warte doch!"

Kadir rannte ihm hinterher und fand ihn vor dem Haus, wie er wutentbrannte ein Stück Holz, das zur Dachausbesserung dienen sollte, mit den Füßen zerstörte.

"Alex, was soll das? Krieg dich wieder ein. Du machst doch genau das, was er will!"

"Ist mir scheißegal!" Alex nahm ein Stück des Holzes, das sich unter seiner Gewalt abgelöst hatte und warf es in hohem Bogen gegen das Fenster, hinter dem sich Direktor Neff und der Rat befinden mussten. Das Fenster widerstand diesem Angriff und war das Holz zurück an Alex' Kopf. "…es ist mir so… scheiß… egal!"

"Was zum Teufel ist denn nur los?" versuchte Kadir seinen Freund weiter zu beruhigen. "So schlimm war es doch gar nicht, was Neff gesagt hat."

"Bist du taub oder blöd?" Alex starrte Kadir jetzt direkt ins Gesicht und schrie dabei so laut er konnte und das obwohl sie so nahe beieinander standen, dass sie ihre Nasen hätten aneinander reiben können.

Neben einer Reihe Schaulustiger waren auch Reggie und Michael hinzugeeilt und fragten, was denn geschehen sei. Sie wurden jedoch ignoriert, da auch Direktor Neff mit allen Ratsmitgliedern im Schlepptau aus dem Gebäude gelaufen kam und dem Streit weiter Zündstoff gaben.

"Also gut, Alex", tobte Neff, "ich schätze mit dieser Aktion hast du dich selbst disqualifiziert! Du bist psychisch extrem labil und gehörst meines Erachtens in eine geschlossene Anstalt. Ich denke auch, dass dieser Ausbruch eben Frau Phillips Urteil noch einmal revidiert hat, nicht wahr?"

Sandra widersprach nicht und Direktor Neff sah dies als Bestätigung. "Ich werde deine Eltern über diesen Vorfall benachrichtigen müssen, Peter und Steffi werden sicher nicht erfreut sein schon wieder einen Anruf von mir zu bekommen, und ich schätze diesmal werden auch sie zu drastischeren Mitteln greifen müssen."

Alex hörte sich in aller Ruhe die Standpauke an, blickte Neff dabei aber nie ins Gesicht. Er wusste, dass er diese Auseinandersetzung verloren hatte und wollte nicht, dass Neff dieses Eingeständnis der Niederlage in seinen Augen sehen konnte.

"Ich halte dich für eine Gefahr dieser Gemeinschaft, ich kann dir jedoch nicht grundsätzlich verbieten dich hier aufzuhalten. Dennoch wirst du in Zukunft unter besonderer Beobachtung seitens der Sicherheitsabteilung stehen und hier gleich eine Warnung an dich, Kadir, solltest du glauben, du könntest, nur weil er dein Freund ist, deine Pflichten ihm gegenüber vernachlässigen, werde ich auch dich aus deinem Amt entfernen lassen, klar? Und du, Alex, ich halte dich für zu labil, als dass du irgendeine verantwortungsvolle Aufgabe hier erledigen könntest. Daher entziehe ich dir die Regie des Theaterstücks, genauso wie deine Rolle. Melanie wird ab sofort die Regie führen und sich nach einen Ersatz für deine Rolle umsehen. Und jetzt, geh mir aus den Augen und lass dich hier vor dem Fest nicht mehr blicken!"

Dann wandte sich Neff von ihnen ab und wollte sich zurück in das Haus begeben. Auch Alex wollte sich auf den Weg machen, widerwillig wie ein Fußballspieler, der gerade die Rote Karte gesehen hatte, da ertönte eine Stimme: "Sie machen einen Fehler, Herr Neff!"

Es war Michael, der ein paar Meter Abseits stand und sich darüber köstlich amüsierte.

"Wie war das?" sofort war die Wut in Neffs Stimme zurückgekehrt. Er hatte sich in Richtung der aufwieglerischen Stimme gewand und all die Personen, die zwischen Neff und Michael standen, öffneten eine Gasse hinter der Michael erschien wie der Engel gleichen Namens.

Neffs Wut entwickelte sich langsam zu Hass und man konnte regelrecht die Blitze sehen, die aus seinen Augen schossen im Versuch Michael für diese Widerworte zu erdolchen. Doch Michael versuchte nur unzureichend sein Grinsen zu verkneifen und lachte schon bald freundlich, aber doch provozierend in Neffs Gesicht.

"Was gibt's da zu lachen?"

"Sie können Melanie das Stück nicht inszenieren lassen. Nur Alex und ich verstehen die Bedeutung des Stück, und wenn sie es von jemand anderem inszenieren lassen, werden sie Geister wecken, die sie nicht wecken wollen. Geister, die nur Alex und ich bändigen können."

"Was?" Neff lief auf Michael zu. "Komm mal her, Michael, du hast doch wieder was geraucht, oder?"

Michael lachte jetzt ungeniert laut. "Jaja, Herr Neff, so einfach ist ihre Welt, nicht wahr? So wunderbar schwarz und weiß. Aber seien sie vorsichtig, dass sie nicht eines Tages feststellen, dass sie auf der anderen Seite stehen."

"Frau Phillip, wie wird ihre Beurteilung von Michael ausfallen?" fragte Neff, ohne sich zu Sandra umzuwenden.

"Das werde ich entscheiden, sobald ich alle Aspekte analysiert habe."

"Nun, wenn sie nach diesem wirren Geplapper auf keine psychische Störung schließen sollten, werde ich ihre Berichte anzweifeln und sie ebenfalls aus dem Rat und damit, da sie kein Schüler meiner Schule sind, auch von dem Gelände entfernen lassen."

"Von meinem eigenen Grund und Boden?" erwiderte Sandra. "Das glaube ich nicht."

"Ach nein? Haben sie unsere Abmachung vergessen?"

"Ich kann mich an keine Abmachung erinnern."

Jetzt erst blickte Neff sie an. Sein Hass konnte schon vorher nicht mehr gesteigert werden, aber er weitete ihn nun auch noch auf Sandra aus.

"Das wagen sie nicht", drohte er.

"Meinen sie? Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass ich mich von meinem eigenen Land vertreiben lasse?"

"Ich bin bitter enttäuscht von ihnen, Frau Phillip, ich dachte, sie wären eine vernünftige Person. Na gut, das reicht! Ich entziehe ihnen hiermit den Auftrag, den ich ihnen bezüglich der 5 Jungs erteilt habe."

"Dürfte ich vielleicht einmal darauf aufmerksam machen", mischte sich Kadir ein, "dass Angelo und ich niemals für eine psychologische Untersuchung vorgesehen waren. Wenn sie Sandra jetzt den Auftrag für 5 Jungs entziehen, hat sie noch den Auftrag für -2 Jungs. Bemerke nur ich die Absurdität?"

Er wurde ignoriert. Neff wusste nämlich so langsam nicht mehr, wem er gerade die Leviten lesen sollte. Alex für seinen Ausbruch, Michael für seine zynischen Bemerkungen oder Sandra für ihre Inkompetenz. Er fühlte einen Putschversuch, ein Attentat auf den König, ausgeführt von einer Bande Narren, die nichts von der Welt verstanden, nichts von seiner Ordnung verstanden, von seinem Sinn.

Sie waren ignorante, verwöhnte Kinder, die die Gesetze der Natur brachen, wenn sie seine Autorität in Frage stellten. Die Natur war es, die vorgesehen hatte, dass die Menschen mit Erfahrung die Führung übernahmen.

Nun aber hatte die Jugend wieder einmal rebelliert und die Folgen konnten entsetzlich sein. Immer wieder war Direktor Neff der irrigen Meinung gewesen, er könnte Alex in die Gesellschaft integrieren, doch dieses jüngste Erwachen von Wildheit wider der Vernunft überzeugte Neff von der Unmöglichkeit seines Zieles. Wilde konnte man nicht bändigen, man musste sie isolieren, damit sie keine Unschuldigen mit in ihren selbstgewählten Abgrund zögen. Kadir musste vor Alex geschützt werden, Angelo musste geschützt werden. Michael war noch viel mehr verloren, aber er war wenigstens nicht so destruktiv und somit nicht so gefährlich wie Alex.

Teile und Herrsche war das Prinzip, und es war das einzige Prinzip, das je funktioniert hatte.

"Meine Entscheidung ist getroffen", sagte er abschließend, "Alex, du wirst erst zum Fest hier wieder erscheinen, deine Posten wie auch deine Rolle beim Theaterstück werden von jemand anderem übernommen werden. Michael, du bleibst auf Bewährung hier, aber ich werde ein Auge auf dich haben."

"Welch Ehre."

"Und damit wird hier wieder Ordnung einkehren, hoffe ich."

Plötzlich kam Reggie völlig nackt um die Ecke gerannt und stürmte Richtung See. "Jaaaaaaa", brüllte er, als er an der Menge vorbeilief und dann lauthals sang:

Supermann war fassungslos
Als ihm wurde klar
Dass er gar nicht fliegen konnte
Nur ein Arschloch war

Dann hob er ab, knallte waagrecht mit dem Bauch auf das Wasser und spritzte alle nass. Alle hatten dabei sein bestes Stück im Wind flattern sehen. Vor allem Melanie war davon so geschockt, dass sie besagtes Ding, das die Sonne sonst nie sieht, keine Sekunden aus den Augen gelassen hatte. Noch vor wenigen Wochen hatte sie in einer ähnlichen Situation ihr Antlitz abwenden können, doch diesmal konnte sie der Versuchung nicht widerstehe. Und sie fand sich selbst widerlich und dreckig deswegen.

"Hier wird bald ein anderer Wind wehen", bemerkte Neff überraschend ruhig. "Ich hatte geglaubt, man könnte euch das ganze hier in Eigenregie machen lassen, aber dazu scheint ihr ganz offensichtlich nicht fähig, was hier…"

"He, kommt alle rein, das Wasser ist fantastisch", brüllte Reggie, "kommt schon, jetzt haben wir ja alle ausführlichst gezeigt, wie wichtig wir für Dycamart sind, jetzt lasst uns ein wenig Spaß haben!"

Doch der Direktor schüttelte nur den Kopf und ging wieder ins Haus. Einige tanzten hinter seinem Rücken im Wasser, andere waren beschämt über sich selbst und wieder andere fühlten sich schlecht, ohne sagen zu können weshalb. In der Ferne der Wolken hallten Reggies Worte wider wie die unverständliche Mahnung des Unterbewusstseins, nur in Träumen offenbart. Warum er denn nackt sei, fragte ihn irgendwer.

"Unter unseren Kleidern sind wir doch alle nackt."


Kapitel 7
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Kapitel 9