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Der nächste Tag beginnt wieder mit strahlendem Sonnenschein. Diesmal soll es über den Ozean gehen, natürlich nicht sonderlich weit, nur bis zu den Aran Islands vor der Westküste. Es sind drei Inseln: Inishmore (Inis Mór), Inishmaan (Inis Meáin) und Inisheer (Inis Óirr), was da aber so mystisch klingt, heißt übersetzt schlicht: die große Insel, die mittlere Insel und die östliche Insel (manchmal liest man auch, dass Inisheer "die kleine Insel" bedeuten würde).
Entstanden sind die Inseln vermutlich durch den Anstieg des Meeresspiegels. Vorher war die Galway Bay ein See, der als Lough Lurgan bekannt war. Doch der ist verschwunden und hat die Aran Islands allein zurückgelassen, die nun für immer gegen die gewaltigen Wellen des Atlantiks kämpfen müssen, wenn sie nicht auch in den ewigen Fluten verschwinden wollen.
Heute geht nur eine Fähre nach Inisheer, die nächste und kleinste der Inseln. Das ist vielleicht auch gut so, denn nach Inishmaan gehen keine Fähren und Inishmore ist so weit draußen, dass es wohl sinnvoller und billiger ist, diese Insel von Galway aus anzufahren.
Spaßige Überfahrt
Die Überfahrt allein lohnt sich schon. Es weht ein kräftiger Wind und der Wellengang ist hoch und spaßig. Die Fähre ist recht klein und fährt mit hohem Tempo so über die Wellen, dass wir kräftig durchgeschüttelt und nassgespritzt werden. Rauf und runter wie in einer Achterbahn, dabei immer den scheinbar endlosen Atlantik vor Augen, wo man den Wellengang noch auf Kilometer genau beobachten kann. Wir haben unseren Spaß. Im Inneren der Fähre sieht es jedoch anders aus. Drei Leute übergeben sich. Also: draußen sitzenbleiben, da ist die Luft besser, das Meer klarer, die Wellen schöner und die Überfahrt spaßiger.
Seid Ihr Touristen?
Inisheer ist eine faszinierende, kleine Insel. Bei Ankunft glaubt man jedoch noch auf einer allein auf
Tourismus ausgelegten Insel zu sein, weil die Fähren (etwa zu gleicher Zeit mit uns, kommt auch noch eine Fähre aus Galway an) gleich von einer ganze Reihe von Pferdekutschen erwartet werden, die sich wie Geier auf die Touristen stürzen, um sie zu einer Rundfahrt um die Insel zu nötigen. Die meisten steigen ein.
Der letzte von ihnen bekommt keine Fahrgäste mehr. Er hat schon gemerkt, dass auch wir uns lieber zu Fuß auf der Insel bewegen wollen (was auch dringend zum empfehlen ist, die Insel ist klein genug, um an einem Nachmittag alle interessanten Orte abzulaufen), deshalb versucht er es mit Psychologie. Er fragt nicht gleich, ob wir mit ihm fahren wollen, sondern versucht erst mal unser Vertrauen zu gewinnen.
"Wie war die Überfahrt?" fragt er.
"Gut, ziemlich hoher Seegang."
"Wo kommt Ihr her?"
"Deutschland."
"Ah, Deutschland, schön. Wie ist das Wetter in Deutschland? Warm?"
"Ja, wir haben vor 2 Tagen mit zuhause telefoniert, es hat wohl gerade 30 Grad."
"Das ist ganz schön viel, nicht wahr?"
"Ja."
"Aber besser als zu kalt, oder?"
"Ja."
"Aber heute ist es hier auch sehr schön, nicht?"
"Ja."
"Wollt ihr mit mir um die Insel fahren?"
"Jjjj…… äh, äh, nein, wir würden gerne lieber laufen."
Netter Versuch. Aber Inisheer ist zu Fuß viel schöner und dank der Massentransporte begegnen wir allen Touristen eigentlich nur am Strand, jetzt bei der Ankunft und später wenn wir auf die Fähre warten.
Das Entdecken der Insel
Bei Abfahrt der Fähre hat man uns einen "Plan" von der Insel gegeben, auf dem die Sehenswürdigkeiten eingezeichnet sind. Dieser Plan ist auch dringend notwendig, denn entgegen dem Bild, das die vielen Pferdekutschen gemacht haben, ist die Insel keineswegs auf Tourismus ausgelegt. Die Sehenswürdigkeiten sind weder ausgeschildert noch auf Anhieb unbedingt zu erkennen, denn ein altes Gemäuer muss nicht zwangsläufig ein historisches Gebäude sein, die meisten Häuser sehen hier ganz schön alt aus. Manchmal sind die Sehenswürdigkeiten sogar so gut versteckt, dass sie viele der Touristen wohl gar nicht entdecken. Das hat durchaus was für sich. Es ist wie ein abenteuerliche Suche, bei der es schon ein Erfolgserlebnis ist, das zu finden, was man sucht. Aber auch dann ist es manchmal nicht klar, ob man wirklich das gefunden hat, was man gesucht hat.
"Ist es das jetzt wirklich?"
"Das muss sein."
"Warum muss es das sein, hier sieht alles so aus."
"Na, kuck doch mal auf den Plan."
Das tun wir. Ständig. Doch der Plan ist keine Karte im eigentlichen Sinn. Die Umrisse der Insel sind dort grob eingezeichnet, dazu ein paar Wege, die aber in Wirklichkeit ganz anders verlaufen und ein paar Nummern, die angeblich angeben, wo die Sehenswürdigkeiten sind. Es hat ein bisschen was von einer Schatzkarte und bei der Suche nach den Sehenswürdigkeiten kommt man sich auch ein bisschen wie ein Schatzsucher vor. Ob wohl der seit Jahrhunderten verschollene Schatz von William Kidd hier vergraben ist? Ich hätte mir eine Schaufel mitnehmen sollen. Mal eine andere, irgendwie einmalige Art Sightseeing zu betreiben.
Wir gehen aus Prinzip andersherum als im Plan angegeben und schütteln so auch noch die letzten Touristen ab. Der Strand sieht aus wie in der tiefsten Karibik, passend zum Schatzinsel-Flair. Nur der sehr kühle Wind erinnert uns daran, wo wir wirklich sind.
Wieder Felsen über die man springen kann, schade für Micko, der konnte nicht mit auf der kleinen Fähre. Nach einer Weile dort, machen wir uns auf dem Weg ins Inselinnere, um zu sehen, was es zu sehen gibt. Die Karte ist dabei wenig hilfreich:
"Also, wir müssen jetzt… äääh, da lang, hier rechts, an dem Haus vorbei, dann wieder rechts, dieses Geschnörksel hoch und dann eigentlich nur noch…"
"Nein, links, links… hier… da… kuck doch!"
"Ich kuck ja und sage rechts, ich bin der zweitbeste Kartenleser der Welt."
"Der zweitbeste?"
"Tja, ich bin halt auch der zweitbescheidenste Mensch der Welt."
"Also, ich würde ja sagen, wir gehen geradeaus."
"Und wer hat Dich gefragt?"
Eine Ruine ist glücklicherweise von jedem Punkt der Insel aus zu sehen, O'Briens-Castle, eine spätmittelalterliche/frühneuzeitliche Befestigungsanlage, ursprünglich erbaut um die Galway Bay vor Piraten zu schützen.
Wir nutzen sie als Orientierung um unseren Weg zu finden und verirren uns dabei regelrecht in den labyrinthartigen Wegen des Dorfes. Hin und wieder begegnet uns ein Einheimischer (niemals ein Tourist), der uns freundlich auf Englisch grüßt, obwohl hier auf der Insel eigentlich alle von Haus aus Gälisch sprechen, aber hier kennt jeder jeden, Touristen erkennt man mit geschlossenen Auge, einmal ist's der Briefträger. Die Zeit scheint hier stehengeblieben zu sein.
Allgemein aber sind die Wege des Dorfes wie ausgestorben. Wo sind all die Leute? Ein bisschen wirkt es wie eine Geisterstadt. Oder ein extra aufgebautes Dorf für einen Film oder etwas ähnliches, ein opulentes Live-Theaterstück, bei dem die Zuschauer (also wir) mit eingebunden werden? Eine bizarre Szene, die sich kurz darauf ereignet, unterstützt diese These.
"Come In!"
In einem Haus, an dem wir vorbeilaufen, sitzt eine alte Frau. Es ist das einzige Mal, dass wir jemanden an einem Fenster sehen und es wird unbewiesen bleiben, ob sich überhaupt jemand in irgendeinem anderen Haus befindet.
Diese alte Frau hier aber sieht uns und fängt wie auf Kommando an mit den Armen zu fuchteln und ruft uns zu: "Come in! Come in!"
Vielleicht hätten wir es tun sollen. Wahrscheinlich hätte sie uns einen Tee angeboten und ein paar nette Geschichten erzählt. Sie ist wohl einsam, was verständlich ist auf einer Insel mit knapp 300 Einwohnern, wo doch schon in unseren Großstädte alte Leute häufig sehr einsam sind. Doch ich habe auf einmal so einen Hänsel-und-Gretel-Flash. Wir haben uns in einem winzig, kleinen Dörfchen auf einer winzig, kleinen Inselchen verlaufen. Erst sind uns ein paar Leute begegnet, dann ist plötzlich keiner mehr da und die einzige Person weit und breit will uns in ihr Häuschen locken? Nein, lieber nicht. Ein anderes Mal vielleicht, außerdem haben wir ja noch gar nichts von der Insel gesehen und müssen nachmittags wieder mit der Fähre zurück. Macht Euer Theater doch alleine! Das ist doch nicht die Trumann-Show hier! Wir sind hier nämlich alle verrückt. Ich bin verrückt, Du bist verrückt, wenn Du es nicht wärst, dann wärst Du jetzt nicht hier.
"Manche Dinge sind nur für Deine Augen bestimmt"
Als wir wieder einigermaßen auf dem Weg sind, den wir eigentlich gehen wollen, kommen wir an einem Turm vorbei, der auch von weitem zu sehen ist. Was ist denn das nun genau für ein Bau? Ich blicke wieder auf die Karte… ach, ist doch eigentlich auch egal, sieht cool aus, das langt! Bin ich hier, um einen Reiseführer zu schreiben? Oder um eine ZDF-Dokumentation zu drehen? Bekomme ich etwa Geld dafür, dass ich alles bis ins Detail korrekt bezeichnen kann, mit Funktion, Alter
und Umfang dieses Baus? Man besichtigt solch Sachen doch um die Atmosphäre zu genießen, nicht um später daheim anzugeben, was man nun alles neues gelernt hat. Ich drücke Petra die Karte in die Hand.
"Da!"
Der Turm ist das Zuhause von Raben oder Krähen. Geradezu gespenstig kreisen sie in Scharen um den Turm herum. Ich zücke meine Kamera, um dieses einmalige Bild in Bits und Bytes einzufangen, doch als ich auf den Turm ziele, sind die Vögel wie von Geisterhand verschwunden.
Ich senke die Kamera und plötzlich sind sie alle wieder da. Wieder visiere ich sie an… wieder sind sie verschwunden. Wer genau will mich hier eigentlich verarschen? Haben die Leute von der Theatertruppe dressierte Krähen in dem Turm deponiert, nur um mich zu ärgern?
Doch Jochen hat die entscheidende Erkenntnis: "Manche Dinge sind eben nur für deine Augen bestimmt". Und er hat Recht.
Die Abzweigung
Der Weg ins Zentrum der Insel ist anstrengend, weil es steil bergauf geht. Zudem ist das meiste hier
Privatbesitz, der von Mauern begrenzt ist, die wir umlaufen müssen. Die Mauern selbst sind zwar recht witzig, denn die Iren benutzen meistens Mauern, wo wir Zäune benutzen würden, doch die Mauern sind immer nur aufgetürmte Steine, die sich nur gegenseitig zusammenhalten. Wenn man eine Mauer bauen muss und hat nicht genug Steine (muss man auf so einer kleinen Insel ja auch erst mal finden), dann kann man zu seinem Nachbarn gehen und ihm einfach einen Stein klauen, wenn der nicht hinschaut. Man darf halt nicht alles von derselben Stelle nehmen, sonst fällt es auf.
Irgendwann kommen wir an eine Abzweigung. Auf einen Stein ist ein kleiner gelber Pfeil gemalt. Er zeigt nach rechts.
"Sollen wir lieber dem Pfeil folgen?" fragt Petra.
"Warum?" erwidere ich "Weiß der Himmel, wo der hinzeigt."
"Ja, aber er hat doch sicher einen Grund."
"Der zeigt Richtung Strand."
"Bist Du sicher?"
"Ja, da hinten ist der Friedhof, an dem wir vorhin vorbeigekommen sind, siehst Du? Ich dachte, wir wollen mal die Insel sehen und nicht zurück zum Strand."
"Das meine ich auch", unterstützt mich Jochen, aber damit ist die Diskussion noch nicht beendet.
"Der Pfeil hat doch sicher seinen Sinn, wer weiß, wo wir hinkommen."
"Zurück zum Strand, außerdem geht da doch jetzt jeder lang, weil der Pfeil da ist. Wir wollen doch das sehen, was nicht jeder sieht."
"Vielleicht gibt's auf dem Weg einfach nichts zu sehen."
Das kann ich nicht mehr mitanhören. Ich nehme den Stein, wo der Pfeil drauf gemalt ist, hebe ihn hoch, drehe ihn um und stelle ihn wieder zurück, so dass der Pfeil jetzt nach links zeigt.
"So, und jetzt gehen wir da lang!"
The Dark Side of the Moon
Und wir gehen… und gehen… und gehen… laufen… schlendern… trippeln… schlenkern… schwingen… tänzeln… und alles, was wir zu sehen kriegen, ist ein großes rundes Objekt, das irgendwie wie eine alte Kanonenkugel aussieht, aber genauso gut ein von den imaginären Theaterleuten bemalter Ballon sein kann.
Irgendwann sehen wir dann in weiter Ferne den Leuchtturm am anderen Ende der Insel. Das ist ermutigend. Es ist der Leuchtturm, den wir jeden Abend und jede Nacht vom Campingplatz aus haben scheinen sehen. Doch irgendwer stellt zurecht die Frage, ob man da überhaupt hinkann, und stellt außerdem fest, dass es noch viel weiter ist, als es vielleicht scheint.
Egal, wir sind so weit gekommen.
Und weiter laufen wir. Jochen bleibt ständig bei irgendwelchen Revoluzzer-Kühen stehen und scheint mit ihnen zu kommunizieren, bei der vierten Kuh schnauze ich ihn an, ob er denn noch nie eine Kuh gesehen hätte.
Als wir dem Leuchtturm recht nah gekommen sind, wird die Insel plötzlich lebhaft. Zuerst kommt ein einzelner Mann, bei dem wir uns noch sagen, dass dem hier wohl irgendeine Kuh gehört und er sie mit gälischer Wortgewandtheit von der Revolution abbringen will. Das klingt noch vernünftig, aber dann fährt plötzlich ein Auto den Weg entlang. Es gibt hier Autos?
Zwei Leute sitzen drin, ein älterer Mann und ein junger Bursche, sicherlich noch nicht 18. Der Junge fährt. Sie schauen ein bisschen dumm aus der Wäsche, denken sich wohl: "Oh, schon wieder so beknackte Touristen, die nicht mal Pfeile verstehen und dann glauben, bei uns sei die Zeit stehen geblieben." Was wohl beknackt auf Gälisch heißt?
Als dann schließlich noch ein junger Mann mit nacktem Oberkörper und Handtuch um den Schultern erscheint, finde ich das dann doch etwas übertrieben. Das ist doch inszeniert! Was will der Kerl mit dem Handtuch? Schwimmen im Atlantik? Der ist schweinekalt! Es scheint zwar die Sonne so massiv vom Himmel, dass Jochen und ich darauf mehrere Tage feuerrot im Gesicht sind, aber es ist auch so frisch, dass wir Pullis und Jacken tragen.
Plötzlich erscheint uns der Weg zum Leuchtturm immer noch viel zu weit. Wir wollen noch so viel sehen und drehen deshalb um, weil laut unseren genialen Plan alle Sehenswürdigkeiten nur auf einer Seite der Insel sind… und wir sind auf der anderen.
Also drehen wir um und laufen zum Pfeil zurück… und laufen… schlendern… schnippen mit den Fingern… grüßen die beiden Kerle, die mit ihrem Auto zurückkommen, diesmal fährt der andere… haben sich vielleicht all die Leute, die wir plötzlich treffen, verlaufen, weil ich den Pfeil umgedreht haben?
Zurück auf Anfang
Mit schlechtem Gewissen kehre ich zur Abzweigung zurück und drehe den Pfeil wieder in die richtige Richtung. Damit ist mein Gewissen wieder beruhigt, aber mein Geist ist gelangweilt, also drehe ich den Pfeil wieder, diesmal so, dass er nach unten zeigt. Ob jetzt jemand hier zu graben anfängt? Ob er dabei William Kidds Schatz findet?
"Das fällt doch auf", bemerkt Jochen und dreht den Pfeil so, dass er nach oben zeigt. "So."
Wir nicken uns. "Ja, das ist gut." Dann gehen wir weiter, dorthin wo der Pfeil ursprünglich einmal gezeigt hatte, in der festen Überzeugung, dass wir jeden Verfolger nun so verwirrt haben, dass er uns nicht mehr verfolgen kann. Und wenn uns gar keiner verfolgt? Dann wäre das ja irgendwie langweilig.
Hier geht es wieder bergab, was angenehm ist. Zudem schlägt der Weg ständig Haken, das Gras ist hochgewachsen und der Blick ist weit. Hier lässt sich aushalten.
Auf unserem Weg nach unten, begegnen wir auch zum ersten Mal zwei offensichtlichen Touristen. Woran man Touristen erkennt? Sie grüßen niemals zuerst.
Cill Ghobnait
Nach einigen Suchen entdecken wir Cill Ghobnait, eine winzige christliche Kirchenruine aus dem 9. Jahrhundert, die ich für geradezu erstaunlich interessant finde.
Zunächst einmal ist sie gar nicht so einfach zu finden. Sie ist auf einer kleinen Anhöhe hinter Büschen verborgen und nur über ein Tor zu erreichen, das so aussieht, als sei es Privatbesitz. Wir laufen dreimal daran vorbei, bis wir uns trauen durch das Tor zu gehen.
Dann stehen wir auf einer erhöhten Grasfläche mit einer alten Steinruine ohne Dach und einigen anderen kleineren Steinbauten, die vielleicht Gräber sind. Die Kirche ist winzig, durch die Tür kann eine einzelne Person nur gebückt gehen und mit uns vieren ist der Innenraum der Kirche voll. Dann jedoch kommen erstaunliche Dinge zu Tage.
Hier stimmt was nicht
Das erste, was wir feststellen, ist, dass diese Kirche noch benutzt wird. Sie hat zwar wohl schon seit Jahrhunderten kein Dach mehr, aber die Menschen der Insel kommen immer noch hierher um zu beten. Draußen vor der Tür steht ein kleine Schale mit Weihwasser und in einer Nische im Inneren brennen Kerzen, die meisten sind wohl erst an diesem Tag entzündet worden. Draußen im "Kirchhof" finden wir zwischen Steinen gut versteckt ein mit einer Plastikhülle geschütztes Marienbild. Das Plastik ist schon ein wenig beschädigt, was bedeutet, dass dieses Bild hier schon seit Jahren, vielleicht seit Jahrzehnten liegt. Wir legen es selbstverständlich wieder genau dort hin, wo es gelegen hatte. Wieder ist bemerkenswert, dass man überall hinkann und alles berühren kann, was, wie schon einmal erwähnt, alles viel realer erscheinen lässt. Doch diesmal sind es keine Rekonstruktionen wie in Wexford. Das hier ist "the real thing".
Am bemerkenswertesten aber ist der Altar und das Kreuz auf ihn. Zum einen erscheint es mir stilistisch zu neu für das äußerste Irland des 9. Jahrhundert. Doch selbst wenn ich mich damit irre, da ich ja nun sicherlich kein Experte für die Datierung christlicher Kreuze bin, doch in Verbindung mit einem weiteren Kreuz, das hinter dem Altar über dem Fenster in den Stein gemeißelt oder gehauen wurde, widerspricht sich dieses.
Warum meine ich das? Nun, ganz einfach: das Kreuz in der Wand scheint viel älter zu sein, es weist einen anderen Stil auf und zwar entweder ein einfaches griechisches (zwei gleich lange, kreuzende Striche ohne Verzierung) oder ein Jerusalem Kreuz (kleine Längsstriche am Ende). Die Frage stellt sich, zu welchem Kreuz der Mönch gebetet hat, wenn er vor dem Altar kniete? Ist das zweite Kreuz nur Verzierung? Wieso aber platziert man dann zwei Kreuze so dicht nebeneinander (bzw. exakt übereinander)? Sonst habe ich nämlich nirgends auch nur den Anschein eines weiteren Kreuze entdecken können.
Man kann natürlich der Auffassung sein, dass das zweite Kreuz, das auf einer Steintafel, fast wie ein Buch auf dem Altar steht, später dort aufgestellt wurde, aber exakt eine einzige bauliche Veränderung bzw. Inventarerweiterung in mehr als 1.000 Jahren? Das erscheint mir unwahrscheinlich.
Wie dem auch sei, als ich dort stehe und dieses Kreuz betrachte, bin ich der felsenfesten Überzeugung, dass irgendwas damit nicht stimmt. Doch was?
Am Rande der Insel
Das Rätsel ist nicht zu lösen, zumindest nicht ohne weitere Informationen, doch es erscheint schwierig irgendwo irgendwelche Informationen über diese Kirche zu bekommen.
Wir suchen noch eine letzte Sehenswürdigkeit: ein alter heiliger Brunnen, in dem einem irgendwas oder irgendwer erscheinen könnte, wenn man Glück hat (wer oder was das ist haben wir nicht ganz verstanden).
Unterwegs fährt dreimal derselbe Trecker an uns vorbei. Er scheint nur aus Spaß hin und her zu fahren und grüßt uns jedesmal.
Nach langem Marsch, vorbei an einem kräftigen Pferd, das uns neugierig ignorierte, erreichen wir ein großes Plateau, das mit kleinen gelben und weißen Blüten übersät ist. Dort ist auch ein recheckiger Kasten mit dreckigem Wasser drin. Das ist wohl der heilige Brunnen? Vielleicht auch nicht, denn wieder haben wir das Gefühl, einfach auf Privatbesitz herumzutrampeln und nicht in einer Touristenattraktion.
Das Plateau überqueren wir noch, dann sind wir wieder mal am anderen Ende der Insel, in der Ferne können wir die Häuser auf Inishmaan erkennen, die Nachbarinsel. Inishmaan, wo es erst seit 1975 Strom gibt und noch weniger Menschen leben als auf Inisheer, obwohl die Insel ein bisschen größer ist.
Warten auf die Fähre
Einige andere Sehenswürdigkeiten gibt es auch noch auf dieser kleinen Insel, z.B. einen alten Friedhof, der noch aus der Bronzezeit stammt, also etwa 4.000 Jahre alt ist und der erst im 19. Jahrhundert durch einen Sturm freigelegt wurde, kaum zu glauben, dass an solch einem abgelegenen Ort damals schon Menschen gelebt haben. Auch ein altes Schiffswrack ist zu bewundern.
Als wir dann nach einer Mahlzeit im einzigen Pub, das offen hat, am Strand auf die Fähre warten, ist Ebbe. Die Steine vor dem Strand sind mit komplett mit Algen übersät. Dieses Karibik-Feeling, gepaart mit Hormonüberproduktion lässt ein paar jugendliche Briten, die hier, wie viele andere auf die Fähre warten, ins Meer springen. Sie schreien auf wie unter heftigen Schmerzen, es ist viel zu kalt. Kurz vorher hatten sie bereits einen Fußball verloren, der jetzt in der Ferne noch schwimmt und nur noch schwer von einer Boje zu unterscheiden ist.
Da plötzlich taucht eine Robbe auf. Ich schnappe meinen Fotoapparat und will sie fotografieren, doch bis ich bereit bin, ist sie schon wieder weg.
"Nur für die Augen", meint Jochen wieder und wieder ist es richtig. Was wäre das denn für ein Foto geworden? Ein dunkler Punkt in einer blauen Fläche. Durch die Linse einer Kamera kann man vieles nicht sehen, was die Augen sehen können.
Das Fazit dieses Tages: Inisheer ist definitiv einen Besuch wert. Und wenn Du bei einem Besuch der alten Frau begegnest, die Come In ruft, grüß sie von uns.
Die Ewigkeit
Am Abend dann noch ein letztes Mal über den Felsenstrand am Atlantik. Micko, Jochen und ich. Man kann verdammt weit dort laufen. Am Himmel hat sich ein gewaltiges Wolkenband gebildet, das tief über dem Land hängt und mystisch, geheimnisvoll und magisch wirkt.
"Das wird wohl auf einem Foto nicht einzufangen sein", sage ich mit Bedauern in der Stimme und ein letztes Mal erwidert Jochen: "Das ist halt nur für Dich".
Es ist eine merkwürdige, ruhige, fast meditative Atmosphäre. Das können keine Worte beschreiben. Das kann kein Foto auch nur annähernd wiedergeben, kein Geräusch vermitteln. Höchstens ein Lied könnte eine Erinnerung an diese Erscheinung erhalten. Eine Erinnerung, mehr auch nicht.
Wenn am Lough Inagh die Vergangenheit spürbar ist, so ist es hier am Atlantik die Zukunft, die man spürt, wenn man in die Ferne blickt. Und die langgezogen, tiefhängenden, seltsam gefärbten Wolken, sind die Ewigkeit. Hier treffen sich alle Zeiten.
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