Teil 10: Country Fair in Birr


Irischer Sommer

Sammy hinter Gittern

Am nächsten Morgen weckt uns Bea mit einem fröhlichen "das ist irischer Sommer" auf den Lippen. Der Regen hat noch zugenommen und in Deutschland würden wir uns wohl in der Wohnung verkriechen.

In Irland hat es aber so viel Regen, dass man dann gar nichts mehr unternehmen würde und man gewöhnt sich auch verdammt schnell daran, dass es immer mal wieder einen Schauer gibt. Manchmal genießt man es sogar.

Heute fahren wir nach Birr zu einem Country Fair, Hunde, Falken, Pferde und noch einiges anderes gibt es dort zu sehen, Andenken zu kaufen und das ganze in einem großen Park mit einer nett anzusehenden Burg und einem botanisch hervorragend gepflegten und künstlerisch wertvollen Garten.

Der Hinweg ist nicht ganz unkompliziert. Ein ganzes Stück von Birr Castle entfernt, muss man parken und wird dann mit dem Bus an den Veranstaltungsort gebracht. Wir sind mit drei Hunden unterwegs (Micko, Opi und Waalkes, der scheinbar nur aus Haaren besteht) und irische Busse, zumindest mitten im Landesinneren sind nicht zwangsläufig sonderlich geräumig. Die Iren aber stört das nicht. Keiner beschwert sich, viele stellen interessierte Fragen über die Hunde und der einzige, der mal Unmut zum Ausdruck bringt ist Micko, dem das alles ein wenig zu viel ist und der sich hilfsweise zum Stressabbau mit Opi und Waalkes anlegt.

Irischer Regen

Als wir am Veranstaltungsort ankommen, regnet es immer noch. Der größte Teil des Fairs findet auf einer Rasenfläche statt und ich blicke besorgt im Wechsel zum Himmel und auf meine Schuhe. Sie sind alles, bloß kein "festes Schuhwerk". Wären wir in Deutschland und ich würde bei solch einem Wetter über einen Rasen gehen, müsste ich meine Schuhe hinterher tagelang mit Papier ausstopfen, um sie wieder trocken zu bekommen. Doch nicht in Birr. An der Fußspitze werden sie ein bisschen feucht, doch sobald ich den Rasen verlasse, trocknet selbst das wieder, obwohl es immer noch regnet.

Ist irischer Regen anders als deutscher? Irgendwie schon, der Grund für die trockenen Schuhe liegt aber schlicht daran, dass der irische Rasen durch den vielen Regen immer gut durchweicht ist und das Wasser so sofort einsickern kann. In Deutschland trocknet die Sonne das Gras aus und wenn es dann regnet, bleibt das Wasser einfach auf der Oberfläche liegen.

Bald schon verliert der Regen jegliche Bedeutung. Wenn es mal ganz schlimm runtermacht, stellen wir uns kurz unter und warten bis es etwas nachlässt und leichter Regen stört uns schon nicht mehr.

Irische Unterhaltung

Über einen Parcours werden kleine Terrier geschickt, die einem Stoffhasen hinterher jagen. Eine aufgeregte Stimme über einen Lautsprecher kommentiert das ganze, redet aber so schnell und nuschelnd, dass ich mal wieder kaum ein Wort verstehe. Das muss man aber auch nicht. Es ist schon ziemlich klar, wie er das ganze Spektakel kommentiert. Aufgeregt und begeistert, so als würde wirklich etwas bedeutendes und aufregendes geschehen. Dabei lassen sich nur eine Handvoll Hunde von einem imaginären Hasen verarschen… oder machen sie das nur aus Spaß? So wie wir einem Ball nachjagen, um ihn durch ein Aluminiumtor zu schießen, bevor es unser "Gegner" macht?
Micko
Die Falken interessieren mich nicht sonderlich. Sie sitzen auf Pfählen und sind an den Krallen festgebunden, was mir nicht nur uninteressant sondern auch irgendwie falsch erscheint. Ich würde sie am liebsten freilassen, aber in diesem Klima würde ich ihnen damit wohl auch keinen Gefallen tun.

In einem Zelt mit Andenken und Krimskrams unterhalten wir uns mit einem Mann, der Euro-Münzen aus allen Ländern verkauft. Weshalb die Norddeutschen eigentlich die Bayern nicht mögen würden, fragt er uns.
"Keine Ahnung", erwidere ich, "vielleicht hat es historische Gründe, Preußen und Bayern und so."
"Und warum mögen die Deutschen die Österreicher nicht. Das ist doch so, oder?"
"Ja, irgendwie ist das häufig so. Warum, weiß ich auch nicht. Vielleicht wegen Hitler?"
"Naja, irgendwo musste er ja geboren sein, oder nicht?"
Auch bei "solchen Sachen" sind die Iren gelassener. Allerdings sei auch erwähnt, dass die irische Regierung im 2. Weltkrieg zwar militärisch und politisch neutral war, aber mit den Nationalsozialisten sympathisierte. Ebenso sei aber auch erwähnt, dass anfangs verdammt viele Leute mit den Nationalsozialisten sympathisierten und es hinterher nicht mehr zugeben wollten. Immer noch ungeklärt ist ja die blasphemisch anmutende, politisch inkorrekte und trotzdem interessante Frage, ob Neil Armstrong jemals auf dem Mond gelandet wäre ohne die Hilfe von Ex-Nazi-Wissenschaftlern, denen es egal war, ob sie Heil Führer oder Jawohl, Mr. President sagen mussten.

Irischer Garten

Als wir durch den labyrinthartigen, botanischen Garten laufen, der wirklich sehr schön ist und den ich gerne mal bei Sonnenschein sehen würde, beschließt Bea, dass sie Micko zusammen mit Waalkes an derselben Leine führt. Das geht doch nie gut, denke ich, aber es geht, nur einmal ganz kurz schimpfen sie sich gegenseitig an, dann sind sie ruhig, als würden sie das schon seit Jahren so machen. Waalkes ist ja ohnehin ein witziger Hund. Er sieht aus wie ein überdimensionaler Wollknäuel, bellt ununterbrochen, wenn er uns von der Ferne durch die Tür zu seiner Behausung sieht, ist dann aber lammzahm, wenn man ihn rauslässt. Er ist der lebende Beweis für den an sich dämlichen Spruch, dass Hunde, die bellen, nicht beißen.

Irische Mentalität

Auf dem Heimweg entdeckt Bea dann noch jemanden, der sich einfach unter einen Baum gestellt hat und dort Welpen verkauft, an wen auch immer, der sich nach der Show so ein Tierchen mitnehmen will, ohne sich im Klaren zu sein, welche Verantwortung damit verbunden ist.
Auch in Irland ist das illegal, doch es ist nirgends jemand vom Tierschutz zu finden, was doch erstaunlich ist, bei einer solch großen Veranstaltung mit so vielen Tieren. Und auch das Ordnungspersonal interessiert sich nicht wirklich dafür und bleibt lieber im Trockenen sitzen. Das Problem ist, dass die Iren einfach nicht verstehen, was denn daran so schlimm ist und daher auch die Aufregung nicht nachvollziehen können.

Irisches Wetter

Als wir am Nachmittag wieder zurück am Uisneach sind, klart der Himmel auf und wir bekommen einen sonnigen, warmen Nachmittag. Das sollte man erwähnen, wenn jemand der vielen Regen in Irland abschreckt. So wie der Himmel am Morgen aussah, hatte ich gedacht, dass es die ganze Woche durchregnet, das ist die Erfahrung mit dem deutschen Wetter. In Irland jedoch kann das Wetter ganz schnell umschlagen. In Irland Meteorologe zu sein, ist nicht sonderlich schwer, denn im Wetterbericht steht fast immer ein Wort: wechselhaft. Üblicherweise ist das auch die einzig korrekte Bezeichnung.

Irischer Abend

Bevor wir am Abend in das zweite Pub, Oooommmmmmmdas wir schon gesehen haben, als wir Bea bei unserer ersten Ankunft nicht antrafen und mit Micko spazieren gingen, will sich Bea noch einen Moment hinlegen. Allzu viel Schlaf scheint sie aber nicht zu finden, denn ständig toben die Hunde. Vielleicht liegt es daran, dass unser Wohnmobil mitten auf dem Hof steht und das ein ziemlich ungewohnter Anblick für die Hunde sein muss. Auf jeden Fall hört man Bea hin und wieder mal vom Fenster aus brüllen: "Hey, Elkies!!!" Ob sie wohl ihre Rassezugehörigkeit kennen und wissen, dass sie alle zusammen gemeint sind?

Am Abend sind wir dann im Pub. Es ist optisch ansprechender gestaltet als das andere, dafür ist aber zumindest an diesem Abend keine Livemusik. Was aber klar wird, ist die große Bedeutung, die die Pubs für die Iren haben. Wie schon das andere Pub zwei Tage zuvor, ist es gerammelt voll. Man muss ja bedenken, dass in der Republik Irland weniger als 4 Millionen Menschen leben, und das bei der ungefähren Größe von Bayern, wo etwa 3mal soviele Menschen leben. Hinzu kommt, dass fast eine Million dieser Menschen in Dublin oder Umgebung leben, bedenkt man zudem, dass es noch ein paar andere größere Städte gibt wie z.B. Cork, das auch immerhin fast 200.000 Einwohner hat und diese Städte fast ausschließlich in Küstennähe sind, so wird klar, dass das Landesinnere recht dünn besiedelt ist. Trotzdem sind die Pubs immer voll.

Die Gesprächsthemen bei Guinness und Irish Black Russian sind an diesem Abend etwas eintönig. Überraschenderweise geht es um Hunde, Hunde, dann um Hunde, zwischendurch um Hunde und dann wieder um Hunde, vereinzelt vermischt mit etwas James Joyce und Jack Nicholson.

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