Teil 4: Wales


Ein Campingplatz, der uns gefunden hat

Unser Zuhause für 4 WochenBevor wir auf die Fähre nach Irland können, müssen wir aber erst noch mal in Wales übernachten. Wir fahren noch nach dem ADAC Campingführer und sind uns noch nicht so richtig bewusst, dass es viel mehr Campingplätze gibt als dort eingezeichnet sind.
So landen wir auf einem umgebauten Bauernhof, den wir für den Campingplatz halten, der eigentlich 500 Meter weiter ist.

Petra und ich steigen aus, um uns anzumelden. Eine Rezeption ist nirgends zu sehen, aber da nur an einer Stelle zwei Gebäude stehen, gehen wir davon aus, dass sie irgendwo hier sein muss.

Die erste Tür ist mysteriös. Ein Schlüssel steckt von außen und an der Tür hängt ein Schild mit einem merkwürdigen Hinweis: "Wenn Sie hier niemanden antreffen sollten, versuchen Sie es bitte an der rosa Tür".

Dummerweise gibt es weit und breit keine rosa Tür. Etwas weiter hinten, wo das Gebäude einen rechtwinkligen Knick macht, ist noch eine Tür, die ist zwar nicht rosa, noch nicht mal magentafarben, nicht mal im Ansatz, aber es ist die einzige Tür, hinter der sich noch irgendwas verbergen könnte.

Doch alles, was wir dort finden, ist ein weiteres Hinweisschild: "Wenn Sie hier niemanden antreffen, versuchen Sie es an der Rezeption." Ja, aber wo ist die?

Wir drehen uns um, denn da steht noch ein kleineres Gebäude und auch wenn wir bisher keine Tür an diesem Haus entdecken konnten, so muss es doch irgendwo eine haben. Ganz sicher sind wir aber nicht.

Gerade als wir uns dem Haus nähern, taucht eine junge Frau mit einem kleinen Kind auf und fragt uns, ob sie uns helfen kann.

"Wir suchen die Rezeption."
"Da vorne, die Tür, wo der Schlüssel steckt."

Das ist die erste Tür, an der wir waren. Was verstecken sie wohl in dem kleinen Haus? Wir werden es nie erfahren, aber als wir vor der Tür mit dem Schlüssel stehen (darauf hätten wir ja auch selbst kommen können, die richtige Tür ist da, wo der Schlüssel schon steckt), zögern wir wieder. Sollen wir klopfen? Oder einfach am Schlüssel drehen und hineingehen? Wer weiß, wo wir dann landen? Und bei wem? Und was dieser jemand gerade macht. Ich entscheide mich für ein zaghaftes Klopfen.

Keine Reaktion.

Der walisische CampingplatzNoch einmal klopfe ich, diesmal immerhin so laut, dass es noch jemand anderes außer denen in der Tür wohnenden Holzwürmer hören können (die herauskamen um uns den Vogel zu zeigen) und plötzlich tut sich etwas im Inneren des Gebäudes. Welches Ungeheuer haben wir jetzt wieder geweckt?

Es ist kein Ungeheuer, sondern eine sehr nette alte Frau, die so um die 70 Jahre alt sein dürfte. Sie entschuldigt sich bei uns, als wir das Haus betreten. Wir wissen gar nicht wofür. Dafür, dass wir so blöd waren, die richtige Tür zu finden?

Wir betreten ihr Wohnzimmer, eine Rezeption an sich gibt es wohl nicht. Ein großer Tisch, etwa 2 Meter lang steht dort, an den sie uns jeweils einen Stuhl anbietet. Am anderen Ende des Tisches sitzt eine Freundin von ihr, wahrscheinlich kennen sie sich noch aus der Schulzeit. Auf dem Tisch selbst liegen Hunderte von Frauenillustrierten. Mindestens. Der gesamte Tisch ist von ihnen verdeckt und ich muss mir Platz schaffen, um den Zettel, den sie mir zwecks Anmeldung in die Hand drückt, ausfüllen zu können.

"Entschuldigen Sie die Unordnung", sagt sie, "aber meine Enkel waren gerade da gewesen."

Was ihre Enkel wohl mit schätzungsweise 542 Frauenillustrierten gemacht haben?

"Sind Sie auf dem Weg nach Irland?"
"Ja."
"Wo kommen Sie her?"
"Deutschland.
"Ah, wir haben noch jemanden aus Deutschland hier. Die sind für 3 Tage hier."

Warum jeder immer glaubt, wir wären daran interessiert Deutsche zu treffen. Wenn ich Deutsche treffen wollte, müsste ich nicht ins Ausland fahren. Das könnte ich auch in Deutschland. Man ist ja bis zu einem gewissen Punkt recht froh, wenn einem nicht ständig irgendwelche Deutsche über den Weg laufen.

"Kommen Sie zurecht oder soll ich meinem Sohn bescheid geben, dass er Ihnen zeigt, wo sie sich hinstellen können?" fragt sie.
"Ach, das wird schon so gehen."
"Na, ich sag ihm kurz bescheid, er ist hinten bei den Tieren, dauert nur einen kleinen Moment."

Walisische Gelassenheit

Wir gehen nach draußen und stellen fest, dass Jochen schon ein Stück nach vorne gefahren ist und das Wohnmobil um die Ecke direkt vor einer kleinen rustikalen Hütte geparkt hat, die sich später als die Toiletten und Duschen herausstellen sollte.

Irgendwo da hinten muss das Meer sein 10 Minuten lang tut sich dann gar nichts mehr. In Wales hat man es nicht so eilig. Dann plötzlich hören wir die alte Frau hinten über das Feld laufen.
"Darren!" brüllt sie wie am Spieß. "Daaarreeen! Däääärrrrääään!!!! Dääääääärren!"
Ihr Stimme klingt wie aus einem Monty-Python-Sketch. Noch einmal ertönt sie: "Dääääähääärrääähääään!" Dann ist wieder für 10 Minuten Stille.

"Also, ich fahr jetzt einfach irgendwo hin", sagt Jochen noch, da erscheint Darren wie aufs Stichwort. Er ist junger, freundlich lächelnder, sympathischer Mann Mitte 30. An seinen Füßen trägt er hocherotische Gummistiefel, die davon zeugen, dass er noch bis vor wenigen Minuten bis zum Hals in Schweinefäkalien gesteckt hat. Er weist uns einen Platz zu und verabschiedet sich mit einem freundlichen "Welcome to Wales". Wir sehen ihn nie wieder.

Die Verbindung von walisischer Poesie und Toilettenpapier

Die Duschen sind spaßig. Rustikal und mit wenig Druck auf der Leitung, quäle ich mich erst einmal eine halbe Ewigkeit damit eine Einstellung zu finden, die nicht zu warm und nicht zu kalt ist. Die Rohre, immerhin silber und nicht verrostet, gehen ungeniert direkt neben dem Wasserhahn hoch und mehrmals verbrenne ich mir Schulter und Arm, weil ich gegen das Rohr für die Warmwasserzufuhr stoße, das glühendheiß ist. Als dann auch noch Jochen in der Duschkabine nebenan das Wasser aufdreht, verliert erst meine Leitung den Druck, so dass ich auch in die Luft spucken könnte um nass zu werden, und dann wird das Wasser heiß wie die Hölle.

Noch spaßiger sind die Toiletten. Sie sind sauber, keine Frage, aber wohl hauptsächlich deshalb, weil man sie kaum für größere Geschäfte benutzen kann. Toilettenpapier ist zwar vorhanden, aber mit dem kann man alles mögliche machen, bloß nicht seinen Hintern abputzen. Es ist dünn wie Butterbrotpapier und vollkommen glatt. Nichts von wegen "Saugkraft". Das kann man benutzen, um kleine Gedichte darauf zu verfassen, zum Zeitvertreib bis man fertig ist. Nur dazu kann es wirklich genutzt werden. Und genau das machen die Waliser wohl auch damit. Es würde zugleich erklären, weshalb die Briten und die Iren solch leidenschaftliche Schriftsteller hervorgebracht haben. Wieviel berühmte Werke wohl auf dem Klo entstanden sind?

Dylan Thomas ist einer der berühmtesten walisischen Schriftsteller (Robert Zimmermann's Künstlername Bob Dylan geht in der Tat auf Dylan Thomas zurück). Seine Hauptthemen waren Sexualität, Tod, Sünde, Religion und Sühne. Genau die Themen, die einem durch den Kopf gehen, wenn man mit Durchfall viel zu viel Zeit auf dem Klo verbringt.
Es gibt ein Gedicht von ihm, das in der geometrischen Form einer Raute geschrieben ist:

Who
Are   you
Who is born
In the next room
So  loud  to  my  own
That I can hear the womb
Opening   and   the   dark   run
Over the ghost and the dropped son
Behind the wall thin as a wren's bone?
In the birth bloody room unknown
To the  burn and  turn of time
And the heart print of man
Bows   no   baptism
But dark  alone
Blessing on
The wild
Child

Jetzt ist mir endlich klar, wie er darauf gekommen ist. Er saß eines Tages mit gewaltigem Dünnschiss auf demselben walisischen Klo wie ich in diesem Moment und blickte verzweifelt auf das Toilettenpapier, das er sich nicht in den Hintern stopfen wollte. Weil Briten aber auch praktisch veranlagt sind und nichts verschwenden wollen, nicht mal Toilettenpapier, nahm er einen Stift zur Hand, drehte das Papier so, dass eine Spitze nach oben zeigte und schrieb einfach drauf los. Die Form der Raute ergab sich damit von selbst. So (und nur so) entsteht große Literatur.

Die gelben Pupse da sind alles GartenzwergeWas wir jetzt feststellen ist, dass das Gelände für einen Bauernhof verdammt wenig Möglichkeiten bietet mit Micko spazieren zu gehen. Gegenüber von uns steht ein Wohnwagen vor dem eine walisische Flagge steckt. Diese ist recht martialisch und mittelalterlich, zeigt sie doch einen roten Drachen. Der Besitzer der Fahne hat sie mit einer ganzen Armee geschützt, einer ganzen Armee von Gartenzwergen, die er fein säuberlich vor seinem Wohnwagen platziert hat.

Die Schafe, die auf denselben Gelände untergebracht sind wie die Wohnwagen, schauen uns beim Essen zu und wir schauen zurück. Nur Micko, der irische Hütehund, interessiert sich nicht eine Sekunde für sie, er schaut nicht einmal hin.

Fishguard, nahe Eglwyswrw

Fishguard, WalesAm nächsten Tag in Fishguard lassen wir Micko noch mal raus. Er muss jetzt länger allein im Wohnmobil bleiben als bei der ersten Überfahrt, weil wir die langsamere Fähre nehmen müssen, da die schnelle nur Gewicht bis zu 3 Tonnen zuließ und wir schwerer sind. Wir fahren also früher los und kommen dafür später an. Toll.

An einem Rugby-Feld vorbei betreten wir den walisischen Dschungel.
"Vorsicht", sagt Jochen, auf dem Boden liegt ein Kuhfladen so groß wie Malta und ich bezweifle, dass eine Kuh solche Spuren hinterlassen kann.
"Das war ein Dinosaurier mit Durchfall, Nessie auf Wanderschaft oder vielleicht auch Prinz Charles' Ohrenschmalz, aber keine Kuh hinterlässt solche Spuren. Das glaube ich nicht."
"Willst Du's untersuchen?"
"Wir müssen die Fähre kriegen."

Die zweite Fähre ist wie gesagt langsamer. Man spürt das Schwanken. Im Shop decken wir uns mit allerlei Unfug ein, nur den Whiskey lassen wir stehen, weil wir uns durch das Schwanken schon betrunken genug fühlen.

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