Teil 8: Der Uisneach


Wo ist Bea?

Nachdem wir eine Weile in Mullingar im Verkehr festgesteckt und die Stadt hinter uns gelassen haben, erreichen wir Beas Anwesen, auch wenn wir nicht ganz sicher sind, ob wir richtig sind.

Bea Das Wohnmobil steht noch halb auf der Straße und Jochen steigt aus, um sich umzusehen. Plötzlich hört man Dutzende von Hunden bellen, wir müssen richtig sein. Trotzdem ist Bea nicht zu sehen. Sie ist wohl noch unterwegs.

Da wir mit dem großen Wohnmobil dort schlecht parken können, beschließen wir ein Stück weiter zu fahren, nicht zuletzt auch weil Micko dringend mal ein paar Meter spazieren gehen muss und es in Irland irgendwie nie Fußwege zu geben scheint, immer nur Straßen, Gebüsche und Privatbesitz.

Ein kleines Stück weiter nach oben, finden wir ein Pub und zwei relativ große Parkflächen. Zudem ist dort auch eine kleine Nebenstraße, die gut für einen kleinen Spaziergang geeignet ist.

Als wir dort so entlanglaufen, können wir bald bis zu Beas Haus sehen. Die Hunde sind bis hierhin zu hören. Jochen muss ihnen wohl einen gehörigen Schreck eingejagt haben. Oder können sie uns von hieraus sehen? Riechen? Die einfachere Möglichkeit, dass Bea vielleicht mittlerweile zuhause ist und sie deshalb so aufgeregt sind, kommt uns nicht in den Sinn.

Stattdessen beschließt Petra jetzt Bea auf dem Handy anzurufen. Die erste Verbindung klappt nicht. Nochmal. Jetzt meldet sich plötzlich ein Mann, noch dazu auf Englisch. Nach kurzem Zögern entschließt sich Petra auch etwas zu sagen. Wie sich herausstellt, spricht sie mit Paul. Paul ist gerade auf dem Weg, um einige von Bea vermittelte Hunde nach Deutschland zu bringen. Dummerweise hat er ihr Handy mit seinem verwechselt. Aber sie hätte sein Handy und wäre außerdem nur noch schnell beim Tierarzt. Na dann.

Also fahren wir wieder zurück zu Beas Haus und diesmal ist sie tatsächlich da.

Uisneach Border-Collie Rescue

Irische Hunde Bea lebt seit vielen Jahren in Irland und hat ein engagiertes Projekt gestartet. Die Iren, den Umständen entsprechend zwar sehr zutraulich und natürlich im Umgang mit Tieren, gehen auch sehr rabiat mit ihren Hunden um. Weil es so viele auf der Insel gibt, gibt es sehr strenge und nicht gerade tierliebe Gesetze. Eines besagt, dass jeder Hund im Tierheim eingeschläfert werden muss, wenn er nach 5 Tagen nicht vermittelt ist. Einen Hund nach 5 Tagen in einem Land mit nicht mal 4 Millionen Einwohner zu vermitteln, grenzt an der Unmöglichkeit. Besonders weil der typisch irische Hütehund, der Border-Collie in Irland fälschlicherweise den Ruf besitzt, kein guter Familienhund zu sein. Dies ist natürlich vollkommener Schwachsinn. Es ist eine Rasse, die viel Aufmerksamkeit braucht und mit der man mehr unternehmen muss, als abends einmal ums Haus zu gehen, aber solange man kein Schoßhündchen sucht, ist der Border-Collie kein schlechterer Familienhund als jede andere vorstellbare Rasse. In Irland aber kann es für einen Hund schon das Todesurteil bedeuten, wenn er keine Schafe hüten will. Und selbst wenn er es tut, hat er manchmal keine Chance, weil es einfach zu viele von ihnen gibt.

Bea sammelt auf der ganzen Insel so viele dieser todgeweihten Hunde ein, bringt sie zu sich nach Hause und versucht sie nach Deutschland, Holland, Frankreich, Österreich und die Schweiz zu vermitteln. Manch einem scheint das seit einiger Zeit ein Dorn im Auge zu sein. Auf jeden Fall tauchen, seit sie auch ein Internetangebot unter http://www.bordercollie-rescue.org anbietet, immer mal wieder vereinzelt Beschwerden auf, die Behauptungen aufweisen, die schlicht und ergreifend nicht wahr sein. Die Motive dieser Menschen sind undurchsichtig. Zum einen gibt es das sogenannte "Troll-Phänomen", mit dem jedes größere Internetforum zu kämpfen hat. Dabei handelt es sich um Einzelpersonen, die in Internetforen ganz bewusst ein destruktives Verhalten an den Tag legen, mit dem Ziel ein Forum so "ungemütlich" zu machen, dass die User fernbleiben. Die Motive solcher Trolle sind unterschiedlich, häufig psychologisch, man hat sich über irgendeine Kleinigkeit geärgert und mit Hilfe der Anonymität des Internets steigert man sich in einen regelrechten Wahn hinein, der am Ende wie eine Kreuzzug-Parodie erscheint. Soziologische Folgen dieses Phänomens sind noch nicht geklärt, noch nicht einmal untersucht.
Die andere Möglichkeit wäre, dass einige Hundevermittler und Züchter, die vom "Hundeverkauf" leben müssen, in Bea schlicht eine Konkurrenz sehen. Aber das ist alles Spekulation und sollte eigentlich niemanden sonderlich beschäftigen, außer vielleicht, dass man zu der Erkenntnis kommt, dass man eben nicht alles glauben sollte, was man so liest.

Beas Garten

Nachdem wir aus dem Wohnmobil ausgestiegen sind und Bea begrüßt haben, lässt sie als erstes Opi raus. Aus welchen Gründen auch immer sucht er sich ausgerechnet mich aus um an mir hochzuspringen. Opi ist ein Greyhound Beas Gartenund wenn ein Greyhound an dir hochspringt, dann sind seine Vorderpfoten auf deinen Schultern und er kuckt dir ins Gesicht. Nett. Er scheint mich zu mögen.

Opi ist sehr zutraulich, selbstbewusst und ruhig. Micko dagegen ist ziemlich unsicher und nervös, er knurrt Opi an und fletscht die Zähne. Opi stört sich nicht daran. Jedes Mal geht er an den nächsten Busch und markiert.Ich bin hier der Boss.

Das stelle man sich mal bei uns Menschen vor. Irgendeiner mault dich wegen irgendwas an und anstatt etwas zu erwidern gehst du an den nächsten Busch und… so viele gemeinsame Gene und doch so verschieden im Verhalten.

Bea zeigt uns dann ihren Garten. Damit all ihre Hunde Platz haben sich mal richtig auszutoben ist der Garten sehr groß, Bäume sorgen für optische Abwechslung und das Gras steht angenehm hoch. Immer mal wieder lässt Bea einen ihrer Hunde heraus, damit sie ein wenig Bewegung bekommen. Micko und OpiSie stürmen dann immer einmal kreuz und quer und auch manchmal rundherum um den Garten.

Micko nimmt das meistens erstaunlich gelassen. Hin und wieder knurrt er mal, kommt aber sonst doch gut mit all den Hunden zurecht. Später liegt er sogar einmal ganz entspannt im Gras, während Opi um ihn herum stolziert.

Es ist erstaunlich. Im Gegensatz zu Katzen denkt man von Hunden immer, dass sie reine Rudeltiere mit nur sehr schwach ausgeprägtem Individualismus sind. Doch dem ist nicht so. Mit so vielen Hunden um uns herum, ist deutlich zu erkennen, dass jeder von ihnen einen vollständig eigenen Charakter hat. Hundespezifisch Verhalten, das allen mehr oder weniger zueigen ist, ist nicht stärker ausgeprägt als die spezifische Verhaltensweisen, die jedem Menschen zueigen sind. Menschen mögen den Hunden in der Intelligenz weit voraus sein, in der Persönlichkeit sind sie es nicht.

Der Uisneach

Bea erklärt uns, dass wir uns auf heiligen Boden befinden. Fast zumindest. Vom Garten aus ist ein Hügel zu sehen und auf diesem Hügel steht ein Felsen, den die keltischen Der Uisneach, spirituelles Zentrum der Kelten Druiden dort aufgestellt hatten, um die Mitte Irlands zu markieren. Wir sind am Fuße des Uisneach, das spirituelle Zentrum der irischen Kelten.

Heute ist der Hügel Anziehungspunkt für allerlei New-Age-Anhänger. Zu heidnischen Festen wie Beltane oder Samhain (bei uns eher als Walpurgis Nacht und Halloween bekannt) marschieren sie da barfuß hoch in dem Irrglauben, sie würden diese Feste genauso begehen wie einst die Kelten. Zur Sommersonnenwende 2001 hatte sich Arvol Looking Horse, der Bewahrer der heiligen Pfeife (ja, so nennt er sich wirklich!), ein Medizinmann der Lakota in Begleitung von Sinead O'Conner (für alle die sich fragen, was wohl Sinead O'Conner heute macht) auf den Uisneach begeben und dort für den Weltfrieden getrommelt... irgendwie muss es aber der falsche Takt gewesen sein, denn nur wenige Wochen später waren bekanntlich die Anschläge auf das World Trade Center, die wohl den Weltfrieden für viele weitere Jahrzehnte unmöglich gemacht haben.

Dennoch, im Nachhinein habe ich mich im Internet mal ein wenig über Arvol Looking Horse schlau gemacht und abgesehen von einer Tendenz zum Falsch-Trommeln scheint er ein äußerst intelligenter, wenn auch leicht fundamentalistischer Mann zu sein, dessen Philosophie er selbst mit dem bemerkenswerten Satz zum Ausdruck gebracht hat: "Jeder von uns ist an diesen Ort und in diese Zeit geboren, um persönlich über die Zukunft der Menschheit zu entscheiden. Glaubst du wirklich, du wärest für weniger als das hier?"

Ein wirklich irisches Pub

Am Abend dann sitzen wir in einem der beiden Pubs, die sich etwa gleich weit in verschiedenen Richtungen von Beas Haus entfernt befinden. Die beiden Pubs gehören zwei Brüdern, die sich nicht ausstehen können. Es ist das erste Mal, dass wir einen "richtigen Pub" erleben, nicht einer dieser Pubs, in denen nur Touristen herumhängen.

Hier sind nur Einheimische. Wir fallen regelrecht auf, weil sich sonst jeder hier kennt. Von einem werde ich mal wieder gefragt, ob wir Holländer seien. Das ist wirklich schon pathologisch. Aber alle sind nett und freundlich. Ich verstehe zwar nicht jedes Wort, das meiste ist auch nicht sonderlich flacher Smalltalk über das Wetter und den Job, den die Leute hier so nachgehen, aber es ist eine entspannte, gesellige, gastfreundliche Atmosphäre, die uns als Fremde nicht ausgrenzt.

Nicht weit von unserem Tisch entfernt bauen Musiker ihre Instrumente auf. Es ist bereits nach 22:00 Uhr.
"Was steht denn mittlerweile in den Reiseführern, wann die Pubs hier schließen?" fragt uns Bea.
Grumpy, steinalt, gerüchtweise hat er schon gelebt, als noch echte Kelten zum Uisneach kamen ;) "23:30 Uhr plus eine halbe Stunde zum Austrinken", antworten wir wahrheitsgemäß.
"Ah, naja, immerhin besser geworden, früher hieß es 22:30 Uhr", bemerkt Bea noch, erklärt aber nicht weiter, was sie damit meint.

Als um ca. 22:30 die drei Musiker anfangen zu spielen, fragen wir uns allerdings, ob sich das überhaupt noch lohnt.

Gegen 0:30 Uhr stoßen dann auch Leute aus dem Publikum zu den Musikern und singen einzelne Lieder. Einer von ihnen ist Gebrauchtwagenhändler und auch wenn keiner von ihnen herausragende Sänger sind, so merkt man doch, dass sie seit langem schon, nur so zum Spaß, singen. Sie treffen die Töne und den Rhythmus. Es hat nichts von einer Mallorca-Karaoke-Show. Man merkt, dass hier nicht allein zum Spaß gesungen und gespielt wird, sondern dass hier ein jahrhundertealtes, kulturelles Erbe gepflegt wird, das mit der Tourismisierung Irlands mehr als jemals zuvor in Gefahr ist. Hier im Zentrum Irlands ist es noch am Leben.

Um 1:00 Uhr blinkt auf einmal das Licht.
"Was ist denn jetzt los?"
"Letzte Bestellung", erklärt Bea und all die Iren stürmen noch einmal zur Theke und bestellen ihr letztes Glas… besser gesagt ihre letzten Gläser, denn neben uns wird der Tisch, an dem etwa 5 oder 6 Personen gesessen haben, noch einmal komplett mit Guinness und wohl auch noch einigen anderen Sachen vollgestellt. Bis sie das alles getrunken haben, ist es mindesten 2:00 Uhr. Soviel zu der in den Reiseführern angegebenen Sperrstunde um 23:30 Uhr. Wir Deutschen meinen halt immer, wenn etwas im Gesetz steht, dann muss das auch auf die Sekunde eingehalten werden. Die Iren sind, wie nun schon einige Mal erwähnt, mit solchen Sachen einfach entspannter. Ein Pub hat in erster Linie den Sinn, dass sich die Menschen dort treffen können, um 23:30 zu sagen, geht jetzt nach Hause, wir klappen die Bürgersteige hoch, käme den Iren nicht in den Sinn.

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