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Am nächsten Tag fahren wir die Dingle-Halbinsel ab. Es stimmt zwar nicht, dass hier weniger Touristen wären als auf der berühmteren Kerry-Halbinsel etwas weiter im Süden, doch was stimmt ist, dass die Dingle-Halbinsel die schönere der beiden ist. Eine klippenartige, karge, aber dennoch grüne Landschaft, von unzähligen kleinen Buchten wie mit einem Rasiermesser zurechtgeschnitten.
Die westlichste Stadt
Die Stadt Dingle selbst ist die einzige größere Ansiedlung, weshalb sich hier natürlich alle Touristen konzentrieren,
denn hier kommt jeder vorbei, der die Halbinsel besucht. Jeder macht hier halt. Die Stadt Dingle ist die westlichsten Stadt Irlands und somit in gewisser Weise der äußerste Punkt irischer Zivilisation.
Doch sind hier überhaupt noch Iren? Nur zwei Sprachen sind hier auf den Straßen zu hören: Deutsch und Französisch. Auf dem Parkplatz stehen Busse mit Sachsen und Schwaben. An einer Eisdiele steht draußen ein Schild in deutscher Sprache: "Wir sind zwar teuer, aber wir haben die dicksten Kugeln" (Was??) und als uns auf dem Parkplatz ein Auto mit Darmstädter Kennzeichen entgegenkommt, vergeht mir der Spaß. Wir sind bis zum äußersten Westen gereist, doch wen wir dort treffen, sind Leute, die vielleicht nur drei Häuser von uns entfernt wohnen.
Wir sind ja selbst Touristen, wir dürfen uns nicht beschweren. Aber manchmal hat man das Gefühl, dass wir dem Ende eines Zeitalters beiwohnen, so als sei das Irland, das einst hier war, bereits wie eine ehemalige Landzunge vom Festland abgebrochen, auf den Ozean hinausgetrieben und hat uns auf den Klippen zurückgelassen, von wo aus wir nur noch vage erahnen, wie das Leben hier einmal gewesen ist, bevor der Wind es mitsamt dieses langgezogenen, schmalen Wolkenbands hinfort wehte.
Nach dem Mittagessen fahren wir weiter. Weiter nach Westen. Doch bald wird er uns ausgehen, es sind nur noch wenige Kilometer, bis die Dingle-Halbinsel endet.
Noch eine Klippe
An einer Klippe machen wir halt. Sie ist bei weitem nicht so hoch wie die Cliffs of Moher, aber auch hier sollte man nicht einfach runterspringen. Wir sind auch hier nicht völlig allein, aber da Micko und ich die einzigen sind, die die drei Schritte bis zum Rand der Klippe gehen, kommt zumindest ein kleines bisschen das Gefühl der Einsamkeit auf.
Für Micko kommt der Abhang ein bisschen zu plötzlich. Man sieht richtig, wie er sich erschreckt, als er urplötzlich keinen Boden mehr vor sich sieht. Viel kann nicht passieren, er ist noch an der Leine, aber von da an hält er einen deutlichen Sicherheitsabstand zum Rand. Ich aber blicke hinunter, wenn auch noch einen Schritt vom Abgrund entfernt.
Da unten ist eine Höhle, die perfekt in einen Piratenfilm passen würde. Sie ist groß und gut versteckt, mit einem seichten Eingang, der von einigen Steinen verziert wird. Welcher Schatz dort wohl verborgen sein mag? Ich will hinunter klettern, aber es führt einfach kein Weg dorthin. Vielleicht käme ich mit viel Mühen und einigen Schrammen nach unten, aber niemals wieder hinauf.
Wir fahren weiter. Was bleibt uns anderes übrig? Wir wollen heute ja noch etwa die Hälfte des Ring of Kerry fahren.
Das Ende der Welt
Nach einer Weile schließlich hält Jochen wieder an. Ich sehe das Meer und einige Klippen wie schon die ganze Zeit und ich weiß nicht so recht, weshalb Jochen hält.
"Hier ist es", sagt er, aber ich verstehe nicht, was er meint.
"Weiter geht's nicht", erklärt er, "das ist der westlichste Punkt. Von hier an geht's nur noch zurück."
Hier also ist es! Hier war einst das Ende der Welt. Doch weil die Erde heute rund ist, gibt es diesen Ort nicht mehr. Das ist der Punkt auf dieser Welt, der nicht mehr existieren darf. Die vielen Kilometer und Meilen, die wir hinter uns gebracht haben, um hier stehen zu dürfen, all die holprigen Straßen, die Meere und Flüsse, die wir überquerten, und alles andere, was uns hierher geführt hat, es löst sich nun auf und weht mit dem Westwind hinfort.
Und irgendwie, obwohl noch viele unbekannte Orte vor uns liegen, ist es von nun an so, als würden wir zurückreisen, so als würden wir den Heimweg nur über eine andere Route beschreiten.
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