Teil 21: Moby Dick


Youghal

YoughalDer nächste Tag bringt uns nach Youghal, einer kleinen Hafenstadt mit sehr viel Flair. Ein Flair, das hier wohl schon seit langem existieren muss, denn hier wurden die Hafenszene zu Moby Dick, dem legendären Film mit einem (wie er selbst einmal sagte) für die Rolle eigentlich noch ein wenig zu jungen Gregory Peck als Captain Ahab. Nicht weit vom Wasser entfernt, steht sogar ein Pub, das heute Moby Dicks heißt und das schon 1956 bei den Dreharbeiten zu dem Film dort stand (einen kleinen Vergleich mit den Filmaufnahmen und Youghal im Jahre 2003 gibt es: hier). Nur zwei kleine Schilder an der Hausfassade weisen darauf hin, sonst ist in der Stadt kein Anzeichen davon zu finden, dass hier Szenen für einen der berühmtesten Filme aller Zeiten gedreht wurden. Später wollen wir dort einkehren, vorher wollen wir aber noch ein wenig das Dorf sehen.

Nachdem Jochen und mein Urinstinkt, den Hügel hinauf zu klettern, um sich einen Überblick zu verschaffen, jäh abgewürgt wird, irren wir erst ein wenig herum und machen dann noch zwei interessante Beobachtungen.

Dogma of the Ass Zuerst kommen wir an eine Marienstatue unter der eine Inschrift angebracht ist: "To commemorate Dogma of the Ass-…" The Dogma of the Ass? Das Dogma des Arsches? Welcher Arsch? Hatte das, was mit den beiden Hügeln in Kerry zu tun?

Okay, zugegeben, hinter dem Ass ist ein Bindestrich und das Wort geht in der nächsten Zeile weiter. Aber genau dort, wo der zweite Teil des Wortes steht (und nur da) ist ein einzelner Zweig hochgewachsen, so als wollte er diesen Teil krampfhaft zuhalten. Zufälle? Daran glaube ich nicht. Etwas auf den Zufall zu schieben, ist eine Ausrede.

Danach laufen wir zurück Richtung Hafen und in den engen Gassen von Youghal sind die Häuser mit Telefonleitungen verbunden. Aber nicht eine Leitung pro Häuserblock, nein, teilweise bis zu 6 Leitungen pro Haus. Eine Leitung pro Fenster. Wie ein Spinnenetz hängen sie über der schmalen Straße. Scheinbar hat sich jeder einfach auf Eigenverantwortung Gestrüpp über Youghal am Mast angeschlossen und statt eine Leitung von einer Wohnung im selben Haus zur nächsten zu legen, hat man von der nächsten Wohnung wieder eine Leitung zum Mast gezogen.

Ich finde das so witzig, dass ich ein Foto davon schieße. Der Ire, der dabei an mir vorbeiläuft, sieht mich mit diesem fragenden Blick an, der zu sagen scheint: "Was zum Teufel fotografiert der denn da???"

Guinness Ice Cold

Im Moby Dicks dann essen wir ein Sandwich und trinken ein Guinness Ice Cold. Das ist ein neues Guinness, das uns schon der Handy-Verkäufer auf der englischen Fähre empfohlen hatte (wer erinnert sich?), das wir bisher aber noch nicht probiert hatten.

Ganz ehrlich: es hat mir erst geschmeckt, als es sich etwas aufgewärmt hatte.

Der Freund von Ahab

Im Moby Dicks Als wir gerade gehen wollen, kommt ein alter Mann an unseren Tisch. Er zittert kräftig, vermutlich von Parkinson, und meint, er wäre Paddy.

Paddy ist 82 Jahre alt und ihm gehörte das Pub schon als 1956 Moby Dick gedreht wurde. Er war der Gastwirt von Gregory Peck, John Huston und all den anderen, von Captain Ahab, Ishmael, Queequeg.

Er ist 82 und kann wohl schon seit längerem keine Getränke mehr einschenken, dennoch kommt er noch jeden Tag hierher und setzt sich zu den Gästen, zu seinen Gästen. Er erzählt nicht vom Film oder den Dreharbeiten. Er unterhält sich nur mit uns, er ist ein Wirt aus vergangenen Tagen, mit einem vergangenen Gefühl für seine Gäste, als Gastwirt, nicht als Bedienung.

Wo kann man hier anheuern? Und dennoch - oder gerade deswegen - spürt man plötzlich die Vergangenheit wieder aufleben. Bisher ist es nur ein hübsch eingerichteter Pub gewesen, doch mit Paddys Anwesenheit ziehen Schatten an den Fenstern vorbei, Schatten von einem alten, einbeinigen Mann, der sich hasserfüllt gegen die Natur aufbäumt, von einem jungen Lehrer, der das Abenteuer auf dem Meer sucht, von einem Maori, für den die Waljagd Teil seiner Religion ist, von einem Schiffsmaat, der glaubt, alles Unheil mit einem Lachen vertreiben zu können, und von all den anderen, die - bis auf einer - bei der Jagd nach dem weißen Wal, das Symbol unbändiger Natur, ihr Leben lassen werden.

Nachdem wir Youghal verlassen, vergeht kein Tag mehr, nur noch Stunden, da stirbt im fernen Los Angeles, der Stadt der Engel, einer der größten Schauspieler aller Zeiten. Gregory Peck.

Gregory Peck (1916-2003)
Gregory Peck (1916-2003)
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