Teil 2: Überfahrt


Auf der Fähre

Auf der Fähre Die See ist ruhig, die Fähre schwankt überhaupt nicht und so schlendern wir ein wenig umher, um zu sehen, was es zu sehen gibt.
Micko haben wir im Wohnmobil lassen müssen. Er hatte dabei diesen Was? Ihr lasst mich hier allein?-Blick.

Nach hinten raus kann man ins Freie. Der Blick ist unendlich. Nur das blaue Meer, der blaue Himmel und die weiße Gischt, die in zwei Spuren von den Schiffsschrauben bis zum Horizont gepeitscht wird. Die Fähre ist voll, die Leute schlafen teilweise auf dem Fußboden. An was nur erinnert mich das?
Diese kleine, winzige Ecke, eine von nur zweien, die sich im Freien befindet, ist ebenso voll. Dennoch stellt sich beim Blick auf das Meer ein gewisses Gefühl der Einsamkeit und Ruhe ein. Der Kontinent ist verschwunden. Die Insel noch nicht zu sehen. Kein Schiff weit und breit, außer unserem. Wir sind irgendwo in einer Zwischenwelt zwischen Kommen und Gehen.

Nach vorne raus ist der Blick nicht so spannend. Man kann nirgends rausgehen und sieht das Meer nur durch eine verschmutzende Scheibe. Außerdem kreuzen ständig irgendwelche Schiffe vor uns, die auch noch die Illusion des einsamen Meeres von uns nehmen. Auf der Nordsee herrscht ein Verkehr wie auf der A4, wenn man in die falsche Richtung schaut.

Weil alle anderen Sitzplätze mittlerweile belegt sind und wir außerdem Hunger haben, kehren wir im schiffseigenen McDonalds ein. Manche Dinge gibt's eben überall.

Englische Konversation

Als wir einen Platz gefunden haben, gesellen sich zwei dunkelhäutige Engländer zu uns, der eine spricht uns an.

"Where are you from? Holland?"
"Nee- Schörminny. Near Fränkfört."
"Ah, Germany, great country, Germany is making the best cars, best cars, yeah."

Es ist erstaunlich, wie häufig man für Holländer gehalten wird. Der Engländer hier auf jeden Fall ist ein echter Technik-Freak, sein Job hat irgendwas mit Handys zu tun. Seine zweite Passion sind deutsche Autos, vorallem BMW, englische Autos mag er nicht.

Möwenattacke"Wie lange seid Ihr unterwegs gewesen?" fragt er uns.
"So etwa 6 Stunden."
"Oh, da ward Ihr aber langsam, also ich bin da viel schneller."

Wir sind ja auch mit 'nem Wohnmobil unterwegs, du Dödel, will ich sagen, aber was zum Kuckuck heißt eigentlich Wohnmobil auf Englisch? So ein paar elementare Dinge hätte man ja wirklich mal vor der Reise nachschlagen können.

Dann will er wissen, was der Werbespruch von BMW "Freude am Fahren" bedeutet, weil das würden sie immer nach jedem Spot hören und nicht wissen, was es heißt. Erst muss ich es mir dreimal wiederholen lassen, bis ich überhaupt verstehe, was er meint ("Fruhde äm Fairen"). Dann tu ich mir ein wenig schwer mit einer adäquaten Übersetzung und als es mir endlich gelingt, sind seine Gedanken schon wieder ganz woanders. Umso besser, so komme ich wenigstens nicht in die Versuchung ihm zu sagen, dass ich es für die Abwandlung eines Nazi-Spruchs halte.

Sein Handy klingelt. Er hat wieder Netz, England ist nahe. Auch Petra holt jetzt ihr Handy raus, nur um festzustellen, ob auch sie wieder Netz hat. Yep, O2.
"Oh, O2 is good, that's very good", sagt der Engländer. Wahrscheinlich arbeitet er für die Firma.

Mittlerweile erwacht auch sein Freund zum Leben, der sich bisher hauptsächlich auf sein Essen konzentriert hat. Er ist etwas dicker als sein Kumpel und die Haare gehen ihm schon aus. Als er sich sicher ist, dass ich ganz gut Englisch verstehe (das habe ich selbst ja auch bis dahin geglaubt), fängt er an sich fröhlich mit mir zu unterhalten. Dummerweise hat er dabei immer einen halben Big Mac im Mund und so weiß ich nicht, ob er mit mir in Englisch oder in irgendeiner geheimen, längst vergessenen Sprache spricht. Für mich klingt alles wie: "Oglarasda Fureagliste Arradda Sabbaleriit Usanak" und schnell wird mir klar, dass wir gleich England betreten, Tolkiens Heimat, und uns schon auf dem Schiff der erste Troll begegnet ist.
Ich sage immerzu "Yes" und hoffe, dass ich dabei nicht zustimme, dass er mich Morgen zum Mittagessen haben kann.

Als England in Sichtweite kommt, sind wir wieder draußen am Ende des Schiffs. Eine Landzunge erscheint im Dunst der Ferne und sorgt für ein erhebendes Gefühl. Julius Cäsar, die Wikinger, so mussten auch sie England zum ersten Mal gesehen haben. Doch vor lauter Eroberungs- und Raubzügen hatten sie wohl gar keinen Blick für die Schönheit einer im Nebel der Zeit auftauchenden Insel.

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