Teil 7: Der Tau von Tullamore


Die Straße wird enger

Nach dem Mittagessen, das wie Die Straße wird engerüblich eher nachmittags stattfindet, sind wir wieder auf der Straße. Wir wollen über Tullamore nach Mullingar und von da aus dann zu Bea. Allerdings machen wir jetzt zum ersten Mal Bekanntschaft mit den üblichen irischen Straßenverhältnissen. Die Straße wird immer enger und holpriger. Jochen fährt noch ziemlich entspannt. Kein Wunder, er sitzt ja auch links. Petra auf dem Beifahrersitz dagegen wird manchmal ein wenig nervös, weil die Autos, Busse und Traktoren viel zu dicht an ihrem Fenster vorbeizischen.

Zusätzlich erschwerend ist, dass es keine Auslaufzonen gibt. Direkt dort, wo der Asphalt endet, erheben sich grüne Hecken. Außerdem sind die Straßen häufig nicht begradigt, sondern das Teer einfach so auf den Weg geklatscht worden, wodurch es ständig rauf und runter geht und an den Seiten die Straße abfällt. Wenn man dann auch noch durch ein Waldstück fährt, ist es eng wie in einem Tunnel.

Im CD-Spieler läuft Bruce Springsteen. Thunder Road. "These two lanes will take us anywhere". Sorry, Bruce, aber das hier sind keine zwei Spuren, es ist sogar fraglich, ob es überhaupt eine Spur ist. Das wir während der gesamten Reise nur einen einzigen Spiegel zerstören, grenzt an ein Wunder.

Hilfsbereite Iren

Was wir noch nicht so im Gefühl haben, ist, dass man auf diesen Straßen (vorallem mit einem Wohnmobil) deutlich langsamer vorankommt als man erwartet. Wir halten also bei einer der seltenen Gelegenheiten, bei denen es möglich ist an die Seite zu fahren und studieren die Karte.

Wo zum Geier sind wir nur? Plötzlich hält ein Auto neben uns an. Es kam von der Gegenfahrbahn und der Fahrer lenkt seinen Wagen direkt in unsere Parkbucht, was bedeutet, dass er scharf bremsen und nach rechts über die Fahrbahn steuern muss, was durchaus mit einigen Mühen verbunden ist, da er ja auch auf Gegenverkehr achten muss.

Wir befürchten, dass wir ihm den Parkplatz blockieren, weil wir direkt vor einem Haus stehen, doch dem ist nicht so. Als Petra das Fenster runterkurbelt, fragt er nur höflich, ob er uns helfen kann.

Petra erklärt ihm, dass wir auf dem Weg nach Tullamore seien, was er aber wohl missversteht, denn er wiederholt irgendeinen anderen, ähnlich klingenden Namen, und das dieser Ort gleich kommen würde. Dann fährt er weiter.

Die Iren sind ein höfliches Volk. Wenn man dumm dreinschauend eine Karte in der Hand hat, kommt irgendwer und fragt einen, ob er behilflich sein kann. Dennoch ist das nicht immer unproblematisch, denn die Iren sind in der Tat so höflich, dass sie es als unhöflich empfinden würden, jemanden keine Auskunft zu geben. Wenn es aber nun sich ergibt, dass der hilfsbereite Ire den Weg zu dem Ort, den man sucht, gar nicht kennt, schickt er einen lieber irgendwo hin, nur um nicht als unhöflich dazustehen.

Tullamore

Tullamore Wie auch immer, irgendwann erreichen wir Tullamore. Unser Ziel dort ist das Tullamore Dew Heritage Center. Der Tullamore Dew ist ein Whiskey, der eindeutig besser ist als sein Ruf. Er ist zwar sicherlich nicht in der 1. Klasse der irischen Whiskeys einzuordnen, zumindest nicht in der billigen Discount-Fassung, die man auch in deutschen Supermärkten bekommen kann, aber gerade für Leute, die selten oder zum ersten Mal Whiskey trinken und die feinen Unterschiede im Geschmack noch nicht auseinanderhalten können, ist er empfehlenswert, weil er bei weitem nicht so kräftig ist wie der an sich bessere Jameson. Alles in allem ist der Tullamore Dew besser als manch anderer teurerer Whiskey, der Tullamore Dew Heritage hat sogar mehrere Preise gewonnen und hat mir persönlich besser geschmeckt als die in Irland weitaus beliebteren Paddy und Powers.

Das Tullamore Dew Heritage Center ist ein Museum, das in der ehemaligen Destille des Tullamore Dew eingerichtet worden ist (der Tullamore Dew wird heute, wie die meisten irischen Whiskeys, in Midleton hergestellt). Die Straße zum Heritage Center und dem dazugehörigen Parkplatz ist einspurig und nur mit Mühe und Not passt unser Wohnmobil überhaupt hindurch, ohne an der Wand entlangzuschrammen oder in den Fluss zu fallen. Es ist klar, dass ein normaler Mensch hier nicht mit einem Wohnmobil entlangfahren würde.

"Ich fahr da jetzt mal rein"

"Ich fahr da jetzt mal rein", sagt Jochen und dieser Satz sollte zum Horror der Reise werden. Denn wann immer Jochen mit kräftiger, sicherer Stimme sagt: "Ich fahr da jetzt mal rein" endet die ganze Sache damit, dass wir irgendwo feststecken, wo wir nicht hinwollen, weder vor noch zurück können und auch zum Wenden eigentlich kein Platz da ist.

Das Tullamore Dew Heritage Center von Außen, wo es sehr eng istSo auch hier. Plötzlich stehen wir auf halben Weg vor einer Autoschlange, die sich uns für den Rest der Strecke im Weg stellt und auch dahinter infinit weitergeht. Eins steht fest: hier kommen wir nicht vorbei.

Aber zurück können wir eigentlich auch nicht, selbst wenn wir im Rückwärtsgang wieder an unseren Ausgangspunkt zurückkehren würden, was an sich schon schwierig scheint, aber nach aller Logik immerhin möglich sein muss, können wir dort niemals wenden, da die Nebenstraße dort viel zu schmal dazu ist. Zurück bis zur Hauptstraße können wir aber auch nicht, denn dort ist viel zu viel Verkehr um rückwärts draufzufahren.

Während wir diskutieren, was denn nun zu machen ist, warten die Iren in ihren Autos vor uns geduldig ab. Keiner hupt, keiner schimpft. Die Iren sind entspannt und haben Zeit… oder zumindest die Intelligenz zu wissen, dass Hupen und Schimpfen auch nichts an der Situation ändern würde. Trotzdem: dass sie da einfach so hinter ihren Steuern sitzen und uns ansehen, ist irgendwie peinlich. Vielleicht schimpfen und hupen sie ja auch nur nicht, weil sie absolut fassungslos sind?

Schließlich fahren wir doch rückwärts und versuchen irgendwie das Unmögliche möglich zu machen und zu wenden. Was bleibt uns anderes übrig? Einen Hubschrauber anfordern, der uns mit Hilfe eines Supermagneten heraushievt? Kobra, übernehmen Sie!

An der Nebenstraße angekommen, steigt Petra aus und versucht mit irgendwelchen wirren Handzeichen Jochen dazu zu bringen, dorthin zu fahren, wo er nicht hinfahren kann.
Die Bar im Tullamore Dew Heritage Center
Jochen meckert immer mal vor sich hin, sagt Sachen wie: "Das kann ich nicht", "Das langt mir nicht", "Ich seh dich nicht" und immer häufiger auch "Das geht nicht". Ich frage mich zu wem er das eigentlich sagt. Petra auf jeden Fall kann ihn da draußen nicht hören. Als er dann auch noch zu gestikulieren anfängt (was Petra genauso wenig sehen kann), wird es mir zuviel und ich lege mich flach auf die Bank, starre durch das Dachfenster in die Wolken und warte einfach ab, was nun passieren wird.

Ein Ire (oder wie Rudi Völler sagen würde: ein Irländer) hilft Petra und entschuldigt sich ständig bei ihr. Wir wissen gar nicht wofür. Dafür dass wir so blöd waren da reinzufahren? Klar, da war natürlich explizit er dran schuld. Wer auch sonst?

Letztendlich dauert es eine Ewigkeit, aber wir stehen wieder in die andere Richtung und können diese schmale Gasse verlassen. Auf der anderen Seite des Flusses parken wir bequem und mit viel, viel Platz in jeder Richtung in einer ganz normalen Parklücke, das Heritage Center höchstens 100 Meter entfernt. "Warum haben wir das nicht gleich so gemacht?" Keine Antwort.

Tullamore Dew Heritage Center

Ein Glas Tully oder Irish Mist ist im Eintrittspreis enthaltenDas Heritage Center ist nett und hat ein gewisses Flair. Es ist zwar alles viel, viel kleiner als in der Midleton Destille, aber es hat dafür mehr dieses Gefühl eines Familienbetriebs, wie die Whiskey-Hersteller früher einmal gewesen sind, bevor die Ökonomie sie dazu zwang sich in einem einzelnen Großbetrieb in Midleton zusammenzuschließen, wo heute jeder bedeutende irische Whiskey hergestellt wird mit Ausnahme des nordirischen Bushmills. Alles ist mit viel Liebe gemacht und der Besuch lohnt sich wirklich, auf Wunsch bekommt man sogar ein deutschsprachiges Video vorgespielt, das die Geschichte des Tullamore Dew, aber auch von der Stadt Tullamore allgemein näher beleuchtet.

Allzu viel Whiskey gibt es dort aber nicht zu kaufen. Lediglich den Standard Tullamore Dew, der 12-jährige Tullamore Dew, den Tullamore Dew Heritage, den es angeblich nur hier zu kaufen gibt, den wir aber merkwürdigerweise schon auf der Fähre nach Rosslare hatten stehen sehen und den Irish Mist, einen interessant schmeckenden Likör, der angeblich nach einem Jahrtausende alten Rezept hergestellt wird. Mit drei vollgestopften Tüten kehren wir zum Wohnmobil zurück und machen uns auf den Weg nach Mullingar.

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