Teil 14: Cliffs of Moher


Warten auf den Bus

Am nächsten Tag fahren wir mit dem Bus die Cliffs of Moher hoch. Auch die Busse, die die ganze Insel verbinden, halten sich mehr an dem Stand der Sonne als an die Fahrpläne. Man sollte zur Abfahrtszeit da sein, aber es schadet auch nicht, wenn man sich was zu trinken mitnimmt. Es kann nämlich durchaus zu klitzekleinen Verzögerungen kommen, für die man die Deutsche Bahn monatelang beschimpfen würde. Hier in Irland gehört das Warten aber einfach dazu. Vielleicht sind die Leute auch deshalb entspannter. Vielleicht sollte die Deutsche Bahn unpünktlicher werden und wir wären nicht mehr so im Stress.

Während wir auf den Bus warten, ereignen sich interessante Dinge. Zunächst einmal kommt ein Bus an, der genau mit der Zeit auf dem Fahrplan übereinstimmt. Da wir das für unwahrscheinlich halten, fragen wir die Busfahrerin erst einmal. Sie würde jetzt erst durch Doolin fahren und dann zurück kommen. Ah ja. Doch sie kommt niemals zurück.

Etwas später fährt ein Auto die Straße entlang, das von einem bellenden Hund verfolgt wird. Das ist zunächst nichts überraschendes, hier in Doolin laufen dauernd irgendwelche Hunde frei herum, so frei, dass man mit dem Auto kaum durch kommt, weil sie sich herzlich wenig am Verkehr stören. Manchmal hetzen sie eben einem Auto hinterher.

Doch das Auto bleibt direkt vor uns stehen und der Hund schaut ein wenig beläppert in der Gegend herum, setzt sich hin und wird ganz ruhig. Der Mann, der das Auto gefahren hat, steigt aus, verschwindet in dem Gebäude, in dem auch die Tickets für den Bus zu kaufen sind, kommt kurz danach wieder, umläuft den immer noch wartenden Hund, so gekonnt muss man erst mal ignorieren können, steigt dann wieder in sein Auto, dreht und fährt die Straße zurück. Der Hund wird wieder munter und hechelt ihm, wieder laut bellend, hinterher.

Auf dem Weg zu den Klippen Vielleicht kann der Mann ihn deshalb so gut ignorieren, weil er schon seit Dublin nach seiner Stoßstange jagt und er ihn einfach nicht mehr los wird? Nein. Keine 50 Meter entfernt, biegt er auf einen kleinen Hof ein. Dort wohnt er. Er hat für 50 Meter und einer Sache von 2 Minuten, die er wahrscheinlich auch telefonisch hätte erledigen können, seinen Wagen herausgeholt, frisch poliert und ist dann die vielleicht ungefähr 42 Meter lange Strecke mit dem Auto gefahren, nur damit sein Hund, der ihm eigentlich keine Sekunde Aufmerksamkeit wert ist, sich einmal kurz austoben kann. Was wohl würde er machen, wenn das Automobil noch nicht erfunden wäre? Müsste er dann mühselig vor seinem Hund herrennen? Würde er einen Bediensteten einstellen, damit dieser mit dem Hund die Straße runter rennt? Oder würde der arme Hund gar an Langeweile sterben müssen?

Wie sagte Alice im Wunderland zu der Grinsekatz: "Aber ich möchte nicht unter Verrückte kommen" und darauf die Katze: "Das kannst Du wohl nicht verhindern. Wir sind hier nämlich alle verrückt. Ich bin verrückt, Du bist verrückt." - "Woher willst Du wissen, ob ich verrückt bin?" - "Wenn Du es nicht wärst, dann wärst Du jetzt nicht hier."

Auf den Klippen

Cliffs of Moher Die Cliffs of Moher sind die höchsten Steilklippen Europas. 200 Meter hoch und etwa 8 Kilometer lang. Es ist die wohl spektakulärste Landschaft Irlands, doch leider auch von Touristen überhäuft. Noch vor ein paar Jahren muss es hier außerhalb der Hauptsaison recht einsam gewesen sein. Jetzt jedoch laufen die Touristen in Scharen herum, wie Lemminge, die auf dem Weg sind sich von den Klippen zu schmeißen.

Tatsächlich wird der Schutzzaun, der die Leute von den gefährlichen Ecken der Klippen (also fast allen) fernhalten soll, komplett ignoriert und wie Ameisenkarawanen laufen sie über die kompletten 8 Kilometern, die Gefahr offenbar ignorieren.

Am Rande einer Klippe Es ist schon erstaunlich, dass es bei dieser Masse doch eher selten zu Unfällen kommt. In der Tat ist die Zahl der Menschen, die sich mit Selbstmordabsichten die Klippen hinab stürzen höher als die Unfälle. Im Schnitt zwei Menschen stürzen sich jedes Jahr willentlich von den Klippen in den Tod.

Menschen ohne suizidale Neigungen können aber die Klippen ohne größere Bedenken betreten, vorausgesetzt sie lassen die nötige Vorsicht walten. Man darf keine Sekunde vergessen, dass ein falscher Schritt, ein kleiner Stolperer, die Unterschätzung des starken Windes oder auch das ungeschickte Verhalten eines anderen Besuchers den Tod bedeuten kann.

Dieses Foto vermittelt ein wenig von der gewaltigen Höhe, in der sich diese Klippen befinden Auch die Höhe sollte man niemals unterschätzen. Die meisten Menschen sind solch große Höhen nicht gewöhnen und auch wenn man glaubt schwindelfrei zu sein, sollte man sich nur ganz langsam heranwagen, denn wenn man so nah an den Klippen ist, pumpt der Körper so viel Adrenalin ins Gehirn, dass es genau, wenn man den Blick nach unten wagt, zu einer chemischen Überlastung in den grauen Zellen kommen kann. Oder einfacher ausgedrückt: es wird einem schwindlig und man kippt um. Und wenn man auf den Klippen in die falsche Richtung kippt, kann das unangenehm enden.

Also Zeit lassen, lieber einen Bus später zurückfahren und sich langsam, Schritt für Schritt an den Rand der Klippen herantasten, dort am besten nicht aufrecht stehen, denn der Wind ist ganz schön kräftig da oben und es regnet häufig, weshalb der Boden rutschig sein kann. Und auch nicht vom Gruppendruck beeindrucken lassen, nur weil so viele scheinbar problemlos dort entlangschlendern. Wer Angst verspürt, sollte Respekt vor dieser Angst haben, denn sie ist das eigentliche Problem. Die Klippen sind breit genug, um dort entlangzulaufen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, doch wenn der chemische Cocktail im Gehirn, der durch die ungeschützte Höhe ausgelöst wird, zu groß wird, nützt auch die breiteste Klippe nicht. Es scheint viel, viel höher zu sein, wenn man selbst da steht, als wenn man es auf einem Foto sieht.

Das Felsgestein der Klippen ist eine geologische Schatzkiste Alles in allem sollte es aber mit dem nötigen Respekt vor der Höhe keine Probleme geben und vorallem sollte man sich diesen einmaligen Anblick nicht entgehen lassen. Einen vergleichbaren Ort gibt es sonst nirgends auf der Welt, es wäre eine Schande, wenn man nach Irland reist und nicht auch mal auf den Cliffs of Moher, den spektakulärsten Klippen der Welt, ein wenig seiner Zeit verbringt.

Ach, und noch einen Tipp aus persönlicher Erfahrung: keine Kopfbedeckung mit auf die Klippen nehmen, man ist nur dauernd damit beschäftigt diese festzuhalten, weil der Wind sie sonst wegwehen würde. Nicht, dass man in die Versuchung kommt, einer wegwehenden Mütze hinterherzuhechten. Das kann da oben zu einen wirklich turbulenten Freiflug führen.

Als wir wieder zurück in Doolin sind (Two Tickets To Doolin, please, Two To Doolin, ein wahrer Zungenbrecher, also keinen Alkohol da oben trinken, sonst muss man am Ende vielleicht zurück laufen, weil man diesen Satz nicht mehr herausbekommt), schlägt das Wetter wieder um und es fängt heftig zu regnen an. Den Rest des Tages verbringen wir im Wohnmobil und spannen mal ein wenig aus.

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