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"Moment Mal, da steht doch 6 Monate nach dem Tag der Blutentnahme, richtig?" meint der Typ vom Veterinäramt. "Das heißt also 6 Monate plus 1 Tag, nämlich 6 Monate nach dem Tag der Blutentnahme. Die Blutentnahme war am 26.11.2002, der Tag nach der Blutentnahme ist der 27.11. plus 6 Monate macht: 27.05.2003."
Die Logik ist bestechend. Sie zeugt zwar auch davon, dass der knuddelige Darmstädter Veterinär seine eigene Sprache nicht versteht, aber Diskussionen darüber sind wirkungslos.
"Ja, aber wir wollen doch am 26. einreisen."
"Die nehmen's da sehr eng. Ich habe schon von Leuten gehört, dass sie wirklich an der Fähre abgewiesen wurden, weil ihre Papiere nicht korrekt waren. Da müssen sie halt einen Tag später fahren."
"Ja, aber wir müssen doch auch die Anschlussfähre noch kriegen."
Zwecklos.
Vollkommen anders ist da Mickos Tierarzt: "Was? Innerhalb von 24-48 Stunden vor Einreise soll er gegen Bandwürmer und Zecken behandelt werden? Dann kackt er doch die Würmer genau dann raus, wenn Sie in England sind."
Das Problem ist, dass man keine Tiere nach Irland mitbringen darf, ohne dass sie erst mal für 6 Monate in Quarantäne gesteckt werden. In Groß-Britannien ist es ähnlich, doch dort läuft seit einiger Zeit ein Pilotprojekt namens Pet Travel Scheme, das unter allerlei übertriebenen und manchmal auch abstrusen Vorbereitungsmaßnahmen die Möglichkeit bietet seinen Hund, seine Katze, Goldhamster, Kaninchen oder Nil-Krokodil mit nach Groß-Britannien zu bringen. Von Groß-Britannien kann man dann ohne Kontrolle nach Irland einreisen. Faktisch ändert sich am Tier nichts, verglichen mit einer direkten Einreise nach Irland, aber Gesetze sind halt immer wichtiger als die Realität, da sind die Iren auch nicht besser als wir. Irgendwer hat da mal wieder unheimlich mitgedacht.
Als wir durch Holland fahren, wird mir einiges klar. Wenn wir jetzt wieder auf so einen Bekloppten treffen, der uns die Einreise verweigert, weil diese erst 6 Monate nach dem Tag, der auf den Tag des ersten Winter-Neumondes nach der Blutentnahme folgt, erfolgen kann, dann müssen wir mindestens einmal in Holland übernachten. Aber Holland ist so verdammt flach und langweilig… und außerdem voller Holländer. Auch gibt's hier auch nur Käse anstatt Whiskey. Ich will hier nicht übernachten.
An der Nordseeküste
Wir sind das erste Wohnmobil. Aufgereiht wie vor dem Start eines Rennens müssen wir auf 6 oder 7 Spuren warten. Vor uns ist das Meer mit Schiffen groß wie Häuser. Micko schaut verwirrt auf das Wasser.
Was ist das denn? Wo bin ich hier? Ich will wieder ins Wohnmobil! Sofort!!
Das Warten hat was für sich. Die Schiffe kommen und gehen sehen wie in Otis Redding's "The Dock of the Bay" und zu wissen, dass man den Kontinent jetzt für fast 4 Wochen hinter sich lassen wird und alles mit ihm: dämliche Diskussionen darüber wie die Wirtschaft wieder angekurbelt werden kann, schwachsinnige Fernsehprogramme, die sich nur selbst zitieren, Dieter Bohlen und seine Marionetten, die eben nur so intelligent sein können, wie der, der die Strippen zieht, all das lassen wir jetzt zurück, ein Gefühl der Befreiung. Möllemann lebt noch, Friedman darf den Leuten immer noch im Abendprogramm auf den Zeiger gehen und mit dem Abstand, den wir davon gewinnen werden, wird es uns auch nicht berühren, wenn wir es nach unserer Rückkehr durch eine Bildzeitung auf der Herrentoilette einer deutschen Raststätte erfahren.
All das kann aber nur geschehen, wenn wir überhaupt auf das Schiff kommen. Eine gewisse Nervosität macht sich breit, weil keiner weiß, ob wir überhaupt einreisen dürfen, denn laut dem Zettel des Veterinärs dürfen wir ja erst am 27. nach England, auch wenn der Bluttest auf den 26.11. datiert ist. Was, wenn wir auf noch so einen bürokratischen Idioten treffen, der auch auf den 27. besteht? So als würden die nicht mal ganz 12 Stunden, die es noch bis zum 27. sind, wirklich die Tollwut in England verbreiten und die ganze Insel in ein paar Minuten auslöschen.
Dadurch genießen wir den Blick aufs Meer leider nicht sonderlich und drängen stattdessen darauf, dass es endlich auf die Fähre geht. Die ist aber noch gar nicht da.
Irgendwann nach Jahrzehnten dann öffnen sich die Tore. Wir sind zwar das erste Wohnmobil, trotzdem wird ein Reisebus zuerst drangenommen. Und das dauert.
Als wir dann endlich am Schalter sind, stürzt der Computer dreimal ab, während wir darauf warten, dass wir an die Seite gerufen werden, weil etwas mit unseren Papieren nicht stimmt. Graue Erinnerungen von zwei Besuchen in der DDR bekommen plötzlich wieder erschreckende Farbe in meinem Kopf. Wo werden wir heute übernachten?
Nachdem dann endlich Windows mit Linux ersetzt wird, funktioniert auch der Computer und wir werden weitergeschickt. Die Dame am Schalter hat nicht mal nachgefragt, wieso sich die beiden Daten in den Unterlagen widersprechen.
Noch ist es holländischer Boden, aber irgendwie sind wir jetzt auch schon einen Schritt in England.
Später erklärt uns ein netter Engländer, dass der "Katamaran", der da hinten kommen würde unsere Fähre sei. Katamaran? Naja, Hauptsache es schwimmt.
Wie groß wohl die Wahrscheinlichkeit sein mag, dass das Schiff untergeht? Nein, das ist zu pessimistisch, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass wir heil angekommen, ist weitaus ermutigender. Oder?
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