Teil 23: Dublin


Erst mal verlaufen, das gehört dazu

Die Fahrt mit dem Bus am nächsten Tag entpuppt sich jedoch als eine Tortur. Der Bus kommt aus Naas (wie kann daher irgendwer kommen?), was seine 40-minütige Verspätung wohl erklärt, und fährt dann durch scheinbar jeden kleinen Vorort Dublins. Es gibt Zeiten, da würden wir niemals zurück finden, wenn der Bus eine Panne hätte.

Dublin In Dublin irren wir dann erst einmal eine Weile planlos umher, was ja irgendwie zu einer Stadt passt, deren ausführlichste Beschreibung in einem Roman geschah, der nach Odysseus benannt wurde.

Man braucht ein paar Momente, bis man sich an den Verkehr gewöhnt hat, der sehr laut ist. Und weil wir so ziellos herumschlendern und keiner so recht weiß, wo wir zuerst hingehen sollen, machen wir das vernünftigste: wir gehen in ein Pub.

Peter's Pub heißt es und obwohl auch hier viele Touristen sind (meistens solche, die sich wie wir verlaufen haben und hier einkehren, um in Ruhe den Stadtplan zu studieren) ist es kein Touristenpub wie in der Temple Bar. Das Guinness hier ist so ziemlich das beste, das ich bisher getrunken habe, die Toiletten sind interessant angelegt und man entspannt verdammt schnell. Der Krach der Stadt ist hier weit weg und kommt auch nicht wieder, als wir das Pub wieder verlassen.

Genies unter sich

Da wir noch einkaufen müssen und uns ja auch den Bus richten müssen, beschließen wir nur zwei Sachen anzusehen, die ohnehin fast auf dem Weg liegen. Eines davon ist relativ unspektakulär und wird auch nur von uns angeschaut, weil wir sowieso dran vorbeikommen: Bram Stoker's Haus. Hier also hat der Autor von Dracula gewohnt. Aber es ist nichts besonderes hier, außer einem Schild, das auf den berühmten ehemaligen Bewohner dieses Hauses hinweist. Mehr nicht.

Oscar Wilde Danach geht's zum Oscar-Wilde-Denkmal. Das ist schon mehr was für mich. Der alte, schwule Oscar, der Meister der Aphorismen, der König des Ästhetizismus, der Papst der Paradoxa, er sitzt dort gemütlich auf einem Felsen und blickt aus dem Park heraus. Wohin blickt er? Zu dem Haus, in dem er aufgewachsen ist? Sein linker Mundwinkel ist nach oben gezogen, so als spotte er über das Treiben vor ihm. Was er wohl zu mir gesagt hätte, würde er noch leben und ich durch halb Dublin laufen würde, nur um ihm einen Besuch abzustatten. Wahrscheinlich: "Wenn man einen Besuch macht, dann geschieht das, um andrer Leute Zeit zu vergeuden, nicht die eigene."

Direkt neben ihm ist der Felsen etwas abgeflacht, da hätte noch ein Mensch Platz.

Ich sehe mich einmal kurz um, dann steige ich in das Gestrüpp um den Felsen und versuche daran hochzuklettern. Vergeblich, er ist einfach zu steil. Noch einmal versuche ich es… und noch einmal… Ich packe es nicht.

Me & The Wilde "Verdammt, ich will da jetzt hoch", murmele ich, nehme fünf Schritte Anlauf und springe dann an dem Stein hoch.

Uuuuh, das tut weh. Ich knalle voll mit dem rechten Schienbein gegen den Stein.

Doch noch gebe ich nicht auf. Noch ein Anlauf, hopp, ich hänge in der Luft, strample mit den Beinen, bringe meine Füße auf den Fels, aber mein Hintern ist zu schwer und ich rutsche wieder runter.

Ein drittes Mal versuche ich es noch und diesmal schaffe ich es. Ich erklimme den Felsen, setze mich neben Oscar, lege kameradschaftliche (das muss man bei ihm ja betonen) den Arm um seine Schulter und genieße meinen neueroberten Thron. Der Moment ist bewegend: Me and The Wilde, endlich vereint. Genies unter sich!

Tags drauf steht dann erst der nächste Schriftsteller auf dem Programm und danach soll es dann in der Guinness-Brauerei, so zum Ausgleich, erst Hochkultur, dann was zu saufen. Die Mischung macht den Spaß.

Sprung in den Liffey

Wir überqueren den River Liffey, wo gerade eine ziemliche Menschenansammlung ist. Einige sind in Badekleidung und springen hinein. Es ist wohl irgendein Wettbewerb oder irgendeine traditionelle Veranstaltung, aber um ehrlich zu sein, man muss schon verdammt vielen Guinness getrunken haben, um diese kalte, dreckige Brühe zu springen. Der Liffey ist nun wirklich nicht der allerschönste und schon gar nicht der allerwärmste Fluss der Welt.

Dann gehen wir die O'Connell Street hoch, die angebliche breiteste Straße Europas, was ich für eine Fehleinschätzung lasse. Und obwohl sie so breit ist, hält sie den massiven Straßenverkehrs Dublins nur unter Mühen stand.

Tourist sein hat auch Vorteile

Es ist Samstag und allerlei Leute laufen herum, um für Aktionen, Vereine oder sonstwas zu werben. Jetzt wie ein Tourist auszusehen, ist von Vorteil. Wenn man einen Stadtplan in der Hand hat, wird man diesmal gerade nicht angesprochen, so wie sonst. Was immer sie auch wollen, sie wollen Iren damit erreichen, keine Ausländer. So lässt uns auch die mannsgroße Spermazelle in Frieden, die vor uns auf die O'Connell Street Flyer verteilt.

Für was sie (die im Inneren - wie passend - ein "er" ist) wohl Werbung macht. Freiheit für die Spermien, weg mit den Kondomen? Ob sie im geheimen mit den revolutionsplanenden Kühen in Verbindung steht? Fragen, die nicht beantwortet werden, und die sich mir eigentlich auch gar nicht wirklich stellen. Das James Joyce Centre ist jetzt das einzige von Interesse.

Genies unter sich, 2. Teil: James Joyce Centre

Wer sich für Joyce interessiert oder Werken wie Ulysses wenigstens ein bisschen was abgewinnen kann, dem sei der Weg ins James Joyce Centre ans Herz gelegt. Es ist sehr schön und liebevoll gemacht bei günstigem Eintrittspreis. James Joyce Centre Besonders schön ist ein Zimmer, hergerichtet wie ein Café, mit Tischen und Stühlen, das bei Sonnenschein durch ein verglastes Dach ein interessantes Lichteinfall offenbart. An Wänden dieses Raumes sind Gemälde von Paul Joyce, dem Urgroßneffen James Joyce', die die einzelnen Kapitel von Ulysses darstellen. Und so wie jedes Kapitel des Romans in einem anderen literarischen Stil geschrieben ist, so ist jedes Gemälde hier in einem anderen Malstil. Direkt nebendran steht Tür der Eccles Street Nr. 7, dort wo im Roman Leopold und Molly Bloom wohnen. Das Haus selbst wurde in den 1970ern zerstört, die Tür konnte erhalten bleiben und steht nun hier. Ebenfalls im James Joyce Centre zu bewundern: eine deutsche Fassung von Finnegans Wake in einem gewaltigen Buch, mit dem man jemanden erschlagen kann. Da der Roman, James Joyce Versuch die im Schlaf und Halbschlaf einer Nacht umherschweifende Wahrnehmung in literarische Form zu bannen, aber schon auf Englisch nahezu unlesbar ist, steht zu bezweifeln, ob diese deutsche Fassung von irgendeinem Wert ist, außer einem im kuriosen Sinn.

Von Genies zum Guinness

Guinness Brauerei Jetzt haben wir uns ein Guinness verdient, denken wir uns, und marschieren bis zur Brauerei (bzw. einer Art Museum nahe der Brauerei, der Brauereibetrieb selbst ist nicht zu besichtigen), ein Weg, der sich deutlich länger zieht, als wir gehofft haben. Und als wir endlich dort sind, sind wir von der ganzen Geschichte doch recht enttäuscht.

Zwar ist die Führung recht interessant gestaltet, aber ein Eintritt von 13,50 Euro pro Person ist schon ziemlich heftig, darin enthalten ist zwar ein Glas Guinness, dass man in einer sehr schönen Lounge im 7. Stock mit Blick über Dublin bekommt, ist so schlecht gezapft, dass ich es auch in Deutschland hätte trinken können.

ähem...*hüstel* Jedes weiteres Guinness kostet 4,50 Euro, damit bis zu 1,- Euro teurer als in jedem Pub in Dublin, im Andenkenladen kostet ein Flaschenöffner 10,- Euro und so schön und vielversprechend die Besichtigungstour auch anfängt, mit jedem Stock wird sie dünner und die Ausstellungsstücke uninteressanter. Zudem ist, zumindest für einen Laien, nicht viel anderes zu sehen als bei einer Destillen-Besichtigung. Daher das Fazit: auch wenn vieles es behaupten mögen, die Besichtigung der Guinness-Brauerei ist keine Muss-Veranstaltung bei einem Dublinbesuch. Ich würde sogar empfehlen lieber in ein Pub zu gehen, das einem besonders gut gefällt und dort vom dem Geld, das man dadurch gespart hat, 3 bis 4 Guinness zu trinken, da hat man dann mehr davon.

"She doesn't read maps"

Auf der Heimfahrt langweilen wir uns so sehr, dass wir den andern Fahrgästen zuhören. Vor uns sitzt Busfahrt ein englisches Pärchen, die scheinbar froh darüber sind, dass sie mitten in Dublin noch drei andere Engländer getroffen haben, die zudem auch noch auf denselben Campingplatz übernachten wie sie.

Es ist witzig, die sprechen über denselben belanglosen Scheißdreck wie wir am Tag zuvor: Wo seid ihr gewesen? Ah, Cliffs of Moher, da waren wir auch, Ring of Kerry? Natürlich, das darf man nicht verpassen. Bei Bea waren sie aber nicht. Glück gehabt. Verfahren habt ihr euch? Ja klar, dauernd.

"I'm not very good in reading maps", sagt die eine Engländerin und darauf ihr Mann: "Yes, she doesn't read maps, she looks at them." Ein wirklicher Brüller, wenn man eine Stunde lang im Bus unterwegs ist und es recht wenig zu sehen gibt.

Sonntag in Dublin

Unser letzter komplett Tag in Irland ist ein Sonntag. Sonntage in Dublin sind anders als in Deutschland. In Deutschland sind die Innenstädte meistens nahezu ausgestorben. Da in Irland aber die Geschäfte auch sonntags auf haben (wenn auch verkürzt), ist in der Innenstadt Dublins ein Gedränge, wie es in einer deutschen Großstadt nur samstags zu erleben ist.

Dublin Hier ist Leben. Allerlei Straßenperformance wird aufgeführt, hauptsächlich natürlich Musik. Die Indios mit ihren Panflöten sind auch hier. Die sind wirklich irgendwie überall. Das muss echt eine verdammt große Familie sein, und wir hatten geglaubt, dass sich schon die Kellys (von denen in Irland nebenbei bemerkt verständlicherweise keiner spricht) massenhaft vermehren würden.

Dann ein Junge, der mit einem Eimer vor den Füßen singt, dabei alles trifft, nur nicht die Töne. Etwas weiter vorne sitzt ein bleich geschminkter Asiat, der mit einem ganz eigenartigen Kehlkopfgesang eine absonderliche Stimmung erzeugt. Jetzt können unerwartete Dinge geschehen.

Und tatsächlich, wieder ein paar Meter weiter, steht der Junge wieder oder besser gesagt noch einmal. Derselbe Junge, derselbe Eimer, derselbe miese Gesang. Ich blicke zurück, um zu sehen, wo er wohl langgerannt sein muss, um uns zu überholen, doch er ist nirgends entlang gerannt. Er steht immer noch da, wo er vorhin schon stand. Es sind zwei Jungen, die genau gleich aussehen, gleich handeln, gleich klingen und gleich wirken. Wer von beiden ist das Spiegelbild und wer das Original? Unmöglich zu sagen.

Wir bummeln entspannt durch die Stadt, bloß keinen Stress mehr machen am letzten Tag, bloß nicht mehr verwirren lassen, von dem, was hier vorgeht. Morgen reisen wir ab nach Holyhead. Es wird der 16. Juni sein, Bloomsday, exakt 99 Jahre nach dem Tag, an dem Ulysses spielt.

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