Kapitel 9
Das große Fest
Schließlich kam der Tag der großen Eröffnungsfeier. Direktor Neff hatte in der Zwischenzeit damit begonnen, die Strukturen in Dycamart zu ändern. Während Melanie ihre Privilegien als O.C. größtenteils behielt, wurde allen anderen Ratsmitgliedern die Entscheidungsmöglichkeiten gehörig beschnitten. Alex' Posten wurde nicht neu besetzt, da die Arbeiten an Haus und Halle so gut wie abgeschlossen waren. Statt dessen wurde ein Aufräumkommando gebildet, das aus etwa 20 Schülern bestand, die dafür Sorge zu tragen hatten, dass sich kein Müll ansammelte, indem sie alles, was andere unachtsam liegen ließen, zur zentralen Müllsammelstelle trugen, die sich neben der langen Reihe von Dixi-Klos befand. Dieser Aufräumtrupp hatte jedoch keinen Vertreter im Rat, sondern unterstand direkt Kadir.
Sandra hatte ihren Posten als Frauenbeauftragte behalten dürfen, musste jedoch ihren Sitz im Rat abgeben. Angelos Posten als Beauftragter für Wirtschaftsfragen wurde ebenso gestrichen, er durfte jedoch seinen Sitz im Rat behalten. Um Geldfragen kümmerte sich Direktor Neff von nun an selbst, außerdem übernahm er den Vorsitz im Rat.
Manuel, der Bär, wurde seines Postens enthoben und erhielt als Entschädigung die Oberaufsicht über die Insel übertragen. Das war keineswegs so lächerlich wie es im ersten Moment schien, denn aus Protest gegen Alex' Ausschluss, hatten Michael und Reggie Dycamart den Rücken zugekehrt und sich auf der Insel breitgemacht. Bisher war die Insel unbedeutend gewesen, zwar war sie relativ schnell per Floß oder auch schwimmend zu erreichen, aber sie war gerade mal ungefähr 50x30 Meter groß und barg von daher keinen praktischen Nutzen für Dycamart. Hinzu kam, dass keiner so recht wusste, ob sie bei starkem Regen nicht komplett unter Wasser stehen würde.
Dennoch als sich Michael und Reggie versuchten von Dycamart zurückzuziehen (wozu sie ja jederzeit das Recht hatten, niemand konnte sie zwingen bei dem Projekt mitzumachen), weckten sie das Interesse Neffs an der Insel.
Die Insel war ja auch ein angenehmer Rückzugsort. Die beiden Eichen spendeten Schatten und dienten zusätzlich zu allen denkbaren Freizeitbeschäftigungen, sie waren Klettergerüst, Torpfosten, Basketballkorb und Hindernis beim Triathlon (mit den drei Disziplinen: Schwimmen, elegant auf dem Gras ausrutschen und mit dem Kopf gegen einen Ast prallen, wobei Sieger des Wettbewerbs derjenige war, der das hohlste Geräusch dabei erzeugte).
Die Zweige der Bäume dienten zu Fechtkämpfen, die Äste als Sitzplatz, auch wenn Reggie einmal einen der Äste demolierte und unter lautem Gelächter Michaels ins Wasser platschte. Am Abend dann waren die Kronen der Bäume der ideale Logenplatz um erst die Sonne untergehen und dann einen Stern nach dem anderen aufgehen zu sehen.
Es war atemberaubend dort in der Stille der Dämmerung, so als existierte nur der Wind und das Wasser. Mit dem langsamen Erscheinen der Sterne kehrte eine Ruhe in ihre Seelen zurück, die niemals dort gewesen war. Das hektische Leben der Großstadt und ihrer Zeit hatte sie selbst hektisch gemacht, doch hier in Dunkelheit fanden sie die Verbindung zu ihren Vorfahren, die diesen Himmel jede Nacht sahen und nie müde wurden von ihm fasziniert zu sein. Auch wenn wir in unserer eitlen Gefühllosigkeit es immer leugnen werden, keiner von uns kann sich den Sternen entziehen. Sie wecken unsere Seele, fordern sie zum tanzen auf, sich zu wehren gegen das paranoide und dumme Geschwätz um uns, dem Leugnen und Verstecken der Gefühle, der zu nichts führt als Selbstmorden und Amokläufen. Was soll ein Mensch auch sonst tun, wenn er feststellt, dass er zum Leben nie Zeit gehabt hatte.
Manuel verbot den beiden bald, sich nach Anbruch der Dunkelheit auf der Insel aufzuhalten. Es wäre zu gefährlich, wenn sie bei Nacht zum Festland zurückschwimmen müssten, was sie aber nicht daran störte abends trotzdem heimlich zur Insel zu schwimmen. Im Gegenteil, die Herausforderung ungesehen zur Insel zu kommen, spornte sie mindestens ebenso an, wie das Wache schieben und Ausschau halten nach möglichen herannahenden Razzien.
Michael hatte ein Schild an der Stelle angebracht, an der man üblicherweise mit dem Floss anlegte. "Solda" stand dort in großen, gut lesbaren Buchstaben und dann hatte er sich selbst und Reggie feierlich zum Bürgermeister, König und O.C. von Solda erklärt.
"Genau genommen sind wir sogar Doppel-König und Doppel-O.C.", doch Manuel riss das Schild aus dem Boden, weil Herr Neff befohlen hätte, dass nichts aber auch gar nichts auf dieser Insel errichtet werden dürfte, nicht mal ein Lagerfeuer. Zu gefährlich wäre das. Aber so sehr es Manuel und Direktor Neff auch versuchten (und sie gaben sich wirklich Mühe dabei), diesmal gelang es ihnen nicht Michael und Reggie den Spaß zu verderben. Die beiden waren einfach nur glücklich oder - wie Reggie sagen würde - sie hatten eine groovige Zeit.
Bald schon weihten sie Alex in ihren großen Plan ein. Die Insel sollte ihr Eigentum werden. Bald schon würden sie alle 18 werden, volljährig somit und von diesem Tag an konnten sie machen, was sie wollten. Sie würden die Insel zu ihrer Heimat machen, ganz offiziell.
"Naja", gab Alex zu Bedenken, als sie auf dem Weg zur großen Eröffnungsfeier von Dycamart waren, "wird ein bisschen schwer werden für den Briefträger, dem solltet ihr vielleicht ein paar Schwimmflossen schenken. Außerdem wird das rechtlich schwierig werden. Was soll das denn für'n Wohnsitz sein? Insel bei Dycamart?"
"Ja, aber Dycamart selbst, also ich meine das Haus von Sandra steht kaum mehr als 100 Meter von einer Straße entfernt."
"Naja, das dürften schon gut 500 Meter sein."
"Egal, aber das Haus gehört zu einem Anwesen und besitzt alles, was ein richtiges Haus braucht, Sandras Großvater hat jahrelang dort gewohnt, also könnten wir uns theoretisch auch dort anmelden, Sandra würde uns das sicher gestatten. Ob wir dann im Haus schlafen oder auf der Insel wird doch kaum eine Behörde überprüfen."
"Das wahrscheinlich nicht, aber wie wollt ihr denn auf der Insel schlafen? In Zelten?"
"Warum nicht."
"Und im Winter? Wenn's schweinekalt ist?"
"Wir könnten ja eine Hütte bauen."
"Auf dieser winzigen Insel?"
"Die muss ja nicht groß sein, ein Kamin und ein paar Schlafmöglichkeiten… vielleicht noch ein Tisch, mehr brauchen wir nicht mehr."
"Kein Fernsehen?, keine Musik, keine…"
"Musik machen wir selbst, was ist dagegen einzuwenden?"
"Also, ich weiß nicht, wovon wollt ihr denn leben…", doch plötzlich schallte ein lautes "Moment mal!" in Alex' Kopf. Genau das, was Michael und Reggie jetzt mit der Insel vorhaben, hatte er doch mit Dycamart vorgehabt. Das war doch der Grund, warum alles überhaupt begonnen hatte. Kein Mensch würde sie hindern, trotzdem arbeiten zu gehen, keiner würde sie daran hindern trotzdem in der nächsten Stadt all den Freizeitaktivitäten nachzugehen, denen sie auch jetzt nachgingen. Der einzige Unterschied war, dass sie dann der Freiheit ein kleines Stück näher wären.
"Wir werden sehen…", murmelte Alex noch als sie Dycamart erreichten.
Um sich vor der unangenehm heiß brennenden Sonne zu schützen, hatte Michael insgesamt vier Baseballmützen aufgesetzt, um seinem Gesicht aus allen Richtungen Schatten zu spenden. Gebracht hat das freilich nichts, außer dass seine Haut trotzdem überall verbrannt war. Sein einziger Trost war, dass es Alex nicht besser ging, obwohl er bei weitem nicht so dämlich aussah wie Michael mit seinem Rundumschutz aus Detroit Tigers, New York Yankees, der Aufschrift "Gib den Doofen keine Chance" und "Wenn Sie das lesen können, stehen sie mir auf dem Fuß."
Am Rande von Dycamart, unmittelbar an der Halle, empfingen sie Melanie, Manuel und Kadir mit einem selten bekloppten Lächeln.
"Hallo, Freunde", strahlte Melanie sie an, als würde ihr Charlie noch im Hintern stecken, "Es ist mir eine große Ehre euch zu der großen Eröffnung von Dycamart begrüßen zu dürfen."
"Es ist auch uns ein großes Vergnügen", erwiderte Michael, wobei er mit seinem Gesichtsausdruck und seiner näselnden Stimme Melanie ziemlich gut parodierte, "wir sind die Sieben Meere auf den Sieben Winden gesegelt, nur um heute an dieser illustren Runde teilnehmen zu können. Wir haben vor sieben Stunden zu bleiben, an sieben Veranstaltungen teilzunehmen, sieben Bier zu trinken, sieben Wein, sieben Whisky und dann - so erwägten unsere Hochwohlgeborenheiten - würden wir gerne mit sieben Frauen etwas machen, allerdings kein Sieben sondern nur Sex."
"Äh, ja. Sehr komisch. Ihr gestattet doch, dass euch der S.C. nach Waffen untersucht."
"Waffen?" fragte Alex erstaunt. "Was ist das hier? Ich dachte, die DDR gibt's nicht mehr?"
"Sicherheitsauflage Nummer 3.7: Keine Waffen dürfen auf dem Boden Dycamarts geführt werden", meinte Kadir.
"Was ist denn mit dir los, Kadir? Du wirkst so ernst."
"Beine breit und an den Baum gestellt", sagte Kadir mit scharfen Stimme. "Ich habe heute Morgen ein Butterfly-Messer auf dem Gelände gefunden und ich schwöre, dass kein zweites an mir vorbeikommen wird. Könnt ihr euch vorstellen, wenn ich das nicht entdeckt hätte, was da alles hätte passieren können? Vielleicht war ein Attentat auf Direktor Neff geplant."
"Drehst du am Rad oder so?" erwiderte Alex. "Was ist denn mit dir los, warum bist'n so nervös?"
"Weil ich hier die Verantwortung für die Sicherheit habe, verdammt", brüllte Kadir, "und stell dich an den Baum da."
"Schon gut. Schon gut. Beruhig dich! Ich mach ja schon… hee, langsam… sag mal, wo greifst du mir denn hin? Das ist doch… das Wetter ist schwül und du bist schwul, da habe ich sicher kein Messer versteckt, wenn ich mich da verletze, ist der Spaß vorbei… hast du's jetzt endlich?"
Dycamart war erstaunlich voll. Auf dem ganzen Gelände hatten sich Schüler verteilt, saßen in kleinen Gruppen zusammen, unterhielten sich und warteten darauf, dass die Feier beginnen würde.
Irgendwo trommelte wer und es war nicht Reggie. Der lief zusammen mit Michael und Alex den Weg zum Haus und alle drei hatten ihre Augen hinter einer Sonnenbrille versteckt. Sie waren Karikaturen irgendwo zwischen den Blues Brothers und den Men in Black.
Direktor Neff stand am Eingang des Hauses und dirigierte die Schüler, wie er es sein ganzes Leben lang getan hatte. Er war schon als Direktor geboren worden und war immer inmitten der Schüler, um sie zu ordnen und die auszusortieren, die die Ordnung störten. Im Zentrum von Dycamart komponierte er eine Symphonie, die immer denselben Akkord spielte, ganz egal welches Instrument es war, die Menschheit musste dirigiert werden, sonst wurde aus Klassik Jazz. Keiner, wirklich keiner konnte seiner Macht entrinnen, nicht einmal die drei im Gänsemarsch mit ihren Anti-Gefahren-Sonnenbrillen, die sich bei nahender Gefahr komplett verdunkelten, so dass man es wenigstens nicht mit ansehen musste. Auch sie mussten vor ihm knien, ihm Respekt entgegenbringen und ihm…
"Tagchen, Direktorchen, alles klar, wie geht's der Mutter, alles in Butter?"
"Hey Neff, alter Schwede, hängt er grade?"
"Bedä-dade-deddeldä."
"Ich hab auf jeden von euch dreien ein Auge, denkt da dran", erwiderte der Direktor. "Eines auf jeden von euch."
"Das wären ja dann 3 Augen? Verdammte Scheiße, ich hab schon immer gewusst, dass sie ein Mutant sind!"
"Also… du… ihr… ich muss mich jetzt auf meine Rede vorbereiten, aber darüber werden wir noch reden, dass das klar ist!"
"Bi-dudeldi-deldidü."
Die Zeit verging schnell. Überall war irgendwer, den man irgendwoher kannte und irgendwie ewig nicht mehr gesehen hatte. Gespräche ohne Bedeutung zwar, aber immerhin nicht so wie bei Talkshows, wo man Gesprächen ohne Bedeutung einfach nur zuhörte. Dycamart war trotz Neffs Einmischung etwas Besonderes geworden. Die Leute waren hier, weil ihnen die Idee gefiel, nicht weil irgendwer ihnen erzählt hatte, dass sie das jetzt gut finden müssen, so wie es mit der Pop-Musik war oder der Mode oder den Kinofilmen oder weiß der Kuckuck was. Wir reden doch nur das nach, was wir im Fernsehen sehen, halten unseren Arsch in jede Richtung, je nach dem wo uns gerade jemand etwas hineinschieben will. Sie haben uns so viel gegeben, dass wir mehr haben als wir brauchen, und wir sollten glücklich sein über all das, doch es war niemals uns…
Zu peinlich schlechter Musik betrat Direktor Neff pünktlich um 17:00 Uhr, das Rednerpult, das man extra vor dem Haus aufgebaut hatte. Mittlerweile war es so voll geworden, dass man sich durch die Massen hindurchkämpfen musste. Woher sie alle gekommen waren, war ziemlich unklar. Fest stand, dass mindestens die Hälfte nicht Schüler von Neffs Schule waren. Sie hatten von dem Projekt gehört und waren gekommen, einfach so.
"Meine sehr verehrten Schüler und Schülerinnen, liebe Kinder", begann Neff seine Rede unter einer laut pfeifenden Rückkopplung des Mikros, das wohl dagegen protestierte, dass man es ständig anspuckte, "ein braches, unbewohntes, wildes Land, leer und ungenutzt. Die Menschheit hat seit jeher eines ausgezeichnet, und das ist die Fähigkeit sich die Natur untertan zu machen."
Das "Publikum" hatte kein sonderliches Interesse ihm zuzuhören. Überall war Unruhe und Geschwätz, ja teilweise sang man sogar oder machte anderweitig Musik mit Trommeln und Gitarren. Doch Kadirs Ordner sorgten für Ruhe, was ihnen zwar nicht ganz gelang, da ein Herd des Chaos' immer irgendwo wieder zum Vorschein kam, aber im Großen und Ganzen zwangen sie die Menge doch dazu, Neff zuzuhören.
"Die Welt wäre eine Wildnis ohne den Menschen. Wir haben die Natur zivilisiert, die Wilden Menschen von den Bäumen geholt. Ja, es mag ein wenig übertrieben klingen, aber ihr könnt stolz sein auf das, was ihr hier geleistet habt. Ihr habt etwas geschaffen, das allein euch gehört und immer euch gehören wird. Niemand kann euch diese Erfahrung je wieder nehmen und viele von euch, die an den Aufbauarbeiten beteiligt waren, werden mir bestätigen, dass dies ihnen geholfen hat, sich selbst zu finden."
Neff sprach etwa eine halbe Stunde von Idealen und Werten, von einer Jugend, die nun erwachsen wurde und Verantwortung übernahm. Er sprach von einer neuen Zeit, die heranbrechen würde, einer Zeit des gestärkten Bewusstseins und der Verpflichtung gegenüber dessen, was man von seinen Vorfahren vererbt bekam. Er sprach von Respekt und Anerkennung.
Die meisten hörten ihm nicht zu, hatten dafür aber Spaß dabei, Ameisen mit Stöcken zu jagen und kleine Jungs ins Wasser zu werfen, obgleich dies nach einer Weile von mächtig wichtig blickenden Ordnern unterbunden wurde. Schließlich musste ja Ordnung herrschen.
Nach einigen Jahrtausenden dann schließlich endete Neffs Rede und Melanie erklärte strahlend wie ein Honigkuchenpferd, dass die Feier nun eröffnet wäre, woraufhin sich allerdings nicht viel tat, außer dass die Leute nun wieder ganz frei und laut miteinander reden durften.
Nahe des Wassers begann das Volleyballturnier, wobei die "Damenkonkurrenz" erstaunlicherweise deutlich mehr Zuschauer hatte. Alex, Reggie, Michael und Angelo saßen nahe des Hauses auf dem Rasen und langweilten sich mehr oder weniger heftig, aber durch die nach wie vor betrückende Hitze waren sie auch froh darüber, sich langweilen zu dürfen.
"Ich glaub, das gewittert heute noch", meinte Angelo. "Es ist so schwül."
"Nein, das Gewitter kommt erst Morgen früh", erwiderte Michael.
"Der Wetterbericht sprach aber von heute."
"Und seit wann können die vom Wetter das Wetter vorhersehen?"
"Oooh, mir ist so heiß, ich schwitze wie ein Schwein, meine Klamotten sind durchnässt, meine Füße stinken und es juckt an Stellen, an denen ich mich nicht kratzen darf."
Michael riss es plötzlich aus seiner Hitzetrance, er reckte den Kopf nach oben und starrte quer durch die gesamte Menge hinunter in Richtung See.
"Oh, mein Gott", stammelte er, "sie ist es… verdammt, ja, ich glaub's nicht, Alex, sieh doch, sie ist hier."
"Wer ist hier?"
"Na, sie, verdammt, Nadja, du weißt doch noch, auf Burg Rheinstein?"
"Ach so, deine Zukünftige, das hast du doch nur geträumt, warum sollte sie auf Burg…"
"Vergiss die Burg! Sie ist da vorne und spielt Volleyball, ich muss zu ihr."
Michael stürmte los, doch er kam nicht weit. Jemand hielt ihn am Arm fest und zog ihn zurück zu den anderen. Es war Kadir und er hatte 3 kräftige Kerle mit Ordnerbinden am Arm als Unterstützung mitgebracht.
"Lass mich los, Kadir, was soll der Scheiß!"
"Ganz langsam, mein Freund", erwiderte dieser und mit Unterstützung seines Gefolges brachte er Michael dazu sich wieder hinzusetzen. "Vorerst gehst du nirgends hin."
"Sag mal, Kadir, was ist heute eigentlich mit dir los? Du wirkst so gestresst."
"Klappe; Alex, ich rede jetzt! Wie ich euch schon gesagt habe, ist vermutlich ein Anschlag auf Direktor Neff geplant."
"Ach, jetzt mach dich doch nicht lächerlich, nur weil irgendwer ein Messer im Gras verloren hat", schimpfte Michael ungewohnt aggressiv, "rauch mal was, das beruhigt!"
Sofort schnappte sich Kadir Michael und zog ihn so heftig am T-Shirt, dass dieses riss.
"Sag mal, bist du…", begann Michael, doch Kadirs Stimme war so finster, dass alle zusammenzuckten und in einen Schock verfielen, der sie für einen Moment paralysierte.
"Wenn ich auch nur ein Blatt Cannabis auf dem Gelände finde, werde ich dich persönlich dafür verantwortlich machen und dafür sorgen, dass du Morgen deine Rolle im Theaterstück nicht spielen wirst. Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?"
Ein paar Menschen aus der Menge wurden auf die Sache aufmerksam und blickten neugierig dorthin, doch da ja Ordner anwesend waren, glaubten sie, dass diese die Situation schon klären würden.
"Gut", fuhr Kadir fort ohne eine Miene zu verziehen. Dafür machte er die Miene seines Kugelschreibers bereit und fing an sich Notizen auf einem Schreibblock zu machen, "damit die Sicherheit von Herrn Neff und allen anderen gewährleistet ist, mache ich mir ein Bild von den am Fest teilnehmenden Personen. Ich teile sie in ihr Gefahrenpotential ein und beschränke gegebenenfalls die Bewegungsfreiheit potentieller Gefahrenträger. Frank, gib mir mal die… genau."
Er nahm ein Bündel mit Armbändern an sich, die den Ordnerbinden sehr ähnlich, jedoch in anderen Farben gehalten waren, nämlich rot, gelb und grün.
"Jeder erhält eine solche Binde und muss sie gut sichtbar am Arm tragen. Träger der grünen Binde unterliegen keinen Beschränkungen, sie dürfen sich frei auf dem Gelände bewegen, abgesehen vom Haus, das dem Rat und dem Sicherheitspersonal vorbehalten ist. Nur Personen mit grüner Binde haben das Recht sich in den Zimmern in der Halle aufzuhalten und dort zu übernachten. Träger der gelben Binde dürfen sich Direktor Neff und den Ratsmitgliedern höchstens auf 10 Schritt Entfernung nähern. Träger der roten Binde dürfen sich nur in ständiger Begleitung zweier Träger von grünen Binden oder einem Ordner aufhalten."
Alex fand langsam seine Worte wieder, doch statt eines zu erwartenden Wutausbruchs seufzte er nur leise vor sich hin: "Kadir, was soll das?"
"Was das soll?" erwiderte dieser ungehalten. "Ganz einfach: ich versuche den Menschen hier Sicherheit zu geben. Ist das denn so schwer zu begreifen? Es geht ja gar nicht darum, ob dieses Messer, das wir gefunden haben, wirklich von jemanden benutzt worden wäre, um jemand anderen zu verletzen. Worum es geht ist, dass diese Möglichkeit besteht. Stell dir mal vor, jemand würde heute Abend durch ein Messerstich verletzt werden? Das würde ich doch vorgehalten bekommen. Man würde doch fragen, wieso ich nicht fähig war, für die entsprechende Sicherheit zu sorgen. Ist dir klar, dass das ganze Projekt dadurch in Gefahr wäre? Die Leute würden Dycamart aus Angst fernbleiben."
"Und so bleiben die roten und gelben Binden fern, weil sie sich diskriminiert fühlen."
"Also, die roten Binden können Dycamart gerne fern bleiben, auf solche Leute kann ich nämlich verzichten. Und die gelben Binden werden eher noch motiviert werden, denn wer sich insgesamt 30 Tage in Dycamart aufgehalten hat, wobei diese 30 Tage natürlich nicht am Stück abgesessen werden müssen, sondern über Wochen oder Monate hinweg erfolgen können, und in dieser Zeit nie negativ aufgefallen ist, wird automatisch zum Träger der grünen Binde oder der gelben, falls er Träger der roten war. Irgendwann haben wir dann nur noch grüne Binden und ein friedliches Völkchen, das sicher und frei ist. Die ganzen Beschränkungen sind ja nur vorübergehend, kleine Druckmittel, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. Es ist also keine Diskriminierung, sondern schlimmstenfalls etwas Disziplin."
"Ich glaub's einfach nicht. Und wie beurteilst du die Leute?"
"Durch einen einfachen Fragekatalog, den ihr mir hier und jetzt beantworten werdet."
"Und wenn wir uns weigern?"
"Dann schmeiße ich euch raus! Also, Frage Nummer 1: von welcher Schule seid ihr?"
"Was? Hast du einen Schaden? Von derselben wie du natürlich."
Kadir kritzelte etwas auf seinen Block und fuhr dann mit emotionsloser Stimme fort: "Frage Nr. 2: Ward ihr in irgendeiner Weise am Aufbau Dycamarts beteiligt und wen ja in welcher Weise?"
"Also, Kadir…", Alex wurde es nun wirklich zu bunt und er war kurz davor Kadir zu Fragen, ob er heute Morgen sein Gehirn auf dem Nachttisch hatte liegen lassen, doch Angelo zeigte sich erstaunlich kooperativ, weil er zu ahnen schien, dass auch die Art und Weise wie die Fragen beantwortet wurden in Kadirs Bewertung berücksichtigt wurden.
"Also, äh, Reggie und Michael sind Darsteller im Theaterstück und haben außerdem tatkräftig bei der Renovierung von Haus und Halle geholfen. Alex war Mitglied des Rates und ich bin es immer noch."
"Ah ja, dann bekommst du eine blaue Binde, das kennzeichnet dich als Ratsmitglied, damit ist für dich die Befragung auch schon beendet, bitte lass uns jetzt allein, während ich mit den anderen die Beurteilung zu Ende führe."
Angelo verließ die kleine Runde und ging runter zum See, wo auch Sandra stand, während Michael wie auf Kohlen saß, Alex vor Wut überkochte und Reggie fröhlich vor sich hin groovte.
"adidell-daddel-did ell-dididi-daddeldudelda."
"Frage Nr. 3: Gab es jemals irgendeine Form von Auseinandersetzung oder Streit, in den ihr hier in Dycamart verwickelt ward?"
"Och, Kadir, du nervst", maulte Alex, "du warst doch selbst dabei, als ich versucht habe, das Fenster mit einem Holzscheit einzuschlagen."
Wieder notierte Kadir gelassen etwas auf seinen Block. "Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre, wen würdet ihr wählen?"
"Hä? Wie? Keine Ahnung, das ist ja auch Wurscht, weil am Sonntag keine Bundestagswahl ist."
"Ja, aber wenn?"
"Dann wäre noch keiner von uns 18 und würde daher nicht wählen dürfen!"
Und so ging das noch 23 Fragen weiter. Am Ende verkündete Kadir, dass Reggie und Michael die gelbe Binde erhalten würden und Alex die rote.
Der nahm es gelassen: "Warum ist da kein sechszackiger Stern drauf."
"Ich verstehe nicht."
"Ja, wenn Dummheit lang machen würde, könntest du kniend aus der Dachrinne saufen. Du verstehst schon, was ich meine."
"Nein, tu ich nicht und jetzt mache ich dich darauf aufmerksam, dass du dich nur in Begleitung zweier grüner Binden in Dycamart aufhalten darfst. Von daher muss ich dich vorübergehend in Gewahrsam nehmen. Wir begleiten dich aber gerne zu zwei grünen Binden, die bereit sind für dich zu bürgen."
"Um Gottes Willen, dann bringt mich halt da vorne zu Angelo und Sandra, das ist ja unglaublich."
Kadir meinte, dass das durchaus machbar sei und auf Michaels Frage, ob sie nun endlich fertig seien, bejahte Kadir, was Michael dazu nutze aufzuspringen, die Ordner beiseite zu schieben und mit den Worten "Platz da, ihr Saftnasen" zum Volleyballspielfeld runterzustürmen. Reggie blieb allein zurück und begann sich einen hinter die Binde zu kippen.
"So kann das nicht weitergehen, Sandra", beschwerte sich Alex als Kadir und seine Ordner verschwunden waren, "ich meine, was ist denn in Kadir gefahren, der war doch vor nicht allzu langer Zeit noch ganz normal und jetzt? Warum hast du das zugelassen, Sandra?"
"Ich? Ich habe gar nichts zugelassen", erwiderte diese, "das ist doch eure Sache. Ihr habt euch unterbuttern lassen von Neff und seinen beiden Lakaien."
"Aber, verdammt, es ist dein Land."
"Und euer Projekt."
Als Alex über den See blickte, färbte er sich rot. Tränen in seinen Augen erzählten von der Bedeutung für die Seele, etwas eigenes zu erschaffen, das einen niemand nimmt, und mag es auch noch so klein und nutzlos sein.
"Die Insel", flüsterte er. "Ich werde Dycamart verlassen und mit Michael und Reggie auf die Insel ziehen."
"Die Insel?"
"Na, dort draußen", er zeigte über das Wasser, das im leicht aufkommenden Wind unruhig wurde, "wir werden bald 18, dann können wir machen, was wir wollen."
"Aber die Insel ist doch viel zu klein, um dort zu leben."
"Wir werden sehen."
Unterdessen hatte sich Michael durch eine stattliche Menge an Zuschauern gekämpft und war an vorderster Front beziehungsweise am Spielfeldrand des Volleyballfeldes Nr. 3 angelangt. Dort war es deutlich voller als auf den Nebenplätzen und man konnte sich kaum der Vermutung entziehen, dass das daran lag, dass auf Feld Nr.3 die "Damenkonkurrenz" ausgetragen wurde. Zumindest aber waren verdächtig viele männliche Zuschauer in den vordersten Reihen.
Auf dem Platz fand aber trotz aller anderen Vermutungen offensichtlich auch eine spannende Partie statt. Auf der einen Seite des Platzes spielte Melanie zusammen mit einer Freundin, die Michael nicht näher kannte, die aber, so dachte zumindest Michael, dort auf den Feld deutlich ansehnlicher war als Melanie.
Auf der anderen Seite des Netzes spielte Nadja, von der Michael schon beinahe selbst glaubte auf Burg Rheinstein nur geträumt zu haben, zusammen mit einer atemberaubenden Schönheit, die wohl der Grund für den Menschenauflauf war, für die Michael jedoch keine Augen hatte.
Trotz der angespannten Spielsituation und der Menschenmenge entdeckte Nadja Michael schon nach wenigen Sekunden und grüßte ihn, so als würde sie sich wirklich freuen ihn zu sehen. Michael versuchte noch zurückzugrüßen, doch das Spiel nahm sie schon wieder in Anspruch.
Es war offenbar der entscheidende Satz. Melanie und ihre Freundin hatten Aufschlag und zudem Matchball wie der Kerl, der neben Michael stand, behauptete. Melanies Aufschlag eierte fürchterlich über das Netz, kam aber irgendwie auf der anderen Seite an. Nadjas Freundin versuchte den Ball anzunehmen, war aber offenbar so ungeschickt wie hübsch und der Ball sprang ihr von ihrem Arm direkt ins Gesicht. Sie torkelte rückwärts, während es den Ball in einem klassischen Bogen Richtung Boden zog.
Doch Nadja gab noch nicht auf. Mit zwei Schritten Anlauf schmiss sie sich auf den Boden und erwischte den Ball nur Millimeter vor dem Aufdotzen mit der Hinterhand. Von dort sprang der Ball wieder nach oben und über das Netz, hinter dem Melanie und ihre Freundin verdutzt in den Himmel starrten, als der Ball von seinem nicht enden wollenden Flug heruntergeschossen kam wie Ikarus, flieg nicht so hoch mein kleiner Freund, und leicht beleidigt vor Melanies Füße aufsprang.
Begeisterung machte sich im Publikum breit, aber nicht nur wegen Nadjas tollem Einsatz, sondern wohl eher weil sie sich bei dem Hechtsprung Teile ihres Trikots zerrissen hatte. Manuel, der Bär, brummte sofort auf das Spielfeld mit einem neuen Trikot und gab die Anweisung, dass Nadja sich dieses sofort überzuziehen hätte.
"Was denn? Über das alte Trikot drüber? Weißt du wie heiß es ist?" beschwerte sie sich, doch Manuel blieb hart.
"…Vorschrift… sonst Disqualifikation", und Nadja gab sich geschlagen, auch weil ihre Freundin schon ungeduldig mit dem Ball in der Hand wartete. Michael wurde das Zuschauen zu langweilig. Er beschloss sich noch schnell etwas zu Trinken zu besorgen, doch er kam nicht allzu weit.
Auf dem Nebenplatz herrschte Chaos. Die beiden Teams hatten in einem offenen Streit den Schiedsrichter mit dem Netz gefesselt und führten nun statt eines Ballspiels einen Ringkampf auf, der von den Anfeuerungsrufen des Publikums unterstützt wurde. Warum sich die vier stritten, konnte niemand so genau sagen, aber was immer es war, es musste eklatant und zutiefst ehrverletzend gewesen sein, denn neben den hochroten Köpfen, floss bei einem der Streithähne auch schon ein kleiner Schwall Blut von der Lippe. Sie schrieen sich gegenseitig Schimpfwörter ins Gesicht ohne dabei jedoch in irgendeiner Weise die ultimative Beleidigung zu kreieren.
Über das Gelände kamen Kadir, eine Reihe von Ordnern und Direktor Neff gestürmt, die sich alle sehr unsanft durch die Menge drückten. Sie brauchten eine Weile, aber schließlich konnten sie mit der Gewalt der Ordnung den Streit zwar nicht beenden, aber doch unterdrücken.
In der Mitte der Leute stand dann Direktor Neff und tobte: "Was soll das? Was zum Teufel ist in euch gefahren? Ist euch klar, dass wenn am Sonntag die Sponsoren hier sind, eine solche Aktion das ganze Projekt zerstören könnte? Ich kann…"
Alex war auch erschienen und drängelte sich durch den Kreis, der Neff zu schützen schien.
"Wollen sie nicht vielleicht zuerst mal fragen, weshalb dieser Streit überhaupt…"
"Halt sofort deinen Mund, Alex!" unterbrach ihn Neff sofort. "Du hast genug gesagt, viel zu viel, mir reicht's! Es ist endgültig Schluss! Seit diese Sache hier begonnen hat, hast du versucht uns unsere Freude daran zu nehmen. Zuerst hast du Stunk im Rat gemacht und dann hast du dich demonstrativ faul vor sämtlichen Arbeiten gedrückt und im Hintergrund immer wieder die Leute aufgewiegelt. Wahrscheinlich hast du auch diesen Streit hier provoziert, warum sonst würdest du ihn verteidigen, nein, du bleibst ruhig, Alex, jetzt ist Schluss damit. Das Turnier ist beendet und als Warnung für alle die, die glauben gleichwohl destruktiv handeln zu dürfen, werdet ihr alle jetzt hier eine Stunde so stehen bleiben, ohne irgendeinem Vergnügen nachgehen zu dürfen. Das gilt für euch vier genauso wie für die ganze schweigenden Menge hier", Neff deutete auf die Zuschauer, die völlig perplex und fassungslos waren über diesen verbalen Ausbruch. "Ja, genau, keiner von euch ist eingeschritten, die hätten sich totschlagen können, ihr hättet noch gejubelt! Wisst ihr eigentlich, dass das Projekt gestorben ist, wenn so etwas am Sonntag passiert, wenn die Sponsoren da sind? Dann war alles umsonst, die ganze Arbeit, die wir hatten."
"Sie hatten aber nicht…"
"Ich habe gesagt, du sollst deinen Mund halten, Alex! Wo sind überhaupt deine Begleiter? Du hast eine rote Binde und musst von daher…"
"Sandra und Angelo sind in der Halle um beim Abendessen zu helfen."
"Aber du darfst nur in Begleitung zweier…"
Ein Plantschen und Knirschen unterlegt mit Gesang unterbrach Neff wieder. Es war Reggie, der aus dem Wasser kam, um sich ein wenig vom vielen Schwimmen zu erholen. Er trug seine gelbe Binde nicht, genau genommen trug er mal wieder gar nichts und stellte sich dem hochgerüsteten Direktor Neff so wie Gott und die Geister ihn geschaffen hatten.
"Was zum Teufel erlaubst du dir?" tobte Neff. "Zieh dir gefälligst was an!"
"Ach, nicht schon wieder, das hatten wir doch schon mal", erwiderte Reggie trocken, obwohl er noch nass war. "Ich geh wieder schwimmen."
"Nein, du bleibst hier", befahl Neff, "Kadir, halt ihn fest."
"Ich? Aber ich fass doch keinen nackten Kerl an."
Und so konnte Reggie sich als einziger frei bewegen. Er lief durch die Reihen, blickte sich die Leute an, blieb lange vor Melanie stehen, die mit roten Kopf versuchte nur zu Charlie zu sehen, was ihr aber nicht gelang, und schließlich schnappte er sich Kadir und stieß ihn ins Wasser.
"He, verdammt noch mal!" brüllte Neff und schnappte sich nun seinerseits Reggie, zog ihn vom Wasser weg und zwang ihn mit Hilfe von mehreren Ordnern sich auf den Boden zu setzen. "Ihr anderen setzt euch auch hin. Alle! Los jetzt… so ist's gut."
Doch noch bevor sich alle gesetzt hatten, erschien Kadir wieder aus dem Wasser, das auf seinem Körper zu kochen schien. Sein Blick war voller Entschlossenheit, Wut und Unbarmherzigkeit.
"Nein, Kadir, warte, beruhige…", doch selbst Neff konnte ihn nicht mehr stoppen. Er stürmte quer durch die Menge hindurch und trat den am Boden sitzenden Reggie mit voller Wucht mitten ins Gesicht.
Reggie knallte mit einem abgehackten, dumpfen Schrei auf den Hinterkopf und blieb liegen. Keiner blieb nun mehr sitzen, alle sprangen auf, um irgendwas zu tun, Michael um nach Reggie zu sehen, Alex und etwa zwei Dutzend andere um Kadir zusammenzuschlagen, die Ordner um Ordnung in den wilden Haufen zu bringen, Neff um sinnlose Anweisungen und Befehle zu brüllen, was aber nur dazu führte, dass die Ordner nicht mehr so recht wussten, was sie tun sollten und in Auseinandersetzungen mit eigentlich friedlichen und ruhigen Leuten kamen und am Ende prügelte sich jeder mit jedem wie in einem Asterix-Comic. Auch die Leute in der Halle (einschließlich Sandra und Angelo) waren mittlerweile auf den Krawall aufmerksam geworden und stürmten hinunter um das Chaos noch zu vergrößern.
Alex hatte Kadir wieder zum Wasser gezogen, doch dieser wehrte sich dagegen noch einmal nass zu werden. Von daher nahm Alex ein paar Schritte Anlauf, sprang hoch in die Luft und stieß Kadir mit aller Gewalt ins Wasser, auch wenn Alex dabei selbst hineinfiel und beide untertauchten.
Alex war der, der zuerst wieder hochkam. Er suchte nach Kadir, den er trotz des klaren Wassers nicht ausmachen konnte, weil die Sonne schon tief stand und ihn blendete. Zu spät wurde ihm klar, dass er hinter ihm sein musste.
Kadir tauchte hinter ihm auf und warf Alex um, indem er ihn umklammerte und in einer Art halben Schraube auf das Wasser klatschen ließ. Alex tauchte sofort wieder auf, das Wasser reichte ihnen bis zur Taille und sie schrien sich gegenseitig an, obwohl sie noch nicht einmal einen Schritt auseinander standen.
Alex gab einen Wutschrei von sich, versuchte dann Kadir umzuwerfen, doch der Wasserwiderstand war zu groß, um genug Schwung zu bekommen und so prallte er nur lächerlich an Kadir ab.
Sie umklammerten sich gegenseitig und jeder versuchte in einer ständigen Drehbewegung den anderen umzuwerfen. Schließlich packte Alex Kadir an der Taille und brachte ihn zum Umfallen.
Aber auch Kadir kam diesmal sofort wieder hoch. Er hatte beide Fäuste oben und begann zu boxen. Nach einigen Schlägen in die Luft, hatten sie sich wieder umklammert, Alex nahm nun die Fäuste zur Hilfe und versetzte Kadir einige heftige Schläge in den Bauch, während er deutlich Herrn Neff schreien hören konnte, dass sie endlich aufhören sollten. Als sich dann Kadir unter Schmerzen den Bauch hielt, versetzte Alex ihm noch einen letzte Schlag von unten gegen das Gesicht.
Dieser Schlag war so heftig, dass Kadir (durch das Wasser unterstützt) ein wenig nach oben flog und dann mit beiden Armen von sich gestreckt auf dem Wasser aufschlug. Alex, der sich als Sieger dieses Kampfes fühlte, nahm Kadir am Kragen und zog ihn aus dem Wasser auf das Land. Kadir war ohnmächtig.
"Was hast du da getan?" schrie ihn Neff an.
"Was ich getan habe?" erwiderte Alex. "Sehen sie sich lieber an, was sie tun. Reggie, Kadir und ich, wir waren die besten Freunde und jetzt tritt Kadir Reggie ins Gesicht und ich schlage Kadir dafür halb tot. Und nur…"
"Was erlaubst du dir?"
"Ihre Regeln, Herr Neff, die ganze Kontrolle hier ist schuld daran. Es gab nie wirklichen Streit zwischen mir und Kadir."
"Der Streit ist nicht entstanden, weil ich Regeln aufgestellt habe, sondern weil ihr euch nicht an diese Regeln halten wollt. Ihr würdet euch in eurem Chaos nur gegenseitig die Schädel einschlagen. Hier haben eben alle nur zugeschaut als der Streit losging, ja sogar gefreut hat es euch scheinbar noch. Ihr seid wilde Tiere und sonst nichts."
Alex zog sich seine rote Binde aus und warf sie Neff entgegen wie einen Fehdehandschuh. "Ich scheiß auf sie", murmelte er und lief dann schnellen Schrittes an Neff vorbei, offenbar um Dycamart zu verlassen.
"Ja, genau", rief ihm der Direktor hinterher, "verschwinde hier und lass dich nie wieder blicken! Du bist hier nicht mehr willkommen, du wirst Dycamart nie mehr betreten, dafür werde ich sorgen! Nie mehr wieder wirst du dieses Land sehen."
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