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Am nächsten Tag, den letzten bei Bea, ist ein Bootsfahrt auf dem Shannon geplant, zu der es dann aber gar nicht kommt. Zuerst holen wir die Welpen ab und danach fahren wir kreuz und quer durch Irland, um zwei Leute vom irischen Tierschutz zu treffen. Unterwegs gibt uns Bea ein paar Einsichten in das Denken der Iren.
Wir fahren durch einen Ort namens Ballymore. Bea erklärt, warum so viele Orte mit dem Wort Bally oder Kil anfangen. Beides kommt aus dem Gälischen und heißt schlicht Stadt bzw. Kirche. "Bally" heißt also Stadt und "more" heißt groß, somit ist Ballymore "die große Stadt". Und die Stadt ist so "groß", dass Bea nach dieser kurzen Erklärung, die sie schon begonnen hatte, bevor wir in Ballymore ankamen, nur noch zu sagen bleibt: "Gut, und jetzt fahren wir wieder raus aus Ballymore". Selbst für ein Dorf ist "die große Stadt" noch klein.
Ein einziges Mal kommen wir auch auf Politik zu sprechen, als Bea fragt, was man denn in Deutschland so von der politische Seite Irlands mitbekommen würde.
Die korrekte Antwort ist: Nichts! Gar nichts! Einzig nordirische Unruhen finden in unseren Medien Erwähnung. Interessieren wir uns denn wirklich nur für Iren, die sich gegenseitig erschießen oder in die Luft sprengen?
Dabei ist Irland in diesem Punkt gar nicht mal so uninteressant. Seit 1990 ist das irische Staatsoberhaupt eine Frau. Bis 1997 war es Mary Robinson, die dann zur UNO ging und von Mary McAleese abgelöst wurde (2004 sind die nächsten Wahlen). Schon allein das ist erstaunlich, dass in einem angeblich so extrem katholischen Land eine Frau Staatsoberhaupt ist, während sich die vermeintlich liberaleren Staaten in Mitteleuropa damit immer noch schwer tun.
Interessant ist hierbei auch das Wahlsystem, denn Mary McAleese ist Präsidentin geworden, obwohl sie nicht die meisten Stimmen bekam. Grund dafür ist ein sehr komplexes Wahlsystem, das über Zweitstimmen (nicht zu verwechseln mit der bundesdeutschen Zweitstimme, die eine linguistische Mogelpackung ist) die Möglichkeit gibt, nicht nur seinen Favoriten zu unterstützen, sondern, für den Fall, dass dieser nicht gewählt werden sollte, auch noch eine "zweite Wahl" zu treffen, nach dem Motto: "Na gut, wenn nicht der, dann halt der (oder die)". Auf diese Weise kann es passieren, dass jemand zwar von einer (einfachen Mehrheit) gewählt wird, die Wahl aber trotzdem verliert, weil ihn ein großer Teil der Bevölkerung schlicht ablehnt.
Dieses zunächst etwas konfus scheinende Wahlsystem hat durchaus etwas für sich, denn in einer Demokratie sollte sich eine Mehrheit doch auch gegen einen Kandidaten entscheiden können und nicht nur für einen. Und wenn jemand die 2. Wahl der meisten Menschen ist, dann ist dieser jemand vielleicht das bessere Staatsoberhaupt als jemand, der zwar für viele die 1., für ebenso viele aber auch die letzte Wahl ist. Politische Polarisierung würde so entgegen gewirkt werden. Leute wie Helmut Kohl und Roland Koch wären niemals so erfolgreich, weil ihr Erfolg hauptsächlich darauf beruht, dass sie den Menschen, die sie nicht wählen, auch nicht entgegen kommen müssen. Beide, Kohl wie Koch repräsentieren zwar eine einfache Mehrheit der Bevölkerung, aber sie repräsentieren eben nicht die gesamte Bevölkerung. In Irland ist man dem einen Schritt näher.
Vor dem Ortseingang zu irgendeinem "Bally" bleibt Bea stehen und telefoniert. Eigentlich wollte sie sich hier mit den beiden Leuten vom Tierschutz treffen, doch bei dem Telefonat stellt sich heraus, dass sich statt dessen in Knock, Mayo getroffen werden soll. Also geht die Fahrt weiter.
Knock, Mayo
Knock in Mayo ist ein witziges, winziges Städtchen. Obwohl noch ein ganzes Stück vom Ozean entfernt, weht der Wind schon kräftig und riecht nach Salzwasser. Vielleicht liegt es daran, dass Leute hier Dinge sehen, die andere nicht sehen, oder es liegt daran, dass hier sonst einfach nichts ist, auf jeden Fall aber glaubte irgendein Knockianer einmal ihm wäre die Jungfrau Maria erschienen und seither ist Knock der größte und eigentlich der einzig richtige christliche Wallfahrtsort Irlands. Dort gibt es für viel Geld kleine Fläschchen zu kaufen, die leer sind und die man dann selbst mit dem heiligen Wasser abfüllen muss.
Wie auch immer, nachdem Knock also Wallfahrtsort war, meinte der örtliche Pater, der wohl so etwas wie die irische Antwort auf Don Camillo sein muss, Knock sei nun Wallfahrtsort, hier kommen nun jedes Jahr Milliarden von Pilgern, wofür die Infrastruktur einfach nicht ausreicht. Also, sagte sich der Pater, muss ein Flughafen her. Also schrieb der Pater an die irische Regierung, sie möge doch bitte einen Flughafen für Knock bauen.
Um sich das klar zu machen, zum einen ist Irland kein reiches Land und zum anderen ist Knock so klein, dass dieser Antrag etwa gleichbedeutend wäre, wie wenn das Dörfchen Lützelbach im Odenwald an die Bundesregierung schreiben und um einen Flughafen bitten würde.
In Irland geht so was. Die Regierung gab den "Mayo International Airport" bei Knock in Auftrag und der heißt nicht, weil's so schön klingt "International Airport". Da können nicht nur Jumbos landen… da landen Jumbos. Meistens nur mit 3 oder 4 Leuten an Bord, aber sie landen… mitten in Mayo.
Dort treffen wir dann endlich die beiden vom Tierschutzverein. Bezeichnenderweise ist sie Engländerin und er Schotte, die meisten Leute, die im irischen Tierschutzverein organisiert sind, sind gar keine Iren.
Dann geht's wieder ins Auto. Wir müssen nach, ja genau, nach Bally-Irgendwas, dort sei der Hund, den Bea holen will. Sie sucht einen neuen Gefährten für Opi. Warum wir uns nicht gleich in Bally-Irgendwas getroffen haben? Das wird nicht so ganz klar.
Kreuz und quer durch das Nigendwo
Von da an kann ich nicht mehr nachvollziehen, wo wir an diesem Nachmittag überall hinkommen. Es geht kreuz und quer, hoch und runter, vorwärts und zurück und dabei gelingt es uns 3 Etappenziele zu erreichen: 1. den neuen Gefährten für Opi. Er sagt Bea nicht zu. Deshalb bleibt er hier, 2. Sollen wir einen angeblich aggressiven Hund abholen, doch auf den Hof, auf dem ich mich deshalb ein wenig zu vorsichtig bewege, springen zwar unzählige Hunde und Katzen frei herum, aber aggressiv ist hier keiner. Der einzige, der ein wenig ungehalten bellt, verkriecht sich dabei in einem Busch. Der hat Schiss und sonst nichts und schließlich 3. diesmal wirklich auf dem Hof, der den aggressiven Hund loswerden will.
Ein aggressiver Hund?
Als wir dort aber ankommen, verkriecht sich dieser angeblich aggressive Hund so unterwürfig, dass er am liebsten seine Schnauze in den Boden vergraben würde. Ich habe noch nie einen so feigen Hund gesehen. Dass er aggressiv ist, halte ich für ausgeschlossen.
Wie auch immer Bea verschwindet mit der Besitzerin des Hundes, die weit mehr als nur ein leichtes Gewichtsproblem hat, in ihr Haus und verhandelt da wohl über die Mitnahme des Hundes.
Währenddessen stehe ich mit dem Schotten draußen und endlich erfüllen wir mal jedes Klischee: wir reden über das Wetter. Dann kommt Bea wieder raus und nimmt den Hund mit. Die Dicke wiederholte unzählige Male, dass sie was von Hunden verstehe und dieser Hund sei aggressiv. Mit der Zeit jedoch hatte sich herausgestellt, dass die Dicke dem Hund die Welpen wegnehmen wollte, woraufhin sie tatsächlich einen Biss einfing. Dann gehört es einem aber auch nicht anders.
Wo das aber alles gewesen ist? Ich weiß es nicht. Ich bin nahezu sicher, dass wir die Insel nicht verlassen haben, aber wer weiß das schon so genau? Vielleicht war es in einer geheimnisvollen Zwischenwelt, wo alles und nichts gleichermaßen geschieht.
Athlone
Danach fahren wir dann endlich nach Athlone, wo wir eigentlich hin wollten. Mit der Bootsfahrt wird es nichts mehr. Wir essen noch schnell etwas und schauen dann den Booten nach, die den Shannon hinauf zum Lough Rea fahren. Athlone ist eine schöne Stadt mit einem besonderem Flair und die Hunde laufen hier frei in den Straßen umher.
Abschied
Dann geht es ein letztes Mal zurück zu Bea. Wir verabschieden uns und verlassen den Uisneach, der zwar nüchtern betrachtet nur ein Hügel mit einem alten Stein drauf ist, der aber doch eine gewisse Magie ausstrahlt… und sei es auch nur weil Menschen seit Jahrtausenden hierher kamen und in Ehrfurcht an diese Magie glaubten. Vielleicht ist es nur das Echo einer längst verblassten Spiritualität von Menschen, die schon lange nicht mehr existieren. Aber das ist doch auch schon eine ganze Menge…
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