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Am nächsten Tag steht ein Kurztrip nach Dublin an. Wir wollen zum Bruce Springsteen Auftritt, was nicht wirklich irisch ist, aber auch ein unvergessliches Erlebnis werden sollte, das mit einem Springsteen Auftritt in Deutschland zwar von der Musik, nicht aber von der Atmosphäre vergleichbar ist.
Vorher fahren wir aber noch zu einem Bekannten von Bea, der ein Stück die Straße rauf wohnt. Wir hatten ihn bereits am Abend zuvor im Pub gesehen und als wir an seinen Haus ankommen sehen wir, dass sein Auto vollkommen zerquetscht ist.
Bea erklärt uns, dass die Iren sich eigentlich niemals bei irgendwem zuhause treffen. Man trifft sich grundsätzlich im Pub, denn dazu ist es ja auch da. Das Problem dabei ist, dass außerhalb der wenigen Großstädte die Wege zu den Pubs für manche ein wenig weit sind und so können sie nur mit dem Auto dorthin kommen. Trinken tun sie aber trotzdem und fahren dann dementsprechend häufig und heftig betrunken. An größeren Straßen stehen immer Warnschilder, die dokumentieren, wieviele Menschen auf dieser Straße in letzter Zeit gestorben sind, was keine sonderliche Zuversicht ausstrahlt. Man neigt dazu sich auszurechnen, ob auf dieser Straße die Wahrscheinlichkeit die Fahrt zu überleben größer ist als auf der letzten.
Schon den ganzen Morgen steht Bea unter Strom. Zuerst hat sie mit zwei Handys und mäßigem Erfolg versucht mit Deutschland Kontakt zu bekommen, wo Paul gerade die Übergabe einiger Hunde an ihre neue Besitzer durchführt und jetzt will sie nach 5 Welpen schauen, die hier bei ihrem Bekannten geboren wurden und er nicht behalten will oder kann.
Die Welpen sind im Freien untergebracht. Sie haben zu essen und zu trinken, aber ansonsten scheint sich niemand um sie zu kümmern. Als sie uns sehen, versuchen sie zu uns gelangen, doch ein Maschendrahtzaun verhindert es. Trotzdem versuchen sie es immer weiter. Manchmal klemmen sie sich zwischen dem Zaun und einer Metallstange ein oder verheddern ihre Schnauze im Zaun.
Bea lässt von Jochen Fotos von allen machen und sagt, dass sie die Welpen am Montag zu sich holen wird, auch den kleinsten, der taub und wahrscheinlich auch blind ist.
Zugfahrt nach Dublin
Nachmittags sind wir am Bahnhof von Mullingar um mit den Zug nach Dublin zu fahren.
Zugfahren in Irland ist spaßig, so als sei die Zeit stehengeblieben. Abfahrtszeiten sind Richtzeiten. Deswegen schreiben die Iren so gern und so viel. Was sonst soll man machen, während man auf einen Zug wartet, als darüber nachzudenken, was jetzt wohl alles passieren könnte, aber nicht passiert. Und warum es eigentlich nicht passiert.
Bald schon erreichen wir die ersten Vororte Dublins ein (knapp ein Drittel aller Iren wohnen in Dublin oder Umgebung) und man sieht immer irgendwelche "Komplettsiedlungen", wo ein Haus wirklich absolut identisch ist mit dem nächsten. Wenn irgendein Scherzbold die Hausnummern klaut, findet man sein Haus nicht wieder.
Die Suche nach der RDS Arena
Schließlich kommen wir in Dublin an. An der Connely-Station, die (angeblich) etwa 30 Minuten Fußmarsch vom RDS (dort findet das Konzert statt) entfernt ist. Grobe Richtung Trinity College schaffen wir noch, doch danach wird es etwas kniffelig, weil wir, um nicht so viel zu schleppen, nur einen kopierten Plan der Innenstadt dabei haben und da drauf kann man keine Straßennamen mehr erkennen.
Gott sei dank sind die Iren ein höfliches und hilfsbereites Völkchen. Wie schon einmal erwähnt: wenn man dumm blickend mit einem Plan in der Hand herumsteht, kommt irgendwer und fragt einen, ob er helfen kann. In diesem Fall ist es sogar ein Kerl in einem Bon Jovi T-Shirt und ich denke noch "oh, vielleicht geht der ja auch zu Springsteen". Ob das so ist, werden wir nicht herausfinden, weiterhelfen auf jeden Fall kann er uns auch nicht. Er blickt auf unseren Stadtplan und sagt dann, dass er es von hier aus auch nicht erklären kann.
Nungut, einmal rund ums Trinity College (wo sie gerade Kricket spielen) und wir laufen irgendwie wieder auf dem richtigen Weg. Dieser Weg, so richtig er auch ist, zieht sich so lang, dass wir uns ständig fragen, ob es tatsächlich der richtige Weg ist oder ob wir nicht doch irgendwann in Belfast ankommen. Dann geht's vorbei an den bunten Türen von Dublin, der Oscar Wilde Statue und unzähligen roten Ampeln, die scheinbar nie grün werden wollen (dabei haben wir gelernt, woran man in Dublin Touristen erkennt. Da sind diejenigen, die an roten Ampeln stehenbleiben, die Einheimischen laufen einfach).
Schließlich mehren sich die Leute in Springsteen-T-Shirts, was ein gutes Indiz dafür ist, dass es nicht mehr weit sein kann.
Genau genommen befinden sich dort Menschenmassen vor unzähligen Pubs, die da fröhlich Guinness oder sonstwas tranken. In Irland ist es so, dass man in Pubs normalerweise nicht bedient wird. Statt dessen geht man an die Theke, bestellt sich dort etwas und nimmt es dann mit an seinen Tisch. Wenn kein Tisch mehr frei ist, bleibt man stehen oder geht vor das Pub und setzt sich dort einfach auf die Straße.
Und so stehen sie dort massenhaft herum, was bedeutet, dass wir richtig sein müssen. Dummerweise ist das RDS aber immer noch nicht zu sehen und als die Menschenmassen wieder kleiner werden, fürchten wir schon, dass wir den Eingang irgendwo verpasst haben.
Schließlich taucht aber - wie ein Leuchtturm - eine riesige Tafel auf: Bruce Springsteen & The E-Street Band - Sold Out. Dort muss es sein!
An der Tafel angekommen, blicken wir nach rechts und sehen dort so etwas wie den Eingang zu irgendwas. 3 Ordner stehen dort neben 3 Metallgittern, ansonsten ist es so leer wie auf der Rückseite des Mondes. Hier soll in etwa 1 Stunde ein Springsteen Konzert beginnen? Es ist kaum zu glauben. Es kann ja auch nicht sein, dass schon alle drin sind, so wie wir es letztes Jahr in Berlin erlebt haben, denn die meisten stehen noch im Schnitt 500 Meter entfernt vor irgendwelchen Pubs.
Nunja, sagen wir uns, wir gehen da jetzt mal rein.
Im Innern der Arena
Wo sind wir nun? Links ist so eine Art Kirchturm und vor uns eine große Rasenfläche auf der vereinzelt kleine Gruppen sitzen. Das ist keine Fläche für ein Konzert, eher für ein Sommerfest oder eine Kerb. Auch eine Bühne ist nicht zu sehen, dafür aber jede Menge Merchandising-Stände mit Springsteen Fanartikeln. Wir müssen also nach wie vor richtig sein.
Während wir da so herumschlendern, entdecken wir auch, dass es auf der anderen Seite durch ein weiteres Tor auch noch weitergeht. Dort steht die Bühne (zumindest hoffen wir das) und da wir ohnehin ziemlich spät sind und mit Sicherheit keinen Platz mehr in der 1. Reihe bekommen, kaufen wir uns noch einen Hot Dog und essen ihn dort auf dem Rasen.
Es ist wirklich erstaunlich, so stressfrei habe ich noch kein Konzert erlebt. Die entspannte Atmosphäre, die dort herrscht, lässt mich daran denken, dass es so in etwa gewesen sein muss, bevor Bruce ein Weltstar wurde und Stadien mit 50.000 Leuten oder mehr gefüllt hat.
40 Minuten vor dem offiziellen Beginn des Konzertes gehen wir dann endlich zur Bühne. Das RDS ist ein kleiner Platz mit einer kleinen Tribüne auf einer Seite. Links und rechts von der Bühne ist noch jede Menge Platz, der nicht als Ticketplatz gerechnet wurde und so herrscht auch dort eine für Springsteen Konzerte außergewöhnliche Bewegungsfreiheit. Ich schätze, dass wir trotzdem noch etwa in Reihe 20-30 stehen, trotz unserer späten Ankunft.
Während wir uns einen schönen Platz suchen, von wo aus wir gut sehen, rempele ich aus Versehen jemanden an. Darauf entschuldigt er sich bei mir! So sind die Iren. Du kannst denen auf den Fuß trampeln und sie entschuldigen sich dafür, dass ihr Fuß dort war, wo du langgehen wolltest.
"The heart-stoppin', earth-shockin', earth-quakin', history-makin', legendary E-Street-Band"
Bei den ersten Liedern wirkt Bruce sehr in sich gekehrt und nachdenklich. Besonders Atlantic City, ohnehin eines meiner Lieblingslieder, ist in diesem Moment so intensiv wie noch nie zuvor. Gegen Ende, als Bruce ständig "Meet me tonight in Atlantic City"
wiederholt und Max Weinberg immer härter auf sein Schlagzeug schlägt, entschließt sich die Sonne hinter ihrer Wolke hervorzukommen und ein Lichtschein zieht langsam von rechts über die Bühne bis diese in der schon fast roten Sonne erstrahlt, so als wolle die Sonne ganz bewusst etwas zu dem Lied, der Atmosphäre und diesem Moment beitragen.
Mit Waiting On A Sunny Day verschwindet dann erst mal das Nachdenkliche an diesem Abend und wir haben eine richtige Party. Das Publikum taut nun endgültig auf, tanzt und singt als wäre es die letzte Gelegenheit dazu. Badlands etwas später bringt das Publikum dann zum toben.
Später übernimmt Clarence Clemons Charme die Show, obwohl er teilweise sitzt. Es ist so als würde er eine Aura ausstrahlen, die bereits ankündigt, dass Jungleland kurz bevor steht. Dann kommt es und obwohl es mittlerweile schon mein 5. Bruce-Konzert ist, höre ich das Lied zum ersten Mal Live und in ihm das beste Saxophon-Solo der Musikgeschichte.
Bei den Zugaben dann Kitty's Back, gespielt "on request" und 20 Minuten lang Ramrod, bei dem Bruce sich immer wieder an Little Steven wendet und ihn fragt, ob denn die Sonne nun endlich untergegangen ist - "I don't think so", ist jedesmal die Antwort. Tatsächlich scheint die Sonne heute nicht untergehen zu wollen.
Doch irgendwann ist es dann doch so weit und bald darauf ist die Show auch zuende, nach etwa 3 Stunden ohne Pause. Beim Rausgehen gibt's dann noch witzige Lautsprecherdurchsagen wie "wenn du deine Gruppe verlierst, versuche sie nicht wiederzufinden, sondern gehe langsam und entspannt heraus und triff sie am Kirchturm wieder". Aaah ja! Die Stimme ist aber erschütternd monoton, wie in einer düsteren Science-Fiction-Geschichte, 1984, Schöne Neue Welt oder Fahrenheit 451. Draußen fragt uns dann jemand, wo denn der Kirchturm wäre. Jochen fällt vor Schreck über eine Begrenzungsstange.
Zurück in Mullingar regnet es wie aus Kübeln und so sollte das auch eine Zeitlang bleiben.
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